
Eine kleine Geschichte:
Martina M und Martin X sind vor einiger Zeit aus einem kleinen Dorf bei Hamburg, nach Berlin, geflüchtet. Sie haben den gefährlichen Fluchtweg über die Elbe und Spree gewagt.
Martina und Martin leben jetzt in einem Containerdorf, am Rande von Berlin, auf engstem Raum, und müssen sich dort eine Küche und wenige Toiletten mit anderen Menschen teilen, die überall aus den Deutschen Fluchtgebieten kommen.
Schon auf der Straße werden sie, beim Einzug, angefeindet und die Polizei muß sie schützen.
Beide suchen eine Wohnung und Arbeit und müssen Feindseligkeit erfahren. Martina trägt kein Kopftuch und Martin gehört einer christlichen Kirche an. Martin sieht man sofort an, das er fremd ist. Er hat blonde Haare und weiße Haut und das fällt in Deutschland sofort auf.
Martin war gestern wieder einmal, in den Abendstunden, spazieren, um den Kopf freizubekommen und er hat die Menschen, hinter den Gardinen, gesehen, die ihn beobachten. Da biegt ein Polizeifahrzeug um die Ecke. Martin atmet tief durch. Das Fahrzeug kommt neben ihm zum Stehen und die beiden Polizeibeamten rennen auf ihn zu, drücken ihn in eine Ecke und fragen nach seinem Ausweis. Langsam zieht er seinen Ausweis aus der Jackentasche, denn die Polizeibeamten haben ihre Hand an der Waffe. Der Ausweis wird ihm aus der Hand gerissen und einer der Polizeibeamten sagt ihm, das er ganz ruhig sein soll, obwohl er sich nicht bewegt. Obwohl Martin das schon öfter erlebt hat, hat er Angst. Er weiß, in Deutschland kann man, wegen der Zugehörigkeit zu einer christlichen Kirche schnell als Gefährder eingestuft werden und ein Gefährder ist nichts anderes als ein möglicher Terrorist. Einer der Polizeibeamten fragt, was er denn, um die Uhrzeit und in der Gegend, zu suchen hat. Als er antworten will, sieht er eine Gestalt hinter einer Gardine und er weiß, das man mal wieder die Polizei gerufen hat, weil er ja offensichtlich ein fremder ist und damit eine Gefahr.
Höflich antwortet er, dass nur spazieren gehe aber die Polizeibeamten halten das für eine Ausrede. Sie eröffnen ihm, das er zur Überprüfung auf den nächsten Abschnitt gebracht wird und Martin widerspricht. Darauf hin wird er zu Boden gebracht, die Handschellen werden angelegt und er wird in das Fahrzeug geschubst. Martin wieder einmal die Nacht auf einem Polizeiabschnitt verbringen, weil seine Haare so blond und seine Haut so weiß ist und man, in Deutschland, Angst davor hat.
Martina hat nun endlich ein Vorstellungsgespräch. Eigentlich ist sie Lehrerin, aber ihre Ausbildung wird nicht anerkannt und so hat sie sich bei einem Reinigungsunternehmen beworben, das Schulen reinigt. Der Chef empfängt sie höflich. Er stottert irgendwas, in einem lauten Ton, herum und Martina hört die Frage heraus, ob sie denn Deutsch spreche. Martina antwortet ihm und er grinst über das ganze Gesicht, wobei er sagt: „Sie sprechen ja gut Deutsch“. Sie kann die Stelle gleich antreten, nur das Ausstellen eines Arbeitsvertrags wird länger dauern.
Auf der Arbeitsstelle wartet schon die Vorarbeiterin mit einem unfreundlichen Gesicht. Sie ist Mitglied einer Partei, die etwas gegen Menschen mit weißer Haut und christlicher Religion haben, aber das weiß Martina noch nicht. Während der Arbeit kommt Martina mit einer Kollegin ins Gespräch, die unverblümt ihr sagt, das sie ihr doch mal in die Haare fassen möchte, weil die so schön hell sind. Martina muß auch immer wieder erklären, warum sie denn kein Kopftuch trage, denn, das wäre doch bei ihnen so üblich.
Martina arbeitet nun seit einem Monat in dem Unternehmen. Sie fragt immer wieder nach einem Arbeitsvertrag und wird vertröstet. Auch das Geld ist noch nicht auf dem Konto angekommen. Sie weiß nicht, wohin sie sich wenden soll, um Hilfe zu bekommen. Martina arbeitet weiter aber sie sieht keinen Arbeitsvertrag und keinen Lohn. Dafür steht irgendwann die Polizei, der Zoll und andere Mitarbeiter einer Behörde, in der Schule und wollen ihre Papiere sehen. Martina kann, außer ihrem Ausweis, keine Papiere vorweisen. Sie versucht es zu erklären aber niemand hört ihr zu. Am Rand der Schule wartet schon ein Fahrzeug, das sie in die nächste Abschiebeeinrichtung bringen wird und, während sie aus dem Fenster des Fahrzeugs schaut, sieht sie die Vorarbeiterin, die grinsend dasteht.
Wenn es um das Thema Rassismus geht, finden sich immer wieder Deutsche, mit weißer Haut, die angeblich, in Deutschland, täglich Rassismus erleben. Die Menschen, die Rassismus ausüben, behaupten, ständig von Rassismus betroffen zu sein und flüchten sich in eine Opferrolle, in dem sie sich als Leidtragende inszenieren. Gleichzeitig sprechen sie den Menschen, die tatsächlich Rassismus erleben, ihre Erfahrungen ab.
Rassismus betrifft uns Weiße, die in einem Land der Weißen leben, nicht. Wir werden nicht ausgegrenzt, wir werden nicht, von Behörden, Arbeitgebern und Vermietern, anders behandelt oder abgelehnt, weil wir weiß sind. Uns spricht man nicht auf unser Deutsch an, greift uns nicht in die Haare, droht uns nicht mit Abschiebung oder zahlt man den Lohn nicht, in der Hoffnung, dass wir uns nicht wehren.
Rassismus kennen wir Weiße nicht.
