
Auch Admina J war mal jung und hübsch. Jetzt ist sie nur noch „und“. Haha, Schenkelklopfer…
Spaß beiseite, es war tatsächlich so, dass es einige Jungs gab, die mich mochten. Leider wirkte oft genug der Beruf meines Vaters sehr abtörnend auf sie.
Wenn das nicht zutraf, und die Beziehung aus der Sicht der DDR unpassend war, griff auch gern mal der Staat ein. Eine der Geschichten erzähle ich euch jetzt.
Sein Name war nicht Peter, aber ich werde ihn hier so nennen. Er war stattliche 197 cm groß, hatte dunkle Haare und schokoladenbraune Augen. Eigentlich fiel er überhaupt nicht in mein Beuteschema, ich stand eher auf Blond.
Peter kam aus Dresden und leistete in der Kaserne im Nachbarort seinen Wehrdienst ab. Mindestens 18 Monate mussten die jungen Männer in der DDR dienen; wer jedoch studieren oder anderweitig Karriere machen wollte, verpflichtete sich für drei Jahre, andernfalls hattest du in der DDR keine Chance. Oftmals musste man sogar in die SED eintreten.
Ich hatte ja bereits erzählt, dass mein Heimatort in der 5-km-Sperrzone lag, da waren die Grenzsoldaten, Grenzer genannt, bei uns immer präsent. Viele der Mädchen suchten sich ihre Partner unter den Grenzern, ich habe mich lange strikt geweigert, auch wenn einige der Jungs durchaus an mir interessiert waren. Schließlich wusste man nie, ob sie nicht zuhause eine Freundin oder sogar Frau hatten.
Bis mir halt beim Tanzen dieser große Typ über den Weg lief. Was für ein Lächeln! Da fielen sämtliche Grundsätze in sich zusammen. Er gefiel mir schon… Ich ihm anscheinend auch, denn es dauerte nicht lange, bis er mich küsste.
Eine Woche später feierte ich mit Freundinnen meinen 17. Geburtstag. Peter kam ebenfalls, er war die ganze Strecke, etwa zehn Kilometer, gelaufen. Er lernte meine Familie kennen und fühlte sich so sauwohl, dass er beim nächsten Mal, als er frei hatte, gerne wiederkam.
Kurz darauf fand unsere Abschlussfeier der zehnten Klasse statt. Um sicherzugehen, dass Peter mich dorthin begleiten konnte, hatte ich mir extra von unserem Schuldirektor eine Bestätigung des Termins geben lassen. Er freute sich schon schrecklich darauf, das versicherte er mir immer wieder, wenn wir abends telefonierten.
Zwei Tage vor der Feier rief ich wie gewohnt in der Kompanie an und fragte nach ihm. Bisher hatte es nie Probleme gegeben, man hatte ihn immer sofort ans Telefon geholt. Doch heute war etwas anders.
„Der Gefreite XY ist nicht mehr in unserer Einheit.“
Ich bin sehr selten sprachlos, doch in diesem Moment brachte ich keinen Ton heraus, so sehr war ich geschockt. Am anderen Ende der Leitung wartete der Soldat geduldig. Als ich endlich meine Sprache wiederfand und fragen wollte, wo er ist, hörte ich ein Klicken, er hatte aufgelegt.
Ich weiß noch, wie ich ins Wohnzimmer zu meinen Eltern gegangen bin und gesagt habe: „Jetzt ist alles aus. Peter ist versetzt worden.“
Nach einer Weile hatte ich mich wieder soweit gefangen, dass ich noch einmal die Nummer der Grenzkompanie wählen konnte. Diesmal war ich auf diesen unheilvollen Satz gefasst und konnte fragen, wo sich Peter befand. Doch der Soldat konnte mir dazu natürlich keine Auskunft geben.
Meine Mutter hatte eine Kollegin, deren Mann „ein hohes Tier“ bei der Kompanie war, wie man damals sagte. Ich weiß nicht mehr, welchen Posten er innehatte, aber seine Frau ließ ihre Beziehungen und ihren Namen spielen und erfuhr tatsächlich, dass er versetzt worden war; in einen Grenzort in einem anderen Landkreis. Unerreichbar für mich.
Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie es mir ging. Das Schlimme war, dass er gar nicht mehr so lange zu dienen hatte, er hatte bereits angefangen, sein Maßband zu schneiden. Zu Erläuterung: Jeder Soldat besorgte sich ein Schneidermaßband, und wenn man nur noch 150 Tage hatte, schnitt man jeden Tag einen Zentimeter ab und wusste somit immer, wieviel Tage noch übrig waren. Zu diesem späten Zeitpunkt noch versetzt zu werden, war mehr als ungewöhnlich und für mich stand schnell fest, dass es meinetwegen passiert war.
Die nächsten zwei Tage verbrachte ich wie in Trance. Zu diesem Zeitpunkt machte ich ein Schülerpraktikum in unserem Dorfladen, Konsum genannt, in dem auch meine Mutter arbeitete. Ich habe versucht, mich zusammenzureißen, aber als mich eine Nachbarin ansprach, warum ich so leichenblass wäre, brach ich zusammen. Man brachte mich in den Aufenthaltsraum und ich war eine Stunde lang nicht fähig, wieder nach vorn zu kommen.
Schließlich erzählte man mir, er habe sich freiwillig versetzen lassen. Peter hatte Ambitionen, Handballer in der Nationalmannschaft der DDR zu werden. Angeblich wollte er nichts mehr mit mir zu tun haben. Man habe ihn gezwungen, in die Partei (SED) einzutreten, das hätte er getan, wäre jedoch nicht in die Nationalmannschaft gekommen. Da hätte er aus Frust keinen Parteibeitrag mehr gezahlt. Ich solle froh sein, dass ich ihn los war.
Ich hatte mich so auf die Schulabschlussfeier gefreut, jetzt musste ich mich zwingen hinzugehen. Alle meine Mitschülerinnen hatten ihre aktuellen Freunde mitgebracht, auch etliche Grenzer waren dabei. Ich saß mit meinen Eltern da und mir war nur zum Heulen zumute. Nicht mal meine beste Freundin hatte kommen können, da ihre Oma gestorben war. Irgendwie brachte ich den Abend rum, aber wenn man die Fotos betrachtet, sieht man sehr deutlich, wie traurig ich bin.
Drei Tage später kam Post, ein langer Brief von Peter. Er schrieb:
„Eigentlich wollte ich gleich nach meiner Versetzung schreiben. Aber ich hatte bis jetzt noch nicht die nötige Lust (hier vergeht es einem sogar, sein Maßband zu schneiden).
Meine Versetzung kam für mich bestimmt genauso überraschend wie für dich. Ich bin am 27.06. um 3 Uhr aus dem Grenzdienst gekommen und habe erfahren, dass ich noch am gleichen Tag um 12 Uhr versetzt werde. Warum und wohin konnte mir nicht einmal der Kompaniechef sagen. Um 13 Uhr war es dann soweit, mit mir sind noch ein Soldat und ein Gefreiter hierhin gekommen.“
Er erzählte dann ausführlich von seinem Alltag in der neuen Kompanie, und dass er in die Wachtruppe eingegliedert worden war. Während seiner Schicht durfte er Autos kontrollieren, das Tor auf- und zumachen. Den Rest der Zeit wurden andere Aufgaben zugeteilt. Unkraut zupfen, Löcher buddeln …
„Wie hat man nicht damals geflucht, aber wenn ich jetzt daran zurückdenke, war es tausendmal besser als hier. Ich bin schon so weit, dass ich sogar einen Urlaub hingeben würde, nur um wieder zurückzukommen. Aber wie ich schon gehört habe, sagt man, wenn man einmal hier ist, kommt man nicht so einfach weg. (…) Die Wachtruppe ist schon in Ordnung, sie ist aber bei den Vorgesetzten nicht gerade sehr beliebt. Wir sind die einzigen, die gegen den Strom schwimmen. Auf Deutsch heißt das, wir sind die einzigen, die mal ihre Meinung klar auf den Tisch legen und nicht (wie die anderen) klein beigeben. Aber da müssen die „Herren“ Vorgesetzten durch. Ich mit meinen 117 Tagen lasse mich nicht noch mal „erziehen“ (nach ihrem Sinne). In einem sind wir uns einig: WIR WOLLEN FORT VON HIER! Was wir nicht schon alles im Guten probiert haben, aber alles vergebens. Ich glaube, man muss erstmal ein richtiges Ding drehen, ehe man hierher versetzt wird. Aber was ist die nächste Station? Ich weiß es nicht! Ich weiß nicht einmal, warum ich hier gelandet bin. Die anderen haben alle, wie man so schön sagt, einen schwarzen Fleck in ihrer Akte. Vielleicht habe ich auch einen, aber das bekommt man ja nicht gesagt.“ …
Dann schrieb er, wie sehr er es bedauerte, nicht bei meiner Abschlussfeier dabeisein zu können; er habe sich so sehr darauf gefreut. Dann folgte seine neue Adresse und die Bitte um ein Foto. Er selbst hatte auch eines beigelegt.
Wie hatte man mir erzählt? Er hat selbst um seine Versetzung gebeten? Schon klar.
Ich schrieb sofort zurück, legte auch das gewünschte Foto bei. Dann ging ich einkaufen: Kaffee, Schokolade, ein paar Schachteln seiner bevorzugten Zigarettenmarke, was zum Knabbern und eine Salami. All das packte ich zusammen und schickte es ihm.
Dann hieß es warten auf Antwort. Nach einer Woche wurde ich ungeduldig, nach zehn Tagen nervös. So schrieb ich ihm erneut. Nochmal. Und nochmal. Mit verstellter Schrift. Mit der Adresse einer Freundin. Nichts. Ich zog sämtliche Register, die mir einfielen. Redete mit allen möglichen Leuten, mit befreundeten Grenzsoldaten, von denen ich wusste, dass sie viel herumkamen… Von einem Kollegen meines Vaters besorgte ich mir sogar die Adresse des dortigen Pfarrers, den ich um Hilfe bat. Nichts.
Die Wochen vergingen, ohne dass ich etwas hörte. Mein Herz tat furchtbar weh, vor allem, wenn ich daran dachte, dass er nur meinetwegen an diesem Ort gelandet war. Nur, weil ich halt nicht passte. Ich hatte niemandem etwas getan, hatte halt nur mal wieder den falschen familiären Hintergrund.
Eines Tages nahm mich unsere Nachbarin beiseite. Ihr Mann war der ABV in unserem Dorf, der sogenannte Abschnittsbevollmächtigte, also der für einen bestimmten Bereich zuständige Polizist. Er hatte die ganze Zeit Augen und Ohren aufgehalten und ließ mich über seine Frau wissen, dass Peter vor die Wahl gestellt worden war. Entweder ich – oder die Handball-Nationalmannschaft. Er habe sich für letzteres entschieden. Das konnte ich ihm nicht mal verdenken. Es war sein ganz großer Traum gewesen, wir beide kannten uns erst kurze Zeit.
Ich hatte damals Tagebuch geführt, daher auch die wortgetreuen Abschnitte seines Briefes an mich. Dieses Tagebuch habe ich lange nicht mehr zur Hand genommen, erst gestern wieder, zum ersten Mal nach vielen Jahren. Es hat mich arg mitgenommen, meine damaligen Worte zu lesen. Erst die Verliebtheit, alles rosarot und himmelblau, dann der Schock, die Hoffnung, die Verzweiflung, die Wut und die Trauer…
Was wirklich passiert ist, habe ich nie herausgefunden. Ich habe auch nie wieder etwas von ihm gehört. Da er auch, als er wieder zuhause war, keinen Kontakt mehr zu mir aufgenommen hat, habe ich es ebenfalls auf sich beruhen lassen.
Er scheint es übrigens nicht geschafft zu haben, ich habe seinen Namen eben (tatsächlich zum ersten Mal) gegoogelt. Vermutlich war er doch zu aufmüpfig gewesen. Da war man sehr gnadenlos in der DDR.
Es tut mir sehr leid – ich hätte es ihm von Herzen gewünscht.
