
Ich habe lange überlegt, wie ich meine Geschichte fortsetzen könnte. Es gibt so viel, das ich erzählen möchte. Vielleicht fange ich bei meiner Kindheit und Schulzeit an.
Krankheitsbedingt kam ich erst mit sechs Jahren in den Kindergarten. Hier hatte ich das Problem, dass die anderen Kinder bereits eine eingeschworene Gemeinschaft bildeten. Als Tochter des Dorfpfarrers war ich sowieso schon Außenseiter, hinzu kam, dass ich bereits lesen konnte, seit ich vier war. Meine damals beste Freundin war drei Jahre älter als ich, mit ihr machte ich Wiesen, Felder und Wälder unsicher, wir hatten beide eine blühende Fantasie und erzählten uns mit Vorliebe erfundene Geschichten. Durch all das hatte ich einen ganz anderen Wortschatz als meine Altersgenossen und kam wohl auch sehr altklug rüber.
Wurde ich gemobbt? Ja, natürlich. Teilweise heftig. Irgendwann, leider viel zu spät, stieg ich dahinter, dass meine Klassenkameraden die Lust verloren, wenn ich mich gleichgültig gab. Viel zu lange habe ich sie verdroschen, das fanden sie amüsant.
Bei den Lehrern war es allerdings nicht so einfach. Entweder wurde ich extrem gemocht oder extrem abgelehnt. Da gab es dann schon mal den einen oder anderen Seitenhieb, ob in Form von schlechteren Noten oder halt Sticheleien. Beispiel: In der zweiten Klasse mussten wir ein Diktat schreiben. Es ging um ein sowjetisches Schiff, das im Hafen lag. Ich hatte leider die Situation, dass ich das Wort sowjetisch trennen musste. Und so trennte ich wie folgt: Sow-jetisch. Woher sollte eine Zweitklässlerin wissen, dass es richtig so-w-je-tisch getrennt wird? Ich bin mir sicher, bei jedem anderen Kind wäre die Lehrerin mit einem schmunzelnden Hinweis drüber weggegangen oder hätte nur einen halben Fehler angerechnet. Ich hatte einen ganzen Fehler und bekam eine Zwei. Ich habe übrigens gerade nachgeschaut. Der Duden empfiehlt heute meine Schreibweise…
Ein anderer Lehrer schaute mich schon in der ersten Stunde, die wir bei ihm hatten, hämisch grinsend an. „Wir machen hier aber keine Bibelstunde! Lass dir das gesagt sein!“ Da denkt man sich nur seinen Teil, versucht ruhig zu bleiben und später wurde es tatsächlich einfacher.
Meine Eltern waren sehr liberal und überließen es mir, ob ich der Pionierorganisation beitreten wollte. In der ersten Klasse kann man das noch nicht so genau einschätzen. Natürlich wollte ich! Ich wollte verzweifelt dazugehören. Sie verboten es mir nicht, schauten mit Belustigung zu, wie ich mit dem Halstuch kämpfte, um den „Pionierknoten“ hinzubekommen. Ich erinnere mich an öde „Pioniernachmittage“, die ich versuchte zu schwänzen so oft es ging. Die Stunden zogen sich wie Kaugummi, ein, zwei Kinder mussten immer einen sogenannten „Diskussionsbeitrag“ vorbereiten, die Themen waren vorgegeben und immer ähnlich, irgendwelche sterbenslangweilige Propaganda für die ach so tolle DDR. Dann sollten wir darüber diskutieren, doch kaum jemand sagte etwas, weil man ja eh nicht zugehört hatte.
Der Beitritt zur FDJ war dann schon bewusster. Ich hätte gern Abitur gemacht und studiert, doch da hatte ich aus zweierlei Gründen keine Chance, Zum einen waren meine Noten zu schlecht, ich hatte nur einen Durchschnitt von 1,7. Es gab eine einzige Erweiterte Oberschule im gesamten Landkreis, da war es klar, dass nur die Besten der Besten genommen wurden – oder halt Leute mit Beziehungen.
Jemanden zu kennen, der jemanden kennt, war in der DDR immer von Vorteil. Zweitens hatte ich halt den falschen familiären Hintergrund.
Um meinen Traum, in den medizinischen Bereich zu gehen und Krankenschwester zu werden, vielleicht sogar Hebamme, zu verwirklichen, beschloss ich den Weg des geringsten Widerstands zu gehen. Bloß nicht negativ auffallen.
An der Jugendweihe nahm ich selbstverständlich nicht teil, bekam aber gnädigerweise von unserem Schuldirektor die Erlaubnis, zur sogenannten Jugendweihefahrt mitzukommen. Für mich wurde in dieser Zeit das Leben einfacher, weil in unserer Klasse sage und schreibe sechs Schüler waren, die sich konfirmieren ließen. So etwas hatte Seltenheitswert, normalerweise waren es pro Jahrgang ein, vielleicht mal zwei Konfirmanden. Und zu meinem Glück waren es diejenigen, die in der Klasse das Sagen hatten. Da traute sich dann kein Lehrer mehr, irgendwelche komischen Sprüche abzulassen. Sich konfirmieren zu lassen, erforderte Mut. Eine Mitschülerin erzählte mir, wie gern sie das machen würde, aber sie wollte doch gern xyz lernen (sorry, ich weiß es nicht mehr), und ihre Familie könnte vielleicht auch Probleme bekommen…
Stichwort Indoktrination. Es war einem gar nicht so bewusst, dass man irgendwie ständig „bearbeitet“ wurde. Von den Liedern im Musikunterricht, über Fackelzüge und Demonstrationen zum ersten Mai (die waren Pflichtveranstaltungen, eine Mitschülerin hatte am 1. Mai Geburtstag, trotzdem wurde sie gezwungen teilzunehmen), Staatsbürgerkundeunterricht und Propaganda ohne Ende. Rote Banner mit Sprüchen drauf hingen überall. Fahnenappelle in den Schulen, bei denen die Flagge gehisst wurde, Teilnahme und Pioniergruß in Richtung der Fahne waren Pflicht.
Pflicht war auch der Wehrunterricht in der neunten Klasse. Wir lernten Gasmasken aufzusetzen und robbten durchs Gelände. Interessant fand ich den dazugehörigen Erste-Hilfe-Kurs, aber mit den Waffen wollte ich nichts zu tun haben.
Und dann, was mir tatsächlich erst später auffiel, Propaganda sogar in Kinder- und Jugendzeitschriften. Man war das alles so gewohnt, dass man es gar nicht mehr bemerkt hat. Erst Jahre später, weit nach der Wende, fand ich beim Aufräumen die DDR-Jugendzeitschrift „neues leben“. Damals heiß begehrt, auch von mir. Beim Durchblättern überkam mich das Grausen und ich konnte nur den Kopf schütteln. Sowas hatte man damals verschlungen…
