Neue digitale Befugnisse für die Polizei: Vom Picknick zum SEK

Die Bundesregierung will BKA und Bundespolizei neue digitale Befugnisse geben. Fotos und Stimmen sollen automatisiert mit öffentlich zugänglichem Material abgeglichen, riesige Datenbestände mithilfe künstlicher Intelligenz miteinander verknüpft werden. Moderne Kriminalität brauche moderne Ermittlungswerkzeuge, heißt es. Das klingt zunächst vernünftig. Verbrecher arbeiten schließlich auch nicht mehr ausschließlich mit ausgeschnittenen Zeitungsbuchstaben und einem Fluchtwagen, der hinter der Sparkasse wartet.
Die Kritik warnt vor Massenüberwachung, Fehlentscheidungen und dem Ende der Anonymität. Alles berechtigte Punkte. Die eigentliche Gefahr beginnt jedoch früher. Lange bevor eine KI ihre Arbeit aufnimmt. Sie beginnt bei dem Menschen, der entscheidet, welche Wörter überhaupt in der Datenbank landen.
Ich hatte einmal einen Freund. Punker. Schon das genügt bei manchen Menschen offenbar als vorläufige Charakterdiagnose. Er wurde auf dem Weg zu einem Picknick kontrolliert. Bei sich hatte er ein Brötchen und ein Buttermesser.
Der Eintrag lautete:
Messer dabei.
Später wurde er mit 1,5 Gramm Cannabis erwischt. Damals war Cannabis verboten. Heute wäre dieselbe Menge kaum noch geeignet, eine besonders eindrucksvolle Verbrecherkarriere zu begründen.
Der Eintrag lautete:
Im Besitz von Betäubungsmitteln.
Während einer Polizeikontrolle sagte er zu den Beamten: „Ihr Wichser.“
Der Eintrag lautete:
Widerstand gegen die Polizei.
Keiner dieser Einträge war im engsten Wortsinn falsch. Ein Buttermesser ist ein Messer. Cannabis galt damals als Betäubungsmittel. Die Beleidigung fiel während einer polizeilichen Maßnahme.
Doch Sprache beschreibt die Wirklichkeit nicht bloß. Sie gestaltet sie.
Man hätte schreiben können:
Buttermesser für ein Picknick.
1,5 Gramm Cannabis.
Beleidigung von Polizeibeamten.
Man entschied sich für:
Messer. Betäubungsmittel. Widerstand.
Das war keine neutrale Verkürzung. Die Wörter wurden von Menschen gewählt. Von Menschen mit Erfahrungen, Vorlieben, Abneigungen und Vorurteilen. Wie viele Polizisten mögen Punker? Vermutlich ungefähr so viele, wie Punker leidenschaftlich gern an polizeilichen Vereinsabenden teilnehmen.
Ein Mann mit gepflegtem Hemd, Lederschuhen und einem Buttermesser im Picknickkorb wäre womöglich als harmloser Ausflügler wahrgenommen worden. Ein Punker trägt dasselbe Messer und plötzlich steht eine Waffe im Raum. Derselbe Gegenstand, dieselbe Funktion, ein anderer Mensch. Und schon ändert sich die Sprache.
Genau darin liegt die Macht solcher Einträge. Sie dokumentieren keinen Menschen. Sie dokumentieren den Blick eines anderen Menschen auf ihn.
Jahre später kam mein Freund in einen Bahnhof. Er wurde kontrolliert. Die Polizei rief seine Daten ab.
Das Ergebnis war ein SEK-Einsatz und seine Festnahme.
Denn am Bahnhof stand aus Sicht der Datenbank kein Mann mit einem alten Buttermesser, etwas Gras und einer groben Beleidigung. Dort stand eine Person mit den Merkmalen:
Messer. Drogen. Widerstand gegen die Polizei.
Die Wörter hatten ihre Arbeit getan.
Aus einem Picknickmesser war eine Gefahrenlage geworden. Aus 1,5 Gramm Gras ein Drogenmerkmal. Aus einer Beleidigung Widerstand. Aus drei bewusst gewählten Formulierungen entstand ein Mensch, der nur noch in der Datenbank existierte. Und auf diesen Menschen bereitete sich die Polizei vor.
Nun soll eine KI Millionen solcher Einträge zusammenführen, gewichten und nach Mustern durchsuchen.
Sie wird dabei vermutlich sehr präzise arbeiten.
Genau das macht es gefährlich.
Die KI fragt nicht, weshalb ein Beamter „Messer“ geschrieben hat und „Buttermesser“ verschwieg. Sie weiß nicht, dass ein Punker in den Augen mancher Polizisten bereits verdächtig wirkt, bevor er überhaupt etwas getan hat. Sie kennt keine Antipathie, keinen sozialen Dünkel, keine politische Haltung und keine gezielte sprachliche Verschärfung.
Sie übernimmt das Ergebnis.
Der Algorithmus erfindet das Vorurteil nicht. Er erhält es als Datengrundlage. Danach ordnet er es, verbindet es mit anderen Einträgen und versieht es mit dem Anschein mathematischer Neutralität.
Aus der subjektiven Beschreibung eines Beamten wird ein Datenpunkt. Aus mehreren Datenpunkten wird ein Muster. Aus dem Muster entsteht eine Risikobewertung. Und aus der Risikobewertung stehen irgendwann bewaffnete Einsatzkräfte auf einem Bahnhof.
Die Gefahr besteht deshalb auch nicht bloß darin, dass eine KI Fehler machen könnte. Das wäre fast beruhigend. Fehler könnte man erkennen, benennen und korrigieren.
Gefährlicher ist eine KI, die korrekt mit Daten arbeitet, deren Sprache bereits von Vorurteilen geprägt wurde.
Dann macht die Maschine keinen Fehler.
Sie vollstreckt nur den menschlichen.
Admin V

