LOGBUCH EINER AUTINAUTIN| Eintrag
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….auf dem Boden der Tatsachen. Autsch.
Verdammt – den Boden hätten sie nun wenigstens ein wenig polstern können… ![]()
Das war eine harte Landung.
Vom Mädchen vom Mond auf Planet Erde.
„Mädchen vom Mond“ – das war der liebevolle Insider seit meiner Kindheit, in der Familie.
Das Mondmädchen hatte eine Familie, die sie liebte.
Mit Freunden war das so eine Sache…
(Unter der Annahme, dass imaginäre hier nicht zählen.)
Grundschule also.
Da gab es die coolen Kids, die suchten sich ihre Leute für die Clique aus – und ein paar blieben übrig.
Ja, stellt euch vor: ich nicht.
Sie wollten mich in ihrer Meute!
Das heißt: Trotz meiner Mond-Herkunft schien ich wohl eine ziemlich gute Figur abzugeben.
Also die Menschlein-Figur, die ich spielte, wenn ich außer Haus ging.
Problem war nur: Ich mochte sie nicht.
Sie waren grob, laut und taten Dinge, die ich nicht verstand.
Ich sage bewusst Meute, weil sie sich in jeder Pause zusammenrotteten und dann die Außenseiter suchten.
Ich konnte diesen Zeitvertreib nicht nachvollziehen.
Zu fünfzehnt einen mobben und verprügeln?
Nein danke. Ich lehne die Einladung in den Club ab.
An diesem Punkt hätte es vielleicht ein friedliches Nebeneinander geben können.
Doch leider kam mir mein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit mal wieder dazwischen.
Ich war zu nah.
Ich musste eingreifen.
Ich stellte mich vor den, der diesmal Prügelopfer werden sollte –
und das war der Tag, ab dem auch ich den Stempel „Außenseiter zum Verprügeln“ erbte.
Vier Jahre Grundschule können ziemlich lang sein.
Und dummerweise gab es niemanden, der sich vor mich stellte.
Ach Mist – ich schweife ab.
Ihr kennt das ja… manchmal ist es doch auch was Feines, sich kurz in Kindheitserinnerungen zu verlieren.
Wo waren wir stehen geblieben?
Ach ja: beim Stell-dich-an oder beim Ich-verstell-mich-schon-mein-Leben-lang.
Lange Rede, kurzer Sinn:
Es stellte sich heraus, dass ich tatsächlich ausgebrannt war.
Und zwar aus genau einem Grund:
Weil ich mein Leben lang das Menschlein-Kostüm getragen habe.
Schauspiel ist Arbeit.
Und wenn dann eine Welle kommt, die alle Kräfte überrollt, bleibt keine Energie mehr fürs Theaterspiel.
Genau das ist passiert.
Autistic Burnout nennt sich diese wundersame Episode wohl.
Autistischer Burnout ist ein Zustand extremer Erschöpfung, der durch dauerhafte Überforderung in einer nicht-autismusgerechten Umwelt entsteht.
Er unterscheidet sich deutlich von klassischem Burnout oder Depression.
Kurz gesagt:
Chronischer Stress durch Maskieren, sensorische Überlastung, falsche Erwartungen –
bis nichts mehr geht.
Funktionsverlust, Rückzug, Sprachverlust, Reizüberflutung.
Okay.
Was für ein Schmarrn.
Ich? Autistisch?
Das glaubst du ja wohl selber kaum.
Ich bin empathisch.
Sprachgewandt.
Sozial.
Ich habe keine Ticks.
Und ich bin auch kein Schach-Genie.
Gut – Opi war in Russland mal Weltmeister im Geist-Schach, sieben Gegner parallel.
Der konnte sowas.
Einkaufen im Supermarkt – das mussten andere für ihn übernehmen.
Aber ich?
Ich mag Schach nicht mal.
Und ich schaue Leuten in die Augen!
Und diese Meltdowns, von denen man hört – also der komplette Einbruch durch Overload –
sowas habe ich doch nicht.
…
Okay. Präzisierung.
Ich habe es mir systematisch abtrainiert.
Kam nicht so gut an, mit dem Geschirr gegen die Wand und so in der Jugend.
Der Vollständigkeit halber muss ich auch gestehen,
dass ich offenbar nie ganz das gleiche Gefühl dafür hatte,
wie lange man Menschen in die Augen schaut.
Mir wurde öfter gesagt, ich solle bitte nicht so starren.
Ups.
Ich schaute eigentlich gerade etwas völlig anderes in meinem bunten Kopfkino.
Verzeihung – Ihre Augen waren zufällig der Fokuspunkt.
Hunderte Stunden Recherche.
Tests.
Gespräche mit Fachleuten.
Plötzlich verstand ich, woher die ganzen falschen Diagnosen kamen.
Mit dem Autismus-Ding wollte ich aber trotzdem nicht warm werden.
Was wissen die schon?
Ich kenne mich doch selbst am besten.
Ich war schockiert, als meine Mama nicht schockiert war.
Ich outete mich bei ihr – vom Mondmädchen vielleicht zur Autinautin herangewachsen?
Sie sagte nur:
„Ja na und? Es ändert sich doch gar nichts. Wenn es so ist, dann war es doch immer so.“
So banal.
Dass mir das nicht selbst eingefallen ist.
Wenn ich jetzt „Autismus“ habe, ist das ja nicht wie plötzlich Diabetes.
Ich war ja schon immer dieses Auti-Dings.
Und trotzdem ändert es irgendwie alles.
Ich kann auch nicht leugnen,
dass mein Partner und meine besten Freunde alle autistisch und/oder ADHSler waren.
Ich habe das nie hinterfragt.
Wir haben uns gefunden.
Und verstanden.
Spätestens jetzt drängt sich die Frage auf:
Wie kann es sein,
dass in den letzten fünfzehn Jahren praktisch alle meine Freunde
und Ex-Partner autistisch waren?
Die Frage reicht.
Der Rest ist selbsterklärend.
In den Communitys wird darüber gescherzt,
dass man kaum noch eine Diagnose braucht.
Wenn fast alle deine Freunde „zufällig“ autistisch sind,
ist das ein Indiz, das stärker ist als viele Tests.
….
Ja. Ein Indiz, das sich jetzt echt nicht ignorieren lässt.
Und jetzt????
Was heißt das jetzt?
Bin ich dann jetzt behindert?
Wann krieg ich nen Betreuer? (Puh, das wär dringend nötig wenn ich nen Blick zum Mount Wäscheberg werf…)
Oder krieg ich jetzt sowas wie ein fotografisches Gedächtnis, oder kann Pi bis zur hunderttausendsten Stelle aufsagen?
Ich sag es euch, ich weißes nicht.
Aber irgendwie…. wird es leichter, nun. Ja.
Wisst ihr, ich mach zwar weiterhin den gleichen Mist.
Aber nun hat’s ja einen Namen!
Also – darf ich das!
Denn nun bin ich Autist ![]()
————–
Logbuch einer Autinautin | Eintrag 02
…Fortsetzung folgt.
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