Meine Lieben,
wenn ihr diesen Brief lest, seid ihr vielleicht alt genug, um zu verstehen, was ich euch damit sagen will – und vielleicht seid ihr längst selbst schon dabei, die Scherben aufzusammeln, die wir euch hinterlassen haben. Ich schreibe ihn trotzdem jetzt, während ihr noch klein seid, weil ich will, dass die Worte da sind, wenn ihr sie braucht. Nicht als Ausrede. Als Eingeständnis.
Ich muss euch um Verzeihung bitten. Nicht für das, was ich persönlich falsch gemacht habe – dafür auch, aber das ist ein anderer Brief. Ich bitte euch um Verzeihung für das, was meine Generation und die vor mir, die sogenannten Boomer, euch für eine Welt hinterlassen haben. Für eine Welt, die wir kannten, wie sie kaputtgeht, und die wir trotzdem nicht rechtzeitig repariert haben.
Wir wussten es.
Wir wussten seit den Achtzigerjahren, dass sich das Klima verändert, weil wir es verändern. Wir hatten die Studien, die Modelle, die Warnungen – von Wissenschaftlern, die man belächelt oder ignoriert hat, weil Wachstum wichtiger war als Vorsicht. Wir haben Kohle verbrannt, Wälder gerodet, Konsum zur Religion gemacht, und als die ersten Rechnungen kamen, haben wir sie an euch weitergereicht. Ihr werdet Sommer erleben, die wir uns nicht vorstellen konnten. Ihr werdet über Wasser sprechen wie wir früher über Urlaub gesprochen haben – als etwas, das man sich einteilen muss.
Wir haben Sicherheit verkauft und Unsicherheit hinterlassen.
Wir haben Rentensysteme geerbt, die für uns noch funktioniert haben, und sie ausgehöhlt, ohne sie zu ersetzen. Wir haben Wohnraum zur Ware gemacht, bis eine eigene Wohnung für viele von euch ein Lebensziel sein wird statt eine Selbstverständlichkeit. Wir haben Arbeit prekärer gemacht und euch erzählt, ihr müsstet nur flexibel genug sein, dann würde es schon werden. Wir haben Schulden gemacht – finanzielle und ökologische – und die Zinsen zahlt ihr.
Und wir haben zugesehen, wie die Demokratie brüchig wurde.
Wir sind aufgewachsen mit dem Versprechen, dass Freiheit und Rechtsstaat selbstverständlich sind, ein für alle Mal erkämpft. Wir haben nicht gemerkt – oder nicht merken wollen –, wie leise Autoritarismus zurückkehrt: über Ressentiment, über die Sehnsucht nach einfachen Antworten, über Algorithmen, die Wut profitabler machen als Wahrheit. Wir haben zugeschaut, wie Hass wieder salonfähig wurde, und zu oft geschwiegen, weil Widerspruch anstrengend ist. Ich habe versucht, nicht zu diesen Schweigenden zu gehören – aber auch mein Widerstand war nur ein Tropfen gegen eine Welle, die meine eigene Generation mit erzeugt hat.
Was daraus für euch wird
Ihr werdet in einer Welt leben, die instabiler ist als die, die man uns versprochen hat. Mehr Extreme – beim Wetter, in der Politik, auf den Märkten. Ihr werdet euch Dinge hart erarbeiten müssen, die für uns noch selbstverständlich waren. Ihr werdet wachsamer sein müssen als wir es waren, weil Demokratie sich als das entpuppt hat, was sie immer war: kein Zustand, sondern eine tägliche Anstrengung, die wir zu oft delegiert haben.
Das tut mir leid. Wirklich. Nicht als Floskel, sondern als das, was es ist: die Erkenntnis, dass wir es besser hätten wissen müssen, und dass Wissen allein niemanden rettet, wenn ihm nicht Handeln folgt.
Aber ich verspreche euch etwas.
Solange ich lebe, werde ich nicht zu denen gehören, die resignieren, weil das Ausmaß der Aufgabe erschlagend ist. Ich werde weiter hinschauen, wo andere wegsehen. Ich werde weiter widersprechen, wo Unrecht normalisiert wird. Ich werde in meinem Rahmen – als Vater, als jemand, der schreibt und denkt und wählt und handelt – alles tun, um euch nicht nur eine Entschuldigung, sondern auch einen Beitrag zu hinterlassen. Keine Wiedergutmachung, dafür ist der Schaden zu groß. Aber einen ehrlichen Versuch.
Ich kann euch die Welt nicht zurückgeben, die man uns versprochen hatte. Aber ich kann euch zeigen, dass man kämpft, auch wenn man nicht gewinnt. Dass man Haltung bewahrt, auch wenn es unbequem ist. Dass man seinen Kindern nicht nur Schulden hinterlässt, sondern auch das Beispiel, es besser machen zu wollen.
Das ist mein Versprechen an euch. Und ich werde es halten, bis ich nicht mehr kann.
In Liebe,
Euer Vater

