Die große Kirschlorbeer-Krise und der Erste Weltkrieg um Parkplätze
Die Menschheit hatte viele Kriege geführt. Um Religion. Um Gold. Um Öl. Um Macht. Und einmal beinahe um die Frage,
ob Ananas auf Pizza eine Verletzung der Genfer Konventionen darstelle. Doch nichts sollte die Welt so nachhaltig
erschüttern wie die Große Kirschlorbeer-Krise von 2041. Historiker bezeichnen sie heute als den Moment, in dem die
Zivilisation endgültig beschloss, ihre letzten verbliebenen Würde-Reste in einen Schredder zu werfen und anschließend
auf Instagram zu dokumentieren.
Dabei hatte alles harmlos begonnen. Wie immer.
Im beschaulichen Ort Niederfichtenwalde-West, einer Siedlung mit exakt dreiundvierzig Einfamilienhäusern, zwei
Friseursalons und einer bemerkenswert aggressiven WhatsApp-Gruppe, pflanzte Dieter Brombach einen Kirschlorbeer.
Nun muss man wissen: Der Kirschlorbeer war bereits damals eine hochumstrittene Pflanze. Ökologen hassten ihn.
Insekten ignorierten ihn. Vögel betrachteten ihn mit der emotionalen Anteilnahme, die Menschen gewöhnlich Steuerformularen
entgegenbringen. Aber Nachbarn liebten ihn. Denn nichts vermittelte den Eindruck von Naturverbundenheit überzeugender als
eine Pflanze, die biologisch ungefähr so wertvoll war wie eine grüne Betonwand.
Innerhalb weniger Monate entwickelte sich ein Wettrüsten. Familie Krüger zog nach und pflanzte zwei Kirschlorbeerhecken.
Die Müllers antworteten mit einer dreieinhalb Meter hohen Sichtschutzwand in der Farbe „Mediterranes Taupe“. Die Schmidts
installierten eine automatische Bewässerungsanlage mit WLAN-Anbindung und Sprachsteuerung. Der Algorithmus konnte auf Wunsch
sogar beruhigende Vogelgeräusche abspielen, da inzwischen kaum noch echte Vögel vorhanden waren.
Das Internationale Ministerium für Neid, Missgunst und Nachbarschaftliche Beobachtung schlug Alarm. Die Situation drohte zu
eskalieren. Doch niemand hörte auf die Experten. Wie immer. Parallel dazu spitzte sich die Parkplatzfrage zu.
Parkplätze waren längst keine bloßen Abstellflächen mehr. Sie waren Identität. Heimat. Emotion. Ein Parkplatz war die
materialisierte Form menschlicher Existenzberechtigung. Wer seinen Stammparkplatz verlor, verlor ein Stück seiner Seele.
So jedenfalls empfanden es die Menschen.
Die Spannungen nahmen zu, als Günther Schmale, Besitzer eines überdimensionierten Elektro-SUVs namens „ThunderRaptor X
Hybrid Performance Edition“, begann, zwei Parkplätze gleichzeitig zu beanspruchen. Er begründete dies mit dem Schutz seines
Lackes. Die Nachbarschaft reagierte empört. Noch am selben Abend gründete sich die Volksfront zur Befreiung öffentlicher
Stellflächen. Ihre Forderungen waren klar: Ein Mensch. Ein Parkplatz. Keine Kompromisse.
Die Gegenseite formierte sich umgehend. Die Allianz freier Fahrzeugentfaltung argumentierte, dass größere Autos naturgemäß
auch größere Rechte besitzen müssten. Schließlich sei Leistung ein Grundpfeiler der Gesellschaft. Innerhalb weniger Wochen
standen sich bewaffnete Bürgerwehren gegenüber. Bewaffnet allerdings ausschließlich mit passiv-aggressiven Laminiergeräten
und vorbereiteten Beschwerdebriefen.
Die Vereinten Nationen versuchten zu vermitteln. Leider scheiterte die Friedenskonferenz, weil sich die Delegationen nicht
auf die Sitzordnung einigen konnten. Mehrere Staaten bestanden auf reservierten Parkmöglichkeiten unmittelbar vor dem
Konferenzgebäude. Der Erste Weltkrieg um Parkplätze hatte begonnen. In den sozialen Medien tobten erbitterte Grabenkämpfe.
Menschen entfreundeten sich. Ehen zerbrachen. Ein Mann aus Wuppertal enterbte seinen eigenen Sohn, weil dieser öffentlich
erklärt hatte, Parkplätze seien lediglich gesellschaftliche Konstrukte.
Die Börsen reagierten nervös. Die Aktien von Herstellern für Sichtschutzwände und Kirschlorbeerpflanzen erreichten historische
Höchststände. Das Bruttoheckenprodukt verdoppelte sich innerhalb eines Jahres. Ökonomen sprachen vom Grünen Wunder. Biologen
hingegen begannen kollektiv zu weinen.
Doch während die Menschheit über Hecken und Parkplätze stritt, arbeiteten anderswo Millionen Menschen weiterhin in Fabriken,
Minen und auf Feldern. Sie nähten Kleidung. Ernteten Lebensmittel. Förderten Rohstoffe. Reparierten Leitungen. Pflegten Alte
und Kranke. Ihre Arbeit bildete das Fundament jener Gesellschaften, die inzwischen überzeugt waren, Wohlstand sei eine Art
meteorologisches Phänomen, vergleichbar mit leichtem Nieselregen oder der Erdanziehungskraft. Man nahm ihn einfach hin.
Dankbarkeit galt als altmodisch. Solidarität als verdächtig. Und Verzicht als Angriff auf die persönliche Freiheit.
Im Jahr 2043 wurde schließlich das Ministerium für Kontrollierte Empörung gegründet. Sein Auftrag war ebenso einfach wie genial:
Jeder Bürger sollte täglich mindestens eine Aufregung erhalten. Untersuchungen hatten ergeben, dass Menschen ohne permanente
Empörung dazu neigten, über ihr eigenes Leben nachzudenken. Dies führte regelmäßig zu gefährlichen Fragen wie: „Brauche ich das
alles überhaupt?“ Oder schlimmer noch: „Warum bin ich eigentlich unzufrieden, obwohl es mir objektiv ziemlich gut geht?“ Solche
Gedanken bedrohten die wirtschaftliche Stabilität. Also entwickelte man den Empörungsalgorithmus. Jeden Morgen erhielt jeder
Bürger eine individuell zugeschnittene Krise. Manche bekamen Windräder. Andere Lastenfahrräder. Wieder andere Menschen, die
glutenfrei lebten, ohne dabei sichtbar Buße zu tun. Die Wirtschaft florierte. Die Zufriedenheit sank. Alle waren zufrieden mit
dieser Entwicklung. Zumindest offiziell.
Und irgendwo, tief unter den Fundamenten der Zivilisation, begann der Planet leise, aber hörbar, mit den Augen zu rollen.
Denn selbst die Erdkruste besitzt Grenzen der Geduld. Und sie ahnte bereits, was die Menschen noch nicht begriffen hatten:
Dass der größte Luxus niemals Autos, Hecken oder Konsum gewesen war. Sondern die Möglichkeit, miteinander zu leben, ohne
ständig gegeneinander antreten zu müssen. Doch diese Erkenntnis würde erst viel später kommen. Sehr viel später. Nach dem
Zweiten Weltkrieg um Wärmepumpen.
Und selbstverständlich an einem Montag.


