Ein Bekenntnis aus Glut, Schweigen und Überresten
Es gibt Texte, die schreibt man,
weil man das Schweigen nicht mehr erträgt.
Dies hier ist kein Aufruf.
Kein Erklärversuch.
Kein tragischer Monolog
über kulturelle Identität.
Dies hier ist die Notwendigkeit, zu sagen,
dass es viele Gründe gibt, Antifaschist zu sein –
und dass keiner davon romantisch ist.
I. ICH BIN, WAS AUS SCHWEIGEN WURDE
Ich bin Alevit.
Ich bin offiziell muslimisch.
Ich habe es nie gewählt.
Meine Vorfahren haben überlebt,
indem sie schwiegen, tanzten, Gedichte schrieben –
während andere mit Schwertern und Fackeln kamen,
riefen, steinigten, verbrannten.
Ich bin Nihilist,
weil ich in dieser Welt keine Ordnung sehe,
die Gerechtigkeit bedeutet.
Nur Macht, die sich Tarne trägt.
Und weil ich gelernt habe,
dass hinter jedem Versprechen eine Drohung lauert
und hinter jedem Gott ein Richter.
Ich bin Atheist,
weil ich den Himmel brennen sah
und niemand da war,
der die Schreie löschte.
Ich bin Pantheist,
weil mir nur das Licht geblieben ist.
Das Feuer in der Hand.
Der Wind in den Ruinen.
Der Mensch als letzter Funke.
Ich bin Antifaschist,
weil ich weiß,
dass es reicht, falsch geboren zu sein,
um lebendig verbrannt zu werden.
II. WAS ALEVITEN SIND – UND NIE SEIN DURFTEN
Wir sind die, die nicht in Moscheen beten.
Die, deren Gott im Menschen wohnt, nicht über ihm.
Die das Feuer ehren, nicht aus Götzendienst,
sondern weil es wärmt, wenn der Rest der Welt vereist.
Wir haben keine Imame,
keine Muezzins,
keine Bekenntniszwänge.
Aber wir haben Geschichten.
Tänze. Musik.
Und das Gedächtnis der Verfolgung in unseren Liedern.
Und weil das nicht in die Ordnung passte,
wurden wir systematisch zur Unordnung erklärt.
Wir wurden „andersgläubig“ genannt.
Dann „Abweichler“.
Dann „Ketzer“.
Dann „nicht mehr vorhanden“.
III. 02. Juli 1993 – SIVAS – ALS DAS SCHWEIGEN BRANNTE
Ich war noch fast ein Kind,
als ich zum ersten Mal verstand,
dass ein Gedicht tödlich sein kann.
Dass ein falscher Name genügt.
Dass ein Hotel brennt –
und niemand die Türen öffnet.
Was dort im „Madımak-Hotel“ geschah,
war kein „tragisches Ereignis“,
sondern ein geplanter Lynchmord
an Menschen,
die anders dachten,
anders glaubten.
An Intellektuellen, Dichterinnen, Musikern,
Aleviten, Linken, Freigeistern,
die es gewagt hatten,
öffentlich zu existieren.
Ein Mob.
Mit Messern. Mit Molotowcocktails. Mit Fatwas.
„Wir brennen das raus, was nicht reinpasst“,
riefen sie.
Und sie taten es.
Die Polizei?
Stand daneben.
Manche lächelten.
Manche halfen, die Straßen freizuhalten,
damit jeder eine freie Sicht hatte.
37 Menschen verbrannten.
Menschen,
die gerne noch gelebt hätten.
Der Ruß klebt bis heute an den Akten.
Die Täter – viele davon frei.
Einige wurden nie gesucht.
Andere sitzen heute in Parlamenten.
Sivas ist kein Brand.
Sivas ist ein System in Flammen.
IV. WAS DAS AUS MIR GEMACHT HAT
Ich glaube nicht mehr an Götter.
Nicht, weil ich rebellieren will –
sondern weil ich sie gesehen habe,
im Blick der Mörder.
Ich glaube nicht an den Menschen.
Aber ich glaube daran,
dass man nicht schweigen darf,
wenn das Schweigen brennt.
Ich bin Antifaschist,
nicht weil ich Hoffnung habe,
sondern weil ich weiß,
dass Faschismus nicht bei Uniformen anfängt,
sondern bei der Entscheidung,
welches Leben wertvoll ist – und welches entbehrlich.
Ich bin Antifaschist,
weil ich kein Mensch sein kann,
wenn ich es nicht bin.
V. FEUER BLEIBT. HEUTE. UND IMMER.
Ich schreibe das,
weil man nicht schweigen darf,
weil man nicht vergessen darf,
was nicht vorbei ist.
Ich bin Antifaschist,
weil die Geschichte nicht vorbei ist,
nur weil sie euch nicht betrifft.
Weil in Europa bald wieder Bücher brennen –
nicht aus Papier,
sondern aus Menschen.
Weil Begriffe wieder sortiert werden
nach Brauchbarkeit, Herkunft, Verwertbarkeit.
Weil Menschen auf Fluchtwegen sterben
und das „Grenzschutz“ heißt.
Weil Parlamentsmikrofone denen gehören,
die uns schon wieder ausradieren wollen –
diesmal höflicher, effizienter, mit Bürokratie.
Ich bin Antifaschist,
weil ich erkenne,
wann es wieder anfängt.
Weil ich das Muster kenne.
Weil ich weiß, wie es riecht,
wenn ein System anfängt zu kokeln.
Ich bin Antifaschist,
nicht als Haltung,
sondern als Reflex.
Nicht aus Ideologie,
sondern aus Notwendigkeit.
Nicht aus Vergangenheit – sondern aus Verantwortung.
Denn wer das Feuer kennt,
kann beim nächsten nicht so tun,
als wäre es ein Licht.

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Aleviten (Türkei) und Alawiten (Syrien, Libanon) sind zwei völlig verschiedene Gruppen mit ähnlicher Geschichte der Ausgrenzung – aber unterschiedlicher Herkunft, Theologie und Praxis.
Die Ähnlichkeit in den Namen ist nur zufällig – inhaltlich haben sie wenig bis nichts miteinander zu tun.
Was am 2. Juli 1993 in Sivas passiert ist, war kein tragischer Zwischenfall – es war ein nationalistischer, religiös aufgeladener Massenmord.
Damals fand in Sivas das Pir-Sultan-Abdal-Festival statt – eine friedliche, kulturelle Veranstaltung zu Ehren eines alevitischen Dichters.
Dort versammelten sich landesweit bekannte Künstler:innen, Sänger:innen, Intellektuelle – darunter der bekannte Schriftsteller Aziz Nesin, Sänger wie Hasret Gültekin, Dichter:innen, Schauspieler:innen.
Es war nicht irgendein lokales Treffen. Es war ein nationales Kulturfestival.
Was folgte, war ein Pogrom:
Eine aufgehetzte islamistische Menge von mehreren Tausend Menschen belagerte das Hotel Madımak, in dem die Gäste untergebracht waren. Sie riefen Parolen wie „Sivas wird ihr Grab!“ und „Allah ist groß“ – während sie versuchten, das Gebäude niederzubrennen.
Die Polizei und Feuerwehr standen in unmittelbarer Nähe – und griffen nicht ein.
Die Menschen im Hotel riefen stundenlang um Hilfe.
Viele versuchten, sich über das Dach zu retten.
37 Menschen starben – darunter viele Künstler:innen, Intellektuelle, ein 12-jähriger Junge und zwei Hotelangestellte.
Ja, es gab Überlebende – einige konnten fliehen, andere wurden schwer verletzt.
Aziz Nesin selbst überlebte nur knapp.
Aber die politische Botschaft war klar:
Wer sich offen zu Alevitentum, Kunstfreiheit und Säkularismus bekennt, lebt gefährlich.
Bis heute wurde das Hotel nie vollständig zu einem Gedenkort erklärt. Einige der Täter wurden milde bestraft oder kamen frühzeitig frei.
Einige flohen und wurden nie ausgeliefert.

