
Vor ziemlich genau sechs Jahren…
Irgendwann im September 2019 stand ich in irgendeiner Kirche. Umgeben von meinem Chor. Das übliche Einsingen plus Stell- und Ansingprobe vor einem Konzert.
Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Wie ein Blitz aus einem wolkenlosen Himmel, aus dem Nichts sozusagen.
„Was machst du eigentlich hier? Du willst gar nicht hier sein. Du möchtest zu Hause sein, im Bett, dir die Decke über den Kopf ziehen und nichts mehr hören und sehen.“
Ääähhhmmmm… Was war das denn jetzt gewesen? Wo kam dieser Gedanke her?
Ich stand da, geschockt. Um mich herum liefen die Einsingübungen.
Alles völlig normal.
Und ich? Ich horchte in mich hinein. War das die Wahrheit? Dachte ich wirklich so?
Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass es tatsächlich so war. Ich wollte nicht hier sein, sondern lieber zuhause. Aber – das war doch unmöglich!?
Mein Chor, unsere Konzerte – das war doch immer das Größte für mich gewesen!
Doch in diesem Moment ließ mich das alles kalt. Und das war nur der Anfang.
Die nächste Zeit war furchtbar, ich merkte, wie ich abdriftete, in einen Strudel, der mich immer tiefer zog. Mein Halt war die Arbeit, die tägliche Routine. Alles andere jedoch, was darüber hinausging, fühlte sich wie Schwerstarbeit an. Ich sah buchstäblich einen Berg vor mir, den ich überwinden sollte. Erschreckenderweise handelte es sich meist um die Dinge, die mir am meisten Spaß machten. Freunde treffen, mit ihnen was unternehmen, meinen Vater besuchen… Dinge, die normalerweise das Salz in der Suppe des Lebens darstellten, waren jetzt eine schier unüberwindliche Last.
Ich schleppte mich von einem Tag zum nächsten. An nächste Woche denken oder gar nächsten Monat war unmöglich. Trotzdem versuchte ich es, spielte meiner Familie und meinen Freunden Theater vor.
Denn mein größtes Problem war, dass ich nicht darüber reden konnte. Ich, die ich eigentlich rhetorisch ganz gut unterwegs bin, war wie zugeschnürt. Ich konnte einfach nicht in Worte fassen, was da gerade mit mir passierte.
Weil ich es selbst nicht verstand.
Im Lauf der nächsten Tage kristallisierte sich dann heraus, dass es anscheinend mit meinem Geburtstag zusammenhing. Ich war im Mai 50 geworden – und unweigerlich zieht man an einem runden Geburtstag, oder in meinem Fall etwas später, Bilanz. Mir ging es so schon nicht gut, ich litt unter Liebeskummer. Ein Mann, in den ich mich heftig verliebt hatte, hatte mir seine Gefühle nur vorgespielt und mich auf schäbigste Art und Weise vorgeführt und ausgenutzt.
Und ich stellte mir folgende Fragen:
1, Wie lange bist du eigentlich schon Single?
Antwort: Viel zu lang.
- Hattest du eigentlich schon einmal eine wirklich rundum glückliche Beziehung, so eine, in der du dich geborgen und geliebt gefühlt hast?
Antwort: Nein. Ich war immer Einzelkämpfer. Auch in meiner Ehe.
- Hältst du dich noch für beziehungsfähig?
Antwort: Nein. Ich weiß ja gar nicht, wie das geht. Hab zwar unglaublich viel Liebe zu verschenken, aber ich bin so eingeschliffen, alles selbst entscheiden zu dürfen bzw. zu müssen, sodass ein potentieller Partner unendlich viel Geduld mit mir bräuchte. Mich wieder auf jemanden einlassen, Kompromisse eingehen… das bin ich alles nicht gewohnt.
Mein Fazit: Du bleibst besser für den Rest deines Lebens allein. Ist allemal sinnvoller, als immer und immer wieder verletzt zu werden.
Der letzte Gedankengang kostete mich besonders viel Kraft.
Noch vor ein paar Wochen hätte ich das vehement von mir gewiesen, doch jetzt musste ich es mir eingestehen. Ich war einsam. Verdammt einsam. Eigentlich schon mein ganzes Leben lang, weil ich nie eine Partnerschaft in dem Sinne erlebt hatte. Irgendwie fühlte es sich an, als sei meine Welt aus den Angeln gehoben worden.
In dieser Zeit habe ich sehr viel geweint. Mir die Einsamkeit einzugestehen, tat unendlich weh. Freunden und Familie spielte ich Theater vor. Ich musste erstmal selbst irgendwie klarkommen, herausfinden, was nicht stimmte. Ich fühlte mich, als sei mein Leben auf einer Lüge aufgebaut, als hätte ich die ganze Zeit nur an der Oberfläche gelebt und würde jetzt zum ersten Mal untertauchen.
Nur wenige Tage später ging es auf große Tour mit meinem Chor. Ausgerechnet jetzt stand die lange geplante Konzertreise in die USA an. Wie hatte ich mich darauf gefreut! Doch nun wäre es mir am liebsten gewesen, wenn die Reise abgesagt worden wäre. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was zur Hölle stimmte mit mir nicht? Jeder, Freunde, Kollegen, Familie, fragte mich, ob ich mich denn auf die Reise freue. Ja! Klar! Äußerlich strahlte ich. Aber in mir drin sah es komplett anders aus. Ich fürchtete mich schrecklich.
Einerseits war es gut, andererseits fatal, dass ich vor allem mit zwei Pärchen zusammen war. Wir waren immer in Grüppchen in Mietwagen unterwegs. Die ersten Tage verbrachten wir in Boston, das ist eine wunderschöne Stadt, sehr übersichtlich und für Touristen leicht erkundbar. Dann ging es weiter nach New York, das alles andere als übersichtlich ist. Ich habe ein furchtbar schlechtes Orientierungsvermögen und hatte panische Angst, verloren zu gehen. Und so tappte ich den beiden Pärchen hinterher, die sich natürlich an der Hand hielten und versuchte verzweifelt, den Anschluss nicht zu verpassen.
Und ich wünschte mich nach Hause. In mein Bett, Decke über den Kopf.
Schlimm für mich war, dass ich praktisch nie allein war. Irgendwer war immer um mich herum. Ich hätte mich so gern mal zurückgezogen und einfach nur geweint, doch das konnte ich nicht tun. So schluckte ich die Tränen und meine wachsende Verzweiflung runter und setzte eine betont fröhliche Miene auf. Wie sehr beneidete ich die anderen Chormitglieder, die die Reise in vollen Zügen genossen!
Interessant war, dass ich nach einem Konzert von einer Frau angesprochen wurde, ich hätte so viel Lebensfreude rübergebracht… Ich wusste gar nicht, dass ich so viel schauspielerisches Talent besaß.
Wieder zuhause, ging das Leben weiter. In stundenlangen Selbstgesprächen versuchte ich, der Sache auf den Grund zu gehen. Ich war weiterhin wie zugeschnürt, konnte mich niemandem anvertrauen und musste meine „Sinnkrise“ (den Begriff „Depression“ verbot ich mir) mit mir selbst ausmachen. Und ich war gnadenlos. Riss alte Wunden auf, wieder und wieder, ließ den giftigen Eiter ablaufen. Ich kratzte nicht nur am Schorf – ich fuhr mit dem Messer hinein.
Ich habe mir in dieser Zeit viele Dinge eingestanden, die mich innerlich zerrissen – mir aber auf Dauer halfen, alles ein bisschen klarer zu sehen. Mich klarer zu sehen.
Im Januar hatte ich einen Termin zum großen Check-up bei meiner Hausärztin. Das übliche Prozedere. Ich war eigentlich schon am Gehen, da drehte ich mich nochmal um und es platzte regelrecht aus mir heraus. Wie es mir gerade ging, wie ich mich fühlte. Und ich redete zum ersten Mal seit Monaten über meine „Sinnkrise“.
Meine Ärztin bedeutete mir mit einer Handbewegung, mich wieder zu setzen und hörte mir schweigend zu. Als ich geendet hatte, meinte sie, dass sich das nach einer handfesten Depression anhören würde und schrieb mir eine Überweisung für einen Psychologen.
Als sich einmal die Schleusen geöffnet hatten, konnte ich auch mit anderen Menschen darüber reden. Mit meiner besten Freundin, die sich Vorwürfe machte, dass sie nichts gemerkt hatte. Beim Personalgespräch mit meinem Chef, der mir auf den Kopf zusagte, dass ich mich verändert und irgendwie meine Fröhlichkeit verloren hatte. Auch durch diese Gespräche bemerkte ich, wie es mir langsam, aber sicher besser ging. Noch immer führte ich „Therapiegespräche“ mit mir selbst.
Die Überweisung blieb ungenutzt in der Schublade.
Witzigerweise half mir auch die aktuelle Situation. Es war Anfang 2020, ein Virus hielt die Welt in Atem. Irgendwie hatte man jetzt andere Sorgen. Ich erinnere mich, dass wir über die Autobahn fuhren. Es müsste Mai gewesen sein, ich sah Blumen und Blüten, der Frühling war in vollem Gange. Und ich dachte zum ersten Mal seit etwa 9 Monaten: „Hey, das Leben ist schön!“
Heute geht es mir weitestgehend gut. Ich habe das Gefühl, mich damals selbst am Haarschopf aus meiner (ich nenne es immer noch) Sinnkrise herausgezerrt zu haben. Wenn es eine Depression war, war es nur eine leichte Form, da bin ich mir sicher. Aus einer richtigen Version wäre ich niemals allein wieder rausgekommen.
In der Zwischenzeit sind viele für mich schlimme Dinge passiert. Der Tod meiner Freundin im Sommer 2021 zum Beispiel. Ich musste stark sein für ihre Tochter, die danach ein Vierteljahr bei mir wohnte. Dann der Tod meines Vaters ein Jahr später. Wieder musste ich stark sein, alles managen, die Familie brauchte mich.
Manchmal habe ich das Gefühl, wieder am Abgrund entlangzutaumeln. Doch ich versuche, mich weiterhin tapfer oben zu halten, nicht wieder abzurutschen.
Hoffen wir, es gelingt mir weiterhin.
Hinweis: Bitte niemals eine Depression auf die leichte Schulter nehmen. Sucht euch Hilfe bei kompetenten Menschen! Depression ist immer noch ein Tabu-Thema, doch es sind mehr Menschen davon betroffen, als man gemeinhin denkt.

