Wie eine Unterlassungserklärung mich dazu bringt, das demokratisch gereinigte Familienbild der Stauffenbergs etwas genauer anzusehen
Ich lese einen Artikel über Uwe Steimle und bleibe an einem Satz hängen. Steimle sagt bei einer AfD-Veranstaltung: „Wenn ich Friedrich Merz sehe, frage ich mich manchmal, wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht.“ Das ist eine Anspielung auf ein Attentat. Man kann sie geschmacklos finden, gefährlich, verantwortungslos oder schlicht erbärmlich billig.
Man kann auch darüber reden, weshalb ausgerechnet bei einer AfD-Veranstaltung der Name Stauffenberg fällt. Stoff genug wäre vorhanden. Doch der Artikel interessiert sich vor allem für die verletzte Familiengeschichte. Karl Graf von Stauffenberg, Enkel des Hitler-Attentäters, erklärt, sein Großvater werde in den Schmutz gezogen. Er spricht von „Geschichtsklitterung par excellence“ und sagt, der Großvater habe „Recht, Ordnung und Freiheit wiederherstellen“ wollen. Später begrüßt er Steimles Unterlassungserklärung und vermisst noch eine öffentliche Entschuldigung. Steimle habe immerhin dem gewählten Bundeskanzler gedroht.
Ich lese „Recht, Ordnung und Freiheit“ und merke, wie sich in meinem Kopf etwas querstellt. Welche Ordnung? Welches Recht? Wessen Freiheit? Und warum übernimmt der Artikel diese drei blank polierten Wörter, als läge ihre Bedeutung offen auf dem Tisch? Bei einem Mann wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist genau das die entscheidende Frage. Dass er Hitler töten will, steht fest. Dass er dafür sein Leben riskiert und verliert, ebenfalls. Daraus entsteht in der Bundesrepublik eine angenehm einfache Gleichung: Wer Hitler töten wollte, war Antifaschist. Wer Antifaschist war, wollte Demokratie. Wer Demokratie wollte, meinte mit Recht, Ordnung und Freiheit ungefähr dasselbe wie wir heute. Drei gedankliche Sprünge, und schon steht ein makelloser Verfassungsfreund im Bendlerblock.
An diesem Punkt frage ich mich, wo der Enkel politisch steht. CDU? CSU? FDP? Vielleicht AfD-Nähe? Ich sehe nach. Für die letzte Vermutung finde ich keinen Beleg, also bleibt sie draußen. Ich gehe von FDP aus und treffe. Karl Graf Stauffenberg ist stellvertretender Landesvorsitzender der bayerischen FDP. Das dokumentiert die Partei auf ihrer offiziellen Seite.
Das passt fast zu gut zu meinem Artikel „Gebt den Nazis ihre Rente“. Darin geht es um das Bundesversorgungsgesetz von 1950, um den FDP-Abgeordneten Erich Mende und seinen erfolgreichen Vorstoß gegen den Ausschluss politisch Belasteter. Der restliche Bundestag trägt den Handel anschließend mit. Sogar Lina Heydrich erhält später eine Hinterbliebenenversorgung. Mehr muss ich hier nicht wiederholen. Die historische Symmetrie genügt mir: Den berühmten Großvater erbt Karl Graf Stauffenberg, die FDP wählt er selbst. Dazwischen liegen 76 Jahre bundesdeutscher Erinnerungskultur und sehr viel Politur.
Aber mein Problem beginnt eigentlich viel früher. Es beginnt bereits beim Namen des Enkels.
GRAF AM ARSCH
Mein erster Gedanke ist wenig druckreif: Graf am Arsch. Wir leben in einer Republik. Der Adel ist seit 1919 kein rechtlicher Stand mehr. Seine Bezeichnungen bleiben als Bestandteile von Familiennamen erhalten. Das ist die juristische Fassung. Die gesellschaftliche sieht anders aus. Schlösser, Land, Vermögen, Beziehungen und der Klang eines Namens verschwinden nicht, weil eine Verfassung den Stand aus dem Gesetz streicht. Die Republik schafft das Adelsprivileg auf dem Papier ab. Das Grundbuch bekommt davon häufig wenig mit. Wer solchen Besitz erbt und anschließend über Steuern und Unterhalt jammert, beschreibt die Beschwerlichkeit eines Vorteils.
Karl Schenk Graf von Stauffenberg tritt öffentlich als Karl Graf Stauffenberg auf. Der Rang ist rechtlich Teil seines Namens, gesellschaftlich arbeitet er weiterhin wie ein Rang. Er signalisiert Herkunft, historische Nähe und Autorität. Genau diese Autorität setzt der Enkel jetzt ein. Er spricht nicht bloß als Bürger, der einen politischen Satz kritisiert. Er spricht als Nachkomme, als Verwalter eines geerbten Namens und als vermeintlicher Eigentümer der zulässigen Deutung. Wer den Großvater erwähnt, soll offenbar die Familienfreigabe für den historischen Zusammenhang mitliefern.
Aber wem gehört Claus von Stauffenberg? Seiner Familie? Der Bundesrepublik? Den Gedenkstätten? Den Konservativen, die einen Widerstandskämpfer brauchen, der Uniform trägt, aus gutem Haus stammt und den gesellschaftlichen Besitzstand nicht gefährdet? Oder gehört eine historische Figur der öffentlichen Auseinandersetzung, einschließlich all jener Teile, die auf Gedenktafeln weniger hübsch aussehen?
Der Enkel verlangt den richtigen Kontext. Gut. Dann sehe ich mir den Kontext an.
WIE VIEL ANTIFASCHIST STECKT IN EINEM HITLER-ATTENTÄTER?
Karl Graf Stauffenberg sagt, sein Großvater werde durch Steimles Satz „in den Schmutz gezogen“. Dabei braucht niemand Stauffenberg in den Schmutz zu ziehen. Man muss nur den Sockel abwischen.
Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist kein heimlicher Sozialdemokrat, der sich versehentlich in eine Wehrmachtsuniform verirrt. Er stammt aus dem süddeutschen Adel, ist Berufsoffizier, Nationalist und vom elitären George-Kreis geprägt, dessen Mitglieder sich als berufene Führungsschicht eines ‚geheimen Deutschland‘ verstehen. 1932 spricht er sich bei der Reichspräsidentenwahl gegen Hindenburg und für Hitler aus. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler begrüßt er. Er teilt zentrale Ziele der nationalistischen Rechten: Überwindung von Versailles, Wiederaufrüstung, nationale Größe, autoritärer Staat. Dass er der NSDAP nie beitritt, ist biografisch erwähnenswert. Eine demokratische Gesinnung entsteht aus einem fehlenden Parteibuch allerdings noch lange nicht. Die Biografie des Deutschen Historischen Museums beschreibt seine anfängliche Zustimmung zu Hitlers nationaler und militärischer Politik klar.
Dann kommt Polen. Im September 1939 schreibt Stauffenberg aus dem Feldzug an seine Frau: „Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk.“ Er erklärt weiter, diese Bevölkerung fühle sich nur unter Zwang wohl, und sieht in den Gefangenen brauchbare Arbeitskräfte für Deutschland.
Im Januar 1942 nennt Stauffenberg Hitlers Übernahme des Oberbefehls über das Heer sogar ein „Geschenk an das Heer“, wie die Frankfurter Rundschau anhand seiner Briefe nachzeichnet. Erst im Verlauf des Krieges löst er sich, langsamer als andere Verschwörer, von seiner Faszination für Hitler. Ab September 1943 gehört er zum Zentrum der Attentatsvorbereitungen.
Ich halte kurz an. Die Geschichte kennt also zwei Tatsachen, die gleichzeitig wahr sind. Stauffenberg ist anfangs ein Anhänger wesentlicher Ziele Hitlers und äußert sich rassistisch und antisemitisch. Später versucht er, Hitler zu töten, und bezahlt dafür mit seinem Leben. Die Bombe im Jahr 1944 reinigt keinen Brief aus dem Jahr 1939.
Der Vernichtungskrieg beginnt lange vor 1944. Die Massenerschießungen im Osten, die Deportationen und die Vernichtung der europäischen Juden sind keine plötzliche Entdeckung des Sommers 1944. Stauffenberg bewegt sich über Jahre im militärischen Apparat, während Deutschland mordet und große Teile Europas beherrscht. Zum zentralen Verschwörer wird er, als der Krieg sich gegen Deutschland wendet und die Katastrophe des Reiches kaum noch zu übersehen ist.
Da stellt sich mir eine hässliche, aber legitime Frage: Was wiegt für ihn schwerer, der Massenmord oder die drohende Niederlage? Wäre Hitler für ihn ebenso beseitigungsbedürftig geworden, wenn die Wehrmacht 1944 überall gesiegt hätte? Die staatliche Heldenerzählung tut gern so, als sei die Antwort selbstverständlich. Die zynische Zuspitzung schießt mir trotzdem durch den Kopf: Mit wie vielen Toten hätte dieser Nationalist leben können, solange Deutschland gewinnt? Eine Million? Zwei? Oder doch nur 10.000? Ab welcher Zahl verwandelt sich für Stauffenberg Recht zu Unrecht? Ich sehe nur einen Mann, dessen Weg in den aktiven Widerstand sehr spät beginnt und mit Deutschlands militärischem Absturz zusammenfällt.
Die kürzeste Fassung dieser Chronologie klingt brutal: Solange Hitler mordet und siegt, bleibt Stauffenberg Offizier. Als Hitler mordet und verliert, wird Stauffenberg zum Widerstandskämpfer. Das beweist kein einzelnes Motiv. Es zerstört aber die bequeme Gewissheit, sein Attentat sei automatisch aus einer konsequent antifaschistischen Haltung hervorgegangen.

MUT IST NOCH KEINE WELTANSCHAUUNG
Das Attentat ist mutig. Es ist auch mutig, einem Nashorn die Eier zu kitzeln. Mut bezeichnet das Risiko einer Handlung, noch nicht ihren politischen oder moralischen Gehalt. Ein Mafioso, der den Paten töten will, wird durch seinen Mut nicht zum Anhänger von Recht und Gesetz. Ein General, der einen Diktator beseitigen will, wird dadurch nicht automatisch zum Demokraten. Stauffenberg hat ein autoritäres, nationalistisches und antiegalitäres Deutschland angestrebt.
Wenige Wochen vor dem Attentat entsteht im Kreis der Brüder Claus und Berthold von Stauffenberg ein Schwur für die angestrebte neue Ordnung. Darin heißt es: „Wir verachten aber die Gleichheitslüge und beugen uns vor den naturgegebenen Rängen.“ Das Wort „Gleichheitslüge“ steht dort tatsächlich. Ebenso die „naturgegebenen Ränge“. Der Text verspricht Recht und Gerechtigkeit, denkt die Gesellschaft zugleich als natürliche Hierarchie unter berufenen Führern.
Jetzt lese ich den Satz des Enkels noch einmal: Der Großvater habe „Recht, Ordnung und Freiheit wiederherstellen“ wollen. Plötzlich interessiert mich jedes einzelne Wort. Recht, ja. Welches Recht? Ordnung, gewiss. Eine Ordnung der „naturgegebenen Ränge“. Freiheit, vermutlich. Freiheit für wen, in welchem Staat und unter welcher Führung? Die Gleichheit jedenfalls gilt in diesem politischen Entwurf als Lüge.
„Recht und Ordnung“ klingt nur dann neutral, wenn ich nicht frage, wer das Recht setzt und wer in der Ordnung oben steht. Linke reden häufiger von Gleichheit, Emanzipation, Umverteilung und Herrschaftskritik. Konservative und Autoritäre lieben „Recht und Ordnung“, weil die Formel jede bestehende Hierarchie als vernünftige Normalität verkleiden kann. Der Unternehmer besitzt, der Arbeiter gehorcht, der Graf führt, der Pöbel kennt seinen Platz. Alles wirkt friedlich, solange niemand fragt, wie diese Plätze verteilt werden.
Und ausgerechnet der Enkel eines Mannes, der sich vor „naturgegebenen Rängen“ beugt, tritt heute mit dem Grafen im öffentlichen Namen auf und erklärt mir, sein Großvater habe Ordnung wiederherstellen wollen. Vielleicht hört er den historischen Nachhall selbst nicht mehr. Ich höre ihn sehr deutlich.
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Quellen und weiterführende Hinweise
Der Ausgangspunkt ist der SPIEGEL-Artikel „Kabarettist Steimle unterschreibt Unterlassung nach Stauffenberg-Aussage“ vom 20. August 2026. Zu Stauffenbergs Biografie, seinen frühen politischen Positionen und seinem Weg in den Widerstand siehe das Deutsche Historische Museum und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Zum Polenbrief und zur Diskussion seines Antisemitismus siehe Deutschlandfunk Kultur. Zum politischen Schwur der Brüder Stauffenberg siehe das Max-Planck-Institut. Karl Graf Stauffenbergs gegenwärtige Funktion dokumentiert die FDP Bayern. Zum Urteil über Lina Heydrichs Kriegsopferversorgung siehe die juristische Einordnung bei Legal Tribune Online.

