Oder: Von der unverschämten Anmaßung, Gerechtigkeit sogar für andere zu fordern

Wir Linken sind eine Zumutung. Während anständige Menschen morgens prüfen, ob der eigene Besitz ausreichend gegen den Rest der Menschheit verteidigt ist, stehen wir auf und verlangen Dinge für völlig Fremde. Für Kinder, deren Namen wir nie erfahren werden. Für Kranke, die in keinem unserer Telefonbücher stehen. Für Menschen, die anders leben, anders lieben, anders aussehen, anders glauben oder schlicht mit weniger günstigen Karten in dieses merkwürdige Glücksspiel namens Gesellschaft geraten sind. Wir erwarten dafür weder Dank noch Dividende. Ein geradezu perverser Mangel an wirtschaftlicher Vernunft.
Wir fordern gleiche Rechte für alle. Schon der Gedanke klingt verdächtig. Rechte sollten schließlich etwas Besonderes bleiben, am besten erblich, käuflich oder wenigstens abhängig vom richtigen Nachnamen. Stattdessen verlangen wir Schutz vor Willkür, Zugang zu Bildung, medizinische Versorgung, bezahlbaren Wohnraum, Kultur, Kunst und ein Leben ohne Hunger. Dinge also, die weder Luxusjacht noch Privatinsel hervorbringen und damit nach den Maßstäben unserer Zeit praktisch wertlos sind.
Besonders anmaßend ist unser Verhältnis zur Arbeit. Wir finden, dass Menschen von ihrem Lohn leben können sollten. Beschäftigte sollen Urlaub haben, bei Krankheit weiterbezahlt werden, Pausen bekommen, vor Entlassung geschützt sein und irgendwann sogar nach Hause dürfen. Diese Forderungen wurden über Generationen gegen Unternehmer, Regierungen und jene gesellschaftlichen Kreise durchgesetzt, die jede Verbesserung der Arbeitsbedingungen zuverlässig als Untergang der Zivilisation deuteten. Der Achtstundentag galt als Wahnsinn, Tarifverträge als Angriff auf die Freiheit, bezahlter Urlaub als wirtschaftlicher Selbstmord. Die Wirtschaft überlebte. Sie besitzt ein bemerkenswertes Talent, jeden sozialen Fortschritt erst zur Apokalypse zu erklären und anschließend in ihre Imagebroschüren aufzunehmen.
Dasselbe Schauspiel wiederholt sich seit über hundert Jahren. Frauenwahlrecht, Krankenversicherung, Renten, Arbeitsschutz, öffentliche Schulen, Betriebsräte, Mindestlohn, Unterstützung für Erwerbslose: Jede dieser Errungenschaften begann als radikale Forderung verantwortungsloser Unruhestifter. Heute werden sie auch von jenen selbstverständlich genutzt, deren politische Vorfahren sie mit aller Kraft verhindern wollten. Konservative genießen bezahlten Urlaub mit einer Hingabe, die fast vergessen lässt, dass ihre geistigen Ahnen ihn vermutlich für bolschewistische Dekadenz gehalten hätten.
Inzwischen haben wir unsere egoistische Maßlosigkeit weiterentwickelt. Heute fordern wir Empathie. Inklusion. Achtsamkeit. Rücksicht. Teilhabe. Menschen sollen einander zuhören, Barrieren abbauen und bei ihrem Handeln gelegentlich berücksichtigen, dass andere ebenfalls existieren. Eine Gesellschaft, die jahrhundertelang Rücksichtslosigkeit als Stärke verkauft hat, erlebt diesen Gedanken natürlich als Angriff. Wer gewohnt ist, immer durch jede Tür zu kommen, empfindet schon eine Rampe für andere als persönlichen Machtverlust.
Besonders gefährlich ist die Inklusion. Plötzlich sollen Menschen mit Behinderung, chronischer Erkrankung, Armut, anderer Herkunft oder ungewöhnlicher Biografie vollständig dazugehören. Schulen, Arbeitsplätze, Behörden, Kultur und öffentlicher Raum sollen sich an real existierende Menschen anpassen. Das erschüttert eine Ordnung, deren größter Stolz darin besteht, Menschen nach ihrer Brauchbarkeit zu sortieren und die Aussortierten anschließend für ihr Aussortiertsein verantwortlich zu machen.
Empathie steht ebenfalls unter schwerem Verdacht. Wer sich in andere hineinversetzt, könnte ihre Lage verstehen. Wer ihre Lage versteht, könnte gesellschaftliche Ursachen erkennen. Wer gesellschaftliche Ursachen erkennt, könnte politische Veränderungen verlangen. Schon beginnt die ganze Katastrophe: höhere Löhne, bessere Pflege, gerechtere Bildungschancen, Schutz vor Diskriminierung, weniger Armut. Am Ende müsste Vermögen sogar einen Beitrag zur Gesellschaft leisten, durch deren Straßen, Schulen, Gerichte, Infrastruktur und Arbeitskräfte es überhaupt entstehen konnte. Eine verstörende Vorstellung.
Darum nennt man solche Forderungen inzwischen gern „linksfaschistisch“. Der Begriff besitzt den großen Vorteil, dass man weder über Faschismus noch über linke Politik etwas wissen muss. Es genügt, jede Bitte um Rücksicht als Diktatur und jede Kritik an Rücksichtslosigkeit als Unterdrückung zu empfinden. Jemand bittet um eine respektvolle Anrede? Totalitarismus. Eine Schule baut eine Rampe? Kulturverfall. Ein Unternehmen soll Menschen unabhängig von Herkunft oder Geschlecht fair behandeln? Gesinnungsterror. Der moderne Freiheitsbegriff erreicht seine höchste Vollendung dort, wo die eigene Bequemlichkeit als Menschenrecht und die Würde anderer als ideologische Zumutung gilt.
Unser größtes Verbrechen bleibt jedoch die Solidarität. Wir fordern Dinge, von denen oft Menschen profitieren, die uns völlig unbekannt sind. Wir kämpfen für Rechte, die wir selbst vielleicht längst besitzen. Wir verteidigen Gruppen, denen wir gar nicht angehören. Wir wollen, dass Kinder ohne Hunger aufwachsen, obwohl es fremde Kinder sind. Wir wollen, dass alte Menschen würdig leben, obwohl sie unsere Eltern nie kennengelernt haben. Wir wollen, dass niemand wegen Armut, Krankheit, Herkunft oder Behinderung aus der Gesellschaft fällt, obwohl wir persönlich keinen Cent daran verdienen.
Das ist unser Egoismus: Wir wollen in einer Gesellschaft leben, in der Menschlichkeit mehr zählt als Herkunft, Geld und Verwertbarkeit. Wir wollen Sicherheit auch für jene, die uns fremd bleiben. Wir wollen Freiheit auch für Menschen, deren Leben wir selbst niemals führen würden. Wir wollen Gerechtigkeit sogar dort, wo sie unseren eigenen Vorteil kaum berührt.
Wir Linken sind egoistische Arschlöcher. Wir wollen eine bessere Welt und maßen uns auch noch an, sie mit allen zu teilen.

