
Heute möchte ich euch etwas von meinem damaligen Arbeitsplatz erzählen.
In einem der größten Betriebe in unserer Umgebung habe ich den Beruf eines Facharbeiters für Schreibtechnik gelernt. Das war der DDR-Begriff für Stenotypistin oder kurz Schreibkraft.
Im letzten Halbjahr meiner Ausbildung erhielt ich 175 Mark, davon gab ich 100 Mark zuhause ab als Kostgeld. Für meine Eltern war das sehr willkommen, für mich eine Selbstverständlichkeit. Später dann hatte ich etwa 650 Mark Gehalt, mehr als mein Vater verdiente. In den ersten Monaten gab es noch die sogenannten Lohnstreifen und man holte sich sein Geld in bar ab. Kurz darauf wurde das Gehalt dann aufs Konto überwiesen.
Die beiden Jahre meiner Ausbildung setzten sich, wie es heute auch noch üblich ist, aus Berufsschule und betrieblicher Ausbildung zusammen. In der Berufsschule war ich zuerst ein bisschen gehandikapt, da ich die ersten sechs Wochen krank war. Vor allem an der Schreibmaschine fehlten mir die ersten Wochen sehr, da die Buchstaben einzeln erarbeitet wurden. Dieses komplette „Blindschreiben“, das bedeutet, nicht auf die Tasten zu schauen, habe ich nie wirklich hingekriegt. Unsere Lehrerin warnte mich immer, ich würde nie auf die für die Prüfung erforderliche Geschwindigkeit kommen, wenn ich beim Schreiben immer wieder auf die Tasten sehe. Ein paar Monate später zollte sie mir Respekt; ich sei die erste, die das geschafft habe.
Auch heute schaue ich beim Schreiben teilweise auf die Tastatur. Das passiert aber mehr reflexartig. Wenn ich wollte, könnte ich einen Text ohne Probleme blindschreiben. Ha! Hat gerade geklappt!
Stenografie lernten wir auch. Hier mussten wir vor allem Texte aus irgendwelchen SED-Parteitagsreden stenografieren und in Langschrift, also mit der Schreibmaschine, übertragen. Da sich die Reden alle sehr stark ähnelten, war das relativ einfach. So ein bisschen Steno kann ich immer noch, aber ich könnte nie wieder so schnell schreiben wie damals.
Während der betrieblichen Ausbildung wurde ich immer wieder in verschiedenen Bereichen eingesetzt. Die erste Abteilung, in der ich etwa vier Wochen arbeitete, war die Telefonzentrale. Hier gab es nur eine Mitarbeiterin, die, wie ich zu meinem Erstaunen feststellte, nur eine Hand hatte. Die andere war ihr als junges Mädchen bei einem Unfall abgetrennt worden. Anfangs wollte ich immer wieder zugreifen und helfen, wurde dann aber barsch zurechtgewiesen, dass sie sehr gut klarkäme. Und das war auch der Fall. Schnell spielten wir uns aufeinander ein und waren ein richtig gutes Team, bis ich wieder wechseln musste.
So vergingen die Monate, immer wieder andere Abteilungen, andere Aufgaben und andere Menschen. Hier fühlte ich mich sehr wohl, dort eher weniger. Gelernt habe ich eine Menge. Wie man einen Fernschreiber bedient, zum Beispiel. Müsst ihr mal googeln. Das waren große, laute Geräte, aber total faszinierend für mich. Gerne habe ich auch in der Abteilung Forschung und Entwicklung, kurz F&E, (intern hießen sie „Freizeit und Erholung“) gearbeitet. Da war der Arbeitsplatz meiner Lehrausbilderin, sie hatte eine große Schreibmaschine, die schon damals eine Art Speicher hatte. Drei oder fünf Zeilen konnte man in einem Display schreiben, dann drückte man auf eine Taste, die Maschine ratterte los und druckte die Zeilen auf Papier.
In einer anderen Abteilung saß ich an einem riesigen Computer und schrieb Ausgangsrechnungen. Die Eingabe der Daten in eine Maske fand ich superspannend. Es hat dann zehn Jahre gedauert, bis ich wieder an einem Computer gearbeitet habe.
Alles in allem eine schöne Zeit, in vielen Bereichen war ich richtig gern, in anderen eher weniger, das hatte aber oft mit den Mitarbeitern zu tun.
Schlussendlich wurde ich in der Materialwirtschaft eingesetzt, trotz aller Proteste meinerseits. Ich hatte es, glaube ich, schon erzählt, dass wir in einer Baracke saßen, mit tiefen Löchern im Boden. Ich hatte wenigstens ein eigenes Büro, das war jedoch winzig, dass Sommer wie Winter das Fenster weit offen stand. Hatte den Vorteil, dass die Leute, die draußen vorbeiliefen, immer mal auf ein Schwätzchen stehenblieben. Ansonsten war es trostlos, den ganzen Tag schrieb ich sogenannte Wirtschaftsverträge, die brauchte man, um Material bestellen zu können.

Später hab ich oft gedacht, wie hilfreich ein Computer gewesen wäre, oder wenigstens ein passendes Formular, auf dem unsere Firmenadresse schon aufgedruckt gewesen wäre… Doch ich saß an einer alten elektrischen Schreibmaschine, brauchte für jeden Vertrag vier Durchschläge und habe immer wieder dieselben Sachen getippt.
Ich hätte mir gern ein Radio hingestellt, doch hätte ich dann DDR-Radio hören müssen. Etwas anderes war nicht erlaubt. Darauf hatte ich keine Lust. Zuhause hörten wir Antenne Bayern, das war damals unser bevorzugter Sender. Einer Kollegin ging es ähnlich, sie hatte ihr Radio auf irgendwelche Kinderchöre eingestellt. Das war auch nicht mein Ding, so brachte ich meinen Kassenrecorder mit, dagegen hatte niemand was.
So wurde die triste Arbeit erträglich.
Der Betrieb war sehr groß. Wir hatten einen Betriebsarzt, dort konnte man sich im Winter täglich einen sogenannten „Grippetrunk“ abholen, das war ein Becherchen mit Hustensaft, den gibt es auch heute noch, „Fagusan“ heißt er, schmeckt scheußlich, aber hilft ganz gut + eine Tablette „Analgin“. Die war damals das Allheilmittel gegen Fieber und Schmerzen. Nicht weit davon war eine kleine Verkaufsstelle, dort holte ich mir immer Blockschokolade mit Erdnüssen, die mochte ich sehr.
17 Uhr war Feierabend, zumindest für diejenigen, die keine Schichtarbeit machen mussten. Zehn Minuten vorher stand die ganze Belegschaft schon auf dem Hof und wartete, dass Punkt fünf Uhr das Betriebstor geöffnet wurde. Das könnte sich heutzutage niemand mehr erlauben.
Apropos Schichtarbeit. Einmal im Jahr war es zumindest bei uns für die Büromenschen Pflicht, für vier Wochen „in die Produktion“ zu gehen. Das bedeutete, vier Wochen lang war man ein ganz „normaler“ Arbeiter, der an einer Maschine stand. Viele versuchten sich davor zu drücken, ich hingegen fand es gut, mal aus dem miefigen Büro rauszukommen. Ich hatte Glück, kam in eine prima Truppe, in der ich mich wohl fühlte. Natürlich musste man genauso wie die anderen in Schichten arbeiten. Ich stand an einer Maschine und befüllte diese mit Rohstoffen, um dann das fertige Produkt rauszuholen. War nicht sonderlich anstrengend, komisch war nur das Wissen darum, dass dieses Produkt nicht zu uns in die Läden kam. Es hieß, alles würde in den Westen geliefert, nur die Ausschussware konnte bei uns gekauft werden.
Da zu den Schichtarbeitszeiten keine Busse fuhren, hatte ich meinen eigenen Fahrdienst. Ein junger Mann, Mitte bis Ende 20, also ein paar Jahre älter als ich, holte mich mit einem „Barkas“, eine Art Lieferwagen, zu Hause ab und brachte mich auch am Schichtende wieder nach Hause. Kostenlos. Ich mochte den Kerl, den alle Bill nannten, ich hab nie erfahren, wie er richtig hieß. Wenn er mich nach Hause gebracht hatte, kochte ich ihm meistens noch einen Kaffee und wir saßen lange quatschend in der Küche. Für mich war er ein Kumpel und ich war ganz erschrocken, als er eines Abends an unserem Haus vorbeifuhr und in einen einsamen Weg einbog. Dort stellte er den Motor ab und schaute mich erwartungsvoll an.
Prima, dachte ich. Was machst du jetzt? Wie gesagt, ich konnte Bill gut leiden, aber – mehr war da nicht. Verletzen wollte ich ihn auch nicht.
Also fing ich an, Witze zu erzählen. Das kann ich gut. Ich erzählte einen Witz nach dem anderen, noch einen, noch einen… Irgendwann fing Bill an zu lachen und meinte nur: „Ist ja gut, ich habe verstanden.“ Er ließ den Motor wieder an und brachte mich nach Hause.
Kaffee hat er dann aber nicht mehr bei uns getrunken.
Bei der Nachtschicht gab es noch etwas Besonderes. Um Mitternacht wurde Essen in der Kantine ausgegeben, kostenlos für alle, die in der Nachtschicht arbeiteten. Frisch gekocht und sehr gut.
Trotz aller Vorteile habe ich gemerkt, wie die Nachtschicht schlaucht. Gegen zwei Uhr hatte ich immer einen richtigen Tiefpunkt und brauchte viel Kaffee, um über die restliche Nacht zu kommen.
Ich erinnere mich nicht mehr genau, aber an einem Wochenende sollten wir alle geschlossen an einer Veranstaltung teilnehmen, könnte eine Demo zum ersten Mai gewesen sein. Dumm nur, dass an diesem Wochenende meine Großeltern ihre Diamantene Hochzeit feierten und ich unabkömmlich war. Man wollte mich tatsächlich zwingen, zugunsten dieser blöden Veranstaltung meinen Großeltern abzusagen. Da habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt und schließlich gab man nach, war aber not amused.
Den Hausarbeitstag (oder wie er bei uns hieß: Haushaltstag) fand ich gut. Einen Tag im Monat bekam frau frei, um dringende Arbeiten oder Termine erledigen zu können. Das vermisse ich heute tatsächlich.
Eben habe ich gelesen, dass alleinstehende Männer ebenfalls den Haushaltstag in Anspruch nehmen konnten, vielleicht weiß da jemand was drüber?
Einmal musste ich mit einer Unterschrift bestätigen, dass ich an irgendeinem Wettbewerb teilgenommen hatte und gemeinsam mit meinen Kollegen eine wichtige Neuerung erfunden hatte. Komisch nur, dass ich davon nichts mitbekommen hatte.
Als dann die Wende kam, veränderte sich das Betriebsklima deutlich. Jetzt wurde offen über vieles geredet. Eine meiner Kolleginnen wurde bezichtigt, bei der Stasi zu sein und alle ausspioniert zu haben. Ob es stimmte, weiß ich nicht. Diese Zeit war unglaublich spannend, man wusste nicht, was passieren würde, wie es weitergehen würde. Ich bin nur bis Ende 1989 dortgeblieben, habe kurz darauf geheiratet und bin weggezogen.
Das Werk steht schon lange nicht mehr, bald nach der Wende wurde es dichtgemacht.
