Substantiv, Neutrum; Mehrzahl: die Zufallsleben.
Bezeichnung für eine menschliche Existenz, deren körperliche, gesellschaftliche und gedankliche Vorgänge sich durch weitgehend ohne erkennbare innere Steuerung bedingt aus einer ununterbrochenen Folge unbeaufsichtigter Vorgänge zusammensetzt.

Das Zufallsleben wird geboren, weil zwei Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort voreinander stehen und der Kosmos für einen Augenblick jede Verantwortung von sich weist.
Es wächst heran, nimmt Nahrung zu sich, scheidet sie aus, findet durch Räume, schließt Ehen, zeugt Nachkommen, erscheint auf Familienfotos, erwirbt Eigentum, äußert Ansichten und erreicht bisweilen ein beträchtliches Alter, ohne dass zwischen diesen Ereignissen zwingend eine bewusste Regie erkennbar wäre. Jeder einzelne Vorgang geschieht, weil der vorherige Vorgang ihn zufällig ausgelöst hat. So entsteht der Eindruck einer Biografie, ähnlich wie eine Reihe umgestürzter Dominosteine aus ausreichender Entfernung wie ein Weg wirken kann.
Besonders bemerkenswert ist das Denken. Beim Zufallsleben bezeichnet dieses Wort eine gelegentliche Reaktion des Gehirns auf äußere Reize. Ein Satz fällt hinein. Ein Bild bleibt hängen. Eine Behauptung begegnet ihm oft genug. Daraus entsteht eine Meinung. Diese Meinung wird verteidigt, weil sie inzwischen vorhanden ist. Ihre Herkunft bleibt unbekannt, ihre Prüfung unterbleibt, ihre Lautstärke ersetzt jede Begründung. Das Zufallsleben hält den Fund eines fremden Gedankens für geistiges Eigentum und verteidigt ihn mit der Leidenschaft eines Menschen, der seine Jacke an der Garderobe verwechselt hat.
Das Zufallsleben verfügt über ein vollständig unbeaufsichtigtes Bewusstsein. Gedanken kommen und gehen, ohne registriert, geprüft oder miteinander bekannt gemacht zu werden. Widersprüche leben dort friedlich nebeneinander, weil keiner von ihnen je lange genug betrachtet wird. Heute fordert es Freiheit, morgen Verbote. Heute misstraut es dem Staat, morgen verlangt es staatliche Härte. Heute beruft es sich auf Wissenschaft, morgen auf Bauchgefühl. Die Übergänge geschehen lautlos. Das Zufallsleben bemerkt sie kaum, denn Selbstbeobachtung wäre bereits Steuerung.
Auch Entscheidungen entstehen zufällig. Das Zufallsleben wählt keinen Weg. Es befindet sich irgendwann auf einem. Es heiratet, weil eine Beziehung lange genug angedauert hat. Es bekommt Kinder, weil Fortpflanzung bereits vor der Erfindung des Nachdenkens funktionierte. Es kauft ein Haus, weil eine Bank zustimmt. Es wählt einen Beruf, weil dort eine Stelle frei war. Es entwickelt politische Überzeugungen, weil eine Schlagzeile im richtigen Augenblick auf ein unbewachtes Bewusstsein trifft. Später nennt es diese Ansammlung äußerer Impulse Charakter.
Seine Beziehungen besitzen denselben Aufbau. Menschen geraten in seine Nähe, bleiben dort aus Trägheit, Gewohnheit, Angst oder gemeinsamer Finanzierung und werden nach einigen Jahren Familie genannt. Freundschaften entstehen aus räumlicher Wiederholung. Feindschaften entstehen aus Kommentaren. Liebe entsteht aus Gelegenheit. Trennung entsteht aus der nächsten Gelegenheit. Das Zufallsleben erlebt all dies mit großer Ernsthaftigkeit, weil ihm der Zufall selbst niemals als Zufall erscheint. Was geschieht, erhält im Nachhinein Bedeutung, ähnlich wie Flecken auf einer Wand nach längerer Betrachtung Gesichter bilden.
Im öffentlichen Raum tritt das Zufallsleben häufig durch Bemerkungen hervor, deren sachliche Bedeutung in auffälligem Missverhältnis zu ihrer Dringlichkeit steht. Erstaunlich dabei ist seine Fähigkeit, jeden Zusammenhang zu betreten und genau den unwichtigsten Bestandteil herauszutragen. Es kann einem Bericht über Krieg entnehmen, dass ein Komma fehlt. Es kann einer Fiktion entnehmen, dass die Geschichte erfunden sein könnte. Es kann einer wissenschaftlichen Erklärung entnehmen, dass sein Nachbar anderer Meinung ist. Seine Aufmerksamkeit bewegt sich ohne Richtung und bleibt deshalb bevorzugt dort liegen, wo keinerlei Erkenntnis droht.
Gesellschaftlich erfüllt das Zufallsleben eine wichtige Funktion. Es besetzt Räume. Es füllt Formulare aus. Es erzeugt Umsatz. Es verlängert Stammbäume. Es produziert Meinungsbilder. Es sitzt in Versammlungen, kommentiert Beiträge, stimmt ab, unterschreibt Petitionen und hinterlässt Nachkommen, denen es dieselben ungeprüften Sätze übergibt. Auf diese Weise pflanzt sich der Zufall kulturell fort und erhält den Anschein einer Tradition.
Das Ende eines Zufallslebens tritt ein, sobald die zufällige Zusammenarbeit seiner Organe aufhört. Dann verstummt ein Organismus, der jahrzehntelang Geräusche, Bewegungen, Meinungen und Stoffwechselprodukte hervorgebracht hat. Angehörige sprechen von einem erfüllten Leben. Gemeint ist meist, dass der Zeitraum zwischen Geburt und Tod vollständig mit Vorgängen belegt war.
Seine größte Leistung besteht darin, die zufällige Abfolge seiner Tage für ein geführtes Leben zu halten. Es blickt zurück und erkennt Absicht, wo Gelegenheit herrschte. Es erkennt Mut, wo Unkenntnis wirkte. Es erkennt Treue, wo Bequemlichkeit saß. Es erkennt Haltung, wo bloß jahrzehntelang dieselbe Meinung liegen blieb. Der Zufall erhält im Rückblick eine feierliche Rahmung, eine Lebensversicherung und einen Eintrag im Familienalbum.
Im übertragenen Sinn bezeichnet „Zufallsleben“ einen Menschen, dessen Existenz geschieht, dessen Gedanken auftreten, dessen Entscheidungen eintreten und dessen Ende erfolgt, ohne dass irgendwo zwischen Anfang und Verwesung eine erkennbare innere Regie ihren Dienst aufgenommen hätte.
Kurzform: ein biologischer Zwischenfall mit Personalausweis.
Siehe auch: unbeaufsichtigtes Bewusstsein, biografischer Autopilot, Reizreaktion, Gelegenheitsmeinung, organische Anwesenheit, Kommentarspaltenexistenz, gesellschaftlicher Platzhalter, selbsttätige Fortpflanzung.
