Es gibt Menschen, bei denen mein Pazifismus vollkommen stabil bleibt. Er sitzt da, trinkt Tee, betrachtet die Welt mit müder Milde und sagt: Gewalt ist keine Lösung. Dann gibt es Ulf Poschardt. Bei ihm räuspert sich mein Pazifismus, stellt die Tasse ab und schaut kurz zur Brille.
Das ist kein schöner Anfang. Gut so. Schöne Anfänge sind oft nur moralisch gebügelte Lügen mit Absatzkontrolle. Ich kannte Poschardt nicht, als ich sein Gesicht zum ersten Mal sah. Ich wusste nichts über seine Texte, seine Karriere, seine publizistische Funktion oder seine Vorliebe für Sätze, die aussehen, als hätten sie sich selbst beim Hetzen bewundert. Ich sah nur dieses Gesicht. Diese Haltung. Diese Mischung aus professoraler Überlegenheit, bürgerlicher Kälte und einem Ausdruck, der zu sagen schien: Ich habe die Verachtung bereits erledigt, ihr dürft jetzt nur noch reagieren.
Und in mir geschah etwas Hässliches. Kein politischer Gedanke. Keine Analyse. Kein Feuilleton in der Brusttasche. Nur dieser kurze, primitive Impuls: Dem möchte ich die Brille von der Nase kloppen.
Ich bin Pazifist. Wirklich. Ich halte Gewalt für das letzte Mittel jener, denen Sprache, Würde und Selbstbeherrschung entglitten sind. Ich glaube nicht an die reinigende Kraft der Faust, auch wenn die Faust sich gelegentlich für ein sehr überzeugendes Satzzeichen hält. Gerade deshalb erschreckt mich dieser Impuls. Denn er kam vor der Information. Vor der Begründung. Vor dem Dossier. Mein Körper hatte abgestimmt, bevor mein Verstand überhaupt die Tagesordnung kannte.
Also tat ich, was halbwegs zivilisierte Menschen tun, wenn sie einen hässlichen Gedanken haben: Ich misstraute mir. Vielleicht war es Projektion. Vielleicht eine zufällige Antipathie. Vielleicht einfach diese menschliche Schwäche, aus einem Gesicht eine Biografie zu basteln und sich anschließend für besonders intuitiv zu halten. Der Mensch ist schließlich jenes Tier, das aus Augenbrauen Charaktergutachten erstellt und sich danach Wissenschaft nennt.
Dann las ich Poschardt.
Und irgendwann wurde aus dem hässlichen Impuls keine Rechtfertigung, aber eine Erklärung.
Denn Poschardt schreibt nicht einfach konservativ. Er schreibt nicht einfach polemisch. Er schreibt aus einer Position kultivierter Herablassung, in der Verachtung wie Bildung aussieht. Seine Texte tragen Anzug, aber darunter steckt oft der alte Reflex: nach unten treten, nach links treten, auf jede Form von Solidarität treten und anschließend so tun, als habe man nur die Schuhe geputzt.
Sein Artikel „Es ist vorbei, bye, bye, Antifa!“ ist dafür kein Ausrutscher. Er ist ein Röntgenbild. Natürlich: Wer Journalisten gegen den Kopf tritt, hat jedes Recht verwirkt, sich Verteidiger von irgendetwas zu nennen. Das muss man nicht relativieren, nicht entschuldigen, nicht in revolutionäre Folklore einwickeln. Körperliche Gewalt gegen Journalisten ist eine Katastrophe. Für die Opfer. Für den Protest gegen Rechtsextremismus. Für jeden, der Antifaschismus ernst nimmt, ohne ihn in Testosteron und Selbstinszenierung zu ertränken.
Aber Poschardt nimmt diesen konkreten Vorfall und macht daraus eine Generalabrechnung mit einem ganzen demokratischen Milieu. Bei ihm haften nicht die Täter. Bei ihm haften alle. Linke, Grüne, SPD, Gewerkschaften, Journalistenverbände, NGOs, Kulturbetrieb, Correctiv, Grönemeyer, vermutlich auch noch ein pensionierter Chorleiter aus Wuppertal, falls er 2024 einmal gegen rechts demonstriert hat. Millionen Menschen, die friedlich auf Straßen und Plätzen standen, werden nachträglich zur atmosphärischen Vorbereitung einer Körperverletzung erklärt.
Das ist keine Analyse. Das ist Kollektivhaftung mit Feuilleton-Schleife.
Besonders deutlich wird es in seiner Sprache. „Shitbürgertum“. „Freakshow“. „Problempony-Tante“. „NGO-Deepstate“. Und über eine konkrete Person: „Er/sie/es“. Das ist nicht bloß Polemik. Das ist die sprachliche Aberkennung von Personsein, gedruckt in einer Zeitung, die sich bürgerlich nennt und dabei offenbar vergessen hat, was Bürgerlichkeit einmal von Barbarei unterscheiden sollte. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Menschen Manieren entdecken, sobald man ihre Menschenverachtung beim Namen nennt.
Der eigentliche Offenbarungseid folgt dort, wo Poschardt das linke, liberale, antifaschistische Milieu als „totalitärer, bösartiger und antidemokratischer“ beschreibt als manche radikale Vertreter der AfD. Man muss diesen Satz gedanklich zweimal anfassen, weil er beim ersten Mal riecht. Eine Partei, die zumindest in Teilen gesichert rechtsextremistisch ist, wird bei ihm plötzlich zur Vergleichsgröße nach unten. Die Rechten im Outfittery-Look erscheinen zugänglicher, moderner, weniger störend als jene, die gegen sie auf die Straße gehen.
Da hustet mein Pazifismus wieder.
Nicht, weil ich Poschardt schlagen will. Dieser Impuls bleibt da, wo hässliche Impulse hingehören: im inneren Giftschrank, neben anderen unbrauchbaren Werkzeugen der Spezies Mensch. Aber ich verstehe heute besser, warum dieser Rauchmelder damals losging. Er reagierte nicht auf ein Gesicht allein. Er reagierte auf eine Haltung, die sich in Gesicht, Pose, Ton und später in Texten fortsetzt. Auf diese spezielle Mischung aus Kälte und Genuss. Auf einen öffentlichen Typus, der Verachtung nicht versteckt, sondern stilisiert.
Der erste Eindruck war kein Beweis. Er war ein Verdacht.
Poschardt hat aus einem Verdacht eine Dokumentation gemacht. Absatz für Absatz.

