
Fast jeder kennt heute seine Rechte. Wir pochen auf sie, wir fordern sie ein, wir klagen sie notfalls ein. Aber wer spricht noch von Pflichten? Von dem, was wir einander schulden, einfach weil wir zusammenleben?
Ich erlebe das in meinem Berufsalltag fast wöchentlich. Da meldet sich ein Kunde am letzten Drücker: Zum Ersten muss er anders versichert sein, das fällt ihm jetzt auf, und es muss sofort eine Lösung her. Es wird Druck gemacht, es wird gedrängt, ich stelle andere Aufgaben zurück und kümmere mich. Und dann? Funkstille. Wie von Geisterhand nicht mehr erreichbar. Nachfragen, Erinnerungen, noch ein Anruf: keine Reaktion. Oder der Termin, der vereinbart und sogar schriftlich bestätigt wird. Zur verabredeten Zeit sitze ich da, und das Gegenüber erscheint einfach nicht. Keine Absage, keine Entschuldigung, nichts.
Dazu kommt eine zweite Variante, die mindestens genauso weh tut: Menschen lassen sich zu komplexen Produkten ausführlich beraten, bis ins kleinste Detail. Sie fragen nach Leistungsumfang, Ausschlüssen und Alternativen, sie nehmen sich meine Zeit und mein Wissen, bedanken sich freundlich. Und dann schließen sie online ab, bei der Online-Tochter, die nichts erklärt, weil dort niemand ist, der etwas erklären könnte. Die Arbeit hat der eine gemacht, den Vertrag bekommt der andere.
Läuft dort dann etwas schief, stehen dieselben Menschen plötzlich wieder auf der Matte und erwarten, dass man sich kümmert, ist ja schließlich das „selbe Unternehmen“. Dabei ist das Online-Angebot genau deshalb günstiger, weil es ausdrücklich keine persönliche Beratung gibt. Man kann nicht den Preis ohne Beratung wollen und im Problemfall trotzdem den Service mit Beratung einfordern. Ich verweise in solchen Fällen inzwischen freundlich auf die „vorteilhaften“ Klärungsmöglichkeiten des Anbieters: per E-Mail, denn telefonisch ist dort zum Teil niemand mehr erreichbar. Ob das Produkt wirklich gepasst hat, zeigt sich eben oft erst im Leistungsfall. Und dann ist keiner mehr da, der einen kennt.
Ein anderes Beispiel: Man lässt sich im Einzelhandel beraten, nur um dann online bei Amazon & Co. zu bestellen und wundert sich dann, dass die Innenstädte keine Shopping-Möglichkeiten mehr bieten.
Das sind keine Kleinigkeiten. Das ist ein Muster. Zusagen werden gegeben und wieder kassiert, Absprachen sind nur noch Vorschläge, ein Wort ist nichts mehr wert. Fast jeder fragt zuerst: Was habe ich davon? Der eigene Vorteil ist zum Maßstab geworden. Die Zeit und die Arbeit des anderen sind dabei offenbar nichts wert.
Dabei sind Werte kein Luxus für gute Zeiten. Verbindlichkeit, Ehrlichkeit, Respekt, Augenhöhe, miteinander reden, aufeinander achten: Das ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Wenn er bröckelt, merkt man es nicht an einem großen Knall, sondern an tausend kleinen Momenten. An der Nachricht, die unbeantwortet bleibt. An dem Stuhl, der leer bleibt. An dem Ton, der rauer wird, im Netz wie im Alltag.
Und genau hier wird es gefährlich. Denn Gemeinschaft verschwindet nicht einfach, sie sucht sich neue Orte. Wo die Mitte der Gesellschaft sich in lauter Einzelinteressen auflöst, stehen die Rattenfänger schon bereit. Es ist bezeichnend: Echten Zusammenhalt, echte Verbindlichkeit, echtes Füreinander-Einstehen erleben wir in diesem Land ausgerechnet noch dort, wo Menschen sich gegen die Demokratie verbünden. Die Faschisten haben begriffen, was wir verlernt haben: Menschen wollen dazugehören. Sie bieten Zugehörigkeit, Gemeinschaftsgefühl und einfache Feindbilder. Sie halten zusammen, sie erscheinen zu ihren Terminen, sie stehen füreinander ein, und zwar für ein Projekt, das Hass und Ausgrenzung zur Methode erklärt und am Ende alles zerstört, was ihnen ihre Freiheit überhaupt erst ermöglicht.
Das ist keine Entschuldigung für ihren Hass. Aber es ist ein Armutszeugnis für uns alle, die wir ihnen das Feld überlassen haben. Während die Demokraten sich in Bequemlichkeit, Beliebigkeit und Rückzug ins Private üben, organisieren die Gegner der Demokratie ihre Gemeinschaft mit Disziplin und Hingabe. Wer glaubt, die Demokratie verteidige sich von selbst, hat Geschichte nicht verstanden. Sie stirbt nicht durch ihre Feinde allein. Sie stirbt durch das Achselzucken derer, die sie hätten verteidigen können.
Der Verlust von Werten ist deshalb kein privates Ärgernis. Er ist ein politisches Problem. Wer nicht mehr darauf vertrauen kann, dass Worte gelten, verliert das Vertrauen in Menschen und schließlich in Institutionen. Wer nichts mehr erwartet, hört auf, sich einzubringen. Dann braucht es nicht einmal mehr Gegner der Demokratie. Die Gleichgültigkeit erledigt den Rest.
Ich will nicht bei der Klage stehen bleiben. Werte sterben nicht von selbst, und sie kehren nicht von allein zurück. Sie leben davon, dass jemand sie vorlebt. Ich kann beim nächsten Mal zu meinem Wort stehen. Ich kann ehrlich sein, auch wenn es unbequem ist. Ich kann absagen, statt wegzutauchen. Ich kann zuhören, statt nur auf meine Antwort zu warten. Ich kann jemandem auf Augenhöhe begegnen, auch wenn er anderer Meinung ist. Das ist keine große Politik, aber es ist ein Anfang, und vielleicht der einzige, der wirklich in unserer Hand liegt.
Stellen wir uns also öfter die Frage: Was bin ich den anderen schuldig? Nicht, weil ein Gesetz es verlangt, sondern weil wir sonst irgendwann in einer Gesellschaft aufwachen, in der niemand mehr jemandem etwas schuldet. Und in der keiner mehr da ist, wenn man selbst jemanden braucht.
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