
Im September 2023 habe ich meinen allerersten Beitrag bei AFP Deutschland verfasst. Es ging um ein Thema, das mich schon sehr lange beschäftigt: Das Bashing gegen Ostdeutsche.
Gefühlt ist dieser Beitrag Jahrzehnte her. So viel ist seitdem passiert, in meinem Leben, aber auch auf der ganzen Welt. Doch – wie vieles hat sich seitdem auch nicht verändert! Deshalb habe ich mich entschlossen, ihn (leicht abgeändert) auch hier zu posten.
Viele, die das hier lesen, kennen mich von Facebook und wissen, dass ich Thüringerin bin. Ja, vor allem Thüringen hat einen sehr schlechten Ruf. Angefangen bei Höcke, der offen als Faschist bezeichnet werden darf, über den Landrat Sesselmann in Sonneberg, die Herren Klar und Amlacher in Gera sowie Frenck in Hildburghausen. Alles stramme Nazis, auf dem Weg zur Macht. Das macht Angst und schürt Frust, vor allem bei uns Demokraten, weil wir uns so hilflos fühlen. Hilflos angesichts der Wählbarkeit dieser Leute. Was verdammt nochmal läuft hier falsch?
Und trotzdem ist dieses Ostdeutschen-Bashing nicht angebracht.
Jaaaa, ich weiß, die berühmten Schuhe, die einem passen oder auch nicht. Doch so einfach ist es leider nicht. Egal, wie oft ich mir einrede, dass nicht ich gemeint bin – es bleibt immer etwas hängen. Da ein Krümelchen, dort zwei oder drei. Und dann kommt die Scham, dass man hier, in „Dunkeldeutschland“ oder auch „Brown Under“ lebt. Man wird automatisch in die Schuhe gezwängt, die viel zu klein und zu eng sind.
Ich fühle mich hin- und hergerissen, sehe voller Sorge und Entsetzen, was hier passiert. Sicher, ich verstehe den Unmut der Westdeutschen nur zu gut. Bei allem Verständnis für die Dinge, die ich weiter unten noch näher ausführen werde – AfD wählen geht gar nicht! Nicht wählen geht gar nicht. Da sind wir uns sicher hier alle einig.
Aber ich höre bei vielen antifaschistischen Seiten und Gruppen mittlerweile einen regelrechten Hass heraus. Unverständnis – okay, ist verdient. Doch wenn ich dann von „Zonis“ lese und „alle Ossis sind Nazis“ oder „wir müssen die Mauer wieder hochziehen“, verletzt das sehr. Auch das Verhalten eines hier nicht namentlich genannten Bloggers mit relativ großer Reichweite, der alle Ostdeutschen ausnahmslos von seiner Seite verbannen will, nur, weil sie halt Ostdeutsche sind, kotzt mich an.
Damit ist der Sache nicht gedient und spaltet nur noch mehr.
Ich bin es verdammt leid, mit Nazis in einen Topf geworfen zu werden, nur weil ich zufällig seit meiner Geburt in Thüringen lebe. Mich kotzt das Wahlverhalten meiner Landsleute genauso an wie euch, und ich versuche es verzweifelt zu verstehen.
Doch wenn man sich gegen diese Verallgemeinerungen wehrt, heißt es lapidar, na dann ziehe doch in den Westen. Wohlgemerkt, wenn es hart auf hart kommt, bin ich tatsächlich weg. Aber noch versuche ich hier mein Bestes und hoffe (vermutlich bin ich sehr naiv) darauf, dass sich alles noch irgendwie zum Guten wendet, AfD-Verbot und so… Ich hab hier mein Leben aufgebaut, das würde ich nur sehr ungern aufgeben. Ich bin schließlich mit 57 Jahren nicht mehr die Jüngste.
Doch sobald es hier in Thüringen richtig fies wird, bleibt mir nichts anderes übrig. Andere haben es schließlich auch geschafft und mussten komplett neu anfangen.
Aber was ist, wenn die Nazis auch deutschlandweit an die Macht kommen, ich meine, so richtig echt? Wollen wir Deutschland wieder denen überlassen?
Im Herbst 1989 war ich 20 Jahre alt und bin voller Angst (das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens war noch nicht lange her und die DDR-Obrigkeit hatte das bejubelt), aber auch mit viel Enthusiasmus auf die Straße gegangen. Das Gefühl der Hoffnung, vielleicht wirklich etwas zu bewirken zu können, war grandios. Die vollen Kirchen bei den Friedensgebeten jeden Montag, die friedlichen Proteste überall im Land – absolutes Gänsehautfeeling!
Die darauffolgenden Ereignisse haben uns wohl alle überrollt. Viele, auch ich, waren mittlerweile im Westen gewesen, hatten den Überfluss dort gesehen und mit dem Begrüßungsgeld die ersten Einkäufe tätigen können. Nach Jahren der Mangelwirtschaft ein Traum! Das wollten wir auch! Mahnende Stimmen wollte damals keiner wirklich hören.
Ja, in der DDR war das Leben einfacher, zumindest, solange man sich regierungskonform verhielt. Man wusste, was man zu tun und zu erwarten hatte. Es gab, zumindest offiziell, keine Arbeitslosigkeit. Viele hatten ihren sicheren Arbeitsplatz, oft derselbe von der Ausbildung bis zur Rente. Nach der Wende wurde einiges anders. Plötzlich verloren sehr viele Leute ihren Job und mussten lernen, damit klarzukommen. Ich selbst war viele Jahre arbeitslos, galt lange als unvermittelbar, trotz gefühlt tausender Lehrgänge und Bewerbungen. Wer da nicht irgendwann resignieren würde, werfe gerne den ersten Stein.
Die ehemalige DDR wurde überrannt von Leuten, die sich eine goldene Nase damit verdient haben, unbedarfte Menschen über den Tisch zu ziehen. Von der Treuhand ganz zu schweigen. Sowas schürt Misstrauen, Wut und irgendwann wohl Hass. Hass auf alle und alles, was da aus Westdeutschland kam. Ich erinnere mich mit Schaudern an meine Schwiegereltern, die jedes Mal Gift und Galle spuckten, wenn in ihrer geliebten MDR-Schlagersendung ein westdeutscher Sänger auftrat.
Wir Ostdeutschen waren komplett überfordert mit all dem Neuen, womit wir plötzlich zurechtkommen mussten. Herausgerissen aus einem geordneten Leben, das zwar langweilig, aber sicher war, in dem sich über Jahre hinweg nicht viel verändert hat. Wie Kinder, die über Nacht erwachsen geworden waren und sich in einer für sie fremden Welt zurechtfinden mussten, nicht immer wissend, ob es das Gegenüber gut mit einem meint. Besser und vor allem sinnvoller wäre es gewesen, langsam in das System hineinzuwachsen.
Die jüngere Generation kam damit besser zurecht, für die Älteren war es schon schwieriger. Angefangen von Problemen bei der Jobsuche, die wir bis dahin überhaupt nicht kannten, bis hin zur Tatsache, dass die Kinder und Enkel plötzlich wegzogen, weil sie woanders leben und arbeiten wollten, oft auch mussten.
Zu allem anderen kommt das vielleicht in den Genen steckende Misstrauen gegen „die da oben“. In der DDR war es gefährlich, seinen Unmut laut zu äußern, jetzt konnte man das tun. Die Medien in der DDR konnte man wirklich als Lügenpresse bezeichnen, vielleicht kommt von daher dieser Trotz, dieses Bedürfnis, sich gegen alles „von oben“ aufzulehnen und als Bevormundung anzusehen?
Ich weiß von mir selbst, dass ich lange Zeit einen richtigen Brass auf alles hatte, was irgendwie mit „links“ zu tun hatte, da uns das „Links-sein“ praktisch aufgezwungen wurde. Ich habe einige Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass Links per se nichts Schlechtes ist. Wenn ich nicht die Grünen wählen würde, würde ich meine Stimme den Linken geben, vor allem, seit Frau Wagenknecht ihre eigene Partei gegründet hat.
Es könnte aber auch daran liegen, dass es wesentlich einfacher ist, die Schuld für das eigene Versagen anderen in die Schuhe zu schieben, anstatt selbst den Arsch hochzukriegen, um etwas zu verändern? Mir wird ein Feindbild auf dem Silbertablett serviert, das sich nicht wehren kann, dem ich aber alles, was in diesem Land schiefläuft, unterjubeln kann.
Vielleicht ist es aber auch dieses Bewusstsein, bereits einmal eine unliebsame Regierung gestürzt zu haben oder zumindest daran beteiligt gewesen zu sein?
Oder ist es das Zugehörigkeitsgefühl? Wenn einem in der Familie und im Freundeskreis immer wieder erzählt wird, wie scheiße alles ist, glaube ich es irgendwann selbst?
Würde ich als Bildzeitungsleser anders denken? Ich weiß es nicht. Ich bin im Landkreis Sonneberg aufgewachsen; würde ich ebenfalls AfD wählen, wenn ich damals dort geblieben wäre? Kann es sein, dass ich einfach nur Glück habe, in meiner Familie, im Freundes- und Kollegenkreis durchweg vernünftige Menschen zu haben, mit weltoffenen, liberalen Ansichten?
Ich will verdammt noch mal nichts schönreden, versuche selbst zu begreifen, was da passiert ist und immer noch passiert. Sicher ist für mich nur eines: Die AfD schafft es mit ihrem billigen Populismus, genau diesen Menschen nach dem Maul zu reden. Alles ist scheiße, wählt uns, dann wird euer Leben besser.
Ich könnte nur noch kotzen, wie viele auf diesen Dummfug reinfallen.
Und ich habe absolut keine Ahnung, was man dagegen machen könnte.
