Schwarze Menschen diskriminieren? Das machen doch nur Rechte und Rassisten!
Wirklich?
Nicht ganz. Alltagsrassismus beginnt oft im Kleinen und klingt sogar manchmal recht hübsch. „Sie sprechen aber gut Deutsch“, sagen viele, ohne darüber nachzudenken, dass der Schwarze Mensch (ja, Schwarze wird in diesem Fall tatsächlich großgeschrieben! Wusste ich vorher auch nicht) vielleicht seit vielen Jahren in Deutschland leben könnte oder sogar hier geboren ist.
Das Gleiche gilt für die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“
Ist uns eigentlich bewusst, dass wir mit solcher Art Fragen implizieren, dass dieser Mensch nicht hierhergehört? Den meisten von uns wohl nicht, denn wenn man sie darauf aufmerksam macht, heißt es höchstens, dass man doch bloß Interesse zeigen wollte.
Schwarze Frauen berichten immer wieder darüber, dass ihnen in die Haare gegriffen wird. „Ist das schön weich…“ – was hier wie ein Kompliment klingt, ist pure Übergriffigkeit. Würden wir das bei einem weißen Menschen genauso machen? Wohl eher nein.
Die einfachste Möglichkeit, herauszufinden, ob es sich um Übergriffigkeit handelt ist, ist ganz simpel: Wie würden wir uns fühlen, wenn uns eine wildfremde Person einfach so berührt und damit unsere Intimsphäre verletzt? Wie würde es uns gefallen, wenn wir bei jeder sich bietenden Gelegenheit danach gefragt würden, wo wir herkommen? Irgendwann ist man nur noch genervt.
Alltagsrassismus kann subtil sein. Witze, vielleicht unbewusst geäußerte Vorurteile mögen harmlos erscheinen, haben aber genauso Wirkung. Oft genug wird dann gesagt, dass der Schwarze Kollege doch auch immer darüber lacht, also kann das ja nicht so schlimm sein!
Aber ist es vielleicht möglich, dass dieser einfach nur nicht noch weiter ausgegrenzt werden möchte?
Eine Stufe härter ist das bewusste Ausgrenzen.
Da bekommt die syrische Familie die Wohnung nicht, weil man „solche“ nicht im Haus haben will. Man weiß ja schließlich nie…
Der Job- oder Wohnungssuchende mit dem fremd klingenden Namen hat weniger Chancen als zum Beispiel ein Paul Schmidt.
Die Muslima mit Kopftuch, die wartend in der Schlange steht, wird einfach „übersehen“ und der nächste Kunde bedient.
Der Pfleger im Krankenhaus muss sich anhören, dass man sich von „so einem“ nicht anfassen lässt.
Sportler werden mit rassistischen Sprechchören bedacht…
Irgendwo wird eine Straftat verübt, in den Kommentarspalten der (a)sozialen Medien ist man sich sicher, dass es nur ein Ausländer gewesen sein kann. Stellt sich heraus, dass es ein Deutscher war, wird behauptet, dass es nur ein „Passdeutscher“ sein kann, denn „Biodeutsche“ machen sowas nicht.
Abwertende Blicke, bewusstes Wegstoßen, hässliche Bemerkungen, mit zweierlei Maß messen – was für „uns Weiße“ wohl eher Seltenheitswert hat, ist für dunkelhäutige Menschen Alltag.
Es gipfelt in purem, unverhohlenem Rassismus, der eindeutig verletzen soll. Das Bundesamt für Verfassungsschutz sagt: Im Vergleich zum Jahr 2021 (20.201) stieg die Gesamtzahl der rechtsextremistischen Straf- und Gewalttaten im Jahr 2022 um 3,8 % auf 20.967 Delikte. Auch die Zahl der rechtsextremistischen Gewalttaten stieg im Jahr 2022 um rund 7,5 % gegenüber dem Vorjahr (2022: 1.016, 2021: 945).
Eine Gruppe gegen die andere. Wir gegen die. In der Soziologie nennt man das „Veranderung“ (nein, das ist kein Tippfehler) oder auf Englisch „Othering“.
Es geht um Ausgrenzung. Benachteiligung. Doch was treibt uns Menschen eigentlich dazu, andere abzuwerten? Woher kommt diese unsägliche Art, andere in Schubladen zu stecken?
Ist es noch ein Überbleibsel aus der Steinzeit, als wir darauf angewiesen waren, sofort erkennen zu können, ob das Gegenüber zu unserer Sippe gehört oder nicht? Schon möglich, denn oftmals geschieht es unbewusst und unbedacht. Doch im Unterschied zu damals wissen wir, dass es eben NICHT in Ordnung ist. Wir können versuchen gegenzusteuern bzw. andere darauf aufmerksam machen. Wir können diskriminierende Begriffe wie N*kuss oder Z*Schnitzel aus unserem Wortschatz streichen und stattdessen Schokokuss oder Paprikaschnitzel sagen.
Was ist daran falsch, herabwürdigende Sprache zu vermeiden? Warum bricht uns ein Zacken aus der Krone, wenn wir diese Worte durch andere ersetzen? Wo, verdammt nochmal, liegt das Problem?
Machen wir uns nichts vor – Rassismus ist in vielen Köpfen immer schon unterschwellig vorhanden gewesen. Durch die AfD, die sich offen rassistisch gibt, wurde Ausländerhass salonfähig gemacht. Immer noch ein Stückchen mehr, wieder zurückrudern, nochmal nach vorn und ein Stückchen weiter… Irgendwann ist man es gewohnt und nimmt es gar nicht mehr als so schlimm wahr, wenn gegen Ausländer gehetzt wird.
„Ausländer raus – Deutschland den Deutschen“. Dass das so nicht funktioniert, kapieren die Blitzbirnen allerdings nicht.
Irgendwie scheint es paradox. Der eine Teil der Gesellschaft ist sensibler geworden, was dieses Thema angeht. Man macht sich Gedanken darum, ändert sogar klassische Bücher wie „Pippi Langstrumpf“ oder „Vom Winde verweht“, keiner soll verletzt werden, niemand sich benachteiligt fühlen. Auch wenn man selbst nicht betroffen ist.
Und dann gibt es die anderen. Diejenigen, die die Bemühungen um Gleichbehandlung und Vermeidung rassistischer Äußerungen als „Cancel Culture“ bezeichnen und sich durch angebliche Verbote zurückgesetzt fühlen. Diejenigen, die behaupten, es gäbe Rassismus gegen Weiße.
Was für ein himmelschreiender Schwachsinn! Eigentlich nicht mal wert, darüber zu diskutieren, denn wie hinlänglich bekannt ist, können unsere AfDeppen nichts außer Mimimi.
Das können sie aber richtig gut. Und sie werden es auch nicht begreifen, weil sie es nicht begreifen wollen. Merke: Nazis fühlen sich immer besser, wenn sie ein Feindbild schüren können, andere herabwürdigen und sich selbst als Herrenrasse sehen können.
Viel wichtiger ist die Frage, was wir als Gesellschaft gegen Alltagsrassismus tun können.
Die meisten von uns haben das Privileg, hier in Deutschland mit weißer Hautfarbe geboren worden zu sein. Nicht von Rassismus betroffen zu sein, ist mit sozialen, politischen und kulturellen Vorteilen verbunden, die wir als Selbstverständlichkeit ansehen.
Aber haben wir nicht einfach nur Glück gehabt?
Zuerst sollten wir uns selbst unter die Lupe nehmen. Heißt, mal knallhart Selbstreflexion zu betreiben. Hinterfragen wir uns, ob wir vielleicht auch (möglicherweise unbewusst) Menschen in Gruppen einteilen. Wie denken wir über außenstehende Personen? Verwenden wir vielleicht Worte oder Phrasen, die diese Personen verletzen könnten?
Wie oben schon geschrieben, ist es manch einem gar nicht klar, dass er sich gerade rassistisch verhält (Stichwort „Sie sprechen aber gut Deutsch“.) Eben erst habe ich mit meinem Sohn sehr intensiv darüber diskutiert, der mir stolz erzählte, dass er jeden Schwarzen Mitmenschen zuerst auf Englisch anspricht. Ich bin mir sicher, dass er es nicht böse meint, im Gegenteil, er will es demjenigen leichter machen zu kommunizieren – doch gleichzeitig beweist er damit das Vorurteil, dass dieser Mensch, weil andere Hautfarbe, vermutlich kein Deutscher ist.
Wenn uns Rassismus begegnet, müssen wir selbstverständlich klar Stellung beziehen, Zivilcourage zeigen, deutlich machen, dass das nicht geduldet wird. Eine Abwertung bestimmter Gruppen ist und bleibt menschenfeindlich! Widersprechen wir, wenn jemand rassistische Äußerungen und Witzchen macht! Denjenigen werden wir vermutlich nicht überzeugen – aber vielleicht die Umstehenden.
Die Grenzen des Sagbaren sind dort erreicht, wo Menschen aus rassistischen Gründen ausgegrenzt werden. Rassismus ist menschen- und demokratiefeindlich.
Und leider viel zu oft tödlich.

