Eine Erzählung. Und eine Bilanz.
I. Der Kaffee
Der Geruch von Herrn Lewins Kaffee zog jeden Morgen durch das
Treppenhaus. Seit zweiundzwanzig Jahren. Margarete Hofmann kannte
diesen Geruch wie die Risse im Treppenputz, wie die quietschende dritte
Stufe, wie das Gewicht ihrer eigenen Hände. Er gehörte dazu. Er war einfach
da.
Die Familie Lewin bewohnte die Wohnung unter ihr seit der Gründerzeit,
länger als Margarete selbst auf der Welt war. Herr Lewin führte ein kleines
Schreibwarengeschäft in der Kaiserstraße. Seine Frau Rosa kaufte auf dem
Wochenmarkt immer zu viel Gemüse und gab den Überschuss an die anderen
Hausbewohner weiter, wortlos, mit einem Lächeln, das um Entschuldigung
bat, ohne dass es eines gebraucht hätte. Der Sohn, David, sechzehn, spielte
Geige. Manchmal bis halb neun.
Margarete mochte ihn nicht sonderlich, den Herrn Lewin. Er grüßte zu leise,
fand sie. Und die Geige störte. Aber er war da. Verlässlich, unaufdringlich,
menschlich da. Wie die Stufe. Wie der Kaffee.
Das änderte sich im Herbst 1938.
Es änderte sich nicht dramatisch. Es schlich sich ein wie Kälte durch eine
schlecht abgedichtete Fenstertür — erst unmerklich, dann unaufhaltsam. Erst
die Schilder in den Schaufenstern. Kauft nicht bei Juden. Dann die Witze der
Kollegen ihres Mannes Kurt, über die man besser lachte, weil man sonst
erklären musste, warum nicht. Dann die Formulare. Immer mehr Formulare.
Immer mehr Rubriken, in die man Menschen sortieren sollte.
Margarete füllte sie aus. Was blieb ihr anderes übrig.
II. Das Fahrrad
Es hatte begonnen mit dem Fahrrad.
Herrn Lewins Fahrrad stand seit Jahren im Hausflur. Ein altes, schwarzes
Ding, mit einem Korb vorne, der schon lange nichts mehr trug. Es lehnte an
der dritten Stufe — genau dort, wo es nach Hausordnung nicht stehen durfte.
Margarete hatte es nie gemeldet. Sie hätte sagen können: weil es ihr egal war.
Weil sie nicht die Sorte Mensch war, die solche Dinge meldete.
Im Oktober 1938 stand es ihr im Weg, als sie die Kinderwagenwanne die
Treppe hinauftragen wollte. Sie stolperte. Fiel nicht. Aber sie fluchte, leise,
zwischen den Zähnen. Und in diesem Moment — dieser eine, kurze Moment
— sah sie das Fahrrad nicht mehr als das Fahrrad von Herrn Lewin.
Sie sah eine Zumutung. Eine Frechheit. Etwas, das weggehört.
Sie war schon länger wütend, und sie wusste selbst nicht genau, worauf. Auf
Kurt, der abends schwieg und morgens zu früh das Haus verließ. Auf die
Lebensmittelkarten. Auf die Angst, die sich wie Grauschleier über alles legte,
über die sie aber nicht sprechen durfte, weil man solche Dinge nicht sagte. Auf
alles, was sich verändert hatte, und auf sich selbst, weil sie es zugelassen hatte.
Das Fahrrad war etwas, das sie benennen konnte.
Sie ging am nächsten Vormittag zur Blockwart-Stelle. Oberwachtmeister
Grünfeld saß hinter seinem Tisch mit dem Foto des Führers und einer Tasse
kalten Ersatzkaffees. Er hörte ihr zu, ohne sie anzusehen, und schrieb etwas
auf. Margarete sagte, die Familie Lewin halte das Treppenhaus in Beschlag,
verstoße regelmäßig gegen die Hausordnung. Und dann — sie wusste selbst
nicht, wie es herausgekommen war — fügte sie hinzu, dass Herr Lewin neulich
eine Bemerkung gemacht habe. Über die Zustände. Über die Regierung.
Welche Bemerkung genau? Grünfeld sah sie jetzt an.
Sinngemäß, sagte Margarete. Ich weiß es nicht mehr genau. Aber es war —
bedenklich.
Grünfeld nickte. Schrieb weiter. Bedankte sich für die Aufmerksamkeit der
Volksgenossin Hofmann.
Auf dem Heimweg kaufte Margarete beim Bäcker zwei Brötchen. Sie wurden
warm gewesen sein, an diesem Morgen. Sie erinnerte sich später nicht mehr
daran.
III. Die Stille
Sie wusste, was danach geschehen würde. Nicht mit Gewissheit. Aber
irgendwie wusste sie es. Es war das Wissen, das man in diesen Jahren
entwickelte wie ein sechstes Organ — still, zuverlässig, unangenehm.
Drei Wochen später hörte sie morgens keinen Kaffee mehr. Keine Schritte.
Keine Geige am Abend. Sie wartete. Vielleicht Urlaub. Vielleicht
Verwandtenbesuch. Aber Herr Lewin hatte keine Verwandten in der Ferne,
das wusste sie, er hatte einmal beiläufig davon gesprochen, dass seine Eltern
beide in Frankfurt gestorben waren. Und die Lewins fuhren nie in Urlaub.
Nach einer Woche fragte sie die Hauswirtin, Frau Brandt, im Vorübergehen.
Abgeholt, sagte Frau Brandt. Vorige Woche Dienstag. Früh um fünf.
Mehr sagte sie nicht. Mehr war nicht nötig.
Margarete ging die Treppe hinauf. Vorbei an der dritten Stufe, die noch
quietschte. Das Fahrrad stand nicht mehr da. Jemand hatte es weggeräumt.
Wer, das fragte sie nicht.
In den folgenden Wochen sprach sie nicht darüber. Nicht mit Kurt. Nicht mit
sich selbst. Es gab dieses Schweigen, das man einübt in solchen Zeiten — nicht
weil man keine Worte hätte, sondern weil Worte Konturen geben. Und
Konturen machen die Dinge wirklich.
Im Frühjahr 1939 zogen neue Leute in die Lewins Wohnung. Ein Ehepaar aus
Kassel, ordentlich, freundlich, er Beamter. Sie grüßten laut. Margarete mochte
das.
Manchmal, wenn sie morgens die Treppe hinunterkam, glaubte sie für eine
Sekunde, Kaffee zu riechen. Nur eine Sekunde. Dann war es weg.
Sie wusste nicht — und wollte nicht wissen — wohin die Lewins deportiert
worden waren. Was aus dem Jungen mit der Geige geworden war. Ob Rosa
Lewin noch Gemüse kaufte, irgendwo.
Sie fragte nicht. Das war das Nützliche an diesen Zeiten. Man
musste nicht fragen.
IV. Danach
Der Krieg endete. Die Stadt lag in Trümmern, zum Teil. Das Haus überstand
ihn. Die dritte Stufe quietschte noch.
Margarete Hofmann wurde nicht verhört. Nicht angeklagt. Nicht verurteilt. Es
gab keine Akte mit ihrem Namen. Sie hatte ja nur — eine Beobachtung
mitgeteilt. Das war keine Tat. Das war Pflicht. Das war Ordnung. Das war das,
was man tat.
Sie lebte noch vierzig Jahre. Bekam Enkel. Backete Pflaumenkuchen. Sprach,
wenn man fragte, von der schlimmen Zeit. Wie alle gelitten hatten. Wie man
kaum gewusst habe, was wirklich passiert sei.
Die dritte Stufe wurde irgendwann repariert. Sie quietschte nicht mehr.
Was hinter dieser Geschichte steht
Margarete Hofmann ist eine erfundene Figur. Was sie tut, ist es
nicht.
Die Denunziation war im NS-Staat kein Randphänomen der Fanatiker — sie
war ein Strukturprinzip. Das Regime war auf die freiwillige Mitarbeit breiter
Bevölkerungsschichten angewiesen, weil seine eigenen Überwachungskapazitäten
bei weitem nicht ausreichten.
Der Historiker Robert Gellately hat in seiner grundlegenden Studie „The Gestapo and
German Society“ (1990) gezeigt: In manchen deutschen Regionen kamen auf
einen einzigen Gestapo-Beamten bis zu 10.000 Einwohner. Die Lücke, die das
ließ, wurde von der Bevölkerung selbst geschlossen — mit freiwilligen
Anzeigen.
Eric Johnson und Karl-Heinz Reuband haben in ihrer Studie „What We
Knew“ (2005) auf Basis von Zeitzeugeninterviews und Aktenanalysen gezeigt,
dass die Gestapo-Akten zu einem erheblichen Teil aus Anzeigen aus der
Zivilbevölkerung bestehen — von Nachbarn, Arbeitskollegen, gelegentlich von
Verwandten. Die Motive waren selten ideologisch rein. Oft mischten sich
echte Überzeugung, nüchterner Opportunismus, persönliche Rivalitäten und
das schlichte Bedürfnis, einen alten Konflikt zu gewinnen.
Ein Streit ums Treppenhaus. Eine Erbschaft, auf die man Anspruch erhebt.
Ein Konkurrent, den man loswerden möchte. Eine Wohnung, die man
begehrt.
Was danach kam, war kein Verwaltungsakt. Es war Deportation,
Zwangsarbeit, Vernichtung. Über sechs Millionen Juden wurden im Holocaust
ermordet. Ein Teil von ihnen wurde erst durch eine Denunziation sichtbar —
durch den Hinweis eines Mannes, der dem Nachbarn gegenüber schon lange
misstrauisch gewesen war. Durch die Anzeige einer Frau, die ein Fahrrad im
Weg fand.
Das Besondere an der Denunziation ist ihre moralische Struktur: Sie ist keine
Gewalttat. Sie erfordert keine Waffe, keine Uniform, kein Bekenntnis zu
Grausamkeit. Sie erfordert nur einen Gang zu einer Behörde und die
anschließende Entscheidung, nicht mehr zu fragen. Es ist die Struktur, die
Hannah Arendt — mit Blick auf den Schreibtischtäter Adolf Eichmann — als
„Banalität des Bösen“ beschrieben hat: das Böse als Resultat von
Gedankenlosigkeit, von Bürokratie, von kleiner Normalität.
Margarete Hofmann war kein Monster. Das ist das Erschreckendste an ihrer
Geschichte. Sie war eine ganz gewöhnliche Frau. Mit einer Wut auf das falsche
Ziel. Und einem System, das ihr dafür bereitwillig die Hand hinstreckte.
Die Lehre daraus ist keine historische. Sie ist eine, die jede
Generation neu buchstabieren muss: Systeme, die aus der Feigheit
und dem Mitläufertum gewöhnlicher Menschen Kapital schlagen, sind keine
Ausnahme der Geschichte. Sie sind eine ihrer beständigsten Möglichkeiten.
Quellen und weiterführende Literatur:
– Robert Gellately: The Gestapo and German Society (Oxford University Press, 1990)
– Eric Johnson / Karl-Heinz Reuband: What We Knew. Terror, Mass Murder and Everyday
Life in Nazi Germany (2005)
– Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden (Fischer, 1985)
– Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen (Piper,
1964)
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