Satire. Alle Figuren sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Politikern wären ein Beweis dafür, dass die Wirklichkeit jede Satire längst überholt hat.
München, Donnerstagabend, 19:42 Uhr. In der Staatskanzlei brennt Licht, aber es ist nicht das Licht der Erkenntnis. Ministerpräsident Gustl Hinterhuber-Wamperl sitzt vor einem leeren Pappkarton, in dem bis vor Kurzem etwas lag, das er „mein Rippchen“ nannte. Der McRib ist aus den deutschen Filialen verschwunden. Hinterhuber-Wamperl starrt in den Karton, als könnte er dort die Überreste der bayerischen Souveränität finden.
„Das ist ein Angriff auf Bayern“, flüstert er. Im Vorzimmer wissen sie, was nun kommt. Der Mann hat schon wegen weniger den Notstand ausgerufen. Als das Weißbier im Landtag einmal zwei Grad zu warm war, setzte er einen Untersuchungsausschuss ein. Das Ergebnis lautete: Schuld waren die anderen.
Ein Patty, das alles erklärt
Man muss verstehen, was der McRib für diesen Mann bedeutet. Er ist gepresstes Schweinefleisch in Form eines Rippchens, das nie eine Rippe gesehen hat, dazu Soße, Zwiebeln und Gurkenscheiben mit dem Charme eines Quartalsmeetings. Fleisch, das so tut, als wäre es etwas anderes. Ein Landesvater müsste sich darin eigentlich wiedererkennen.
Hinterhuber-Wamperl sah darin Heimat. „Ehrliches, bodenständiges Essen“, sagte er einmal in die Kamera, den Burger in der Linken, in der Rechten die Hand eines Bürgers, die er danach nicht wusch. Der Fotograf der Staatskanzlei hatte die Szene dreihundertmal nachstellen lassen, bis die Soße fotogen am Mundwinkel hing. Das Einzige, was an dem Bild echt war, war der Fettfleck auf dem Sakko.
Die Staatskrise
Um 20:15 Uhr beruft er das Kabinett ein. Der Sondergipfel „Burger und Bayern“ dauert vier Stunden und endet ohne Ergebnis, aber mit Brotzeit. Der Landwirtschaftsminister fordert eine Bundesratsinitiative. Die Kultusministerin schlägt vor, den McRib als immaterielles Kulturerbe anzumelden, gleich neben Fingerhakeln und Schuhplattln. Der Finanzminister fragt vorsichtig, ob man das nicht erst prüfen sollte, und heißt ab sofort „Bedenkenträger“.
Hinterhuber-Wamperl erhebt sich. „Wenn ein Burger verschwinden kann, der Millionen glücklich gemacht hat, was kann uns dann noch alles genommen werden?“ Dass vor einer Stunde noch niemand den Burger vermisst hat, überhört er. Die jüngste Umfrage erwähnt keiner: Ihn kennen 91 Prozent der Bayern, den McRib 14. Gemocht wird der Burger trotzdem mehr.
Wer nicht für mich ist
Nun kommt die Politik ins Spiel, und es wird dunkel. In Berlin regieren plötzlich Leute, die ihn nicht um Erlaubnis gefragt haben. Es gibt Konstellationen, in denen seine Partei nicht mehr klebt wie der Patty am Brötchen, und Umfragen, in denen Wähler ihr Kreuz offenbar anderswo machen. Das passt nicht in sein Weltbild, das aus einem einzigen Raum besteht, dem Bierzelt.
„Wer nicht uns wählt“, erklärt er der verängstigten Presse, „wählt gegen Bayern. Und wer gegen Bayern wählt, hat in diesem Land eigentlich nichts verloren.“ Das ist verfassungsrechtlich Unsinn, aber die Staatskanzlei hat gelernt, ihn in solchen Momenten nicht zu korrigieren. Man nickt, lässt den Satz verhallen und hofft auf einen Skandal, der ihn überlagert.
Den Zusammenhang zum McRib liefert er im nächsten Atemzug selbst: „Es ist doch kein Zufall, dass beides gleichzeitig passiert. Erst nehmen sie uns den Burger, dann die Mehrheit. Da steckt ein Plan dahinter.“ Wer „sie“ sind, sagt er nicht. Das ist seine größte rhetorische Stärke: Er braucht keinen Feind, nur ein Pronomen.
Was das Schwein mit ihm macht
Der Ernährungswissenschaftler, den die Staatskanzlei pro forma konsultiert, sagt nach einer Stunde nur einen Satz: „Man ist, was man isst.“ Dann erschrickt er über sich selbst.
Die Diagnose liegt auf der Hand. Hinterhuber-Wamperl ist ein Politiker aus Resten: ein bisschen Stammtisch, ein bisschen Marketing, eine Prise Gekränktheit, alles in die Form eines Landesvaters gepresst. Wie der McRib ist er kein gewachsenes Stück, sondern ein Produkt. Saisonal verfügbar, nach Wahlkämpfen kaum zu finden, und immer dann zurück, wenn die Marketingabteilung Aufmerksamkeit braucht.
Der Konsum, so der Experte, habe Spuren hinterlassen. Wer jahrelang Fleisch ohne Herkunft isst, verliert das Gefühl für Herkunft, auch für die eigene. Wer jede Soße über alles kippt, hält sie irgendwann für eine Weltanschauung. Und wer bei jeder Kamera ein Gericht in die Hand nimmt, unterscheidet nicht mehr zwischen Mahlzeit und Mission. Das Schwein, ergänzt der Experte, habe wenigstens noch ein Rückgrat gehabt, bevor man es gepresst hat.
Der Abend danach
Um Mitternacht sitzt der Ministerpräsident allein im Büro. Der leere Karton steht auf dem Schreibtisch, neben dem Kruzifix und den Fotos von Terminen, bei denen er auf dem Bild besser aussah als im Leben. Sein Assistent bringt eine Brezn, die er ansieht, als hätte sie ihn verraten.
„Gustl“, sagt der Assistent leise, und man weiß, dass es ernst ist, denn sonst duzt ihn niemand. „Vielleicht kommt der Burger nächstes Jahr wieder.“
Hinterhuber-Wamperl sieht ihn lange an. „Das ist ja das Problem“, sagt er. „Er kommt immer wieder. Genau wie ich.“
Am nächsten Morgen verkündet er vor den Kameras, Bayern werde den McRib zurückholen, „koste es, was es wolle“. Die Rechnung zahlt, wie immer, der Steuerzahler. Der Burger bleibt verschwunden. Die Fast-Food-Kette hat längst verstanden, dass man ihn nur vermisst, solange es ihn nicht gibt. Der Ministerpräsident hält dagegen jedes Schweigen im Raum für Applaus.
Beide sind aus demselben Stoff, beide schmecken vor allem nach Soße, und beide werden von Leuten verteidigt, die sie nie bestellt haben. Der Unterschied: Den McRib hat die Kundschaft irgendwann abbestellt. Den Ministerpräsidenten bekommt Bayern seit Jahren im Dauerabo.
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