Zitat von Admin A am 22. Oktober 2026, 19:52 Uhr
Der Name klingt fast poetisch. „Lebensborn“ bedeutet Quell des Lebens. Dahinter stand ein Verein der SS, der im Dienst der nationalsozialistischen Rassenpolitik stand. Um ihn ranken sich bis heute Mythen, Halbwahrheiten und Gruselgeschichten. Ein genauer Blick lohnt sich, denn die belegte Wahrheit ist in Teilen noch erschütternder als das Gerücht.
Gründung und Ziel
Am 12. Dezember 1935 gründete Heinrich Himmler, Reichsführer SS, in Berlin den Verein „Lebensborn e. V.“. Er selbst führte den Vorsitz. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Wenige Wochen zuvor waren die Nürnberger Rassengesetze erlassen worden. Der Staat hatte damit festgelegt, wer in Deutschland als „Volksgenosse“ galt und wer ausgegrenzt wurde. Der Lebensborn war die Kehrseite dieser Ausgrenzung. Er sollte fördern, was die Nationalsozialisten als „rassisch wertvoll“ ansahen.
Der Hintergrund war die Sorge um die Geburtenrate, die in Deutschland seit Jahrzehnten sank. Himmler wollte sie ankurbeln, vor allem innerhalb der SS. Deren Männer sollten viele Kinder zeugen, und zwar „guten Blutes“. Finanziert wurde der Verein durch Beiträge der SS-Mitglieder. Die Höhe richtete sich nach der Zahl der Kinder: Wer kinderlos blieb, zahlte mehr.
Was der Lebensborn tat
Der Verein betrieb Entbindungs- und Kinderheime. Das erste, das „Heim Hochland“, eröffnete 1936 in Steinhöring bei München. Insgesamt entstanden bis Kriegsende rund 20 Heime: neun im Deutschen Reich einschließlich Österreichs und weitere in den besetzten Gebieten, allein acht davon in Norwegen.
Aufgenommen wurden vor allem Frauen, die ein uneheliches Kind erwarteten, aber nicht jede. Mütter und Väter mussten zuvor „rassisch“ und erbbiologisch überprüft werden. Wer die Kriterien nicht erfüllte, wurde abgewiesen. Die Geburt erfolgte diskret. Die Kinder blieben im Heim, kamen zu Pflegeeltern oder wurden an kinderlose SS-Ehepaare vermittelt. Dort sollten sie im Geist der NS-Weltanschauung aufwachsen. In „Mütterschulen“ der Heime wurden die Frauen zudem weltanschaulich geschult.
Die Kehrseite dieser Auslese war brutal. Wer als nicht „wertvoll“ galt, wurde ausgeschlossen. Kinder mit Behinderungen fielen dem „Euthanasie“-Mordprogramm zum Opfer.
Der Mythos der „Zuchtanstalt“
Schon zur NS-Zeit hielten sich Gerüchte, die Heime seien „Zuchtbordelle“, in denen SS-Männer gezielt blonde Frauen schwängerten. Historiker konnten das nicht bestätigen. Der Lebensborn war keine Zuchtanstalt im wörtlichen Sinn, sondern eine Einrichtung zur Betreuung von Schwangeren und Müttern, die den „rassischen Auswahlkriterien“ entsprachen.
Das macht ihn nicht harmloser, im Gegenteil: Sein Wesen war die Rassenauslese. Und auch demografisch blieb er ein Randphänomen. In den deutschen Heimen kamen insgesamt nur etwa 8.000 Kinder zur Welt, ein winziger Bruchteil der Geburten im Reich. Die ideologische Bedeutung war größer als die tatsächliche Wirkung. Dazu passt auch Himmlers sogenannter Zeugungsbefehl von 1939, in dem er SS-Männer angesichts der erwarteten Kriegsverluste zu möglichst vielen Kindern aufrief, notfalls auch außerhalb der Ehe.
Im Krieg: Kinder als Beute
Mit dem Zweiten Weltkrieg bekam der Lebensborn eine zweite, dunklere Aufgabe. In den besetzten Ländern entstanden Heime für Frauen, die von deutschen Soldaten schwanger waren, vor allem in Norwegen, aber auch in Belgien und Frankreich. In Norwegen waren Tausende Kinder beim Lebensborn registriert, deutlich weniger wurden tatsächlich dort geboren oder vermittelt.
Ab 1942 beteiligte sich der Verein am Raub von Kindern. Himmler ordnete an, Kinder aus Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, der Sowjetunion und weiteren Ländern auf ihre „rassische Eignung“ zu prüfen. Wer als „eindeutschungsfähig“ galt, wurde den Eltern oder Waisenhäusern weggenommen, nach Deutschland gebracht und erhielt dort eine neue Identität. Die Muttersprache wurde verboten, Namen und Geburtsdaten wurden gefälscht, die Herkunft verschleiert. Nach Angaben des Bundesarchivs waren es zehntausende Kinder. Der Lebensborn war an diesem System beteiligt, wenn auch nicht als einzige Stelle.
Lidice
Das bekannteste Beispiel ist das tschechische Dorf Lidice. Nach dem tödlichen Attentat auf Reinhard Heydrich begann im Protektorat Böhmen und Mähren eine Welle brutaler Vergeltung. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 umstellten Polizei, Gestapo und Wehrmacht das Dorf. Alle Männer wurden erschossen, die Häuser angezündet, der Ort später dem Erdboden gleichgemacht. Die Frauen kamen ins KZ Ravensbrück, die Kinder wurden von ihnen getrennt und ins Ghetto Lodz gebracht.
Von den 105 Kindern des Dorfes wurden 82 im Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) in Gaswagen ermordet. (Manche Quellen nennen 81, die Gedenkstätte Lidice spricht von 82.) Nur 17 Kinder wurden von der SS als „eindeutschungswürdig“ ausgewählt, in deutsche Pflegefamilien oder Erziehungsanstalten gegeben und überlebten so den Krieg. Die tschechoslowakische Regierung suchte sie nach 1945 und brauchte mehr als zwei Jahre, bis alle gefunden und heimgeholt waren.
Kriegsende und Aufarbeitung
Im Frühjahr 1945 fanden alliierte Truppen in den Heimen Kinder, die niemand mehr abholte. Im Heim Hochland in Steinhöring waren rund 160 Kinder zurückgelassen worden, die meisten unter drei Jahren. Viele Lebensborn-Kinder wurden über ihre Herkunft belogen. Manche erfuhren erst als Erwachsene, wer sie wirklich waren.
Der Lebensborn stand 1947/48 in Nürnberg vor Gericht, im sogenannten RuSHA-Prozess, dem achten der zwölf Nachfolgeprozesse vor einem US-Militärgericht. Angeklagt waren vier führende Mitarbeiter: der Leiter Max Sollmann, der ärztliche Leiter Gregor Ebner, der Chef der Rechtsabteilung Günther Tesch und die Stellvertreterin Inge Viermetz. Am 10. März 1948 sprach das Gericht sie vom Vorwurf der Kindesentführung und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit frei. Es hielt den Lebensborn nicht für verantwortlich für den Kinderraub, der von anderen SS-Stellen ausgeführt worden sei. Sollmann, Ebner und Tesch wurden lediglich wegen ihrer Mitgliedschaft in der SS als verbrecherischer Organisation schuldig gesprochen. Ihre Strafe galt durch die Untersuchungshaft als verbüßt. Viermetz wurde freigesprochen. Die Angeklagten hatten die Richter überzeugt, der Lebensborn sei eine karitative Einrichtung gewesen.
Auch danach blieb die Aufarbeitung zäh: Bei Entnazifizierungsverfahren ab 1950 mussten sich einige Verantwortliche, darunter Sollmann und Ebner, erneut verantworten. Die Beweislage war dünn, weil Zeugen, die in Nürnberg noch ausgesagt hatten, nun schwiegen oder anderes behaupteten.
Für die „Lebensborn-Kinder“ war das ein bitterer Schlusspunkt. Viele wurden in Norwegen und anderswo ausgegrenzt, weil sie als „Kinder des Feindes“ galten. Das Etikett haftete ihnen oft noch Jahre später an. Erst in den letzten Jahrzehnten haben Forschung und Betroffene ihre Geschichte sichtbarer gemacht.
Warum wir uns erinnern sollten
Der Lebensborn zeigt, wie ein Verbrechensapparat sich mit freundlichen Worten tarnen kann. „Quell des Lebens“ klang nach Fürsorge. In Wahrheit entschied der Verein darüber, wessen Leben als wertvoll galt und wessen nicht. Dieselbe Ideologie, die Mütter und Kinder „guten Blutes“ privilegierte, stand hinter der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen.
Wer sich daran erinnert, lernt auch etwas über die Gegenwart: Menschenverachtung kommt selten mit offenem Visier. Sie spricht oft von Schutz, Familie und Zukunft.
Quellen
- Bundesarchiv, Geschichtsgalerie zum Lebensborn
- Planet Wissen: Lebensborn
- Jüdische Allgemeine: Was von den Heimen der Herrenmenschen übrig blieb
- Rhein-Pfalz-Kreis: Stichwort Lebensborn
- Wikipedia: Lebensborn
- Wikipedia: RuSHA trial
- Harvard Nuremberg Trials Project: NMT Case 8
- Stiftung Denkmal: Lidice
- Lidice Memorial
- Czech Leaders: Lidice
- Gmeiner, Sozial.Geschichte Online 37 (2024)
Transparenzhinweis:
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Der Name klingt fast poetisch. „Lebensborn“ bedeutet Quell des Lebens. Dahinter stand ein Verein der SS, der im Dienst der nationalsozialistischen Rassenpolitik stand. Um ihn ranken sich bis heute Mythen, Halbwahrheiten und Gruselgeschichten. Ein genauer Blick lohnt sich, denn die belegte Wahrheit ist in Teilen noch erschütternder als das Gerücht.
Am 12. Dezember 1935 gründete Heinrich Himmler, Reichsführer SS, in Berlin den Verein „Lebensborn e. V.“. Er selbst führte den Vorsitz. Der Zeitpunkt war kein Zufall: Wenige Wochen zuvor waren die Nürnberger Rassengesetze erlassen worden. Der Staat hatte damit festgelegt, wer in Deutschland als „Volksgenosse“ galt und wer ausgegrenzt wurde. Der Lebensborn war die Kehrseite dieser Ausgrenzung. Er sollte fördern, was die Nationalsozialisten als „rassisch wertvoll“ ansahen.
Der Hintergrund war die Sorge um die Geburtenrate, die in Deutschland seit Jahrzehnten sank. Himmler wollte sie ankurbeln, vor allem innerhalb der SS. Deren Männer sollten viele Kinder zeugen, und zwar „guten Blutes“. Finanziert wurde der Verein durch Beiträge der SS-Mitglieder. Die Höhe richtete sich nach der Zahl der Kinder: Wer kinderlos blieb, zahlte mehr.
Der Verein betrieb Entbindungs- und Kinderheime. Das erste, das „Heim Hochland“, eröffnete 1936 in Steinhöring bei München. Insgesamt entstanden bis Kriegsende rund 20 Heime: neun im Deutschen Reich einschließlich Österreichs und weitere in den besetzten Gebieten, allein acht davon in Norwegen.
Aufgenommen wurden vor allem Frauen, die ein uneheliches Kind erwarteten, aber nicht jede. Mütter und Väter mussten zuvor „rassisch“ und erbbiologisch überprüft werden. Wer die Kriterien nicht erfüllte, wurde abgewiesen. Die Geburt erfolgte diskret. Die Kinder blieben im Heim, kamen zu Pflegeeltern oder wurden an kinderlose SS-Ehepaare vermittelt. Dort sollten sie im Geist der NS-Weltanschauung aufwachsen. In „Mütterschulen“ der Heime wurden die Frauen zudem weltanschaulich geschult.
Die Kehrseite dieser Auslese war brutal. Wer als nicht „wertvoll“ galt, wurde ausgeschlossen. Kinder mit Behinderungen fielen dem „Euthanasie“-Mordprogramm zum Opfer.
Schon zur NS-Zeit hielten sich Gerüchte, die Heime seien „Zuchtbordelle“, in denen SS-Männer gezielt blonde Frauen schwängerten. Historiker konnten das nicht bestätigen. Der Lebensborn war keine Zuchtanstalt im wörtlichen Sinn, sondern eine Einrichtung zur Betreuung von Schwangeren und Müttern, die den „rassischen Auswahlkriterien“ entsprachen.
Das macht ihn nicht harmloser, im Gegenteil: Sein Wesen war die Rassenauslese. Und auch demografisch blieb er ein Randphänomen. In den deutschen Heimen kamen insgesamt nur etwa 8.000 Kinder zur Welt, ein winziger Bruchteil der Geburten im Reich. Die ideologische Bedeutung war größer als die tatsächliche Wirkung. Dazu passt auch Himmlers sogenannter Zeugungsbefehl von 1939, in dem er SS-Männer angesichts der erwarteten Kriegsverluste zu möglichst vielen Kindern aufrief, notfalls auch außerhalb der Ehe.
Mit dem Zweiten Weltkrieg bekam der Lebensborn eine zweite, dunklere Aufgabe. In den besetzten Ländern entstanden Heime für Frauen, die von deutschen Soldaten schwanger waren, vor allem in Norwegen, aber auch in Belgien und Frankreich. In Norwegen waren Tausende Kinder beim Lebensborn registriert, deutlich weniger wurden tatsächlich dort geboren oder vermittelt.
Ab 1942 beteiligte sich der Verein am Raub von Kindern. Himmler ordnete an, Kinder aus Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, der Sowjetunion und weiteren Ländern auf ihre „rassische Eignung“ zu prüfen. Wer als „eindeutschungsfähig“ galt, wurde den Eltern oder Waisenhäusern weggenommen, nach Deutschland gebracht und erhielt dort eine neue Identität. Die Muttersprache wurde verboten, Namen und Geburtsdaten wurden gefälscht, die Herkunft verschleiert. Nach Angaben des Bundesarchivs waren es zehntausende Kinder. Der Lebensborn war an diesem System beteiligt, wenn auch nicht als einzige Stelle.
Das bekannteste Beispiel ist das tschechische Dorf Lidice. Nach dem tödlichen Attentat auf Reinhard Heydrich begann im Protektorat Böhmen und Mähren eine Welle brutaler Vergeltung. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juni 1942 umstellten Polizei, Gestapo und Wehrmacht das Dorf. Alle Männer wurden erschossen, die Häuser angezündet, der Ort später dem Erdboden gleichgemacht. Die Frauen kamen ins KZ Ravensbrück, die Kinder wurden von ihnen getrennt und ins Ghetto Lodz gebracht.
Von den 105 Kindern des Dorfes wurden 82 im Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) in Gaswagen ermordet. (Manche Quellen nennen 81, die Gedenkstätte Lidice spricht von 82.) Nur 17 Kinder wurden von der SS als „eindeutschungswürdig“ ausgewählt, in deutsche Pflegefamilien oder Erziehungsanstalten gegeben und überlebten so den Krieg. Die tschechoslowakische Regierung suchte sie nach 1945 und brauchte mehr als zwei Jahre, bis alle gefunden und heimgeholt waren.
Im Frühjahr 1945 fanden alliierte Truppen in den Heimen Kinder, die niemand mehr abholte. Im Heim Hochland in Steinhöring waren rund 160 Kinder zurückgelassen worden, die meisten unter drei Jahren. Viele Lebensborn-Kinder wurden über ihre Herkunft belogen. Manche erfuhren erst als Erwachsene, wer sie wirklich waren.
Der Lebensborn stand 1947/48 in Nürnberg vor Gericht, im sogenannten RuSHA-Prozess, dem achten der zwölf Nachfolgeprozesse vor einem US-Militärgericht. Angeklagt waren vier führende Mitarbeiter: der Leiter Max Sollmann, der ärztliche Leiter Gregor Ebner, der Chef der Rechtsabteilung Günther Tesch und die Stellvertreterin Inge Viermetz. Am 10. März 1948 sprach das Gericht sie vom Vorwurf der Kindesentführung und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit frei. Es hielt den Lebensborn nicht für verantwortlich für den Kinderraub, der von anderen SS-Stellen ausgeführt worden sei. Sollmann, Ebner und Tesch wurden lediglich wegen ihrer Mitgliedschaft in der SS als verbrecherischer Organisation schuldig gesprochen. Ihre Strafe galt durch die Untersuchungshaft als verbüßt. Viermetz wurde freigesprochen. Die Angeklagten hatten die Richter überzeugt, der Lebensborn sei eine karitative Einrichtung gewesen.
Auch danach blieb die Aufarbeitung zäh: Bei Entnazifizierungsverfahren ab 1950 mussten sich einige Verantwortliche, darunter Sollmann und Ebner, erneut verantworten. Die Beweislage war dünn, weil Zeugen, die in Nürnberg noch ausgesagt hatten, nun schwiegen oder anderes behaupteten.
Für die „Lebensborn-Kinder“ war das ein bitterer Schlusspunkt. Viele wurden in Norwegen und anderswo ausgegrenzt, weil sie als „Kinder des Feindes“ galten. Das Etikett haftete ihnen oft noch Jahre später an. Erst in den letzten Jahrzehnten haben Forschung und Betroffene ihre Geschichte sichtbarer gemacht.
Der Lebensborn zeigt, wie ein Verbrechensapparat sich mit freundlichen Worten tarnen kann. „Quell des Lebens“ klang nach Fürsorge. In Wahrheit entschied der Verein darüber, wessen Leben als wertvoll galt und wessen nicht. Dieselbe Ideologie, die Mütter und Kinder „guten Blutes“ privilegierte, stand hinter der Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen.
Wer sich daran erinnert, lernt auch etwas über die Gegenwart: Menschenverachtung kommt selten mit offenem Visier. Sie spricht oft von Schutz, Familie und Zukunft.
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