Warum Alter vor Torheit nicht schützt, und was die wenigen Ausnahmen verbindet
Der Gedanke ist so alt wie die Staaten selbst. In Sparta saß die Gerusia, ein Rat von Männern jenseits der sechzig, und der römische Senat trägt seinen Namen von senex, dem Greis. Wer lange gelebt hat, so die stille Übereinkunft, fällt nicht auf jeden Schwindel herein. Wir sagen bis heute „altersweise“ und meinen ein Kompliment. Dass es auch „altersstarr“ gibt, fällt uns meist erst auf, wenn der Schaden da ist.
Der „alte weiße Mann“ ist zum Kürzel geworden für eine bestimmte Art, Macht auszuüben und Kritik an sich abperlen zu lassen. Als Beschreibung taugt der Ausdruck nur zur Hälfte, denn niemand wird durch Hautfarbe, Geschlecht oder Geburtsjahrgang zum Verhängnis für andere, und junge Männer haben ebenfalls Verheerendes angerichtet. Interessant ist die Konstellation dahinter: ein Mann fortgeschrittenen Alters, mit sehr viel Macht, umgeben von Leuten, die ihm lieber nicht widersprechen. Sie ging oft schief, und einige Male hat sie den Lauf der Welt verändert. Am Ende stehen Männer, die es anders gemacht haben.
Berlin, Januar 1933
Am 30. Januar 1933 ernannte in Berlin ein Fünfundachtzigjähriger einen Dreiundvierzigjährigen zum Reichskanzler. Der Ältere war Paul von Hindenburg, Generalfeldmarschall a. D., Reichspräsident und seit dem Ersten Weltkrieg eine Art lebendes Denkmal. Der Jüngere hieß Adolf Hitler.
Lange sprach man von „Machtergreifung“, als hätte ein Haufen Radikaler das Tor aufgebrochen. Die Geschichtswissenschaft erzählt es heute anders: Die Macht wurde Hitler gereicht, von konservativen Eliten, die sich für klüger hielten als er. Noch im Sommer 1932 hatte Hindenburg ihm die ganze Regierungsgewalt verweigert. Im Januar gab er nach, und der Weg dorthin führte durch Hinterzimmer. Franz von Papen, den der Präsident eigentlich wieder als Kanzler wollte, verhandelte heimlich mit Hitler und überzeugte den Alten mit einem Argument, das heute fast komisch klingt: Wenn man die Nationalsozialisten in ein Kabinett aus Konservativen einrahme, sei Hitler neutralisiert. Neben ihm saßen tatsächlich nur zwei weitere Nationalsozialisten am Tisch. Auf dem Papier eine Mehrheit der Vernünftigen.
Den Präsidenten bearbeitete eine Kamarilla aus Papen, Hindenburgs Sohn Oskar und Staatssekretär Otto Meißner. Meißner hat später in Nürnberg zu Protokoll gegeben, dass Oskar nach einer Stunde unter vier Augen mit Hitler im Taxi nur noch sagte, die Nazis müssten in die Regierung. Wie klar der Kopf des Fünfundachtzigjährigen noch war, ist eine Frage für Biografen. Lehrreicher ist die Anordnung: ein alter Mann mit enormer formaler Macht, abgeschirmt und gelenkt von Leuten mit eigenen Interessen. Für sie war der Präsident vor allem eine Tür, durch die man gehen musste. Hindenburg starb im August 1934 und musste das Ende seiner Republik nicht mehr erklären.
Der Marschall
Im Juni 1940 war Frankreich binnen fünf Wochen geschlagen. Der Präsident ernannte zum Regierungschef den Mann, den die Franzosen liebten wie kaum einen zweiten: Philippe Pétain, den Löwen von Verdun. Er war vierundachtzig, bis heute der älteste Regierungschef Frankreichs. Am nächsten Tag bat er die Deutschen um Waffenstillstand, am 10. Juli übertrug ihm das Parlament in Vichy die Vollmacht für eine neue Verfassung. Aus der Republik wurde ein autoritäres, antisemitisches Regime, das nach Pétains Treffen mit Hitler im Oktober 1940 die Zusammenarbeit mit den Besatzern zur Politik machte. Wie weit er selbst steuerte und wie weit Männer wie Pierre Laval, ist umstritten. Die Verantwortung trug er so oder so.
Sein Fall zeigt eine Verwechslung, die sich durch die Geschichte zieht: Wir halten vergangene Leistung für gegenwärtiges Urteilsvermögen. Verdun war 1916. Wer vierundzwanzig Jahre später einem Vierundachtzigjährigen ein Land anvertraut, weil er ein Schlachtfeld gehalten hat, wählt keinen Kompass, sondern ein Denkmal.
Das Zimmer in Moskau
Gerontokratie in Reinform ließ sich in der Sowjetunion der späten Siebziger besichtigen. Im Dezember 1979 beschlossen vier Männer den Einmarsch in Afghanistan: Generalsekretär Leonid Breschnew, Außenminister Gromyko, Verteidigungsminister Ustinow und KGB-Chef Andropow. Der Ökonom Paul Gregory, der die Politbüro-Akten ausgewertet hat, beschreibt ein Gremium alternder und kranker Führer; Breschnew selbst sei 1979 über weite Strecken arbeitsunfähig gewesen. Man hatte ihm gesagt, die Operation sei in drei bis vier Wochen vorbei. Der Krieg dauerte fast ein Jahrzehnt, kostete das Vertrauen des Westens in die Entspannung und beschleunigte den Zerfall des Imperiums.
Beim Tod Breschnews 1982 lag das mittlere Alter im Politbüro bei einundsiebzig, wie der Journalist Timothy Noah festhält, der 2019 zugleich anmerkte, dass die amerikanische Spitzenpolitik im Schnitt noch älter sei. Das Problem kennt keine Blockgrenze. Es liegt in Systemen, in denen niemand dem Chef sagen kann, dass es Zeit ist.
Die Rechnung zahlen andere
Alter kann auf eine zweite Weise zur Gefahr werden, und die hat mit Demenz nichts zu tun. Wer eine Entscheidung trifft, deren Folgen erst in dreißig oder fünfzig Jahren spürbar werden, trägt sie persönlich oft nicht mehr.
Beispiel Klima: Schon 1977 warnte der Exxon-Wissenschaftler James Black die Konzernspitze vor dramatischen Folgen fossiler Brennstoffe. Eine 2023 in Science veröffentlichte Auswertung der internen Modelle zeigt, dass Exxon die Erwärmung mit bemerkenswerter Treffsicherheit vorhergesagt hatte, etwa zwei Zehntel Grad pro Jahrzehnt. Öffentlich riet ein interner Entwurf von 1988, man solle „die Unsicherheit betonen“, und der Konzern unterstützte jahrzehntelang Gruppen, die Zweifel säten. Greise waren die Verantwortlichen nicht, und eine Generationenschuld lässt sich daraus nicht konstruieren. Aber wer die Rechnung nicht zahlen muss, rechnet anders.
Beispiel Brexit: Beim Referendum 2016 stimmten laut einer Umfrage von Michael Ashcroft 73 Prozent der 18- bis 24-Jährigen für den Verbleib, aber 60 Prozent der über 65-Jährigen für den Austritt, und nach Schätzungen gingen 89 Prozent der Älteren zur Wahl, aber nur 64 Prozent der unter 35-Jährigen. Fairerweise gehört dazu, dass vierzig Prozent der Älteren für den Verbleib stimmten und die Entscheidung auch eine Klassen- und Regionaldimension hatte. Wer die Briten über sechzig zu einem Block erklärt, macht den Fehler, den er ihnen vorwirft.
Was die Forschung weiß
Treffen alte Menschen schlechtere Entscheidungen? Die Wissenschaft antwortet unbefriedigend ehrlich: Es kommt darauf an. Ein Team um Patricia Boyle vom Rush-Alzheimer-Zentrum in Chicago fand bei 420 älteren Menschen ohne Demenz, dass schon normaler kognitiver Abbau mit schlechteren Entscheidungen und größerer Betrugsanfälligkeit einhergeht. Ein Yale-Experiment mit 135 Teilnehmern zwischen 12 und 90 Jahren ergab, dass Ältere bei Gewinnen zögerten, bei Verlusten aber riskant spielten und rund vierzig Prozent mehr verloren. Dagegen fand das Center for BrainHealth in Dallas bei 72 gesunden Menschen zwischen 50 und 79 keinen Unterschied in der Entscheidungsqualität, und Forscher um Ye Li zeigten 2015 in den Proceedings of the National Academy of Sciences, dass Fachwissen den Abbau der flüssigen Intelligenz in vertrauten Gebieten ausgleichen kann.
Die plausibelste Lesart: Erfahrung hilft, wo sich ein Problem ähnlich schon einmal gestellt hat; wo etwas völlig Neues geschieht, geraten Ältere eher ins Hintertreffen. Und der Durchschnitt sagt über den Einzelnen wenig. Eine Studie über politische Führer in Dementia and Geriatric Cognitive Disorders (2020) hält zweierlei fest: Je länger jemand an der Macht bleibt, desto größer das Risiko, und gerade charismatische Gründerfiguren verlassen sich zu lange auf ihre Aura. Zugleich warnt sie vor Altersdiskriminierung ebenso wie vor stillem Wegsehen. Wo Regierungen abgewählt werden können, bleibt das Spitzenpersonal im Schnitt jünger.
Eine Frage der Konstruktion
Das Problem ist weniger das Alter als die Anlage der Macht um das Alter herum. Woodrow Wilson erlitt im Oktober 1919 mit zweiundsechzig einen schweren Schlaganfall, blieb aber bis 1921 im Amt, während seine Frau Edith die Besucher fernhielt und mit dem Leibarzt entschied, was er zu sehen bekam. Churchill, der 1940 mit fünfundsechzig das Land geführt hatte, erlitt 1953 als Premier einen Schlaganfall, den sein Umfeld verbarg. Es hieß, er sei erschöpft.
Auch die Gegenwart liefert Beispiele, und sie sind nicht weiß: Paul Biya, Präsident Kameruns, ist 93, seit über vier Jahrzehnten an der Macht und regiert ein Land mit einem Durchschnittsalter von achtzehn. Robert Mugabe musste mit 93 zum Rücktritt gedrängt werden. Der Ausdruck „alter weißer Mann“ verrät damit seine Grenze: Er beschreibt eine historisch westliche Erscheinungsform, nicht das Phänomen selbst. Und junge Männer richten Verheerendes an, Hitler war 43. Gemeinsam ist den Katastrophen ein Ort, an dem niemand mehr widersprechen darf. Alter verstärkt das, weil Respekt vor dem Alter eine Hemmung erzeugt. Wer will dem Marschall sagen, dass er irrt?
Und doch
Richard von Weizsäcker war fünfundsechzig, als er am 8. Mai 1985 im Bundestag zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes sprach. Der 8. Mai sei ein Tag der Befreiung gewesen, sagte er, auch für die Deutschen, und er gedachte der ermordeten Juden, der Sinti und Roma, der Homosexuellen und der Kranken. Das Vergessenwollen, sagte er, verlängere das Exil. Die Rede fiel in Tage, in denen Kanzler Kohl und Präsident Reagan mit dem Besuch auf dem Soldatenfriedhof Bitburg Kritik auf sich gezogen hatten. Sie wirkte, weil einer, der seine Generation und ihre Verstrickungen kannte, ihr sagte, was sie nicht hören wollte.
Konrad Adenauer ist ein ambivalenterer Fall. Er wurde 1949 mit dreiundsiebzig Kanzler und blieb es bis zu seinem siebenundachtzigsten Lebensjahr. Er band die Bundesrepublik an den Westen und unterzeichnete 1963 mit de Gaulle den Élysée-Vertrag. Derselbe Adenauer holte Hans Globke ins Kanzleramt, der die Rassegesetze der Nazis kommentiert hatte, und sprach in der Spiegel-Affäre von einem „Abgrund von Landesverrat“. Zum Abtreten musste man ihn eher drängen. Das Bild ist gemischt, und es ist das ehrlichste.
Jimmy Carter galt als glückloser Präsident, brachte aber 1978 Sadat und Begin in Camp David zusammen. Seine eigentliche Lebensleistung liegt in den Jahrzehnten danach: Mit dem Carter Center beobachtete er Wahlen in Dutzenden Ländern und bekämpfte die Guineawurm-Krankheit. Er erhielt 2002 den Friedensnobelpreis und starb Ende 2024 mit hundert Jahren. Stéphane Hessel, Résistance-Kämpfer, Buchenwald-Überlebender und Mitwirkender an der Menschenrechtserklärung, veröffentlichte mit über neunzig das Heft Empört euch!, das sich millionenfach verkaufte. Ein alter Mann stand hier der Zukunft nicht im Weg, sondern ging ihr voraus.
Ein Beispiel gehört noch dazu, auch wenn sein Held weder weiß ist noch Teil des Problems war: Nelson Mandela wurde 1994 mit fünfundsiebzig erster demokratisch gewählter Präsident Südafrikas, nach siebenundzwanzig Jahren Haft. Er hätte Gründe zur Rache gehabt und führte das Land stattdessen auf den Weg der Versöhnung. 1999 trat er nach einer Amtszeit ab, mit achtzig, wie es die Verfassung vorsah.
Abtreten können
Legt man gescheiterte und gelungene Fälle nebeneinander, fällt weniger das Alter auf als die Haltung zur eigenen Vergangenheit. Hindenburg, Pétain und die Greise des Politbüros ließen sich aus ihr legitimieren: Ich war bei Tannenberg, ich war in Verdun. Weizsäcker, Hessel und Carter verwandelten sie in eine Verpflichtung gegenüber den Jüngeren. Die einen ruhen sich auf ihren Orden aus, die anderen stellen ihr Wissen in den Dienst von etwas, das über sie hinausreicht.
Dazu kommt ein nüchterner Unterschied. Die Katastrophen entstanden in Systemen, die Fehler nicht korrigieren konnten, weil niemand dem Alten widersprechen durfte. Die Ausnahmen standen in Strukturen, die sie begrenzten: Mandela in einer Verfassung, Weizsäcker in einem Amt mit fester Dauer, Carter in einer Rolle ohne Macht. Daraus ließe sich ein Programm ableiten, das nach Bürokratie klingt: Amtszeitbegrenzungen, offene Auskunft über die Gesundheit der Mächtigen, Beratungsgremien, in denen auch Jüngere das letzte Wort haben. Keine dieser Maßnahmen beleidigt das Alter. Sie nehmen nur ernst, dass Menschen sich verändern.
Und die Weisheit? Die Forschung gibt nicht her, dass sie automatisch mit den Jahren kommt. Sie ist eher eine Tätigkeit: Man erwirbt sie nicht ein für alle Mal, man übt sie aus, und man kann sie jederzeit verlieren. Wer sie besitzt, zeigt es vor allem im Umgang mit der eigenen Endlichkeit.
Quellen
- Hindenburg, Papen, Ernennung Hitlers: Deutsches Historisches Museum (LeMO); Aussage Otto Meißners, Nürnberg: German History in Documents and Images
- Pétain: LeMO-Biografie; Wikipedia
- Afghanistan-Entscheidung 1979: Paul Gregory, Lenin’s Brain (Hoover Institution)
- Alter der Politbüro- und US-Führung: Timothy Noah im Gespräch mit Texas Standard (2019)
- Exxon: Sierra Club; Boston Globe zur Science-Studie (2023); Down To Earth
- Brexit-Referendum: PolitiFact (Ashcroft-Umfrage); NBC News; Wahlbeteiligung nach Alter (Wikipedia)
- Entscheidungsforschung: Boyle u. a., PLoS ONE (2012); Yale-Studie, PNAS (Bericht); UT Dallas Center for BrainHealth (2013); Li u. a., PNAS (2015)
- Politische Führer und Alter: Aging Heads of State, Dement Geriatr Cogn Disord (2020); Altersanalyse von Staatschefs in 140 Ländern
- Woodrow Wilson: History.com
- Weizsäcker-Rede 1985: Bundeszentrale für politische Bildung; Deutscher Bundestag
- Jimmy Carter: Atlanta Journal-Constitution; APA-Nachruf
- Nelson Mandela: Planet Wissen
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