
Wer einen Journalisten kennenlernt, und dazu gehören auch Pressefotografen, merkt schnell, dass es sich um einen besonderen Menschenschlag handelt.
Journalisten betrachten ihren Beruf nicht als Beruf, sondern als Berufung, immer auf der Suche nach einer Story oder diesem EINEN Bild, das man „Den goldenen Schuss“ nennt.
Ich habe lange als Pressefotografin gearbeitet und möchte einmal verdeutlichen, was oder wer wir sind.
Eigentlich fotografierte ich schon seit meiner Kindheit. Meine Großmutter hatte eine Kamera und ich hantierte ständig damit herum. Egal, was mir vor die Linse kam, wurde fotografiert und es machte mir unendlich viel Freunde.
Mein Großvater hatte ein Fotofachgeschäft, mit einem hervorragenden Fotolabor und er zeigte mir, wie man fotografiert, entwickelt und schneidet. Aus dem kindlichen Herumgespiele wurde eine Leidenschaft.
Mich interessieren besonders Menschen, die nicht merkten, dass sie fotografiert wurden und damit sie selbst sind. Umso natürlicher, umso besser, gestellte Fotos waren nie mein Ding. Eine weitere Leidenschaft ist die Landschaftsfotografie.
Als ich dann, vor langer Zeit gefragt wurde, ob ich für eine Bild- und Nachrichtenagentur arbeiten möchte, sagte ich spontan JA, ohne zu wissen, was da auf mich zukommt.
Das Erste, was ich lernen mußte, war, das die Storys auf der Straße liegen aber nicht das Geld. Ich mußte lernen, die Welt mit offenen Augen zu sehen und zu beobachten.
Es gibt offensichtliche Fotogelegenheiten, wie Demonstrationen, Polizei- und Feuerwehreinsätze, aber auch das weniger offensichtliche, wie der große Sperrmüllhaufen, der schon seit Wochen am Straßenrand lag, der fehlende Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, der für Menschen mit Behinderung ein Hindernis darstellte, oder der total verwahrloste Kinderspielplatz.
Das nächste, was ich lernte, war, das ein 16 Stunden/Tag und 16 Kilometer am Stück laufen, niemals als Belastung betrachtet werden darf, ansonsten ist man in dem Beruf falsch. Vormittags zu einer Demo, schauen, ob es noch eine Zweite gibt, irgendwo, am Rand, einen Polizei-oder Feuerwehreinsatz fotografieren, Abends ein Konzert oder eine Primiere, danach ein paar Fotos von einer Aftershowparty, irgendwann in den Morgenstunden nach Hause kommen, die Bilder sortieren und sie zur Agentur schicken, kurz schlafen, unter die Dusche und wieder los. Eigentlich war das immer eine 7 Tage/Woche aber sonntags war, für mich, meist ein selbstbestimmter Ruhetag.
Ich lernte schnell und ich hatte einen sehr guten Lehrer. Bei ihm lernte ich, von der Pike auf, was der Beruf bedeutete und er sagte mir einmal, dass ich dann aufhören sollte, wenn der Beruf zu einem Beruf wird und nicht mehr zu einer Berufung mit Leidenschaft.
Für mich war der Beruf die Leidenschaft pur. Familie und Freunde waren etwas, was man nebenbei mal in seinen Terminplan schob und ich habe Pressefotografen erlebt, wo die Partnerschaft irgendwie daraus bestand, gemeinsam zum Termin zu gehen und dem Partner, bzw. der Partnerin beim Arbeiten zuzusehen.
Die meisten Pressefotografen arbeiten regional, also in der Umgebung ihres Wohnortes aber nicht wenige sind Weltenbummler, die irgendwo einen Wohnsitz haben, der eigentlich nur dazu dient, die Post zu empfangen. Sie sind in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs, arbeiten an Reportagen über Reichtum und Elend oder fotografieren Pomis auf der Welt.
Nur wenige Pressefotografen oder Autoren sind fest, bei einer Agentur, beschäftigt. Die Meisten sind freiberuflich tätig. Freiberuflich tätig zu sein, bedeutet, nie über ein festes Einkommen zu verfügen, sondern immer darauf zu hoffen, dass ein Zeitungsverlag oder eine Fernsehgesellschaft wenigstens ein Bild kauft. Schlechte Agenturen verkaufen dann die Bilder für ein paar Euros, gute Agenturen achten darauf, dass das Foto auch anständig bezahlt wird, oder, man schließt gleich einen Vertrag mit einem Verlag, ohne Umweg über eine Agentur. Die meisten Pressefotografen arbeiten hart, ohne zu wissen, ob sie am Monatsende die Miete bezahlen können.
Urlaub, sofern überhaupt möglich, bedeutet, sich möglichst einen Urlaubsort zu suchen, an dem irgendeine Veranstaltung oder Fest stattfindet, das man fotografieren kann.
Wer in dem Beruf arbeitet, sollte gut vernetzt sein, denn man ist auf Informationen zu Veranstaltungen angewiesen und man muß wissen, wenn man für eine Akkreditierung ansprechen muß.
Einen guten Pressefotografen erkennt man daran, das nie geklagt wird, das die Kleidung und die Ausrüstung immer griffbereit liegt und ein Privatleben kaum eine Rolle spielt. Wer in diesem Beruf arbeitet, empfindet Verzicht auf Privatleben und gesunde Ernährung nicht als Belastung (auf Kaffee verzichtet man allerdings ungerne), sondern als Normalität, als etwas, worüber man nicht nachdenkt.
Ein guter Pressefotograf macht seinen Job und weint dann, wenn die Bilder sortiert werden. Die Kamera ist so etwas, wie ein Schutzschild, vor dem, was sichtbar wird, wenn man die Fotos auf dem Monitor sieht.
Manche arbeiten, bis ins hohe Alter, andere merken irgendwann, das die Knochen immer mehr den Dienst verweigern, aber die Leidenschaft bleibt, auch wenn man dann in den Bereich wechselt oder den Beruf aufgeben muß.
Ich liebe nach wie vor dem Beruf, auch wenn ich heute zu alt bin, um auf der Straße nach dem einen Foto zu suchen und, weil ich zu alt bin, schreibe ich heute und das mit genauso viel Leidenschaft, wie ich einst Fotos gemacht habe. Ich überlasse heute die Straße den Jüngeren, die jeden Tag unterwegs, und mit dem Beruf verheiratet sind.

