Wie die „Ausländer-raus“-Fraktion sich Deutschland Stück für Stück einverleibt – und dabei ihr eigenes Weltbild verspeist
Es gibt einen Moment, in dem jede Remigrationsfantasie an der eigenen Kaufhalle scheitert. Er heißt Freitagabend, 19 Uhr, Hunger. Der Kühlschrank ist leer, die Currywurstbude hat zu, und drei Straßen weiter brennt das Neonlicht vom Dönerladen. Man geht rein. Man bestellt „einmal alles, scharf“. Man zahlt. Man zieht ab. Und übermorgen, auf dem Marktplatz, unter der Reichsflagge, ruft man wieder: Deutschland den Deutschen.
Diese Szene wiederholt sich täglich, millionenfach, und niemand in der völkischen Blase scheint sie als Problem zu empfinden. Dabei liefert sie den vielleicht saubersten Beleg dafür, dass „Remigration“, 2023 zum Unwort des Jahres gekürt, seit dem Potsdamer Geheimtreffen aktenkundig als Vertreibungsprogramm, von Alice Weidel selbst öffentlich umarmt, keine Wirtschaftspolitik ist. Es ist eine Ästhetik. Man will die Menschen loswerden, nicht ihre Küche.
ZAHLEN, DIE WEHTUN
In Deutschland gibt es schätzungsweise 16.000 Dönerimbisse und -restaurants. Die Branche beschäftigt bundesweit rund 60.000 Menschen und verarbeitet jährlich über 122.000 Tonnen Fleisch. Der Jahresumsatz liegt je nach Quelle zwischen 2,4 und 3,5 Milliarden Euro – zum Vergleich: McDonald’s kommt in Deutschland auf 4,8 Milliarden. Erfunden wurde die deutsche Döner-Form vor rund 50 Jahren in Berlin, im Zusammenspiel türkischer Einwanderer mit der Berliner Mehrheitsgesellschaft – ein Gastarbeiter fütterte mit seiner Erfindung ein ganzes Land, das ihn eigentlich nur als Arbeitskraft auf Zeit einbestellt hatte. Man kann jetzt zynisch werden und sagen: Der Döner ist doch längst eingedeutscht, „German Döner“ heißt er international. Genau das ist der Treppenwitz. Die Rechte hat sich die Beute des Multikulturalismus einverleibt, hat sie zur eigenen Alltagskultur erklärt und verweigert gleichzeitig den Menschen, die sie mitgebracht haben, den Platz in ebendieser Kultur. Man will das Fleisch vom Spieß, aber nicht den Namen auf dem Klingelschild.
GRIECHISCHER WEIN, INDISCHES CURRY, DEUTSCHE AUSNAHME
Das Muster wiederholt sich in jeder Fußgängerzone. Der griechische Gastwirt, der seit drei Jahrzehnten Souvlaki brutzelt und beim Stammtisch als „der Nikos, der ist ja okay“ durchgewunken wird, während „die Ausländer“ die gemeint sind, die gerade nicht am Tisch sitzen. Der Inder um die Ecke, dessen Butter Chicken jeden Samstag die Familienrunde rettet, während man unter der Woche in der Whatsapp-Gruppe Karikaturen über „Messermänner“ teilt. Die italienische Pizzeria, „Familienbetrieb seit 1978“ auf die Fensterscheibe gepinselt, und trotzdem Beleg für „die kriegen hier alles“, sobald jemand vom Nebentisch über Handwerkerpreise flucht.
Es ist eine bemerkenswert selektive Fremdenfeindlichkeit: Sie endet exakt an der Ladentheke. Der Rassismus nimmt sich freitagabends frei, weil er Hunger hat.
„Remigration für alle – außer für den Metzger, den Gemüsehändler und den Mann am Spieß.“
DIE DOPPELMORAL ALS GESCHÄFTSMODELL
Man könnte das amüsant finden, wäre die Konsequenz nicht so bitter. Denn während die einen sich sattessen, brennen andernorts tatsächlich Dönerbuden – nicht nur 2019 –, weil ein Symbol zur Zielscheibe wird, sobald es für „die Anderen“ schlechthin steht. Die gleiche Küche, die als Feierabend-Trostpflaster taugt, wird zur Chiffre der Bedrohung, sobald die Kamera läuft und der Parteitag tagt. Und dann ist da noch die neueste Volte: Dieselbe Partei, deren früherer Bundessprecher einst erklärte, „die Türken gehören nicht zu uns“, wirbt heute per TikTok gezielt um türkischstämmige Wähler. Der Widerspruch ist kein Betriebsunfall. Er ist die Methode: Man nimmt, was nützt – Stimmen, Geschmack, Arbeitskraft –, und entsorgt den Rest in der Rhetorik.
GEDANKENEXPERIMENT: DEUTSCHLAND, GÄNZLICH UNTER SICH
Spielen wir es zu Ende. Stellen wir uns vor, der Traum ginge in Erfüllung: alle Menschen mit Migrationsgeschichte weg, alle Betriebe, an denen ihr Name klebt, dicht. Was bliebe von der deutschen Gastronomie übrig?
Nicht viel, und das ist keine Übertreibung, sondern Statistik. In der speisengeprägten Gastronomie liegt der Ausländeranteil unter den Beschäftigten laut Branchenzahlen bei rund 50 Prozent, im gesamten Gastgewerbe bei über 40 Prozent, in der Gesamtwirtschaft sind es zum Vergleich nur 15 Prozent. Unter den Köchinnen und Köchen hat mehr als jede zweite Person eine Migrationsgeschichte, bei den Servicekräften ist es fast jede zweite. Man müsste also nicht nur die Dönerbude schließen. Man müsste auch die Küche hinter dem Schnitzel im „urdeutschen“ Landgasthof räumen, denn genau dort steht mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand, der genau in dieses Feindbild passt.
Was folgt, ist kein Verlust an Vielfalt allein, sondern ein Kollaps der Infrastruktur. Ein gutes Drittel bis die Hälfte des Personals fehlt über Nacht, in einer Branche, die schon jetzt jede offene Stelle nur mit Mühe besetzt bekommt. Restaurants schließen nicht aus Prinzip, sondern weil niemand mehr am Herd steht. Die Lieferdienste, deren meistbestellte Gerichte seit Jahren Döner, Pizza und asiatische Küche sind, verlieren über Nacht ihr Kerngeschäft. Innenstädte, in denen ohnehin schon das „Wirtshaussterben“ grassiert, verlieren den Rest ihrer Gastronomiedichte gleich mit.
WAS ÜBRIG BLIEBE – EIN SPEISEPLAN
Montag: Currywurst, Pommes, Mayo (sofern noch jemand da ist, der frittiert)
Dienstag: Schnitzel, Kartoffelsalat – Wartezeit: unbestimmt, Personalmangel
Mittwoch: Ruhetag. Und Donnerstag. Und der Rest der Woche auch.
Freitag: Fischbrötchen, sofern der Kutter noch ausläuft
Samstag: Sauerbraten, zubereitet vom Inhaber selbst, weil die Küche leer ist
Sonntag: Kaffee und Kuchen. Immerhin.
Und selbst dieses karge Programm stünde auf wackligen Beinen. Denn die verbliebene „deutsche“ Gastronomie lebt seit Jahrzehnten von genau jenen Arbeitskräften, die einheimische Bewerber meiden – wegen Schichtdiensten, Mindestlohn, Nähe und Wochenendarbeit. Wer „raus mit allen“ ruft, bestellt sich im selben Atemzug ins Nichts: keinen Koch, keinen Kellner, keinen Spülhelfer. Die Küche der Reinheitsfantasie wäre, ironischerweise, größtenteils leer, weil die Menschen, die sie hätten führen sollen, selbst nie vorhatten, für den Mindestlohn Spätschicht zu schieben, sondern nur zuzuschauen, wie andere es tun.
EIN VORSCHLAG ZUR GÜTE
Vielleicht bräuchte es gar keine Recherchen mehr, um die Bewegung zu entlarven. Es würde reichen, jedem Parteitag einen Fragebogen an der Garderobe auszuhändigen: „Was gab’s zuletzt zum Essen?“ Wer ehrlich antwortet, outet sich als Nutznießer genau jener Einwanderungsgeschichte, die er per Resolution rückgängig machen will. Remigration für alle außer für den Metzger, den Gemüsehändler und den Mann am Spieß, das ist keine Programmatik. Das ist Appetit mit schlechtem Gewissen, der sich als Politik verkleidet.
Der Döner hat, ganz nebenbei, geschafft, was drei Jahrzehnte Integrationsdebatte nicht hinbekommen haben: Er sitzt an jedem deutschen Tisch, ungefragt nach Pass oder Herkunft. Nur eine Gruppe will partout nicht merken, dass sie längst mitisst – und dass die Küche leer bliebe, würde man ihren eigenen Forderungen tatsächlich folgen.
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