
Lust auf einen kleinen Ausflug in die Zukunft?
Deutschland, 2030.
Der Wecker klingelt. Es ist drei Uhr morgens. Jonas gähnt. Er ist hundemüde, fühlt sich ausgelaugt. Kein Wunder, er ist erst gegen 23 Uhr ins Bett gekommen. Vier Stunden Schlaf sind zurzeit normal, die permanenten Überstunden auch. Überall fehlt es an Mitarbeitern, das Pensum muss trotzdem geschafft werden.
Seine Frau Lena dreht sich noch einmal im Bett um. Wehmütig blickt er sie an. Vor ein paar Jahren noch war sie Abteilungsleiterin, hat gut verdient. Heute ist sie gezwungen, zuhause zu bleiben, um die beiden Kinder zu erziehen. Kindergartenplätze gibt es nur noch für privilegierte Menschen. Ein Normalsterblicher kann sich das nicht mehr leisten, die Plätze sind rar, auch, weil es wie überall an Personal fehlt.
Noch problematischer sind allerdings Pflegeplätze. Lenas Mutter ist nach einem Schlaganfall pflegebedürftig und müsste eigentlich in einem Heim untergebracht werden. Doch Heimplätze gibt es kaum noch, und wenn, dann sind sie unbezahlbar geworden. Es gibt nur noch wenige Pflegekräfte, viele von denjenigen, die deutsch genug waren, um im Land bleiben zu können, haben gekündigt, weil sie die Mehrarbeit nicht mehr schaffen konnten, ohne selbst daran zugrunde zu gehen. Also kümmert sich Lena um ihre Mutter, manchmal ist sie so erschöpft, dass sie im Stehen einschlafen könnte.
Obwohl Jonas zwölf Stunden am Tag arbeitet, kommen sie kaum über die Runden. Alles ist teurer geworden, seit der Dexit vollzogen und die DM wieder eingeführt worden ist. Doch Jonas ist Alleinverdiener, daran wird sich auch so schnell nichts ändern, denn Lena ist wieder schwanger. Eigentlich können sie sich ein drittes Kind nicht leisten, aber Abtreibungen sind verboten. Es soll wieder ein deutsches Volk „herangezüchtet“ werden, so schnell wie möglich.
Jonas seufzt. 35 ist er jetzt. Wie soll er das durchhalten bis zur Rente? Das Renteneintrittsalter wird immer höhergeschraubt, seit die AfD an der Macht ist. Zuerst war es bei 70 Jahren, jetzt heißt es 73, aber auch von 75 Jahren war schon die Rede. Würde er das noch erleben?
Urlaub wäre schön. Früher sind sie immer ins Ausland gefahren, im Winter nach Österreich zum Skifahren, im Sommer nach Dänemark. Doch jetzt ist das zum einen unerschwinglich geworden und zum zweiten hat er keine Lust, mit zwei quengelnden Kindern, ok, bald sind es drei, stundenlang an der Grenze im Stau zu stehen. Also doch wieder Balkonien, wie auch die letzten Jahre schon.
Gern hätte er geduscht, aber Wasser ist durch die jahrelange Dürre knapp und teuer geworden. So begnügt er sich mit einer Katzenwäsche, vielleicht würde er morgen duschen, oder besser übermorgen. Jonas fährt sich mit der Hand durch das dichte, schon wieder viel zu lange Haar. Er müsste dringend mal wieder zum Friseur. Gott, wie er Layla, seine syrische Frisörin, vermisst! Niemand verstand es so gut, seine Haare zu schneiden wie sie. Und wie hatte er die Geschichten aus ihrer Heimat geliebt, die sie ihm mit leicht arabischem Akzent erzählte, während sie seine Haare schnitt.
Und weil wir gerade beim Vermissen sind, denkt Jonas wehmütig, so viele Freunde haben ihre Koffer gepackt und sind gegangen… Markus, sein bester Freund aus der Kindheit, wohnte jetzt in Kanada. Er wollte auf keinen Fall in einem von Nazis regierten Deutschland leben. Max hatte es nach Norwegen verschlagen, und Marie wollte demnächst auch ausreisen; sie und ihre Familie waren allerdings noch unschlüssig. Da sie aber im „Widerstand“ waren und für ein demokratisches Deutschland kämpften, würden sie über kurz oder lang sowieso ausgewiesen.
Jonas zuckt die Schultern. Eigentlich war er ja mit seinen Freunden einer Meinung. Aber so offen im Widerstand? Was hatten sie denn jetzt davon?
Müde setzt sich Jonas an den Frühstückstisch, kaut an einem Brot, das dünn mit Margarine beschmiert ist und schlürft seinen Kräutertee. Was würde er jetzt für einen Becher Kaffee geben! Doch Kaffee ist Luxus, den Sonn- und Feiertagen vorbehalten, ansonsten unbezahlbar. Zuviel Kaffee ist sowieso ungesund, versucht Jonas, sich selbst zu überzeugen. Kräutertee ist viel gesünder!
Nach dem Frühstück steigt er ins Auto. Das Radio läuft, eine Wiederholung der letzten Rede von Kanzler Höcke. „Wir haben es geschafft, dass Deutschland wieder den Deutschen gehört! Uns wird es wieder gut gehen, sobald wir hinter der katastrophalen Politik der Grünen aufgeräumt haben! Aber es braucht Zeit, wieder alles aufzubauen“, tönt die Stimme des Mannes mit den eiskalten Augen. Als der Kanzler betont, dass es die Aufgabe jedes einzelnen Deutschen sei, störende Subjekte, die „gegen uns“ sind, zu melden und dingfest zu machen, schaltet Jonas genervt ab. Seit der öffentlich rechtliche Rundfunk nicht mehr existiert, hat er das Gefühl, dass die Staatspropaganda in Radio und Fernsehen immer mehr zunimmt. Regimekritische Reporter und Moderatoren verschwinden sehr schnell.
Auf dem Weg zur Arbeit nimmt er wie immer mit Bedauern zur Kenntnis, dass etwa jedes dritte Geschäft geschlossen ist. Der türkische Gemüsehändler, der Barbershop, das italienische Restaurant, in dem er so gern mit Lena gegessen hatte, der Dönerimbiss, der indische Gewürzhändler…
Vor seinem Büro trifft er Martin, einen Kollegen, mit dem er sich gut versteht. Martin ist ganz aufgelöst. „Stell dir vor“, erzählt er. „Lukas, mein Ältester, soll sich zum Wehrdienst melden! Ausgerechnet er, der keiner Fliege was zuleide tun kann!“ Und dann setzt er hinzu: „Ein echter deutscher Mann muss seinem Land dienen!“
Um Himmels willen! Jonas schaut sich panisch um. Martin hat die Stimme von Alice Weidel, der Innenministerin, exakt und vor allem sehr laut nachgeahmt. Wenn das jetzt jemand gehört hat!
Bei der Arbeit ist es wie immer. Viel zu viel zu tun und viel zu wenig Leute. Wie überall wurden auch ihrer Abteilung Arbeitslose zugeteilt, aber da diese ungelernt sind, müssen sie erst ausgebildet werden, was oft genug zu Unmut führt, auf beiden Seiten.
Auf dem Heimweg fährt Jonas an einem Haus vorbei, das letztes Jahr durch einen Sturm stark beschädigt wurde. Durch die vielen Unwetterkatastrophen, die an Stärke und Intensität immer mehr zunehmen, kann kaum noch jemand die Versicherungen bezahlen. Einen Handwerker zu bekommen, ist wie ein Sechser im Lotto. Man kann nur hoffen, dass es einen selbst nicht trifft, sagen die Leute.
Gegen 19 Uhr kommt Jonas zuhause an. Emma, seine ältere Tochter, ist knapp 10 Jahre alt und in der dritten Klasse. Sie erzählt beim Abendessen, dass sie im Unterricht von ihrem homosexuellen Onkel Michael gesprochen habe. Der Lehrer hätte sie vor der ganzen Klasse ausgelacht. Onkel Michael sei einfach nur psychisch krank und müsse dringend umerzogen werden, habe der Lehrer gesagt. Die Eltern schauen sich betroffen an, wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Um Emma abzulenken, fragt Lena nach dem morgendlichen Fahnenappell an ihrer Schule. Jedes Kind habe einen Verweis bekommen, wenn es den Text der Nationalhymne, vor allem der ersten beiden Strophen, nicht auswendig singen konnte, berichtet Emma empört. Lenas Mutter, die mit am Tisch sitzt, murmelt, dass es eine Schande sei, dass die Kinder wie in der DDR zum Fahnenappell antreten müssen. Lena und Jonas weisen sie erschrocken zurecht. Vor den Kindern dürfe sie nicht so reden. Vor allem Emma erzählt viel in der Schule und könnte alle in Schwierigkeiten bringen.
Felix, der Kleinste, ist vier und heute sehr quengelig. Er mag nicht essen, sein Kopf ist rot und heiß. Lena misst Fieber, es ist erschreckend hoch. „Wir müssen in die Notaufnahme“, sagt sie und packt den Kleinen ins Auto. Eine halbe Stunde später sind sie dort, doch die Schlange an der Anmeldung ist lang. Sehr lang. Felix hat ganz glasige Augen und weint leise vor sich hin. Lena hält ihn in den Armen und macht sich große Sorgen. Stundenlang sitzen sie in der Notaufnahme, es geht nur sehr langsam voran. „Heute sind wenigstens zwei Ärzte da“, hatte die Schwester bei der Anmeldung gesagt. „Sie können von Glück reden!“
Später stellt sich heraus, Felix hat Meningitis, Hirnhautentzündung. Eigentlich müsste er sofort auf Station gebracht werden, doch obwohl der Arzt in allen möglichen Krankenhäusern anfragt, findet man kein Bett für den kleinen Mann. Zu viele Stationen und auch Krankenhäuser mussten aufgrund Personalmangels geschlossen werden…
An dieser Stelle höre ich lieber auf. Macht euch selbst Gedanken, wie es weitergehen könnte, und ob wir uns wirklich eine solche Zukunft wünschen.

