Warum reagieren manche Menschen mit Sätzen wie:
Warum ist sie überhaupt mitgegangen?
Warum hat sie ihn nach Hause eingeladen?
Warum hat sie sich nicht früher getrennt?
Die Antwort ist unbequem.
Victim Blaming ist kein Zufall. Es ist ein psychologischer Mechanismus.
Die Sozialpsychologie kennt den sogenannten Gerechte-Welt-Glauben. Viele Menschen möchten daran glauben, dass die Welt im Großen und Ganzen fair ist. Dass guten Menschen gute Dinge passieren und schlechte Ereignisse einen nachvollziehbaren Grund haben.
Wenn dann eine Frau Opfer von Gewalt wird, gerät dieses Weltbild ins Wanken.
Also sucht man nach Erklärungen. Nicht beim Täter. Sondern beim Opfer.
„Sie hätte vorsichtiger sein müssen.“
„Sie hätte die Warnzeichen erkennen müssen.“
„Sie hätte ihn nicht so schnell in ihre Wohnung lassen dürfen.“
Das beruhigt diejenigen, die solche Sätze sagen. Denn wenn das Opfer einen Fehler gemacht hat, können sie sich einreden, ihnen selbst würde so etwas niemals passieren.
Nur funktioniert die Realität nicht so.
Frauen erleben Gewalt nach dem ersten Date, nach Monaten, nach Jahren der Ehe!
Es gibt Täter, die sich erst dann zeigen, wenn Vertrauen entstanden ist. Wenn emotionale oder wirtschaftliche Abhängigkeit besteht. Wenn eine Trennung schwierig geworden ist.
Gewalt entsteht nicht, weil Frauen „leichtsinnig“ sind.
Sie entsteht, weil Täter Gewalt ausüben. Deshalb ist Victim Blaming so gefährlich. Es verschiebt den Fokus.
Nicht mehr das Verhalten des Täters steht im Mittelpunkt, sondern das des Opfers. Und genau dadurch werden Gewalt, Scham und Schweigen weiter zementiert.
Empathie beginnt dort, wo wir aufhören zu fragen, warum sie das getan hat und anfangen zu fragen, warum ER IHR das angetan!

