
Meine Mama war gelernte Fotolaborantin, heißt, sie war diejenige, die beim Fotografen in der Dunkelkammer die Bilder entwickelte und bearbeitete. Es war nicht einfach für sie, eine Arbeitsstelle zu finden und so blieb sie viele Jahre lang Hausfrau, denn Arbeitslosigkeit gab es in der DDR ja nicht. Als ein stadtbekannter Fotograf starb, wollte seine Frau das Geschäft, das (untypisch für die DDR) tatsächlich privat war, gern weiterführen. Sie war eine gute Fotografin, brauchte aber jemanden für das Labor. Und da kam meine Mutter ins Spiel.
Die beiden Frauen waren ein tolles Team und meine Mutter blühte nach all den Jahren Arbeitslosigkeit auch richtig auf. Leider stellte ihre Chefin bald schon mit ihren Kindern einen Antrag auf Ausreise, der sogar relativ schnell genehmigt wurde. Das Fotogeschäft kam in staatliche Hand, ein neuer Fotograf wurde eingestellt, der gern meine Mutter mit übernommen hätte, doch das wurde ihm untersagt. Von wem genau, weiß ich nicht mehr, aber mir ist sehr wohl in Erinnerung, dass keine Gründe genannt wurden – und wie tieftraurig meine Mutter war.
Sie war dann wieder eine Zeitlang zuhause, bis sie dann irgendwann gefragt wurde, ob sie im Dorfkonsum mit aushelfen könne. Sie hat dann dort gearbeitet, bis in den Neunzigern das Geschäft geschlossen wurde.
In meiner frühen Kindheit war der Konsum eine Art Tante-Emma-Laden, es gab eine Theke, an der alles verkauft wurde. Irgendwann wurde er für Selbstbedienung umgebaut.
In der DDR gab es für Lebensmittel und Gebrauchsgüter eine Art Staffelung, wie alles zugeteilt wurde. Zuerst wurden die großen Städte beliefert wie Berlin, Leipzig oder Dresden. Dann kamen die weniger großen Städte, und so ging es immer weiter bergab, bis wir in den Dörfern und vor allem im ungeliebten Sperrgebiet halt die Reste bekamen, die noch übrig waren.
Was eigentlich alles hätte verfügbar sein können, wussten wir aufgrund eines Katalogs. Nein, dieser hatte keine bunten Bildchen, es waren einfache Listen, auf jeder Seite etwa 20 Positionen, die man bestellen konnte. Meine Mutter und ihr Kollege saßen dann immer am Schreibtisch und kreuzten mehr oder weniger aus Spaß Artikel an, die sie sich wünschten, wohl wissend, dass diese nicht lieferbar sein würden. Dann fuhr meine Mutter im Bus mit Kolleginnen aus anderen Verkaufsstätten des gesamten Landkreises nach Neuhaus am Rennweg, um diese Bestellung aufzugeben.
Einmal bin ich mitgekommen, weil ich es nicht glauben konnte, was sie da immer erzählte.
In einem kleinen Raum drängten sich etwa 30 Frauen. An einem Schreibtisch saß ein Mann, der mit gelangweilter Stimme aus dem Katalog vorlas:
„Auf Seite 3 sind die Positionen 12 und 19 verfügbar. Auf Seite 4 Position 9. Auf Seite 7 sind die Positionen 3, 7 und 8 verfügbar. Seite 9 Position 17…“
Und so ging es weiter. Es war unglaublich frustrierend, was es eigentlich hätte geben können und müssen – und was wir bekamen.
Klar, die Grundnahrungsmittel waren immer verfügbar und auch spottbillig, das ist richtig. Doch oft ließ die Qualität auch sehr zu wünschen übrig. Die Milch stank nach Gülle, das Brot hatte Schliff und war nur teilweise genießbar, die Brötchen waren manchmal nur winzig. Meine Mutter sagte immer, sie würde gern für ein Brot 4 Mark bezahlen, wenn sie es mit Genuss von vorn bis hinten essen könnte. Bevor man einen Kasten Bier kaufte, nahm man die Flaschen einzeln heraus und drehte sie um, um zu sehen, ob das Bier flockig war. Das war sehr häufig der Fall.
Alkohol war immer verfügbar, vor allem wurde viel harter Schnaps getrunken. Zumindest in puncto Alkoholkonsum war die DDR tatsächlich Weltspitze. Man kann herrlich darüber spekulieren, warum das so war.

Salzheringe oder Sauerkraut gab es auch immer, und zwar aus dem Fass. Ich habe lange gebraucht, bis ich wieder marinierten Hering in Sahnesoße essen mochte. Weißkrauteintopf habe ich erst vor kurzem zum ersten Mal nach meinem Auszug aus meinem Elternhaus wieder gekocht, nach sage und schreibe 36 Jahren. Beide Gerichte gab es damals einmal pro Woche.
Dabei war meine Mutter eine äußerst findige und wirklich gute Köchin, die ständig Kochbücher wälzte und neue Rezepte ausprobierte. Vor allem haben wir damals sehr viel mehr fleischlos gekocht. Bei unserem Metzger, bei uns wurde er Fleischer genannt, gab es Fleisch nur, wenn man einen bestimmten Anteil an Wurst gekauft hatte. Das betraf auch den Sonntagsbraten. Oft genug gab es nur Hammelfleisch, was ich als Kind furchtbar eklig fand, obwohl sich meine Mama alle Mühe gab, den ranzigen Geschmack zu kaschieren. Den großen Stapel Aufschnitt, den wir jede Woche kaufen mussten, konnten wir bald nicht mehr sehen. Doch wegwerfen war nicht, also ließen wir uns immer neue Rezepte einfallen, in denen die Wurst mit verbraucht wurde. Viele Gerichte entstanden damals aus der Not und aus Geldmangel. Und das waren definitiv nicht die Schlechtesten.
Viele Witze werden über die damalige DDR und Bananen gemacht. Im Sommer sah es etwas besser aus, aber im Winter war es so (jedenfalls bei uns, woanders war die Versorgung besser), dass es außer verschrumpelten Äpfeln und Kartoffeln, Möhren und Sellerie nur noch vergammelten Weiß- und Rotkohl gab. Wenn man einen Kohlkopf angefasst hat, war man oft schon mit dem Daumen durch. Die Kartoffeln hatten eine dicke Dreckschicht und mussten vor dem Schälen immer erst eingeweicht werden. Dass Kartoffeln vor dem Verkauf gewaschen werden können, habe ich tatsächlich erst nach der Wende gelernt.
Ab und zu gab es im Winter auch die sogenannten Kuba-Orangen. Die waren grün und strohig, wirklich essen konnte man die nicht. Richtige Orangen gab es nur selten und wenn, dann auf Zuteilung.
Das war auch so eine Sache mit der Zuteilung. Wenn es Tomaten gab oder seltenes Obst, ging das wie ein Lauffeuer herum und es bildete sich eine lange Schlange. Pro Familie gab es ein Pfund, also 500 g, Tomaten. Auf dem Dorf wusste man Bescheid, wer zu welcher Familie gehörte, in der Stadt stellte man sich gern als Familie in die Schlange und griff dann entsprechend mehr ab.
Glücklich war, wer einen Garten hatte. Wir hatten viele Obstbäume und Beerensträucher sowie Gemüse und Kräuter. Dazu kamen unendlich viele Erdbeeren, die der ganze Stolz meines Vaters waren. Da wurde eingekocht und eingelegt, was das Zeug hielt.
Ein regelrechter Festschmaus war es, wenn im Frühjahr der erste Kopfsalat geerntet werden konnte. Man konnte gar nicht genug davon bekommen, endlich etwas Frisches! Es gab bei uns dann immer Rührei dazu, mit Kartoffeln, da stürzten wir uns mit Heißhunger drauf. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, wie sehr wir uns darauf freuten. Jetzt gibt es das ganze Jahr über frisches Obst und Gemüse und man kann sich dran satt essen. Als Kind dachte ich immer, ich würde, wenn ich im Westen leben würde, nur Obst essen.
Die Konservengläser waren sehr oft klebrig, die Etiketten hingen sonstwo. Oftmals fehlten sie komplett. Dass Etiketten auch gerade aufgeklebt sein können, habe ich ebenfalls erst nach der Wende erfahren.
Manchmal war das auch bei Flaschen der Fall. Bier- und Limonadenflaschen waren aus braunem Glas und sahen gleich aus, da konnte mal leicht mal danebengreifen. Einmal wollten meine Freundin und ich ein Picknick machen. Sie brachte die belegten Brote mit und ich sollte die Getränke beisteuern. Wir haben die Flasche Bier mit Todesverachtung, aber tapfer trotzdem getrunken…
Ansonsten versuchte man sich zu behelfen, wie es halt eben ging. In unserer Gegend war es zum Beispiel üblich, dass es an Heiligabend und Silvester jeweils Linsensuppe zu Mittag gab. Getrocknete Linsen (bei denen man erstmal die Steinchen herauslesen musste) gab es aber nicht immer. Also packten meine Mutter und ihre Kollegen die Linsen ins Lager und gaben sie erst kurz vor Weihnachten raus.
Heute macht man sich eine Liste, wenn man einkaufen geht, und ist sauer, wenn es eine Zutat nicht gibt. Damals war es so, dass man mit dem Gedanken „mal schauen, was es heute gibt“ einkaufen ging. Und ja, wenn da eine Schlange war, da stellte man sich halt gleich mit an, denn vermutlich gab es etwas Besonderes, und wenn man das gerade nicht brauchte, dann vielleicht später. Oder man konnte das vielleicht gegen etwas eintauschen. Weggeworfen wurde in der DDR nur wenig, man konnte nie wissen, ob man das noch mal gebrauchen kann.
Es gab neben Konsum und HO (Handelsorganisation) auch Geschäfte für den sogenannten „gehobenen Konsumbedarf“. Im Delikat (kurz „Deli“ oder „Fress-Ex“) gab es zum Beispiel Ananas in Dosen für 18 Mark. Ein Luxusprodukt war auch Kaffee, 125 g gab es für satte 8,75 Mark. Wenn man hochrechnet, war das ein Kilopreis von sage und schreibe 70 Mark. Heute kaum noch vorstellbar.
Schwierig zu bekommen waren auch Baumaterialien. In der DDR gab es die BGH, die Bäuerliche Handelsgenossenschaft. Doch ich erinnere mich, dass man dort zwar Besen und Rechen kaufen konnte, doch selten gab es mal die Dinge, die man wirklich brauchte, es hakte oft sogar an Schrauben und Nägeln. Wenn es etwas gab, wurde es gekauft, ob es gerade benötigt wurde oder nicht. Materialien wurden regelrecht gebunkert und was wiederverwendet werden konnte, wurde auch aufgehoben.
Fun Fact: In unserem Ort gab es auffallend viele blaue Dachrinnen und Zäune…
Irgendwie versuchten die Menschen sich selbst zu helfen. Es entstanden regelrechte Netzwerke, es wurde getauscht, auch Arbeitskraft. „Ich mache dir die Elektrik, wenn du mir dafür Fliesen besorgst“, hieß es zum Beispiel. Beziehungen waren ungemein wichtig – oder Westgeld. Und ja, es war tatsächlich ein kleiner Vorteil, dass meine Mutter im Konsum gearbeitet hat, so konnten wir davon ein bisschen profitieren, dass sie an der Quelle saß. Auch wenn die Quelle sehr klein war…

