
Über die kollektive Amnesie, den Reflex der Empörung und die Wiederkehr des Verdrängten
Es gibt einen Moment, der sich in Deutschland mit verblüffender Regelmäßigkeit wiederholt. Jemand argumentiert für die Abschiebung von Menschen zweiter Klasse, spricht von der „Überfremdung“ des Volkskörpers, relativiert Kriegsverbrechen oder fordert einen „starken Staat“ gegen „die da unten“. Und wenn man diese Positionen beim Namen nennt – wenn man sagt: Das klingt nach faschistischem Gedankengut – bricht ein Sturm der Entrüstung los. Nicht über den Inhalt. Über den Vergleich.
„Das darf man doch nicht gleichsetzen.“ „Das ist eine Verharmlosung des Holocaust.“ „Sie diskreditieren die Debatte.“
Der Schmerz sitzt nicht im Erkennen. Er sitzt im Benanntsein.
Eine Nation zwischen Erinnerungskultur und Erinnerungsschutzwall
Deutschland gilt international als Musterbeispiel gelungener Vergangenheitsbewältigung – ein Begriff, der selbst bezeichnend ist, weil er Vergangenheit als etwas behandelt, das man bewältigen, also hinter sich bringen kann. Gedenkstätten, Mahnmale, Pflichtlektüre in Schulen, der Stolperstein vor der Haustür. Die Bundesrepublik hat institutionell enorm viel geleistet.
Und doch zeigen Studien ein ernüchterndes Bild darunter.
Die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (2024) ergab, dass etwa 8 Prozent der Deutschen ein geschlossen rechtsextremes Weltbild aufweisen – ein Wert, der seit Jahren stabil ist. Rund 30 Prozent stimmten der Aussage zu, dass Deutschland durch die vielen Ausländer in einem besorgniserregenden Maß „überfremdet“ werde. Der Begriff „Überfremdung“ stammt aus dem völkischen Vokabular des frühen 20. Jahrhunderts und findet sich wortwörtlich in NS-Propagandaschriften.
Die Leipziger Autoritarismus-Studie 2022 stellte fest, dass knapp 6 Prozent der Befragten offen antisemitische Einstellungen vertreten – und deutlich mehr in verschlüsselter, projektiver Form.
Das Paradox ist eklatant: Ein Land, das seinen Antifaschismus institutionell verankert hat, produziert in Dauerschleife Einstellungen, die strukturell dem ähneln, was es offiziell für überwunden erklärt.
Das Trauma der Tätergesellschaft
Um diesen Widerspruch zu verstehen, muss man in die Psychologie kollektiver Schuld einsteigen. Die Sozialpsychologin Harald Welzer und der Soziologe Norbert Elias haben unabhängig voneinander beschrieben, was nach 1945 in Deutschland geschah: keine echte Auseinandersetzung, sondern eine performative Distanzierung.
Man hat gelernt zu sagen: „Das war furchtbar.“ Man hat nicht gelernt zu fragen: „Wie war ich – oder wie waren meine Vorfahren – daran beteiligt?“
Welzers Studie „Opa war kein Nazi“ (2002), entstanden aus Interviews mit deutschen Familien über drei Generationen, zeigt: In der Erinnerung der Enkelsöhne und -töchter sind die Großeltern fast ausnahmslos Widerstandskämpfer, Helfer von Juden oder passive Mitläufer, die „nichts wussten“. Die statistische Unmöglichkeit dieses kollektiven Selbstbildes liegt auf der Hand – und ist trotzdem psychologisch stabil, weil Familienidentität Loyalität verlangt.
Was entsteht, ist ein doppeltes Bewusstsein: Man trägt die Erinnerungskultur nach außen und schützt die eigene Herkunftserzählung nach innen. Der Nazi war immer ein anderer. Ein Monster. Etwas kategorial Fremdes.
Eben deshalb ist die Gleichsetzung mit dem eigenen Verhalten so unerträglich: Sie zerstört diese Schutzfunktion.
Die Funktion des Tabuvorwurfs
„Das ist eine Verharmlosung des Holocaust“ – dieser Satz hat sich zu einer rhetorischen Schutzwaffe entwickelt, die paradoxerweise gegen die Erinnerungskultur wirkt, die er zu verteidigen vorgibt.
Die Logik dahinter ist folgende: Wenn der Nationalsozialismus als absolutes, einzigartiges, nie wiederholbares Böses definiert wird, dann ist jeder Vergleich automatisch eine Herabsetzung dieses Bösen. Das klingt respektvoll gegenüber den Opfern. Es hat aber einen handlichen Nebeneffekt: Es immunisiert zeitgenössische Positionen gegen historische Analyse.
Hannah Arendt hat in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951) gezeigt, wie Faschismus aus erkennbaren Elementen besteht – Autoritarismus, Sündenbocklogik, Entmenschlichung von Minderheiten, Führerkult, Verlust von Rechtstaatlichkeit. Diese Elemente können gradweise auftreten. Sie sind analysierbar und vergleichbar, ohne dass man jeden AfD-Wähler mit einem KZ-Aufseher gleichsetzen müsste.
Der Philosoph Theodor W. Adorno formulierte in seinem Aufsatz „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ (1959) prophetisch: Die größte Gefahr sei nicht, dass der Faschismus offen zurückkehrt. Die Gefahr sei, dass seine psychischen und sozialen Voraussetzungen nie wirklich beseitigt wurden – und sich neue Formen suchen.
Wer heute auf diese Kontinuitätslinien hinweist, begeht keine Verharmlosung. Er betreibt genau das, was Adorno verlangte.
Sprache als Fingerabdruck
Sprache ist kein neutrales Werkzeug. Sie trägt Geschichte in sich.
Wenn Politiker von „biodeutschen“ Kindern sprechen (ein Begriff, der 2024 in Sachsen amtlich verwendet wurde), dann greift das auf eine biologistische Konzeption von Volkszugehörigkeit zurück, die ihre modernen Vorläufer in der NS-Rassenideologie hat. Wenn von „Remigration“ die Rede ist – ein Begriff, den das Rechtsextremismus-Netzwerk Identitäre Bewegung in seinen Strategiepapieren etabliert hat und der beim Potsdamer Geheimtreffen 2023/24 im Mittelpunkt stand –, dann ist das kein harmloses politisches Konzept, sondern die Wiederverwertung ethnischer Säuberungslogik in bürgerlichem Gewand.
Das Bundesverfassungsgericht hat die AfD 2025 als gesichert rechtsextremistische Partei eingestuft – nach jahrelanger, akribischer Dokumentation durch den Verfassungsschutz. Das ist kein Etikett von Empörten. Das ist Rechtswirklichkeit.
Und trotzdem lautet die häufigste Reaktion auf entsprechende Vergleiche: Übertreibung. Hysterie. Linke Keule.
Der Mechanismus der Kränkung
Warum ist die Kränkung so stark?
Der Sozialpsychologe Dan Bar-On, der jahrzehntelang mit Kindern von NS-Tätern arbeitete, beschrieb einen „Doppelwall des Schweigens“: Die Tätergeneration schwieg, um nicht verurteilt zu werden. Die Nachfolgegeneration schwieg, um die Eltern nicht belasten zu müssen. Dieses Schweigen erzeugt keine Heilung – es erzeugt eine latente Fragilität.
Wenn nun jemand von außen kommt und sagt: „Deine Argumentation ähnelt der von X“ – dann ist das nicht nur ein politischer Einwand. Es aktiviert diese unbewältigte Tiefenschicht. Die Abwehrreaktion ist deshalb so heftig, weil sie nicht rational, sondern identitär ist.
Dazu kommt: In einer Gesellschaft, in der „Nazi“ das schlimmste denkbare Schimpfwort geworden ist, hat der Begriff seine analytische Schärfe verloren und ist zur moralischen Apokalypse geworden. Man diskutiert nicht mehr über die Substanz – man diskutiert über die Zulässigkeit des Vergleichs.
Das ist, mit Verlaub, eine sehr bequeme Verschiebung.
Was echte Aufarbeitung bedeuten würde
Aufarbeitung, die diesen Namen verdient, wäre keine einmalige institutionelle Leistung. Sie wäre ein permanenter, unbequemer Prozess des Erkennens.
Sie bedeutete: Wenn ich Positionen vertrete, die strukturell an erkennbare historische Muster erinnern, dann ist die angemessene Reaktion nicht Empörung über den Hinweis – sondern Auseinandersetzung mit dem Inhalt.
Sie bedeutete: Die Einzigartigkeit des Holocaust und die Analysierbarkeit seiner Vorläuferbedingungen schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Wer den Holocaust wirklich ernst nimmt, muss bereit sein, seine Entstehungsmechanismen in der Gegenwart zu suchen.
Sie bedeutete: „Das war schlimm“ ist kein Impfschutz. Es ist ein Anfang.
Der Spiegel, den die Geschichte hinhält, ist kein Angriff. Er ist ein Angebot. Wer sich darin nicht erkennen will, hat nicht die Vergangenheit bewältigt – er hat sie vor sich hergeschoben. Und in Deutschland, wo die Vergangenheit bekanntlich eine besondere Halbwertszeit hat, holt sie einen irgendwann ein.
Die Frage ist nur, ob man es selbst bemerkt – oder erst, wenn andere es benennen.
___________________________________________________________________________
Quellengrundlage: Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung 2024; Leipziger Autoritarismus-Studie 2022; Harald Welzer / Sabine Moller / Karoline Tschuggnall: „Opa war kein Nazi“ (2002); Hannah Arendt: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951); Theodor W. Adorno: „Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit“ (1959); Dan Bar-On: „Die Last des Schweigens“ (1993); Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur AfD (2025).
