Zitat von Tim Falkenrot am 18. August 2026, 11:21 UhrIch bin nicht mit jeder linken Theorie einverstanden. Das habe ich schon in früheren Beiträgen klar gemacht. So langsam wird meine Kritik am linken Spektrum zur Dauerschleife 😬
Über eine Sache möchte ich trotzdem einmal sprechen.
In den vergangenen Wochen habe ich mich intensiver mit Anarchismus beschäftigt. Anlass waren Diskussionen, die mich irgendwann dazu gebracht haben, mir die Theorie dahinter genauer anzusehen. Dabei bin ich auf Jonathan Eibischs Buch „Politische Theorie des Anarchismus“ gestoßen. Das Buch versucht nicht, Anarchismus auf „Chaos und keine Regeln“ zu reduzieren. Im Gegenteil. Es beschäftigt sich mit Autonomie, Selbstbestimmung, Selbstorganisation und den unterschiedlichen anarchistischen Strömungen. Auch das Spannungsverhältnis zwischen Individualismus und Kollektivismus spielt eine zentrale Rolle. Deshalb möchte ich meine eigene Kritik etwas präziser formulieren.
Ich halte Anarchismus nicht für dumm. Ich halte viele Fragen, die Anarchisten stellen, sogar für ausgesprochen wichtig. Wer kontrolliert Macht?Wer verhindert Herrschaft? Was passiert, wenn Institutionen, die eigentlich Freiheit schützen sollen, selbst zu Machtapparaten werden? Wieviel Selbstbestimmung darf ein Mensch besitzen und wie können Menschen ihre Angelegenheiten selbst organisieren, ohne dass daraus neue Hierarchien entstehen?
Das sind keine albernen Fragen. Das sind verdammt wichtige Fragen. Meine Skepsis beginnt bei den Antworten.
Ich glaube nicht, dass Macht dadurch verschwindet, dass man staatliche Macht ablehnt. Menschen, Gruppen, Unternehmen organisieren alle Macht. Mehrheiten organisieren Macht. Selbst in scheinbar horizontalen Strukturen können informelle Hierarchien entstehen.
Deshalb möchte ich den demokratischen Staat nicht abschaffen. Ich möchte ihn demokratischer machen. Ich möchte Macht kontrollieren, begrenzen und verteilen. Ich möchte einen starken Sozialstaat, starke Gewerkschaften, Arbeitnehmerrechte und eine Wirtschaft, in der nicht das größte Bankkonto über die politische Macht eines Menschen entscheidet.
Gleichzeitig möchte ich individuelle Freiheit, Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz und einen Rechtsstaat, der auch diejenigen schützt, deren Meinung gerade nicht mehrheitsfähig ist.
Deshalb bezeichne ich meine politische Haltung als linksliberal. Auch dieser Begriff wird innerhalb der Linken erstaunlich häufig als Schimpfwort benutzt. Linksliberal bedeutet für mich nicht „Kapitalismus, aber mit etwas mehr sozialem Anstrich.“ Es bedeutet, soziale Gerechtigkeit und individuelle Freiheit zusammenzudenken.
Ich will nicht, dass der Staat über mein Leben bestimmt. Ich will aber auch nicht, dass mein Vermieter, mein Arbeitgeber, ein Konzern oder ein Milliardär über mein Leben bestimmt, nur weil er über mehr Geld und damit über mehr Macht verfügt.
Freiheit ohne soziale Sicherheit ist für viele Menschen eine ziemlich theoretische Angelegenheit. Soziale Sicherheit ohne individuelle Freiheit kann genauso schnell in Bevormundung umschlagen.
Genau an diesem Punkt beginnt aber ein anderes Problem der politischen Linken.
Wir bestehen aus vielen unterschiedlichen Strömungen und tun manchmal so, als wäre diese Vielfalt eine persönliche Beleidigung. Anarchisten halten Reformisten für zu zahm. Kommunisten halten Sozialdemokraten gerne für Verräter. Radikale Linke betrachten Linksliberale schnell als verkappte Bürgerliche. Linksliberale wiederum können mit manchen revolutionären Vorstellungen wenig anfangen.
Irgendwo dazwischen sitzen Gewerkschafter, Sozialisten, Grüne und alle möglichen Menschen, die offenbar erst einen 14-seitigen Fragebogen ausfüllen müssen, bevor entschieden werden kann, ob sie noch „wirklich links“ sind.
Das ist absurd.
Denn die unterschiedlichen linken Strömungen haben tatsächlich unterschiedliche Antworten auf eine gemeinsame Frage: Wie wollen wir Macht organisieren?
Der eine möchte bestehende Institutionen demokratisch verändern. Der andere möchte sie grundlegend überwinden. Der nächste möchte Eigentumsverhältnisse revolutionieren. Ein anderer setzt auf Selbstorganisation und möglichst herrschaftsfreie Strukturen.
Ich möchte soziale Gerechtigkeit mit individueller Freiheit und demokratischer Kontrolle staatlicher und wirtschaftlicher Macht verbinden. Wir müssen diese Unterschiede nicht verstecken. Aber wir sollten endlich aufhören, daraus einen innerlinken Bürgerkrieg zu machen.
Denn genau hier liegt meine größte Kritik an Teilen der anarchistischen Szene, mit denen ich persönlich zu tun hatte. Nicht daran, dass sie den Staat kritisieren oder das sie Macht hinterfragen. Nicht einmal daran, dass sie radikalere gesellschaftliche Veränderungen fordern als ich.
Mein Problem beginnt dort, wo aus politischer Kritik moralische Überlegenheit wird. Wo jeder Kompromiss als Verrat gilt, pragmatische Politik automatisch als Anpassung verstanden wird und man sich innerhalb der Linken gegenseitig härter bekämpft als den politischen Gegner.Wo eine Diskussion irgendwann nicht mehr darum geht, welche Idee funktioniert, sondern wer der politisch reinere Mensch ist.
Das ist nicht die ganze anarchistische Bewegung. Das wäre genauso unsinnig wie zu behaupten, alle Sozialisten, Liberalen oder Kommunisten seien gleich. Aber es ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe und sie hat meine Skepsis verstärkt. Vor allem in Social Media Kanälen wie Youtube oder Twitch-Streams sind mir gewisse Streamer diesbezüglich aufgefallen, die einen perfiden und unsinnigen Krieg gegen andere Streamer entfachen. Ihre Follower mit Mistgabeln losschicken, um Menschen, die wichtige Arbeit gegen die AfD ausrichten, mit ihrem engstirnigen Anarchismus und wirklich übelster Kritik beschimpfen.
Ich glaube, dass wir uns gerade etwas nicht leisten können: Uns gegenseitig zu zerlegen.
Der Rechtsruck wächst. Rechte Parteien und Influencer arbeiten mit Angst, Wut und Vereinfachungen. Sie erzählen Menschen, dass ihre Probleme von Migranten, Linken, Geflüchteten, „den Eliten“ oder irgendwelchen anderen Feindbildern verursacht werden.
Und was machen wir? Wir diskutieren darüber, wer innerhalb der Linken links genug ist.
Das kann doch nicht unser Ernst sein!
Ich will keine Linke, in der alle dasselbe denken. Ich will eine Linke, die unterschiedliche Antworten aushält. Eine Linke, die diskutiert, ohne sich gegenseitig die politische Existenzberechtigung abzusprechen. Die zwischen einem politischen Gegner und einem politischen Mitstreiter mit einer anderen Strategie unterscheiden kann.
Denn der Anarchist ist nicht automatisch mein Gegner. Der Sozialdemokrat, der Kommunist ist nicht automatisch mein Gegner. Der Linksliberale ist schon gar nicht automatisch ein verkappter Kapitalist.
Wir können über Wege streiten, uns widersprechen, uns gegenseitig sagen, dass wir eine politische Idee für falsch halten. Aber vielleicht sollten wir dabei gelegentlich daran denken, dass wir nicht automatisch Feinde sind und wichtige Arbeit gegen die AfD nicht durch Kritik untereinander blockieren.
Ich habe Anarchismus kritisch betrachtet und bin nicht zum Anarchisten geworden. Ich bin Linksliberaler geblieben. Aber ich verstehe inzwischen besser, warum Anarchisten bestimmte Fragen stellen. Denn genau so sollte politische Diskussion funktionieren.
Nicht jede Kritik muss zur Zustimmung führen, sie sollte dazu führen, dass man den anderen besser versteht. Denn vielleicht ist das eigentliche Problem der Linken nicht, dass wir zu viele unterschiedliche Strömungen haben. Vielleicht ist das Problem, dass wir verlernt haben, mit diesen Unterschieden politisch umzugehen. Während wir uns darüber streiten, wer recht hat, macht die Rechte weiter.
Das sollten wir uns vielleicht öfter vor Augen führen.
#prüf #widersetzen #druckbrot #AfDVerbotjetzt
Ich bin nicht mit jeder linken Theorie einverstanden. Das habe ich schon in früheren Beiträgen klar gemacht. So langsam wird meine Kritik am linken Spektrum zur Dauerschleife 😬
Über eine Sache möchte ich trotzdem einmal sprechen.
In den vergangenen Wochen habe ich mich intensiver mit Anarchismus beschäftigt. Anlass waren Diskussionen, die mich irgendwann dazu gebracht haben, mir die Theorie dahinter genauer anzusehen. Dabei bin ich auf Jonathan Eibischs Buch „Politische Theorie des Anarchismus“ gestoßen. Das Buch versucht nicht, Anarchismus auf „Chaos und keine Regeln“ zu reduzieren. Im Gegenteil. Es beschäftigt sich mit Autonomie, Selbstbestimmung, Selbstorganisation und den unterschiedlichen anarchistischen Strömungen. Auch das Spannungsverhältnis zwischen Individualismus und Kollektivismus spielt eine zentrale Rolle. Deshalb möchte ich meine eigene Kritik etwas präziser formulieren.
Ich halte Anarchismus nicht für dumm. Ich halte viele Fragen, die Anarchisten stellen, sogar für ausgesprochen wichtig. Wer kontrolliert Macht?Wer verhindert Herrschaft? Was passiert, wenn Institutionen, die eigentlich Freiheit schützen sollen, selbst zu Machtapparaten werden? Wieviel Selbstbestimmung darf ein Mensch besitzen und wie können Menschen ihre Angelegenheiten selbst organisieren, ohne dass daraus neue Hierarchien entstehen?
Das sind keine albernen Fragen. Das sind verdammt wichtige Fragen. Meine Skepsis beginnt bei den Antworten.
Ich glaube nicht, dass Macht dadurch verschwindet, dass man staatliche Macht ablehnt. Menschen, Gruppen, Unternehmen organisieren alle Macht. Mehrheiten organisieren Macht. Selbst in scheinbar horizontalen Strukturen können informelle Hierarchien entstehen.
Deshalb möchte ich den demokratischen Staat nicht abschaffen. Ich möchte ihn demokratischer machen. Ich möchte Macht kontrollieren, begrenzen und verteilen. Ich möchte einen starken Sozialstaat, starke Gewerkschaften, Arbeitnehmerrechte und eine Wirtschaft, in der nicht das größte Bankkonto über die politische Macht eines Menschen entscheidet.
Gleichzeitig möchte ich individuelle Freiheit, Meinungsfreiheit, Minderheitenschutz und einen Rechtsstaat, der auch diejenigen schützt, deren Meinung gerade nicht mehrheitsfähig ist.
Deshalb bezeichne ich meine politische Haltung als linksliberal. Auch dieser Begriff wird innerhalb der Linken erstaunlich häufig als Schimpfwort benutzt. Linksliberal bedeutet für mich nicht „Kapitalismus, aber mit etwas mehr sozialem Anstrich.“ Es bedeutet, soziale Gerechtigkeit und individuelle Freiheit zusammenzudenken.
Ich will nicht, dass der Staat über mein Leben bestimmt. Ich will aber auch nicht, dass mein Vermieter, mein Arbeitgeber, ein Konzern oder ein Milliardär über mein Leben bestimmt, nur weil er über mehr Geld und damit über mehr Macht verfügt.
Freiheit ohne soziale Sicherheit ist für viele Menschen eine ziemlich theoretische Angelegenheit. Soziale Sicherheit ohne individuelle Freiheit kann genauso schnell in Bevormundung umschlagen.
Genau an diesem Punkt beginnt aber ein anderes Problem der politischen Linken.
Wir bestehen aus vielen unterschiedlichen Strömungen und tun manchmal so, als wäre diese Vielfalt eine persönliche Beleidigung. Anarchisten halten Reformisten für zu zahm. Kommunisten halten Sozialdemokraten gerne für Verräter. Radikale Linke betrachten Linksliberale schnell als verkappte Bürgerliche. Linksliberale wiederum können mit manchen revolutionären Vorstellungen wenig anfangen.
Irgendwo dazwischen sitzen Gewerkschafter, Sozialisten, Grüne und alle möglichen Menschen, die offenbar erst einen 14-seitigen Fragebogen ausfüllen müssen, bevor entschieden werden kann, ob sie noch „wirklich links“ sind.
Das ist absurd.
Denn die unterschiedlichen linken Strömungen haben tatsächlich unterschiedliche Antworten auf eine gemeinsame Frage: Wie wollen wir Macht organisieren?
Der eine möchte bestehende Institutionen demokratisch verändern. Der andere möchte sie grundlegend überwinden. Der nächste möchte Eigentumsverhältnisse revolutionieren. Ein anderer setzt auf Selbstorganisation und möglichst herrschaftsfreie Strukturen.
Ich möchte soziale Gerechtigkeit mit individueller Freiheit und demokratischer Kontrolle staatlicher und wirtschaftlicher Macht verbinden. Wir müssen diese Unterschiede nicht verstecken. Aber wir sollten endlich aufhören, daraus einen innerlinken Bürgerkrieg zu machen.
Denn genau hier liegt meine größte Kritik an Teilen der anarchistischen Szene, mit denen ich persönlich zu tun hatte. Nicht daran, dass sie den Staat kritisieren oder das sie Macht hinterfragen. Nicht einmal daran, dass sie radikalere gesellschaftliche Veränderungen fordern als ich.
Mein Problem beginnt dort, wo aus politischer Kritik moralische Überlegenheit wird. Wo jeder Kompromiss als Verrat gilt, pragmatische Politik automatisch als Anpassung verstanden wird und man sich innerhalb der Linken gegenseitig härter bekämpft als den politischen Gegner.Wo eine Diskussion irgendwann nicht mehr darum geht, welche Idee funktioniert, sondern wer der politisch reinere Mensch ist.
Das ist nicht die ganze anarchistische Bewegung. Das wäre genauso unsinnig wie zu behaupten, alle Sozialisten, Liberalen oder Kommunisten seien gleich. Aber es ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe und sie hat meine Skepsis verstärkt. Vor allem in Social Media Kanälen wie Youtube oder Twitch-Streams sind mir gewisse Streamer diesbezüglich aufgefallen, die einen perfiden und unsinnigen Krieg gegen andere Streamer entfachen. Ihre Follower mit Mistgabeln losschicken, um Menschen, die wichtige Arbeit gegen die AfD ausrichten, mit ihrem engstirnigen Anarchismus und wirklich übelster Kritik beschimpfen.
Ich glaube, dass wir uns gerade etwas nicht leisten können: Uns gegenseitig zu zerlegen.
Der Rechtsruck wächst. Rechte Parteien und Influencer arbeiten mit Angst, Wut und Vereinfachungen. Sie erzählen Menschen, dass ihre Probleme von Migranten, Linken, Geflüchteten, „den Eliten“ oder irgendwelchen anderen Feindbildern verursacht werden.
Und was machen wir? Wir diskutieren darüber, wer innerhalb der Linken links genug ist.
Das kann doch nicht unser Ernst sein!
Ich will keine Linke, in der alle dasselbe denken. Ich will eine Linke, die unterschiedliche Antworten aushält. Eine Linke, die diskutiert, ohne sich gegenseitig die politische Existenzberechtigung abzusprechen. Die zwischen einem politischen Gegner und einem politischen Mitstreiter mit einer anderen Strategie unterscheiden kann.
Denn der Anarchist ist nicht automatisch mein Gegner. Der Sozialdemokrat, der Kommunist ist nicht automatisch mein Gegner. Der Linksliberale ist schon gar nicht automatisch ein verkappter Kapitalist.
Wir können über Wege streiten, uns widersprechen, uns gegenseitig sagen, dass wir eine politische Idee für falsch halten. Aber vielleicht sollten wir dabei gelegentlich daran denken, dass wir nicht automatisch Feinde sind und wichtige Arbeit gegen die AfD nicht durch Kritik untereinander blockieren.
Ich habe Anarchismus kritisch betrachtet und bin nicht zum Anarchisten geworden. Ich bin Linksliberaler geblieben. Aber ich verstehe inzwischen besser, warum Anarchisten bestimmte Fragen stellen. Denn genau so sollte politische Diskussion funktionieren.
Nicht jede Kritik muss zur Zustimmung führen, sie sollte dazu führen, dass man den anderen besser versteht. Denn vielleicht ist das eigentliche Problem der Linken nicht, dass wir zu viele unterschiedliche Strömungen haben. Vielleicht ist das Problem, dass wir verlernt haben, mit diesen Unterschieden politisch umzugehen. Während wir uns darüber streiten, wer recht hat, macht die Rechte weiter.
Das sollten wir uns vielleicht öfter vor Augen führen.
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