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„Fortschritt“ aus Blut: Wie Europa Amerika entvölkerte

 

Stell dir ein Land vor, in dem innerhalb von hundert Jahren neun von zehn Menschen sterben. Nicht durch ein Erdbeben, nicht an einem einzigen schrecklichen Tag, sondern durch Seuchen, Krieg, Zwangsarbeit und Hunger, die ineinandergreifen und sich gegenseitig verstärken. Genau das geschah in Amerika, nachdem 1492 ein Genueser Seefahrer im Auftrag der spanischen Krone an Land ging. Ein Forscherteam des University College London schätzt, dass rund 56 Millionen Indigene bis 1600 starben, etwa 90 Prozent der Bevölkerung.[1] Es wäre dann das größte Massensterben im Verhältnis zur Weltbevölkerung, das wir kennen.

Wir nennen das bis heute „Entdeckung". Das sagt viel darüber, wer die Geschichte geschrieben hat.

Ein bewohnter Kontinent

Amerika war 1492 kein leeres Land. Die UCL-Forscher kommen auf rund 60 Millionen Menschen, ihre Zahl beruht auf einer Zusammenschau vieler Einzelschätzungen. Andere Fachleute rechnen niedriger, und der Streit um die genaue Zahl dauert an.[1] Fest steht, dass hier Hochkulturen lebten. Tenochtitlán, die Hauptstadt der Azteken, hatte vermutlich 200.000 Einwohner oder mehr und war damit größer als die meisten europäischen Städte der Zeit. Das Inka-Reich unterhielt ein Straßennetz von weit über 30.000 Kilometern. Im Norden lebten hunderte Nationen mit eigenen Sprachen und Rechtsordnungen, darunter die Irokesenkonföderation.

Columbus sah das anders. Schon am zweiten Tag notierte er in seinem Bordbuch, die Menschen seien friedfertig und mit fünfzig Mann ließen sie sich alle unterwerfen. Dieser Gedanke hat die folgenden Jahrhunderte bestimmt.

Hispaniola: das Labor

Auf der Karibikinsel Hispaniola, dem heutigen Haiti und der Dominikanischen Republik, lebten die Taíno. Wie viele es waren, ist umstritten, die Schätzungen reichen von einigen Hunderttausend bis zu über einer Million. Unstrittig ist, dass sie wenige Jahrzehnte nach Columbus' Ankunft als Volk praktisch verschwunden waren.

Die Spanier zwangen sie zur Goldsuche und zu Tributen, die auf der Insel kaum zu erfüllen waren. Dazu kamen Versklavung, Vergewaltigung, Hunger, weil niemand mehr die Felder bestellte, und Hetzjagden mit Hunden. Der Dominikaner Bartolomé de las Casas, der selbst als Siedler auf den Antillen gelebt hatte, schrieb 1542 darüber. Er berichtet von Männern, die zum Zeitvertreib Säuglinge an Hunde verfütterten, und von abgehackten Händen bei verfehlten Tributen. Las Casas schrieb als Ankläger, und manche Historiker halten seine Zahlen für überzogen.[2] Aber selbst wer ihm misstraut, muss erklären, warum ein Volk in einer Generation verschwand.

Die Seuchen und der Vorsatz

Ehrlichkeit gehört zu diesem Thema: Die meisten Menschen starben nicht durch Schwert und Gewehr, sondern an Pocken, Masern, Grippe und Typhus, Krankheiten, gegen die in Amerika niemand immun war. Manche Dörfer starben aus, bevor ein Europäer sie je betreten hatte.

Das ist aber kein Freispruch. Die Seuchen trafen auf Gesellschaften, die gleichzeitig zerschlagen, versklavt und von ihren Feldern vertrieben wurden. Wo niemand mehr Kranke pflegen und Ernten einbringen kann, werden Epidemien tödlicher. Nach heutigem Forschungsstand haben Krieg, Hunger und koloniale Gewalt zum Massensterben beigetragen.[1]

Und es gab Fälle, in denen Krankheit als Waffe gedacht wurde. Im Sommer 1763, während des Pontiac-Aufstands, schlug der britische Oberkommandierende Jeffery Amherst in einem Briefwechsel mit Oberst Henry Bouquet vor, die Indigenen mit Decken zu „infizieren". In einem Postskriptum stimmte er zu und forderte, auch „jede andere Methode" zu versuchen, um diese „verabscheuungswürdige Rasse" auszurotten. Im belagerten Fort Pitt wurden tatsächlich Decken und ein Tuch aus dem Pockenlazarett an Delawaren übergeben. Die Historikerin Elizabeth Fenn hat das ausgewertet. Wie viele Menschen dadurch starben, lässt sich nicht sicher sagen. Dass der Plan gedacht, aufgeschrieben und zumindest versucht wurde, ist belegt.[3]

Eroberung, Gold und Silber

1519 landet Hernán Cortés in Mexiko. Mit indigenen Verbündeten, die die Azteken hassten, mit Pferden, Stahlwaffen und den Pocken, die 1520 in Tenochtitlán wüteten, stürzt er 1521 das Reich. Für Zentralmexiko reichen die Schätzungen vor der Eroberung von wenigen bis zu über 20 Millionen Menschen. Um 1620 lebte nur noch gut eine Million.

1532 lockt Francisco Pizarro den Inka-Herrscher Atahualpa in einen Hinterhalt und lässt tausende Unbewaffnete niedermachen. Atahualpa füllt für seine Freilassung einen Raum mit Gold und Silber und wird trotzdem hingerichtet.

Im bolivianischen Potosí zwangen die Spanier Indigene im Rahmen der „Mita" zur Arbeit im Silberberg. Wie viele dort starben, ist unsicher, die Schätzungen gehen weit auseinander. Die Redensart, man hätte aus dem Silber eine Brücke nach Spanien bauen können und aus den Knochen eine zweite zurück, ist überliefert, aber kein Beleg.

Mit der „Encomienda" wurden Indigene und ihr Land an spanische Siedler „anvertraut", angeblich zur Christianisierung, praktisch als Zwangsarbeit. Die Kirche war dabei gespalten. 1537 untersagte Papst Paul III. mit der Bulle „Sublimis Deus" die Versklavung der Indigenen und erklärte sie zu vollwertigen Menschen. Besiedler und Kolonialbeamte kümmerte das wenig.[4] Als 1550/51 im spanischen Valladolid Theologen und Juristen tagten, ging es deshalb nicht mehr darum, ob die Indigenen Menschen sind. Gestritten wurde, ob die Eroberung rechtmäßig sei. Las Casas sprach dagegen, Juan Ginés de Sepúlveda dafür. Dass man diese Frage überhaupt verhandelte, während Millionen längst tot waren, sagt genug.

Der Norden: Land, Verträge, Lügen

Im Norden verlief die Vernichtung langsamer, aber nicht weniger konsequent. 1637 stecken englische Siedler und ihre indigenen Verbündeten bei Mystic in Connecticut das befestigte Dorf der Pequot in Brand. Je nach Schätzung sterben 300 bis 700 Menschen, vor allem Frauen, Kinder und Alte.

Danach wiederholt sich ein Muster über Jahrhunderte: Man schließt Verträge, bricht sie, schlägt den Widerstand nieder und erklärt das Land für erobert. Allein die USA ratifizierten rund 370 Verträge mit indigenen Nationen, und viele davon wurden gebrochen.

1830 unterzeichnete Präsident Andrew Jackson den „Indian Removal Act". Die Cherokee klagten und bekamen vor dem Obersten Gerichtshof in Teilen Recht, doch Jackson setzte die Vertreibung durch. Im Winter 1838/39 trieb die Armee rund 16.000 Cherokee 1.200 Kilometer zu Fuß nach Oklahoma. Etwa 4.000 Menschen starben an Kälte, Hunger und Krankheit. Man nennt es den „Pfad der Tränen".

Am schlimmsten traf es Kalifornien. Dort sank die indigene Bevölkerung nach dem Goldrausch zwischen 1846 und 1873 von vielleicht 150.000 auf 30.000, durch Krankheit, Hunger und gezielte Massaker. Der Historiker Benjamin Madley hat das als „American Genocide" beschrieben.[5] Der erste gewählte Gouverneur Peter Burnett erklärte 1851 vor der Legislative, ein „Vernichtungskrieg" werde geführt werden, bis die „indianische Rasse" aussterbe. Der Staat bezahlte die Milizen. 2019 entschuldigte sich Gouverneur Gavin Newsom offiziell und sprach von Völkermord.

Am 29. November 1864 überfiel Oberst John Chivington bei Sand Creek in Colorado ein Lager von Cheyenne und Arapaho, die sich unter dem Schutz der US-Regierung wähnten und eine amerikanische Flagge hissten. Je nach Quelle starben 150 bis über 200 Menschen, mehrheitlich Frauen, Kinder und Alte. Die Leichen wurden verstümmelt, und die Trophäen zeigte man später öffentlich in Denver.

Gleichzeitig wurde den Präriebewohnern die Lebensgrundlage entzogen. Zig Millionen Bisons durchstreiften einst die Great Plains. Um 1890 gab es in freier Wildbahn nur noch einige hundert. Teile der Armeeführung sahen die Ausrottung der Tiere ausdrücklich als Mittel, die Lakota und Cheyenne in die Reservate zu zwingen. Am 29. Dezember 1890 erschoss die US-Armee bei Wounded Knee etwa 250 bis 300 Lakota, wieder überwiegend Frauen und Kinder. Zwanzig Soldaten erhielten dafür die Ehrenmedaille.

Die stille Vernichtung: Kinder

Als es nichts mehr zu erobern gab, kam die Kultur an die Reihe. In den USA und in Kanada wurden indigene Kinder ihren Familien weggenommen und in Internate gesteckt. Richard Pratt, Gründer der Carlisle Indian School, formulierte das Programm 1892: „Tötet den Indianer in ihm, rettet den Menschen." Den Kindern wurden die Haare geschoren, ihre Sprachen verboten, und viele wurden geschlagen und missbraucht.

Das US-Innenministerium zählte in seinem Abschlussbericht von 2024 insgesamt 417 staatliche Internate. Es bestätigte mindestens 973 gestorbene Kinder und 74 Grabstätten, und es hält die wahre Zahl für höher.[6] In Kanada besuchten rund 150.000 Kinder die „Residential Schools", die letzte schloss 1996. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission dokumentierte über 3.200 Todesfälle, ihr Vorsitzender hält über 6.000 für möglich, und sie sprach 2015 von „kulturellem Völkermord".[7] 2021 meldete eine Gemeinde bei Kamloops mit Bodenradar rund 200 mögliche Gräber.

Eine Generation wuchs auf, die Zuneigung in Familien nie erlebt hatte. Die Folgen sind messbar in höheren Raten von Sucht, Gewalt und Suizid in vielen indigenen Gemeinschaften.

Südamerika: es ist nicht vorbei

Wer das alles für Vergangenheit hält, irrt. Im Kautschukboom um 1900 hielt man Indigene im Amazonasgebiet wie Sklaven. Der britische Diplomat Roger Casement hat das im Putumayo-Gebiet dokumentiert. In Brasilien sank die indigene Bevölkerung von mehreren Millionen auf wenige Hunderttausend.

In Guatemala starben im Bürgerkrieg von 1960 bis 1996 bis zu 200.000 Menschen. Die UN-Wahrheitskommission kam zu dem Ergebnis, dass 83 Prozent der Opfer Maya waren und dass der Staat für 93 Prozent der Menschenrechtsverletzungen verantwortlich war.[8] 2013 wurde der frühere Machthaber Efraín Ríos Montt wegen Völkermords an den Ixil-Maya verurteilt. Das Verfassungsgericht hob das Urteil nach wenigen Tagen aus formalen Gründen auf. Zu einem neuen Prozess kam es bis zu seinem Tod 2018 nicht. In Peru wurden unter Präsident Fujimori in den 1990er Jahren rund 270.000 Frauen sterilisiert, viele davon indigen, viele ohne ausreichende Aufklärung.

Heute ist es der Goldrausch im Amazonas: Illegale Goldsucher vergiften Flüsse mit Quecksilber und schleppen Krankheiten ein. Anfang 2023 rief die brasilianische Regierung wegen der Lage der Yanomami einen Gesundheitsnotstand aus. Die Bilder ausgezehrter Kinder gingen um die Welt.

Wo stehen die Nachfahren heute?

Sie sind noch da. In den USA gaben bei der Volkszählung 2020 rund 3,7 Millionen Menschen an, ausschließlich indigen zu sein, mit Mehrfachangaben waren es rund 9 Millionen. In Kanada sind es etwa 1,8 Millionen, in Lateinamerika nach Schätzungen der CEPAL rund 58 Millionen. In Bolivien wurde 2006 mit Evo Morales erstmals ein Indigener Präsident.

Die Spätfolgen sind trotzdem sichtbar. In den USA wurden Indigene erst 1924 Staatsbürger, und in einigen Bundesstaaten bekamen sie das Wahlrecht erst Jahrzehnte später. Die Religionsfreiheit für indigene Praktiken wurde dort erst 1978 gesetzlich garantiert. Armut, kürzere Lebenserwartung und Gewalt gegen indigene Frauen sind bis heute Thema, die „Missing and Murdered Indigenous Women" sind eine eigene Bewegung.

Die Nachfahren wehren sich. 2016 stellten sich bei Standing Rock tausende Menschen gegen eine Ölpipeline durch das Gebiet der Standing Rock Sioux. In Brasilien streiten Indigene um das Land ihrer Vorfahren. Das Oberste Gericht erklärte 2023 die „Marco Temporal" genannte Stichtagsregelung für verfassungswidrig, die nur Land anerkennen wollte, das 1988 besetzt war. Der Kongress beschloss danach per Gesetz dasselbe, und im Dezember 2025 erklärte das Gericht auch dieses Gesetz in diesem Kernpunkt erneut für verfassungswidrig. Der Senat stimmte aber im selben Monat für eine Verfassungsänderung, die den Stichtag festschreiben soll.[9] Der Streit ist also nicht entschieden. 2007 verabschiedete die UNO ihre Erklärung über die Rechte indigener Völker, die USA, Kanada, Australien und Neuseeland stimmten zunächst dagegen.

Entschuldigungen sind gekommen, spät und manchmal folgenlos: Papst Franziskus 2022 in Kanada, Kalifornien 2019. Aber eine Entschuldigung ersetzt weder Land noch Sprache, noch die Gräber, deren Namen niemand kennt. Viele indigene Sprachen sind vom Aussterben bedroht, und mit jeder verschwindet eine Weltsicht.

Warum uns das angeht

Wir in Deutschland wissen, dass „Das ist lange her" ein Mittel der Verdrängung ist. Und wir wissen, wohin es führt, wenn Menschen zu „Ungeziefer" erklärt werden und der Staat ihre Beseitigung organisiert. Historiker haben gezeigt, dass Hitler und andere Nationalsozialisten die Westexpansion der USA und den Umgang mit den Indigenen zeitweise als Vorbild für ihre Ostpolitik darstellten. Wie gewichtig dieser Bezug war, ist unter Forschenden umstritten.[10] Wer das Prinzip kennt, erkennt es wieder.

Der „Fortschritt", den Europa nach Amerika brachte, war ein Raubzug, der sich Zivilisation nannte. Er brachte Gold und Silber nach Europa und Tod nach Amerika. Er brachte Kartoffeln, Mais und Tomaten auf unsere Teller, und wir fragen selten, von wem sie stammen.

Die Nachfahren fordern keine Almosen. Sie fordern Anerkennung, Land, Wasser, Sprache und das Recht, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Das Mindeste, was wir tun können, ist, diese Geschichte nicht mehr in der Sprache der Täter zu erzählen. Es war keine Entdeckung. Es war ein Überfall.

Quellen

  1. Koch, A., Brierley, C., Maslin, M., Lewis, S. (2019): Earth system impacts of the European arrival and Great Dying in the Americas after 1492. Quaternary Science Reviews 207, S. 13–36. Zusammenfassung: UCL
  2. Bartolomé de las Casas: Brevísima relación de la destrucción de las Indias (1542, gedruckt 1552).
  3. Fenn, E. A. (2000): Biological Warfare in Eighteenth-Century North America: Beyond Jeffery Amherst. Journal of American History 86. Die Briefe: UMass
  4. Paul III.: Sublimis Deus (1537), Text
  5. Madley, B. (2016): An American Genocide. Yale University Press. Zur Entschuldigung: History.com
  6. U.S. Department of the Interior (2024): Federal Indian Boarding School Initiative, Investigative Report Vol. II. PDF
  7. Truth and Reconciliation Commission of Canada (2015): Summary of the Final Report. Zahlen: CBC
  8. Comisión para el Esclarecimiento Histórico (1999): Guatemala: Memoria del Silencio. Überblick: ICMP
  9. Marco Temporal: Mayer Brown, Januar 2026; Poder360, Dezember 2025
  10. Kakel, C. P. (2011): The American West and the Nazi East. Palgrave Macmillan.

 

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