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Der Krieg´war vorgestern

Warum Schwarz-Weiß aus wenigen Jahrzehnten eine versunkene Epoche macht

Ich schaue eine Dokumentation über die NS-Zeit. Schwarz-Weiß-Aufnahmen, flackernde Bilder, Menschen, die sich teilweise zu schnell bewegen. Ihre Stimmen klingen blechern, ihre Kleidung wirkt wie die Garderobe einer untergegangenen Zivilisation. Alles daran sagt mir: Das ist unheimlich lange her. Dabei sagt mir das keine Jahreszahl. Es sagt mir die Technik, mit der diese Menschen aufgenommen wurden.

Die NS-Zeit war nicht schwarz-weiß. Der Himmel war blau, die Bäume waren grün, die Ziegel rot. Menschen bewegten sich in normaler Geschwindigkeit. Sie gingen einkaufen, schwitzten, lachten, rauchten, schimpften über das Wetter und sahen aus ihren Fenstern, während andere Menschen abgeholt wurden. Die Welt flackerte nicht. Die Kamera flackerte. Trotzdem überträgt mein Kopf das Alter der Aufnahme auf das Geschehen. Ich halte den Film für technisch alt und dadurch auch die Welt darauf für historisch fern.

Manchmal sehe ich restaurierte oder kolorierte Aufnahmen aus dieser Zeit. Plötzlich verschwindet etwas von der schützenden Entfernung. Die Menschen stehen nicht mehr in einer grauen historischen Unterwelt. Sie stehen auf einer gewöhnlichen Straße bei Tageslicht. Ihre Haut hat Farbe, ihre Mäntel haben Stoff und die Häuser sehen aus wie Häuser, an denen ich selbst vorbeigehen könnte. Erst dann begreife ich, wie sehr mich das alte Filmmaterial getäuscht hat. Eine Deportation geschah nicht im Flackern einer Wochenschau. Sie geschah an einem hellen Morgen, während irgendwo ein Fenster geöffnet wurde, Geschirr klapperte und jemand auf dem Weg zur Arbeit war.

Das macht die Aufnahmen für mich verstörender. Schwarz-Weiß verwandelt die Menschen beinahe in Figuren. Farbe gibt ihnen ihre Gegenwart zurück. Da marschieren keine Wesen aus einer ausgestorbenen Epoche. Da marschieren Menschen mit Gesichtern, Körpern, Familien, Berufen und einem Alltag. Sie sahen die Welt farbig, genau wie ich. Sie hielten sich für modern, genau wie wir. Sie kannten technische Neuerungen, Massenmedien, Unterhaltung, Werbung, Wissenschaft und Verwaltung. Niemand von ihnen wachte morgens auf und dachte, er lebe später einmal in einem Geschichtsbuch.

Dabei war diese Welt beinahe vorgestern. Als ich 1970 geboren wurde, lag das Kriegsende 25 Jahre zurück. Hitlers Machtübernahme war 37 Jahre her. Von meiner Geburt bis heute sind 56 Jahre vergangen. Ich empfinde 1970 trotzdem nicht als Archäologie. Auch 1986 erscheint mir nicht wie eine fremde Zivilisation, obwohl dieses Jahr heute vierzig Jahre zurückliegt. Vierzig Jahre sind bei einem Gebäude wenig, bei einem Menschen überschaubar und in der Geschichte kaum mehr als eine längere Mittagspause.

Zwischen 1933 und meiner Geburt lagen exakt so viele Jahre wie zwischen meiner Geburt und dem ersten iPhone. Die erste Strecke wirkt auf mich wie eine Reise aus grauer Vorzeit in die moderne Welt. Die zweite liegt vollständig in meinem eigenen Leben. Ich habe beide Endpunkte erlebt: eine Kindheit mit wenigen Fernsehprogrammen und eine Gegenwart, in der ich auf einem kleinen Bildschirm nahezu das gesamte Wissen und den gesamten Irrsinn der Menschheit mit mir herumtrage. Technisch liegen dazwischen Welten. Zeitlich sind es bloß ein paar Jahrzehnte.

Als Kind betrat ich Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Gebäude, die sich seit 1945 kaum verändert hatten. Dieselben Flure, dieselben Treppen, dieselben schweren Türen, dieselben Farben. Ich wuchs in Räumen auf, die bereits während der NS-Zeit existiert hatten und anschließend einfach weiterbenutzt worden waren. Damals fiel mir das nicht auf. Heute betrete ich manche dieser alten Gebäude und habe das Gefühl, hinter der nächsten Tür könnte ein Mann mit Seitenscheitel, Uniform und Hakenkreuzarmbinde über einem Formular sitzen. Der Kalender zeigt 2026. Der Flur widerspricht.

Diese Gebäude waren in meiner Kindheit keine historischen Ruinen. Ein öffentliches Gebäude von 1935 war im Jahr 1973 gerade einmal 38 Jahre alt. Das entspricht heute ungefähr einem Gebäude aus dem Jahr 1988. Niemand sieht ein Rathaus, eine Schule oder ein Krankenhaus aus den Achtzigern und glaubt, vor den Überresten einer versunkenen Zivilisation zu stehen. Genau so wenig waren die Gebäude meiner Kindheit damals uralt. Sie waren normaler Bestand. Man arbeitete darin, wartete darin, wurde untersucht, unterrichtet, verwaltet und zurechtgewiesen.

Ich erkenne heute, dass ich in den materiellen Resten dieser Zeit aufgewachsen bin. Die Vergangenheit war nicht verschwunden. Sie stand um mich herum, war beheizt und hatte neue Türschilder bekommen. Teilweise saßen darin noch Menschen, deren berufliche Laufbahn vor 1945 begonnen hatte. Das Regime war beseitigt, viele Räume blieben nahezu unverändert. Deutschland wechselte seine Verfassung schneller als seine Flure.

Auch die Menschen waren damals noch da. Ein Sechzigjähriger im Jahr 1970 war bei der Machtübernahme 23 Jahre alt und bei Kriegsende 35. Er hatte alles als Erwachsener erlebt. Als ich geboren wurde, lebten Millionen Menschen, die wussten, was geschehen war. Viele schwiegen, weil sie beim Erzählen zwangsläufig über sich selbst hätten sprechen müssen. Später starben sie. Drei Generationen reichen offenbar, um Millionen Tote aus dem persönlichen Gedächtnis in eine Prüfungsfrage zu verwandeln.

Ich frage mich, weshalb diese Menschen nach 1945 nicht viel lauter waren. Sie hätten erzählen, warnen und ihre Kinder wachrütteln können. Doch wer hätte sprechen sollen? Der Lehrer, der Parteimitglied gewesen war? Der Richter, der nach nationalsozialistischen Gesetzen geurteilt hatte? Der Beamte, der Menschen erfasst und Eigentum verwaltet hatte? Der Unternehmer, der von Zwangsarbeit profitiert hatte? Der Nachbar, der plötzlich günstig Möbel kaufen konnte, nachdem die Besitzer abgeholt worden waren?

Viele konnten die Vergangenheit kaum erklären, ohne ihre eigene Rolle offenzulegen. Andere dachten weiterhin autoritär, nationalistisch, antisemitisch oder rassistisch und waren vor allem froh, nicht genauer befragt zu werden. Das Schweigen war keine rätselhafte kollektive Gedächtnislücke. Es war für viele eine ausgesprochen praktische Form des Weiterlebens. Die Uniform verschwand im Schrank, die Überzeugungen wurden leiser ausgesprochen und montags ging man wieder ins Büro. Granit, Akten und Karrieren erwiesen sich als erstaunlich anpassungsfähig.

Die nächste Generation musste sich Bruchstücke der Wahrheit erkämpfen. Die darauffolgende bekam Gedenktage, Schulstoff, Jahreszahlen und dieselben Schwarz-Weißaufnahmen. Heute verschwindet die persönliche Verbindung endgültig. Es gibt kaum noch jemanden, der sagen kann: Ich war dort. Ich kannte diesen Menschen. In dieser Wohnung lebte eine Familie, bis sie abgeholt wurde. An ihre Stelle treten Dokumente. Und Dokumente kann jemand, der die Wahrheit beseitigen will, leichter als Fälschung bezeichnen als den Nachbarn mit einer Lagernummer auf dem Unterarm.

So wird aus dem früheren „Wir haben nichts gewusst“ allmählich ein „Das ist doch gar nicht passiert“. Die erste Behauptung schützte die Beteiligten. Die zweite versucht, ihre Weltanschauung zu rehabilitieren. Dazwischen liegen keine Jahrtausende. Dazwischen liegen ein paar Generationen, einige Beerdigungen und das Verstummen der letzten Zeugen. Millionen Ermordete werden historisch abgeheftet. Zahlen bleiben übrig, während die Menschen dahinter verschwinden.

Die technische Entwicklung täuscht mich über diese Nähe hinweg. Zwischen Schwarz-Weißfernsehen, Farbfernsehen, YouTube, Facebook und dem Smartphone liegen gefühlt mehrere Zeitalter. Tatsächlich passen sie bequem in ein einziges Menschenleben. Kameras, Geräte und Bildformate verändern sich rasend schnell. Autoritätshörigkeit, Opportunismus, Ressentiment und die Bereitschaft zur Entmenschlichung erhalten währenddessen kaum ein Update.

Wir datieren das Geschehen unbewusst nach dem technischen Zustand seiner Aufzeichnung. Die Kamera ist technisch prähistorisch geworden und zieht alles, was sie aufgenommen hat, mit in diese vermeintliche Vorzeit. Dadurch entsteht eine psychologische Sicherheitsdistanz. Was derart alt aussieht, scheint mit unserer hochauflösenden Gegenwart nichts mehr zu tun zu haben. Faschismus trägt in unserer Vorstellung Uniform, marschiert ruckelnd durch Schwarz-Weißbilder und spricht aus einem übersteuerten Lautsprecher. Wir rechnen nicht damit, dass er einen modernen Anzug trägt, Videos in 4K veröffentlicht und seine Botschaften über soziale Netzwerke verbreitet.

Die Technik hat sich schneller entwickelt als die menschliche Geschichte. Früher brauchte Propaganda Aufmärsche, Zeitungen, Rundfunkgeräte und Lautsprecherwagen. Heute erreicht sie jeden Menschen persönlich beim Frühstück, kennt seine Ängste und liefert ihm die passende Lüge automatisch aus. Der Apparat wurde leistungsfähiger. Der Mensch davor blieb anfällig für dieselben Versprechen, dieselben Feindbilder und dieselbe Sehnsucht, sich auf Kosten anderer größer zu fühlen.

Das Bild ist gealtert. Der Mensch darauf ist uns erschreckend ähnlich geblieben.

Wer etwas für Archäologie hält, glaubt leichter, es könne in seiner eigenen Gegenwart nicht wieder auftauchen.