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Der blinde Fleck, der sich für ein Auge hält

Es gibt einen Satz, der in diesem Land als Argument durchgeht, obwohl er nichts weiter ist als ein Geständnis der eigenen Ahnungslosigkeit, vorgetragen mit der Brust eines Mannes, der gerade eine steile These verkündet. „Ich hab da noch nie was gemerkt." Klingt nach Beobachtung. Ist in Wahrheit die Kapitulationserklärung eines Menschen, der sein eigenes Nichtwissen für eine Studie hält.

Gesagt wird er von Kerlen, die nie einen Schlüssel zwischen die Finger geklemmt haben, weil sie abends Angst hatten – und die deshalb Gewalt gegen Frauen für eine mediale Übertreibung halten. Gesagt wird er von Weißen, die nie kontrolliert, angepöbelt oder gemieden wurden – und die deshalb Rassismus für eine Erfindung von Aktivisten halten. Und gesagt wird er, gerade mit besonders viel Selbstgefälligkeit, von einem bundesweit bekannten Schauspieler, der durch Regionen tingelt, in denen fast jeder Zweite AfD wählt, dort artig bewirtet wird und danach öffentlich verkündet, „Naziland" sei doch stark übertrieben. Er sei ja freundlich behandelt worden.

Toll. Wirklich toll. Ein privilegierter Mann mit Senderesümee wird nicht angegriffen und schließt daraus, dass es nichts zum Angreifen gibt. Das ist keine Beobachtung. Das ist Dummheit mit Fernsehpräsenz – und wer ihm applaudiert, applaudiert seiner eigenen Bequemlichkeit.

Man sieht sein eigenes Denken auch nicht

Fangen wir bei etwas Banalem an, damit der Denkfehler nackt daliegt, bevor er sich hinter Politik verstecken kann: Niemand hat je eine Synapse feuern sehen, während er dachte. Niemand spürt den Sauerstoff, der gerade sein Gehirn am Laufen hält. Trotzdem behauptet niemand: „Ich sehe keinen Sauerstoff, also brauch ich auch keinen." Wer das täte, wäre in zehn Minuten tot – zu Recht, als Naturpreis für Realitätsverweigerung.

Bei Sauerstoff ist der Unsinn sofort erkennbar, weil niemand ein Motiv hat, ihn zu glauben. Sobald es aber um Gewalt, Diskriminierung oder Rechtsextremismus geht, der einen selbst nicht trifft, wird aus derselben Logik plötzlich eine Meinung mit Selbstbewusstsein und Mikrofon. Dieselbe Blindheit. Nur diesmal mit Standing Ovations.

Die eigene Unversehrtheit als Persilschein

Das Muster ist immer dasselbe, eine kleine, hässliche Formel, die man auswendig lernen sollte, weil man sie täglich hört:

Ich habe X nie erlebt. Ich bin ein ehrlicher, aufmerksamer Mensch. Also existiert X nicht, oder zumindest nicht so, wie ihr Hysteriker das behauptet.

Der Fehler liegt nicht in Zeile zwei. Der Fehler liegt in der unausgesprochenen Anmaßung, die eigene Existenz sei ein neutraler Kontrollturm mit freier Sicht auf die ganze Wirklichkeit. Ist sie nie. Es ist eine Position unter vielen – mit exakt den blinden Flecken, die dort liegen, wo einen noch nie jemand gebissen hat, weil man für den Hund einfach das falsche Wild ist.

Ein weißer, wohlhabender, landesweit bekannter Mann, der durch eine als rechtsradikal verschriene Region reist, wird dort freundlich behandelt – nicht weil das Problem nicht existiert, sondern weil er exakt nicht zu denen gehört, die dort gejagt werden. Seine Wohlfühltour ist kein Gegenbeweis. Sie ist die Quittung seines Privilegs, live vor Publikum als Erkenntnis verkleidet. Wer aus „mir ist nichts passiert" schließt, das Problem sei erfunden, verwechselt die eigene Unangreifbarkeit mit der Nichtexistenz der Gefahr – und macht sich zum Erfüllungsgehilfen genau jener Verharmlosung, die er zu widerlegen glaubt. Nicht aus Bosheit, sondern aus Bequemlichkeit. Was es nicht besser macht. Eher schlimmer.

Auch Experten sind nicht automatisch klüger – nur trainierter, blinde Flecken zu jagen

Man könnte hoffen, dieser Fehler sei ein Laienproblem, etwas für Stammtische und Kommentarspalten. Ist er nicht. Der Dunning-Kruger-Effekt beschreibt das genaue Gegenteil einer Ausnahme: Wer wenig Ahnung hat, besitzt oft nicht mal die Kompetenz, die eigene Inkompetenz zu bemerken. Die Unwissenheit tarnt sich selbst als Souveränität, und genau darum treten die Ahnungslosesten am lautesten auf. Über achtzig Prozent der Befragten in klassischen Studien halten sich für überdurchschnittlich gute Autofahrer – eine statistische Unmöglichkeit, die trotzdem jeder für sich persönlich für plausibel hält, weil man ja selbst am Steuer sitzt und alles im Griff zu haben scheint. Ärztinnen und Ärzte überschätzen systematisch die eigene diagnostische Treffsicherheit, ausgerechnet bei den kompliziertesten Fällen, wo die Selbstüberschätzung am teuersten wird – manchmal tödlich. Selbst die Psychologie musste in ihrer eigenen Replikationskrise zugeben, dass reihenweise Lehrbuch-Wahrheiten sich bei genauerem Hinsehen in Rauch auflösten.

Der Unterschied zwischen einer seriösen Fachkraft und einem selbstverliebten Schwadroneur ist keine Unfehlbarkeit. Der Unterschied ist: Die eine Seite jagt systematisch die eigenen blinden Flecken. Die andere hält die Abwesenheit von Selbstzweifeln für ein Gütesiegel, verwechselt Lautstärke mit Kompetenz – und wird dafür in diesem Land auch noch mit Talkshow-Einladungen belohnt.

Die Höflichkeit, die man mit Unschuld verwechselt

Zurück zum eigentlichen Anlass. Wenn jemand öffentlich erklärt, er sei durch eine Region mit knapp fünfzig Prozent AfD-Zustimmung gereist und habe dort nur Freundlichkeit erlebt, dann ist das keine steile These über die Region. Es ist eine peinlich banale Aussage über die eigene soziale Position: Ich wurde nicht angegriffen, weil ich nicht das bin, was man dort angreift. Wer daraus trotzdem eine öffentliche Verharmlosung bastelt, betreibt keine Aufklärung. Er betreibt Beihilfe zur Verdrängung – kostenlos, freiwillig, mit dem guten Gewissen der eigenen Prominenz garniert, und stolz präsentiert, als wäre es eine mutige Position statt bloßer Bequemlichkeit mit Reichweite.

Das ist ungefähr so aussagekräftig, wie wenn ein Multimillionär erklärte, Armut in diesem Land sei eine mediale Erfindung, weil er persönlich noch nie schlaflos wegen eines Kontostands lag. Nur dass hier keine Zahlen auf dem Spiel stehen, sondern Menschen, die tatsächlich angegriffen, bedroht und totgeschlagen werden – während jemand mit Senderesümee erklärt, er habe davon nichts mitbekommen, und das für eine relevante Auskunft hält. Die eigene Unverwundbarkeit wird zum Gutachten über einen Zustand erklärt, den man aus genau diesem Grund nie am eigenen Leib spüren musste. Wer das trotzdem tut, entlarvt nicht die Region. Er entlarvt sich selbst, öffentlich, mit Kamera drauf.

Der Spiegel

Was bleibt, ist unbequem, aber schlicht: Die eigene Wahrnehmung ist kein neutraler Zeuge. Sie ist eine Zeugin mit festem Standort, engem Sichtfeld und einem bemerkenswerten Talent, das selbst Gesehene für das ganze Bild zu halten – und dieses Talent wird von denen, die es besitzen, systematisch mit Weisheit verwechselt. Wer das ignoriert, verwechselt die eigene Biografie mit einer Landkarte der Wirklichkeit und erklärt hinterher jeden weißen Fleck darauf kurzerhand für unbewohnt, unbedenklich, erfunden – mit der Selbstgewissheit von jemandem, der noch nie draufgetreten ist.

Man sieht seine eigenen Gedanken nicht. Man sieht den Sauerstoff nicht, den man atmet. Und man sieht sehr zuverlässig genau die Gewalt nicht, die einen selbst nie treffen wird, weil man auf der bequemen Seite der Verteilung geboren wurde. Nichts davon ist ein Argument gegen deren Existenz. Es ist nur der Beweis dafür, wie erbärmlich klein der Ausschnitt ist, den manche für die ganze Welt halten – und wie laut, wie stolz, wie ungeniert sie diesen Ausschnitt trotzdem verkaufen, während andere dafür bezahlen, dass es diesen Ausschnitt überhaupt gibt.

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Transparenzhinweis: Für Bild und Textrecherche wurde KI verwendet