Es existiert eine schlichte Beobachtung im Umgang mit Menschen, deren moralische Architektur eher provisorisch wirkt: Selbsterkenntnis stellt sich selten spontan ein. Der Gedanke „Vielleicht bin ich das Problem“ verlangt eine Form von Reflexion, die eine gewisse geistige Infrastruktur voraussetzt. Manche Gebäude besitzen diese Infrastruktur. Andere verfügen über eine intellektuelle Einraumwohnung mit Aussicht auf sich selbst.
Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, dass destruktives Verhalten selten mit einem inneren Warnsignal einhergeht. Wer argumentativ entkernt, faktenflexibel und bemerkenswert frei von erkenntnisfördernden Zweifeln durchs Leben geht, empfindet sich oft als erstaunlich klar und konsequent. Der eigene Auftritt wirkt in der Selbstwahrnehmung entschlossen; von außen betrachtet erinnert er eher an einen argumentativen Kreisverkehr mit Ausfahrtverweigerung.
Solche Menschen bewegen sich durch Diskussionen mit hohem Sendungsbewusstsein bei geringer Empfangsleistung. Widerspruch erscheint ihnen weniger als Information denn als Störung. Empathie wirkt wie eine optionale Erweiterung, die bei der Installation übersprungen wurde. Und so entsteht jene eigentümliche Mischung aus moralischer Selbstzertifizierung und epistemischer Orientierungslosigkeit, die man im Alltag der Einfachheit halber als Arschloch bezeichnet.
Die direkte Benennung erfüllt dabei eine Funktion, die man fast schon pädagogisch nennen könnte. Sprache dient schließlich der Beschreibung von Realität. Wenn jemand sich konsequent rücksichtslos, herablassend oder menschenverachtend verhält, dann schafft ein präziser Begriff Klarheit. Euphemismen helfen vor allem dem, der sie benutzt. Erkenntnis hingegen entsteht eher in klarer Luft.
Es geht dabei weniger um Beleidigung als um Einordnung. Begriffe schaffen Konturen. Wer alles in Watte packt, produziert Nebel, und im Nebel gedeiht jede Form von faktenabweisender Innenbeschichtung erstaunlich gut.
Deshalb hat die direkte Benennung ihren Platz. Nicht aus Lust an der Grobheit, sondern aus Respekt vor der Wirklichkeit. Dinge beim Namen zu nennen bleibt eine der wenigen kulturellen Techniken, die verhindern, dass sich der semantische Schaumstoffblock endgültig über die Wahrnehmung legt.
Und außerdem, ganz nüchtern betrachtet:
Wer sich dauerhaft wie ein Arschloch verhält, profitiert zumindest davon, zu erfahren, wie dieses Verhalten heißt.
Bildung beginnt schließlich oft mit einem einzigen neuen Wort.
