Der Zweite Weltkrieg um Wärmepumpen und die letzte Sitzung der Vereinten Nationen, die wegen eines Thermomix eskalierte
Spätere Generationen würden sich oft fragen, wie eine hochentwickelte Spezies, die Quantencomputer, Raumsonden und Katzenvideos in 8K-Auflösung hervorbringen konnte, letztlich an Heizsystemen und Küchengeräten scheitern konnte.
Die Antwort ist einfach.
Menschen sind erstaunlich vernünftig, solange es um Dinge geht, die sie nicht persönlich betreffen.
Sobald jedoch jemand vorschlägt, die eigene Heizung auszutauschen oder ein Nachbar ein Küchengerät besitzt, das gleichzeitig kochen, dampfgaren und das eigene Selbstwertgefühl bedrohen kann, verwandelt sich der Homo sapiens zuverlässig in einen territorialen Dachs mit WLAN-Anschluss.
Doch der Reihe nach.
Im Jahre 2047 war die Lage bereits angespannt. Der Erste Weltkrieg um Parkplätze hatte tiefe Wunden hinterlassen. Ganze Familien sprachen nicht mehr miteinander. Die Schweiz hatte sich aus der internationalen Gemeinschaft zurückgezogen und erklärt, sie bleibe neutral, solange niemand ihre Tiefgaragenplätze infrage stelle.
Und das Internationale Ministerium für Neid, Missgunst und Nachbarschaftliche Beobachtung arbeitete längst im Dreischichtbetrieb.
Dann kamen die Wärmepumpen.
Anfangs waren sie lediglich Heizsysteme. Unspektakuläre Maschinen, deren einzige Aufgabe darin bestand, Häuser effizient zu erwärmen. Doch die Menschheit hatte eine einzigartige Gabe: Sie konnte aus nahezu allem eine Glaubensfrage machen.
Innerhalb weniger Monate entstanden zwei große Lager.
Die Bewegung der Heiligen Wärmepumpe betrachtete ihre Geräte als Symbol des Fortschritts. Ihre Mitglieder trugen beige Funktionsjacken, besaßen mindestens drei Lastenräder und verwendeten Wörter wie: „Sektorenkopplung“ oder „dezentrale Resilienz“ in alltäglichen Gesprächen.
Die Gegenseite, die Bruderschaft der Ewigen Gasflamme, verstand sich als letzte Bastion traditioneller Zivilisation. Ihre Anhänger erzählten sich abends Geschichten über die gute alte Zeit, als Heizungen noch laut waren und gelegentlich explodierten, weil man damals wenigstens wusste, woran man war.
Die Fronten verhärteten sich. In sozialen Netzwerken kursierten Verschwörungstheorien. Ein Mann behauptete, Wärmepumpen würden Gedanken lesen. Eine andere Frau war überzeugt, Gasheizungen seien in Wahrheit ein altes Kulturerbe und müssten unter Schutz gestellt werden. Niemand wusste, worauf sich diese Überzeugungen stützten. Aber sie wurden millionenfach geteilt.
Das Ministerium für Kontrollierte Empörung war begeistert. Sein Jahresbericht stellte fest:
„Die Bevölkerung hat ein neues Thema gefunden, das völlig unabhängig von tatsächlichen Sachkenntnissen zu maximaler gesellschaftlicher Spaltung führt. Die Zielvorgaben wurden um 38 Prozent übertroffen.“
Gleichzeitig rückte die Menschheit ihrem endgültigen Höhepunkt entgegen: Der letzten Sitzung der Vereinten Nationen. Sie fand im Frühjahr 2051 statt. Der Auftrag war klar:
Man wollte die großen Fragen der Menschheit lösen. Klimawandel. Armut. Ressourcenknappheit. Globale Konflikte. Die Zukunft des Planeten. Vertreter aus aller Welt reisten an. Wissenschaftler. Diplomaten. Philosophen.Und leider auch die Delegation aus Niederfichtenwalde-West. Bereits am ersten Tag traten Probleme auf.
Die italienische Delegation hatte einen Thermomix mitgebracht. Offiziell diente er der Verpflegung. Inoffiziell handelte es sich um eine Demonstration nationaler Küchentechnologie. Die französische Delegation fühlte sich beleidigt. Man könne schließlich nicht Jahrhunderte kulinarischer Hochkultur durch eine Maschine ersetzen, die gleichzeitig Suppe kocht und WLAN-Empfang hat.
Die Deutschen wiederum bestanden darauf, dass Effizienz ein kultureller Wert sei. Die Spanier erklärten, niemand brauche ein Gerät, das automatisch Risotto zubereitet. Die Briten hatten ohnehin beschlossen, sich grundsätzlich über alles zu beschweren. Innerhalb weniger Stunden eskalierte die Situation.
Es bildeten sich Fraktionen. Die Liga der Manuellen Kochkunst. Die Internationale Föderation intelligenter Küchengeräte.Und die radikale Untergrundbewegung der Puristen, die behauptete, Feuer sei bereits eine gefährliche Modernisierung gewesen.
Die eigentlichen Themen der Konferenz gerieten in den Hintergrund. Während draußen die Temperaturen stiegen und ganze Küstenregionen verschwanden, diskutierten die Delegierten über die moralische Zulässigkeit automatisierter Zwiebelschneideprozesse. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen versuchte verzweifelt zu vermitteln. Doch seine Rede wurde unterbrochen, als die österreichische Delegation beantragte, Thermomixe künftig als neutrale Drittstaaten anzuerkennen. Das war zu viel. Die Sitzung wurde vertagt. Für immer. Historiker bezeichnen dieses Ereignis heute als: Die Große Küchenkapitulation.
Parallel dazu entwickelte sich in der Bevölkerung eine neue Modeerscheinung. Menschen begannen, sich ihre Identität ausschließlich über Konsumgüter zu definieren. Man war nicht mehr einfach ein Mensch. Man war ein Apple-Mensch. Oder ein Android-Mensch. Ein Thermomix-Mensch. Ein Grill-Mensch. Ein SUV-Mensch. Ein Lastenrad-Mensch. Ein Mensch mit ganz bestimmten Kaffeebohnen und exakt der richtigen Meinung über Luftfritteusen.
Die Philosophie verlor an Bedeutung. Stattdessen entstanden Online-Kurse wie: „Finde dein wahres Ich durch die Wahl der richtigen Gartenmöbel.“ Millionen nahmen teil. Niemand fand etwas. Außer Rabattcodes.
Und während all dies geschah, arbeiteten weiterhin jene Menschen, die selten in Talkshows saßen. Pflegekräfte. Erntehelfer. Handwerker. Lieferfahrer. Müllwerker. Menschen, die Dinge reparierten, bauten und am Laufen hielten. Die Gesellschaft betrachtete sie mit jener merkwürdigen Mischung aus Selbstverständlichkeit und Geringschätzung, die man gewöhnlich nur für funktionierende Kanalisation empfindet: Man bemerkt sie erst, wenn sie fehlen. Dann allerdings sehr schnell. Doch die Erkenntnis kam zu spät.
Denn irgendwo, tief im Herzen der menschlichen Zivilisation, hatte sich längst eine neue Religion etabliert. Ihr oberstes Glaubensbekenntnis lautete: Wenn es mir gut geht, dann habe ich es verdient. Wenn es anderen schlecht geht, dann werden sie vermutlich etwas falsch gemacht haben. Es war ein erstaunlich praktischer Glaube. Er erforderte weder Mitgefühl noch historische Kenntnisse. Und er funktionierte hervorragend.
Zumindest bis zu jenem letzten Montag.

