
Eigentlich…
Eigentlich ist eigentlich eines der Wörter, die komplett nutzlos sind. Eigentlich wollte ich aufräumen… Dann folgt immer ein „aber“. … aber ich habe lieber einen Beitrag geschrieben, weil mir das gerade im Kopf herumschwirrt.
Es gibt viele Beispiele, und meist wird nach dem „Aber“ der Teil mit dem „Eigentlich“ Lügen gestraft. Eigentlich habe ich nichts gegen Ausländer, aber ich finde schon, dass zu viele Schwarze im Stadtbild herumgeistern. Eigentlich wollte ich früh schlafen gehen, aber ich wollte nur noch eine Folge meiner Lieblingsserie schauen. Nennt sich Modalpartikel und bedeutet, das vorher Gesagte wird abgeschwächt.
Und dann gibt es noch das Adverb. Das bedeutet „einer Sache in Wahrheit zugrunde liegend, tatsächlich, wirklich“.
Hier sind mir noch mehr Beispiele eingefallen.
Eigentlich …
… müssten die Menschen erkennen, dass die AfD nur eine hetzerische und spalterische Truppe ist, mit der sich nichts zum Besseren verändern wird. Eher im Gegenteil.
… müsste jede*r, der/die gestern das Interview von Alice Weidel mit Dunja Hayali gesehen hat, bemerkt haben, dass die Reichsgruselguste keine einzige Antwort gegeben hat, sondern sich nur in der Opferrolle gesuhlt hat.
… müsste klar sein, wo das Land mit der AfD hinsteuern wird, wenn man den Reden des Möchtegern-Fööööhrers Bernd Höcke lauscht und sich mit dem Wahlprogramm beschäftigt.
… müssten Ungarn und die USA abschreckendes Beispiel genug sein, was Faschismus heutzutage anrichtet.
… müsste jede*r stutzig werden, dass Weidel aufgrund der Tatsache, dass sie mit ihrer Schwarzen Frau und Regenbogenfamilie in der Schweiz lebt, so gar nicht dem propagierten Familienbild von Vater-Mutter-Kind und schön patriotisch in Deutschland lebend entspricht.
… müssten AfD-Wähler stinksauer sein, dass sich ihre Partei so viele Steuergelder in die eigene Tasche steckt, und in die ihrer Familienangehörigen.
… müssten die Wähler hellhörig werden, dass ziemlich offen Volksverrat begangen wird.
… müsste man über die Hanseln lachen, die Angst vor Bienen und Kanthölzern haben, ihre eigenen Autos anzünden und Finger abhacken lassen, um es der Antifa in die Schuhe zu schieben.
… müsste man schlau genug sein, um zu erkennen, dass es genau so schon einmal angefangen hat.
… müsste man bemerken, dass man nur aufgehetzt wird.
… müsste man abgestoßen sein von den Pöbeleien im Bundestag.
… müsste man abgestoßen sein von der Arroganz und der Dreistigkeit einer Alice Weidel.
… müsste man abgestoßen sein von der berechnenden Kälte eines Björn Höcke.
… müsste man die Lügen eines Tritschler, Klauß, Baumann, einer Kotré, einer Höchst, einer von Storch leicht durchschauen.
… könnte man sich amüsieren, was Gehirnwäsche so anrichten kann. Da es aber gefährlich ist, ist es ernst zu nehmen.
… sollte man einfach mal nachdenken und sich fragen, wohin das alles führen wird. Und vielleicht, aber auch nur vielleicht, wird eine CDU irgendwann doch mal bemerken, dass sie den falschen Weg eingeschlagen hat. Reformen sind nötig, ja, aber nicht nur auf dem Rücken derer, die das Land am Laufen halten, Rentner, Arme und Kranke.
JA! Es läuft gerade verdammt viel falsch in diesem Land. Dass die Leute enttäuscht und sogar angepisst sind, kann ihnen keiner verdenken. Auch ich habe Angst vor der Zukunft. Es muss sich etwas ändern, doch leider hat sich noch kein Kind gefunden, das dem Kaiser zuruft „aber er hat doch gar nichts an!“ Selbstreflexion ist bei der CDU leider Fehlanzeige. Die Bürger sind schuld, dass der Kanzler so unbeliebt ist, nicht etwa er selbst. Würde Schwarz-Rot Politik wirklich für das Volk machen, wäre die AfD unter ferner liefen oder längst verboten.
Die CDU hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die AfD zu halbieren, sie inhaltlich zu stellen. Nun, der Schuss ging nach hinten los. Wer den Schulhofrüpel zum Vorbild nimmt und ihn damit salonfähig macht, muss sich nicht wundern, wenn dieser hofiert wird und man selbst in der Versenkung verschwindet.
Eigentlich …
… könnten wir in einem guten Land leben, in dem man keine Angst haben muss, in dem man wertgeschätzt wird, egal, ob man hier geboren ist oder neu hinzugekommen. In einem Land, in dem man gern ein Kind bekommt, gern zur Arbeit geht und vor allem gern lernt. In einem Land, in dem man sich nicht fragen muss, wie man überlebt, wenn man arbeitslos wird, alleinerziehend ist oder Rente bezieht. In einem Land, in dem man auch mal krank sein darf, ohne monatelang auf einen Facharzttermin warten zu müssen und in dem man ordentlich versorgt werden kann. In einem Land, in dem Tafeln nicht nötig sind, in dem Bürokratie abgebaut wurde und das alles für den Klimaschutz tut. In einem Land, in dem Menschen mit der „falschen“ Hautfarbe nicht diskriminiert werden und Opferschutz vor Täterschutz geht. In einem Land, in dem Frauen nicht von Männern erklärt wird, wie sie zu denken und zu fühlen haben. In einem Land, in dem „nur JA heißt JA“ gilt. In einem Land, das Kinder willkommen heißt und in dem Beruf und Familie problemlos vereinbar sind. In einem Land, das Alte und Schwache nicht ausgrenzt und abschiebt, sondern ihnen so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Und wenn es dann nicht mehr geht, die Fürsorge zukommen lässt, die sie benötigen und auch verdienen. In einem Land, in dem Politik für Menschen gemacht wird, nicht für Konzerne und Aufsichtsräte.
Eigentlich mag ich gerade nicht mehr, wenn ich so darüber nachdenke.

