Oder: Eine kurze Geschichte über den Untergang einer Spezies, die es schaffte,
sich gleichzeitig für die Krone der Schöpfung und für Opfer von Hafermilch zu halten
Spätere Historiker waren sich uneinig, wann genau die Menschheit falsch abgebogen war.
Professor Wladimir Pömpel vom Institut für Rückwärtsgewandte Zukunftsforschung vertrat die These,
es sei im Jahr 1847 gewesen, als ein englischer Fabrikant erstmals auf die revolutionäre Idee kam,
Maschine zu bauen, die fünfzig Menschen ersetzen konnte, anstatt fünfzig Menschen einzustellen,
die eine Maschine bedienen.
Andere Wissenschaftler hielten dagegen.
Sie verwiesen auf das Jahr 1998, als jemand beschloss, Wasser in Plastikflaschen zu verkaufen und
Menschen tatsächlich bereit waren, dafür Geld auszugeben, obwohl kostenloses Wasser aus der Leitung
kam und niemand jemals auf die Idee gekommen wäre, abgepackte Luft zu kaufen.
Nun ja. Noch nicht. Die heute allgemein anerkannte Lehrmeinung lautet jedoch, dass alles an einem Montag
begann. Nicht an irgendeinem Montag. An jenem kosmischen Montag. Dem Ur-Montag. Dem Montag aller Montage.
Ein Montag, der so montagig war, dass selbst die Zeit kurz innehielt und sagte:
„Ach komm. Ernsthaft jetzt?“
Dabei hatte die Menschheit zunächst alles richtig gemacht. Sie erfand Dampfmaschinen. Elektrizität.
Antibiotika. Moderne Kanalisation. Bücher mit mehr Bildern als Cholera. Die durchschnittliche Lebenserwartung
stieg. Die Kindersterblichkeit sank. Und plötzlich mussten Menschen nicht mehr täglich gegen Wölfe, Typhus und
ihren eigenen Zahnapparat kämpfen. Es war eine erstaunliche Erfolgsgeschichte.
Doch Erfolg ist eine heikle Angelegenheit.
Er ist wie ein sehr guter Rotwein. In kleinen Mengen macht er zufrieden. In großen Mengen führt er dazu, dass
man auf Familienfeiern ungefragt seine Meinung zur Weltpolitik äußert.
Nach einigen Generationen trat daher ein neues Phänomen auf:
Die Wohlstandsverwahrlosung.
Eine Krankheit, die ausschließlich dort vorkam, wo Menschen glaubten, Ananas würden in klimatisierten Supermärkten
heimisch sein.
Die Symptome waren vielfältig.
Betroffene hielten Privilegien für persönliche Verdienste. Sie waren überzeugt, ihre Waschmaschine, ihre Zentralheizung
und ihre demokratischen Grundrechte seien Ausdruck besonderer individueller Exzellenz. Manche entwickelten sogar die Überzeugung,
ihre Vorfahren hätten persönlich die Schwerkraft erfunden.
Parallel dazu entstand eine neue Behörde: Das Internationale Ministerium für Neid, Missgunst und Nachbarschaftliche Beobachtung. Sein
Hauptsitz befand sich in einer Doppelhaushälfte in Nordrhein-Westfalen und beschäftigte rund acht Millionen ehrenamtliche Mitarbeiter.
Die Aufgaben waren klar definiert. Wer einen neuen Grill kaufte, musste innerhalb von vierundzwanzig Stunden gemeldet werden. Neue
Autos wurden in fünf Gefahrenstufen eingeteilt:
Stufe Eins:
„Ach, schön für ihn.“
Stufe Zwei:
„Na ja, muss man sich leisten können.“
Stufe Drei:
„Woher hat der denn plötzlich das Geld?“
Stufe Vier:
„Da stimmt doch etwas nicht.“
Stufe Fünf:
„Ich hab immer schon gewusst, dass die Familie komisch ist.“
Die Menschheit nahm diese Arbeit sehr ernst. Man war schließlich eine Leistungsgesellschaft. Gleichzeitig entwickelte sich das
globale Wirtschaftssystem prächtig. Millionen Menschen bauten Rohstoffe ab. Andere nähten Kleidung. Wieder andere pflückten Obst.
Sie arbeiteten unter Bedingungen, die in wohlhabenden Ländern ungefähr als Kriegsverbrechen gegen Yogalehrer eingestuft worden wären.
Doch ihre Existenz blieb weitgehend unsichtbar.
Man sprach lieber über die eigentlichen Probleme:
Die Farbe neuer Mülltonnen. Vegane Bratwürste. Und ob Windräder heimische Wolkenbilder traumatisierten.
Das Ministerium für Empörungsmanagement arbeitete rund um die Uhr. Jeder Bürger erhielt morgens eine personalisierte Aufregung.
Ein komplizierter Algorithmus analysierte Einkommen, Bildungsgrad und bevorzugte Kaffeesorten. Anschließend wurde eine individuelle
Tageskränkung ausgeliefert. Für manche war es gendern. Für andere SUVs. Für wieder andere Menschen, die Kräutertee tranken, ohne dabei
sichtbar zu leiden.
Die Zufriedenheit der Bevölkerung sank kontinuierlich. Das Bruttoempörungsprodukt hingegen erreichte historische Höchststände.
Experten waren begeistert.
Im Jahr 2039 wurde schließlich die weltweit erste Internationale Behörde für Geregelte Fremdenangst gegründet. Sie hatte die schwierige
Aufgabe, exakt festzulegen, vor welchen Menschen man sich aus kulturellen Gründen sorgen durfte, obwohl das eigene Leben ohne deren Arbeit
innerhalb von drei Tagen kollabiert wäre. Die Sitzungen dauerten oft Monate. Niemand verstand die Protokolle. Aber das war ohnehin Tradition
geworden.
Zur gleichen Zeit entwickelte sich die Konsumgesellschaft weiter. Man kaufte Dinge, die man nicht brauchte, mit Geld, das man nicht hatte,
um Menschen zu beeindrucken, die man verachtete. Es war ein elegantes System. Der Planet hingegen entwickelte gewisse Ermüdungserscheinungen.
Die Wälder kündigten innerlich. Die Ozeane beantragten Burnout. Mehrere Gebirgszüge dachten ernsthaft über Frühverrentung nach.
Lediglich die Menschen blieben optimistisch. Schließlich hatte man Apps. Und für jedes Problem existierte bekanntlich eine App.
Als die ersten Wissenschaftler vor globalen Krisen warnten, wurde daher das Bundesamt für Realitätsvermeidung eingerichtet. Dessen wichtigste
Aufgabe bestand darin, unangenehme Fakten in handliche Meinungen umzuwandeln. Die Arbeit war außerordentlich erfolgreich. Innerhalb weniger
Jahre glaubten Millionen Menschen, jahrzehntelange Forschung könne durch einen schlecht beleuchteten Internetkommentar widerlegt werden,
dessen Autor sich ProfessorFreiDenken4711 nannte.
Dann kam der große Montag.
Der letzte Montag.
Der Montag, der später als Der Montagnachmittag des Abendlandes in die Geschichtsbücher eingehen sollte.
Um Punkt 7:17 Uhr morgens trat ein technischer Fehler auf. Das Ministerium für Empörungsmanagement konnte keine neuen Aufregungen mehr
ausliefern. Die Server waren ausgefallen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten wussten die Menschen nicht, worüber sie sich empören sollten.
Panik brach aus. Verzweifelte Bürger standen orientierungslos auf Marktplätzen und fragten: „Wen finden wir heute eigentlich schlimm?“
Niemand wusste es.
Manche begannen, miteinander zu reden. Andere halfen alten Menschen über die Straße. Wieder andere setzten sich einfach schweigend in Parks.
Die Börsen reagierten sofort. Der Konsum brach ein. Die Wirtschaft kollabierte innerhalb weniger Stunden. Es stellte sich heraus, dass achtzig
Prozent des globalen Wirtschaftswachstums darauf beruhten, Menschen einzureden, sie seien unvollständig. Noch am selben Nachmittag wurde der
Notstand ausgerufen.
Das Internationale Komitee zur Wiederherstellung der Dauerempörung trat zusammen. Zu spät. Die Menschen hatten plötzlich Zeit zum Nachdenken.
Und Nachdenken ist für komplexe Gesellschaften ungefähr so gefährlich wie ein Toaster in einer Badewanne. Man begann Fragen zu stellen. Wer
produziert eigentlich unseren Wohlstand? Warum behandeln wir Menschen schlecht, die unsere Häuser bauen, unsere Pflege übernehmen und unsere
Lebensmittel ernten? Warum beneiden wir Nachbarn, anstatt gemeinsam die Straße zu reparieren? Warum glauben wir, dass Glück käuflich ist,
obwohl wir seit Jahrzehnten das Gegenteil beobachten? Diese Fragen verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.
Die gesellschaftliche Ordnung zerfiel. Nicht aus Gewalt. Sondern aus Verwirrung. Niemand war auf Selbstreflexion vorbereitet. Die Zivilisation
hielt genau drei weitere Tage durch. Dann beschlossen die Menschen kollektiv, dass es einfacher sei, sich wieder gegenseitig die Schuld zu geben.
Kurz darauf ging das Licht aus.
Millionen Jahre später entdeckten die Waschbären die Überreste unserer Welt. Sie fanden gewaltige Tempelanlagen namens Einkaufszentren.
Heilige Kultobjekte namens Thermomix. Und Milliarden kleiner Plastikfiguren, die Pop-Funkos genannt wurden und vermutlich Fruchtbarkeitsgötter
darstellten. Die oberste Waschbärenphilosophin, Großmutter Fluschelpfote, fasste ihre Erkenntnisse schließlich in einem einzigen Satz zusammen:
Die Menschen waren die einzige Spezies, die einen funktionierenden Planeten erbte, ihn in einen gigantischen Online-Kommentar verwandelte und
sich anschließend darüber beschwerte, dass die Nachbarn zu laut atmeten.
Ihre berühmteste Warnung lautet bis heute:
Wohlstand ist eine wunderbare Sache. Aber er sollte niemals so bequem werden, dass man vergisst, wem man ihn verdankt und auf wessen Schultern man sitzt.
Und darunter, eingraviert in Marmor:
Sollte jemals wieder ein Montag auftauchen, vernichtet ihn sofort mit Feuer.


