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Woran wir glauben, wenn wir bezahlen

Über ein Versprechen, das wir alle halten, obwohl es niemand je unterschrieben hat

Manchmal halte ich einen Geldschein in der Hand und versuche, ihn so anzusehen, als hätte ich noch nie einen gesehen. Ein Stück bedrucktes Papier, ein paar Farben, ein Zahlenaufdruck. Man kann es nicht essen, nicht anziehen, nicht bewohnen. Und doch würde mir dafür jeder Bäcker ein Brot geben, ohne zu zögern, ohne mich zu kennen.

Was geschieht da eigentlich?

Yuval Noah Harari gibt in seinem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit eine Antwort, die zugleich ernüchternd und schön ist: Geld funktioniert, weil wir daran glauben. Es hat keinen Wert in sich, sondern nur den, den wir ihm gemeinsam zusprechen. Harari nennt das eine intersubjektive Wirklichkeit: etwas, das nicht in der Natur vorkommt, sondern in den Köpfen vieler Menschen, und das gerade deshalb so mächtig ist, weil alle es teilen.

Bemerkenswert ist, wie weit dieser Glaube reicht. Über Religionen streiten wir seit Jahrtausenden, über politische Ordnungen führen wir Kriege. Aber ob eine Muschel, eine Münze oder eine Zahl auf dem Bildschirm etwas wert ist, darüber verständigen sich Menschen, die sonst kaum etwas teilen, erstaunlich mühelos. Der Gläubige und der Atheist, der Gelehrte und der Analphabet, sie alle akzeptieren dasselbe Zahlungsmittel. Vielleicht ist Geld das einzige Glaubenssystem, dem fast alle angehören, ohne je darüber abgestimmt zu haben.

Ich kann das nicht ohne Bewunderung sagen. Denn die Alternative ist ja nicht romantisch. Wer sich den Tauschhandel ausmalt, Brot gegen Hühnereier, und dann den Fall, dass die Hühnerhalterin gerade kein Brot braucht, sondern ein neues Dach, begreift schnell, welche Leistung in dieser Erfindung steckt. Geld macht das Unvergleichbare vergleichbar: eine Stunde Arbeit, ein Konzert, ein Haus. Es lässt Millionen Menschen zusammenarbeiten, die einander nie begegnen werden. Ohne dieses gemeinsame Märchen gäbe es keine Städte, keine Arbeitsteilung, keine Weltwirtschaft.

Und trotzdem bleibt bei mir ein Unbehagen.

Es beginnt bei einer einfachen Beobachtung: Wir haben ein Werkzeug erfunden, das uns dienen sollte, und merken immer öfter, dass wir ihm dienen. Wir verbringen den größten Teil unserer wachen Lebenszeit damit, Geld zu verdienen, und was übrig bleibt, damit, es auszugeben oder sich zu sorgen, dass es nicht reicht. Für viele ist das keine Entscheidung mehr, sondern ein Rahmen, in dem sich ihr ganzes Leben abspielt. Wohnen, Gesundheit, Bildung, Teilhabe: Alles hängt am Kontostand. Wer wenig hat, hat wenig Spielraum, und wer wenig Spielraum hat, hat wenig Freiheit. Das Märchen, an das wir alle glauben, erzählt sich für die einen als Abenteuer und für die anderen als Zwang.

Dazu kommt eine leise Verzerrung des Blicks. Was sich in Zahlen ausdrücken lässt, nehmen wir ernst. Was sich nicht beziffern lässt, droht aus dem Blickfeld zu geraten: die Pflege eines Angehörigen, die niemand bezahlt, das Ehrenamt, die saubere Luft, das Vertrauen zwischen Nachbarn. Was nichts kostet, gilt schnell als wertlos, und was viel einbringt, als wertvoll, selbst dann, wenn es dem Ganzen schadet. Wir messen, was wir messen können, und beginnen irgendwann zu glauben, dass nur das zählt.

Und schließlich ist da die Frage der Macht. Geld ist nicht nur Tauschmittel, es ist auch Einfluss: auf Medien, auf Politik, auf die Themen, über die wir reden. Wo große Vermögen sich fast von selbst vermehren, während Arbeit allein vielen kaum noch zum Aufstieg reicht, gerät das Versprechen gleicher Chancen ins Wanken. Ich will daraus keine Anklage machen. Aber ich finde, wir sollten es zumindest bemerken.

Hier liegt für mich der Kern von Hararis Gedanken, und er ist tröstlicher, als man zunächst meint. Wenn Geld eine gemeinsame Erzählung ist, dann ist es kein Naturgesetz. Dann sind Zinsen, Steuern, Erbschaftsregeln und die Frage, welche Arbeit bezahlt wird und welche nicht, Entscheidungen, die Menschen getroffen haben und anders treffen könnten. Nichts daran ist gottgegeben. Das ist ein Gedanke, der Verantwortung bedeutet, aber auch Hoffnung.

Ich will mir dabei nichts vormachen. Wer fordert, man solle das Geld einfach abschaffen, hat das Problem nicht verstanden, denn das Märchen ist zu nützlich, und kein Ersatz ist in Sicht, der Millionen Fremde so verlässlich verbindet. Es geht nicht darum, den Glauben zu zerstören. Es geht darum, ihn nicht für selbstverständlich zu halten.

Vielleicht beginnt das mit einer kleinen Frage, die wir uns gelegentlich stellen könnten, beim Bezahlen, beim Verhandeln, beim Sparen oder beim Grübeln über das nächste Gehalt: Was ist mir eigentlich wirklich etwas wert? Und wie viel davon taucht auf keiner Rechnung auf?

Geld ist ein hervorragender Diener. Als Herr taugt es nicht. Welche Rolle wir ihm geben, ist, anders als der Wert eines Geldscheins, tatsächlich unsere Entscheidung.

 

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Transparenzhinweis: Für Recherche und Bilderstellung wurde KI verwendet