Zitat von Admin A am 10. Oktober 2026, 08:15 Uhr
Mehr als 230 Millionen Mädchen und Frauen leben heute mit den Folgen einer Genitalverstümmelung. Allein 2026 sind nach UN-Angaben schätzungsweise 4,5 Millionen Mädchen gefährdet, viele von ihnen jünger als fünf Jahre. Das ist keine Randerscheinung und kein Relikt aus fernen Zeiten, sondern eine Menschenrechtsverletzung, die jetzt geschieht und in manchen Regionen zunimmt, weil die Bevölkerung schneller wächst, als die Praxis zurückgeht.
Dieser Artikel beantwortet die Fragen, die oft gestellt werden: Was passiert dabei genau? Wo? Warum? Welche Folgen hat es, und wie viele Mädchen und Frauen sterben daran? Er fragt auch, ob „barbarisch“ und „veraltet“ die richtigen Worte sind. Und er schaut nach Deutschland, wo nach Schätzungen über 100.000 betroffene Frauen und Mädchen leben.
Kennzahl Wert Lebende Betroffene weltweit über 230 Millionen (UNICEF, 2024) Zuwachs seit 2016 rund 30 Millionen (+15 %) Gefährdete Mädchen allein 2026 4,5 Millionen Länder mit dokumentierter Praxis 94 (repräsentative Daten nur für 31) Kosten der Behandlung von Komplikationen mind. 1,4 Mrd. US-Dollar pro Jahr Betroffene und Gefährdete in Deutschland ca. 123.000 (Ende 2024, Bundesregierung) Was ist weibliche Genitalverstümmelung?
Die WHO versteht darunter alle Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder ganz entfernt oder anderweitig verletzt werden, ohne dass es dafür einen medizinischen Grund gibt. International heißt das Female Genital Mutilation, kurz FGM. Manche Organisationen schreiben FGM/C, das C steht für „Cutting“ (Beschneiden). Das Wort „Beschneidung“ verharmlost, weil es an die Beschneidung von Jungen erinnert. Medizinisch ist das nicht vergleichbar: Bei Mädchen wird gesundes, empfindliches Gewebe entfernt oder zerstört, ohne jeden gesundheitlichen Nutzen.
Die WHO unterscheidet vier Typen:
Typ Was geschieht Typ 1 Teilweise oder vollständige Entfernung der Klitorisspitze und/oder der Klitorisvorhaut Typ 2 Entfernung der Klitorisspitze und der inneren Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der äußeren Schamlippen (Exzision) Typ 3 Verengung der Scheidenöffnung durch einen Verschluss aus zurechtgeschnittenen und vernähten Schamlippen (Infibulation) Typ 4 Alle übrigen schädigenden Eingriffe: Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Auskratzen, Ausbrennen Typ 3 ist die schwerste Form. Nach UNFPA machen rund 15 Prozent aller Fälle Typ 3 aus, vor allem in Somalia, im Sudan und in Dschibuti. Der Eingriff findet meist zwischen dem Säuglingsalter und etwa 15 Jahren statt, selten auch bei erwachsenen Frauen. Häufig geschieht er ohne Betäubung und mit einfachen Werkzeugen wie Rasierklingen oder Glasscherben.
Wo geschieht es?
Die Praxis konzentriert sich auf West-, Ost- und Nordostafrika sowie einzelne Länder im Nahen Osten und in Asien. Nach UNICEF leben 144 Millionen Betroffene in Afrika, 80 Millionen in Asien und 6 Millionen im Nahen Osten. Die UN dokumentieren FGM inzwischen in 94 Ländern, belastbare repräsentative Daten gibt es aber nur für 31. Das heißt: Die tatsächliche Verbreitung ist in Teilen unbekannt, zum Beispiel für Indien, Iran oder Thailand.
Am höchsten ist der Anteil bei Frauen zwischen 15 und 49 Jahren in diesen Ländern (UNICEF-Daten, zitiert nach Terre des Femmes 2025):
Land Anteil betroffener Frauen (15–49) Somalia 99 % Guinea 95 % Dschibuti 90 % Mali 89 % Ägypten 87 % Sudan 87 % Eritrea 83 % Sierra Leone 83 % Gambia 73 % Äthiopien 65 % Indonesien 55 % (bei Mädchen, laut Berichten der Mütter) Die Zahl der Betroffenen hängt nicht nur vom Anteil ab, sondern auch von der Bevölkerungsgröße. Ägypten, Äthiopien und Indonesien gehören nach früheren UNICEF-Berechnungen zu den drei Ländern, in denen zusammen etwa die Hälfte aller Betroffenen lebt. Vier von zehn Betroffenen leben in armen oder von Konflikten betroffenen Ländern; Äthiopien, Nigeria und Sudan haben unter den Konfliktländern die meisten Betroffenen.
Ländergrenzen sagen dabei nur wenig. Die Praxis hängt oft an ethnischen Gruppen, die sich über mehrere Staaten verteilen. Ein Land mit niedrigem Gesamtwert kann Regionen oder Gruppen haben, in denen fast alle Mädchen betroffen sind. Durch Migration gibt es außerdem Betroffene und gefährdete Mädchen in Europa, Nordamerika und Australien.
Warum wird das gemacht?
Eine einzige Ursache gibt es nicht. Die Gründe unterscheiden sich von Region zu Region und ändern sich mit der Zeit. Die WHO nennt vor allem diese:
- Soziale Norm: Wo FGM Konvention ist, wirken der Druck, es wie alle anderen zu halten, und die Angst vor Ausgrenzung stärker als Wissen über die Risiken. Eltern, die ihre Tochter schneiden lassen, handeln meist nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil sie fürchten, dass ihr Kind sonst keinen Platz in der Gemeinschaft und keine Ehe findet.
- Übergang zum Erwachsensein: FGM gilt vielerorts als notwendiger Teil der Erziehung eines Mädchens und als Vorbereitung auf Ehe und Erwachsensein.
- Kontrolle weiblicher Sexualität: Die Praxis soll voreheliche Jungfräulichkeit und eheliche Treue sichern. Die WHO sieht darin Ausdruck tief verwurzelter Ungleichheit der Geschlechter und eine extreme Form der Diskriminierung von Mädchen und Frauen.
- Vorstellungen von Reinheit, Schönheit und Ehre: Auch diese Motive werden in den Gemeinschaften genannt.
Ist es eine religiöse Pflicht?
Viele Menschen glauben das. Die WHO hält dagegen fest, dass keine religiöse Schrift die Praxis vorschreibt. Sie ist älter als Islam und Christentum, die Form der Infibulation wird oft als „pharaonisch“ bezeichnet. Islamische Gelehrte und christliche Kirchenvertreter haben sie vielfach verurteilt, in Ägypten erklärte der Mufti, sie habe keine Grundlage im Koran. Es gibt allerdings auch Gelehrte, etwa in der schafiitischen Rechtsschule, die sie als zulässig oder sogar empfehlenswert ansehen. Der Befund bleibt: Als religiöse Pflicht ist FGM nicht belegt, aber der Glaube daran hält sie am Leben.
Wenn Ärzte und Pflegekräfte es tun
In mehreren Ländern führen Gesundheitskräfte die Eingriffe selbst durch, zum Beispiel in Ägypten und Indonesien. Die WHO nennt vier Gründe: den Glauben, dass es dann sicherer sei, die Hoffnung auf einen ersten Schritt zur Abschaffung, den Druck der Normen auf die Helfer selbst und finanzielle Anreize. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Auch medizinisch durchgeführte FGM bleibt eine Verstümmelung, und Forschende warnen, dass solche Eingriffe teils tiefer schneiden und schlechtere Langzeitfolgen haben können. Die WHO hat deshalb im April 2025 neue Empfehlungen gegen diese „Medikalisierung“ veröffentlicht.
Welche Komplikationen gibt es?
FGM hat keinen gesundheitlichen Nutzen und schädigt Mädchen und Frauen auf vielen Ebenen. Je schwerer die Form, desto größer das Risiko. Eine WHO-Studie vom April 2025 wertete 78 Studien mit fast 487.000 Frauen aus rund 30 Ländern aus und kommt zu einem klaren Ergebnis: FGM beeinträchtigt nahezu alle Bereiche der Gesundheit.
Sofort, während oder kurz nach dem Eingriff
- starke Schmerzen, Schock
- schwere Blutungen (Verbluten ist möglich)
- Fieber, Infektionen wie Wundstarrkrampf (Tetanus)
- Schwellungen, Verletzungen des umliegenden Gewebes
- Probleme beim Wasserlassen, Wundheilungsstörungen
- Tod
Langfristig
- wiederkehrende Harnwegsinfektionen, Schmerzen beim Wasserlassen
- Ausfluss, Juckreiz, Scheideninfektionen
- schmerzhafte Regelblutung, Schwierigkeiten, das Menstruationsblut abfließen zu lassen
- Narbengewebe und Wulstnarben (Keloide), Zysten
- Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, verminderte sexuelle Befriedigung
- psychische Folgen: Depressionen, Angststörungen, posttraumatische Belastungsstörung, geringes Selbstwertgefühl
- bei Typ 3 spätere Operationen, um die Narbe zu öffnen (Defibulation), damit Geschlechtsverkehr und Geburt möglich werden
Schwangerschaft und Geburt
Besonders belegt sind die Folgen für Mutter und Kind. Laut der WHO-Auswertung haben Frauen mit FGM ein 2,6-fach höheres Risiko für eine verlängerte oder blockierte Geburt, ein 1,6-fach höheres Risiko für eine Totgeburt oder den Tod des Neugeborenen und ein 2,8-fach höheres Risiko für einen verlängerten Krankenhausaufenthalt nach der Geburt. Das Kaiserschnittrisiko und Blutungen nach der Geburt sind ebenfalls erhöht. Die WHO-Afrika-Region schätzt, dass pro 100 Geburten 1 bis 2 zusätzliche Babys sterben.
Die Behandlung dieser Folgen kostet die Gesundheitssysteme nach WHO-Schätzung mindestens 1,4 Milliarden US-Dollar jährlich.
Wie viele Mädchen und Frauen sterben daran?
Eine verlässliche Zahl gibt es nicht. Die Eingriffe finden meist außerhalb von Kliniken statt, sie sind in vielen Ländern verboten und werden verschwiegen, und die Todesursache wird selten mit FGM verknüpft. Gestorben wird an Verbluten, Infektionen, Schock und später bei komplizierten Geburten.
Eine Modellrechnung der Universitäten Birmingham und Exeter (Fachzeitschrift Scientific Reports, 2023) versucht, die zusätzliche Sterblichkeit statistisch zu schätzen. Die Forschenden verglichen für 15 afrikanische Länder zwischen 1990 und 2020, wie sich die Sterblichkeit von Mädchen ändert, wenn ein größerer Anteil einer Altersgruppe betroffen ist. Ergebnis: etwa 44.320 zusätzliche Todesfälle pro Jahr, also ein Mädchen oder eine junge Frau etwa alle 12 Minuten. Nach dieser Schätzung wäre FGM in diesen Ländern eine der häufigsten Todesursachen für Mädchen.
Die Zahl ist eine Schätzung mit Unsicherheit, keine Zählung einzelner Todesfälle, und sie bezieht sich nur auf 15 Länder. Gesichert ist dagegen das erhöhte Risiko bei der Geburt: ein 1,6-fach höheres Risiko für Totgeburten oder den Tod des Neugeborenen. Wer eine Zahl nennt, sollte sie deshalb als Modellschätzung kennzeichnen.
Eine barbarische, veraltete Tradition?
Die Empörung ist berechtigt, denn FGM verletzt das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Gesundheit und, wenn der Eingriff tödlich endet, auf Leben. Sie trifft fast immer Minderjährige und verletzt damit auch Kinderrechte. Trotzdem lohnt ein genauerer Blick auf beide Wörter.
„Veraltet“ stimmt nur halb. Die Praxis ist sehr alt, aber nicht einfach ein Überbleibsel. Sie ist eine soziale Norm, die sich heute noch erneuert: Die Zahl der Betroffenen ist seit 2016 um rund 30 Millionen gestiegen, weil in den betroffenen Ländern mehr Mädchen geboren werden, als der Rückgang ausgleicht. Schon 2016 zeigten neue Daten aus Indonesien, dass die Praxis dort weiter verbreitet ist als gedacht. Und mit der Medikalisierung bekommt sie in einigen Ländern ein modernes, scheinbar seriöses Gesicht.
„Barbarisch“ erklärt wenig. Das Wort sagt etwas über die Tat, aber nichts darüber, warum Familien daran festhalten, und es trennt „die anderen“ von „uns“. Wer FGM verstehen will, muss sehen, dass Eltern oft aus Fürsorge, Angst vor dem Ausschluss ihrer Tochter und im Glauben an eine religiöse oder moralische Pflicht handeln. Die Abschaffung gelingt dort, wo Gemeinschaften gemeinsam umdenken, nicht dort, wo sie beschämt werden. UNICEF empfiehlt deshalb, die Erwartungen innerhalb der Gruppen zu verändern und das Thema aus der Privatsphäre in die öffentliche Debatte zu holen. Umfragen zeigen: Rund zwei Drittel der Menschen in den betroffenen Ländern, etwa 400 Millionen, lehnen die Praxis ab.
Es braucht also beides: eine klare Sprache über das, was geschieht und was es anrichtet, und Respekt vor den Menschen in den betroffenen Gemeinschaften. Viele der entschiedensten Gegnerinnen und Gegner der Praxis leben selbst dort, und sie verdienen Unterstützung statt Belehrung. Pauschale Urteile über ganze Kulturen oder Religionen helfen ihnen nicht.
Fortschritte und Rückschläge
Es gibt Erfolge. Der Anteil der Mädchen und Frauen, die von FGM betroffen sind, sinkt in vielen Ländern. UNICEF nennt Sierra Leone: Dort fiel der Anteil bei den 15- bis 19-Jährigen in 30 Jahren von 95 auf 61 Prozent. Laut dem UNICEF-Bericht von 2016 ging der Anteil in Burkina Faso, Kenia und Ägypten über die vorangegangenen drei Jahrzehnte bei Mädchen um 27 bis 31 Prozentpunkte zurück. Die Hälfte des Fortschritts der vergangenen 30 Jahre fiel in das letzte Jahrzehnt.
Die Rückschläge wiegen schwer:
- Tempo: Der globale Rückgang müsste laut UNICEF 27-mal schneller verlaufen, um das UN-Ziel einer Abschaffung bis 2030 zu erreichen. Wenn die Trends anhalten, kommen laut WHO bis 2030 weitere 22,7 Millionen betroffene Mädchen hinzu.
- Bevölkerungswachstum: In Ländern wie Somalia und Mali wächst die Zahl der Mädchen schneller, als der Anteil sinkt.
- Konflikte und Armut: Vier von zehn Betroffenen leben in Staaten mit schwachen Gesundheits- und Bildungssystemen oder in Krisengebieten.
- Geld: Kürzungen bei der internationalen Finanzierung für Gesundheit, Bildung und Kinderschutz bremsen die Arbeit gegen FGM bereits, warnen WHO, UNICEF und UNFPA im Februar 2026. Dabei bringt nach ihren Angaben jeder investierte Dollar das Zehnfache zurück.
- Medikalisierung: Die Beteiligung von Gesundheitspersonal nimmt in einigen Ländern zu.
Und in Deutschland?
Nach der Schätzung der Bundesregierung lebten Ende 2024 rund 123.000 Frauen und Mädchen in Deutschland, die von FGM betroffen oder gefährdet sind. Terre des Femmes (TdF) kommt in der Dunkelzifferschätzung 2025 auf bis zu 101.778 bereits betroffene Frauen und Mädchen und, je nach Annahme, 2.477 bis 22.292 gefährdete Mädchen. Zum Vergleich: 2016 schätzte TdF die Zahl der Betroffenen auf etwa 48.000. Der Anstieg geht vor allem auf die Zuwanderung aus Ländern mit hoher Verbreitung zurück.
Diese Zahlen sind Hochrechnungen, keine Zählungen. Sie übertragen den Anteil Betroffener im Herkunftsland auf die hier lebenden Frauen und Mädchen mit dieser Staatsangehörigkeit. Eingebürgerte Frauen und Frauen ohne Papiere fehlen, ebenso Herkunftsländer ohne belastbare Daten. Das Familienministerium räumt selbst ein, dass das tatsächliche Ausmaß wohl höher liegt. Umgekehrt sagt die Staatsangehörigkeit wenig über die Volksgruppe, auf die es ankommt, besonders bei Ländern mit niedrigem Durchschnittswert wie dem Irak.
Die größten Gruppen betroffener erwachsener Frauen (TdF-Schätzung 2025, Minimalszenario, gerundet):
Herkunftsland Geschätzte betroffene Frauen ab 18 in Deutschland Somalia 16.700 Eritrea 16.700 Ägypten 11.500 Indonesien 9.000 Äthiopien 5.300 Guinea 4.900 Rechtslage. FGM ist in Deutschland nach § 226a Strafgesetzbuch strafbar, auch wenn der Eingriff im Ausland vorgenommen wird. Fälle im Inland waren Terre des Femmes zufolge zuletzt nicht bekannt, Kinderärzte halten sie aber nicht für ausgeschlossen. Die größere Gefahr sehen Fachleute bei Reisen: In den Sommerferien lassen manche Familien ihre Töchter im Herkunftsland schneiden („Ferienbeschneidung“). Dagegen gibt der Bund den „Schutzbrief gegen weibliche Genitalverstümmelung“ heraus, der in den Reisepass passt, über die Strafbarkeit und den möglichen Verlust des Aufenthaltstitels aufklärt und in 17 Sprachen vorliegt. Seit 2021 wurden fast 235.000 gedruckte Exemplare verschickt.
Lücken in der Versorgung. Die Bundesregierung kann in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage (September 2026) weder sagen, wie viele Kliniken rekonstruktive Eingriffe anbieten, noch, wie oft FGM in Asylverfahren eine Rolle spielt. Das BAMF erfasst Schutzgründe nicht statistisch. Frauenverbände kritisierten schon früher, dass viele Ärztinnen und Ärzte kaum Erfahrung mit der Diagnose haben.
Hilfe für Betroffene und Gefährdete: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 016 erreichbar und berät auch zu weiblicher Genitalverstümmelung.
Quellen
Stand der Recherche: 10. Oktober 2026.
- WHO: Female genital mutilation, Fact Sheet (31.01.2025): Definition, Typen, Gründe, Komplikationen, Medikalisierung
- WHO/UN: Over four million girls still at risk (05.02.2026): 4,5 Millionen gefährdete Mädchen 2026, Finanzierung
- WHO: Internationaler Tag der Nulltoleranz 2026: 22,7 Millionen zusätzliche Mädchen bis 2030, Kosten
- WHO: Neue Studie zu Langzeitfolgen (14.04.2025) und END FGM Europe: Zusammenfassung mit Risikozahlen
- UNICEF: Over 230 million girls and women (08.03.2024) und UN News dazu
- UNFPA: FGM Frequently Asked Questions: Typ-3-Anteil, 94 Länder
- WHO Afrika: Female genital mutilation: zusätzliche Neugeborenensterblichkeit
- Ghosh et al., Estimating excess mortality due to female genital mutilation, Scientific Reports (2023) und Universität Birmingham (2025)
- FGM/C Research Initiative: Religion Fact Sheet (2022)
- Terre des Femmes: Dunkelzifferschätzung 2025
- Deutscher Bundestag, Drucksache 21/7947 (09.09.2026): Antwort der Bundesregierung
- Deutsches Ärzteblatt: Terre des Femmes zu Zahlen in Deutschland und evangelisch.de: Warnung vor Ferienbeschneidung (2019)
- Universität Leiden: Diverging Prevalence of Female Genital Cutting (zur Haltung des Muftis von Ägypten)

Mehr als 230 Millionen Mädchen und Frauen leben heute mit den Folgen einer Genitalverstümmelung. Allein 2026 sind nach UN-Angaben schätzungsweise 4,5 Millionen Mädchen gefährdet, viele von ihnen jünger als fünf Jahre. Das ist keine Randerscheinung und kein Relikt aus fernen Zeiten, sondern eine Menschenrechtsverletzung, die jetzt geschieht und in manchen Regionen zunimmt, weil die Bevölkerung schneller wächst, als die Praxis zurückgeht.
Dieser Artikel beantwortet die Fragen, die oft gestellt werden: Was passiert dabei genau? Wo? Warum? Welche Folgen hat es, und wie viele Mädchen und Frauen sterben daran? Er fragt auch, ob „barbarisch“ und „veraltet“ die richtigen Worte sind. Und er schaut nach Deutschland, wo nach Schätzungen über 100.000 betroffene Frauen und Mädchen leben.
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Lebende Betroffene weltweit | über 230 Millionen (UNICEF, 2024) |
| Zuwachs seit 2016 | rund 30 Millionen (+15 %) |
| Gefährdete Mädchen allein 2026 | 4,5 Millionen |
| Länder mit dokumentierter Praxis | 94 (repräsentative Daten nur für 31) |
| Kosten der Behandlung von Komplikationen | mind. 1,4 Mrd. US-Dollar pro Jahr |
| Betroffene und Gefährdete in Deutschland | ca. 123.000 (Ende 2024, Bundesregierung) |
Die WHO versteht darunter alle Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder ganz entfernt oder anderweitig verletzt werden, ohne dass es dafür einen medizinischen Grund gibt. International heißt das Female Genital Mutilation, kurz FGM. Manche Organisationen schreiben FGM/C, das C steht für „Cutting“ (Beschneiden). Das Wort „Beschneidung“ verharmlost, weil es an die Beschneidung von Jungen erinnert. Medizinisch ist das nicht vergleichbar: Bei Mädchen wird gesundes, empfindliches Gewebe entfernt oder zerstört, ohne jeden gesundheitlichen Nutzen.
Die WHO unterscheidet vier Typen:
| Typ | Was geschieht |
|---|---|
| Typ 1 | Teilweise oder vollständige Entfernung der Klitorisspitze und/oder der Klitorisvorhaut |
| Typ 2 | Entfernung der Klitorisspitze und der inneren Schamlippen, mit oder ohne Entfernung der äußeren Schamlippen (Exzision) |
| Typ 3 | Verengung der Scheidenöffnung durch einen Verschluss aus zurechtgeschnittenen und vernähten Schamlippen (Infibulation) |
| Typ 4 | Alle übrigen schädigenden Eingriffe: Einstechen, Durchbohren, Einschneiden, Auskratzen, Ausbrennen |
Typ 3 ist die schwerste Form. Nach UNFPA machen rund 15 Prozent aller Fälle Typ 3 aus, vor allem in Somalia, im Sudan und in Dschibuti. Der Eingriff findet meist zwischen dem Säuglingsalter und etwa 15 Jahren statt, selten auch bei erwachsenen Frauen. Häufig geschieht er ohne Betäubung und mit einfachen Werkzeugen wie Rasierklingen oder Glasscherben.
Die Praxis konzentriert sich auf West-, Ost- und Nordostafrika sowie einzelne Länder im Nahen Osten und in Asien. Nach UNICEF leben 144 Millionen Betroffene in Afrika, 80 Millionen in Asien und 6 Millionen im Nahen Osten. Die UN dokumentieren FGM inzwischen in 94 Ländern, belastbare repräsentative Daten gibt es aber nur für 31. Das heißt: Die tatsächliche Verbreitung ist in Teilen unbekannt, zum Beispiel für Indien, Iran oder Thailand.
Am höchsten ist der Anteil bei Frauen zwischen 15 und 49 Jahren in diesen Ländern (UNICEF-Daten, zitiert nach Terre des Femmes 2025):
| Land | Anteil betroffener Frauen (15–49) |
|---|---|
| Somalia | 99 % |
| Guinea | 95 % |
| Dschibuti | 90 % |
| Mali | 89 % |
| Ägypten | 87 % |
| Sudan | 87 % |
| Eritrea | 83 % |
| Sierra Leone | 83 % |
| Gambia | 73 % |
| Äthiopien | 65 % |
| Indonesien | 55 % (bei Mädchen, laut Berichten der Mütter) |
Die Zahl der Betroffenen hängt nicht nur vom Anteil ab, sondern auch von der Bevölkerungsgröße. Ägypten, Äthiopien und Indonesien gehören nach früheren UNICEF-Berechnungen zu den drei Ländern, in denen zusammen etwa die Hälfte aller Betroffenen lebt. Vier von zehn Betroffenen leben in armen oder von Konflikten betroffenen Ländern; Äthiopien, Nigeria und Sudan haben unter den Konfliktländern die meisten Betroffenen.
Ländergrenzen sagen dabei nur wenig. Die Praxis hängt oft an ethnischen Gruppen, die sich über mehrere Staaten verteilen. Ein Land mit niedrigem Gesamtwert kann Regionen oder Gruppen haben, in denen fast alle Mädchen betroffen sind. Durch Migration gibt es außerdem Betroffene und gefährdete Mädchen in Europa, Nordamerika und Australien.
Eine einzige Ursache gibt es nicht. Die Gründe unterscheiden sich von Region zu Region und ändern sich mit der Zeit. Die WHO nennt vor allem diese:
Viele Menschen glauben das. Die WHO hält dagegen fest, dass keine religiöse Schrift die Praxis vorschreibt. Sie ist älter als Islam und Christentum, die Form der Infibulation wird oft als „pharaonisch“ bezeichnet. Islamische Gelehrte und christliche Kirchenvertreter haben sie vielfach verurteilt, in Ägypten erklärte der Mufti, sie habe keine Grundlage im Koran. Es gibt allerdings auch Gelehrte, etwa in der schafiitischen Rechtsschule, die sie als zulässig oder sogar empfehlenswert ansehen. Der Befund bleibt: Als religiöse Pflicht ist FGM nicht belegt, aber der Glaube daran hält sie am Leben.
In mehreren Ländern führen Gesundheitskräfte die Eingriffe selbst durch, zum Beispiel in Ägypten und Indonesien. Die WHO nennt vier Gründe: den Glauben, dass es dann sicherer sei, die Hoffnung auf einen ersten Schritt zur Abschaffung, den Druck der Normen auf die Helfer selbst und finanzielle Anreize. Das ist eine gefährliche Entwicklung. Auch medizinisch durchgeführte FGM bleibt eine Verstümmelung, und Forschende warnen, dass solche Eingriffe teils tiefer schneiden und schlechtere Langzeitfolgen haben können. Die WHO hat deshalb im April 2025 neue Empfehlungen gegen diese „Medikalisierung“ veröffentlicht.
FGM hat keinen gesundheitlichen Nutzen und schädigt Mädchen und Frauen auf vielen Ebenen. Je schwerer die Form, desto größer das Risiko. Eine WHO-Studie vom April 2025 wertete 78 Studien mit fast 487.000 Frauen aus rund 30 Ländern aus und kommt zu einem klaren Ergebnis: FGM beeinträchtigt nahezu alle Bereiche der Gesundheit.
Sofort, während oder kurz nach dem Eingriff
Langfristig
Schwangerschaft und Geburt
Besonders belegt sind die Folgen für Mutter und Kind. Laut der WHO-Auswertung haben Frauen mit FGM ein 2,6-fach höheres Risiko für eine verlängerte oder blockierte Geburt, ein 1,6-fach höheres Risiko für eine Totgeburt oder den Tod des Neugeborenen und ein 2,8-fach höheres Risiko für einen verlängerten Krankenhausaufenthalt nach der Geburt. Das Kaiserschnittrisiko und Blutungen nach der Geburt sind ebenfalls erhöht. Die WHO-Afrika-Region schätzt, dass pro 100 Geburten 1 bis 2 zusätzliche Babys sterben.
Die Behandlung dieser Folgen kostet die Gesundheitssysteme nach WHO-Schätzung mindestens 1,4 Milliarden US-Dollar jährlich.
Eine verlässliche Zahl gibt es nicht. Die Eingriffe finden meist außerhalb von Kliniken statt, sie sind in vielen Ländern verboten und werden verschwiegen, und die Todesursache wird selten mit FGM verknüpft. Gestorben wird an Verbluten, Infektionen, Schock und später bei komplizierten Geburten.
Eine Modellrechnung der Universitäten Birmingham und Exeter (Fachzeitschrift Scientific Reports, 2023) versucht, die zusätzliche Sterblichkeit statistisch zu schätzen. Die Forschenden verglichen für 15 afrikanische Länder zwischen 1990 und 2020, wie sich die Sterblichkeit von Mädchen ändert, wenn ein größerer Anteil einer Altersgruppe betroffen ist. Ergebnis: etwa 44.320 zusätzliche Todesfälle pro Jahr, also ein Mädchen oder eine junge Frau etwa alle 12 Minuten. Nach dieser Schätzung wäre FGM in diesen Ländern eine der häufigsten Todesursachen für Mädchen.
Die Zahl ist eine Schätzung mit Unsicherheit, keine Zählung einzelner Todesfälle, und sie bezieht sich nur auf 15 Länder. Gesichert ist dagegen das erhöhte Risiko bei der Geburt: ein 1,6-fach höheres Risiko für Totgeburten oder den Tod des Neugeborenen. Wer eine Zahl nennt, sollte sie deshalb als Modellschätzung kennzeichnen.
Die Empörung ist berechtigt, denn FGM verletzt das Recht auf körperliche Unversehrtheit, auf Gesundheit und, wenn der Eingriff tödlich endet, auf Leben. Sie trifft fast immer Minderjährige und verletzt damit auch Kinderrechte. Trotzdem lohnt ein genauerer Blick auf beide Wörter.
„Veraltet“ stimmt nur halb. Die Praxis ist sehr alt, aber nicht einfach ein Überbleibsel. Sie ist eine soziale Norm, die sich heute noch erneuert: Die Zahl der Betroffenen ist seit 2016 um rund 30 Millionen gestiegen, weil in den betroffenen Ländern mehr Mädchen geboren werden, als der Rückgang ausgleicht. Schon 2016 zeigten neue Daten aus Indonesien, dass die Praxis dort weiter verbreitet ist als gedacht. Und mit der Medikalisierung bekommt sie in einigen Ländern ein modernes, scheinbar seriöses Gesicht.
„Barbarisch“ erklärt wenig. Das Wort sagt etwas über die Tat, aber nichts darüber, warum Familien daran festhalten, und es trennt „die anderen“ von „uns“. Wer FGM verstehen will, muss sehen, dass Eltern oft aus Fürsorge, Angst vor dem Ausschluss ihrer Tochter und im Glauben an eine religiöse oder moralische Pflicht handeln. Die Abschaffung gelingt dort, wo Gemeinschaften gemeinsam umdenken, nicht dort, wo sie beschämt werden. UNICEF empfiehlt deshalb, die Erwartungen innerhalb der Gruppen zu verändern und das Thema aus der Privatsphäre in die öffentliche Debatte zu holen. Umfragen zeigen: Rund zwei Drittel der Menschen in den betroffenen Ländern, etwa 400 Millionen, lehnen die Praxis ab.
Es braucht also beides: eine klare Sprache über das, was geschieht und was es anrichtet, und Respekt vor den Menschen in den betroffenen Gemeinschaften. Viele der entschiedensten Gegnerinnen und Gegner der Praxis leben selbst dort, und sie verdienen Unterstützung statt Belehrung. Pauschale Urteile über ganze Kulturen oder Religionen helfen ihnen nicht.
Es gibt Erfolge. Der Anteil der Mädchen und Frauen, die von FGM betroffen sind, sinkt in vielen Ländern. UNICEF nennt Sierra Leone: Dort fiel der Anteil bei den 15- bis 19-Jährigen in 30 Jahren von 95 auf 61 Prozent. Laut dem UNICEF-Bericht von 2016 ging der Anteil in Burkina Faso, Kenia und Ägypten über die vorangegangenen drei Jahrzehnte bei Mädchen um 27 bis 31 Prozentpunkte zurück. Die Hälfte des Fortschritts der vergangenen 30 Jahre fiel in das letzte Jahrzehnt.
Die Rückschläge wiegen schwer:
Nach der Schätzung der Bundesregierung lebten Ende 2024 rund 123.000 Frauen und Mädchen in Deutschland, die von FGM betroffen oder gefährdet sind. Terre des Femmes (TdF) kommt in der Dunkelzifferschätzung 2025 auf bis zu 101.778 bereits betroffene Frauen und Mädchen und, je nach Annahme, 2.477 bis 22.292 gefährdete Mädchen. Zum Vergleich: 2016 schätzte TdF die Zahl der Betroffenen auf etwa 48.000. Der Anstieg geht vor allem auf die Zuwanderung aus Ländern mit hoher Verbreitung zurück.
Diese Zahlen sind Hochrechnungen, keine Zählungen. Sie übertragen den Anteil Betroffener im Herkunftsland auf die hier lebenden Frauen und Mädchen mit dieser Staatsangehörigkeit. Eingebürgerte Frauen und Frauen ohne Papiere fehlen, ebenso Herkunftsländer ohne belastbare Daten. Das Familienministerium räumt selbst ein, dass das tatsächliche Ausmaß wohl höher liegt. Umgekehrt sagt die Staatsangehörigkeit wenig über die Volksgruppe, auf die es ankommt, besonders bei Ländern mit niedrigem Durchschnittswert wie dem Irak.
Die größten Gruppen betroffener erwachsener Frauen (TdF-Schätzung 2025, Minimalszenario, gerundet):
| Herkunftsland | Geschätzte betroffene Frauen ab 18 in Deutschland |
|---|---|
| Somalia | 16.700 |
| Eritrea | 16.700 |
| Ägypten | 11.500 |
| Indonesien | 9.000 |
| Äthiopien | 5.300 |
| Guinea | 4.900 |
Rechtslage. FGM ist in Deutschland nach § 226a Strafgesetzbuch strafbar, auch wenn der Eingriff im Ausland vorgenommen wird. Fälle im Inland waren Terre des Femmes zufolge zuletzt nicht bekannt, Kinderärzte halten sie aber nicht für ausgeschlossen. Die größere Gefahr sehen Fachleute bei Reisen: In den Sommerferien lassen manche Familien ihre Töchter im Herkunftsland schneiden („Ferienbeschneidung“). Dagegen gibt der Bund den „Schutzbrief gegen weibliche Genitalverstümmelung“ heraus, der in den Reisepass passt, über die Strafbarkeit und den möglichen Verlust des Aufenthaltstitels aufklärt und in 17 Sprachen vorliegt. Seit 2021 wurden fast 235.000 gedruckte Exemplare verschickt.
Lücken in der Versorgung. Die Bundesregierung kann in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage (September 2026) weder sagen, wie viele Kliniken rekonstruktive Eingriffe anbieten, noch, wie oft FGM in Asylverfahren eine Rolle spielt. Das BAMF erfasst Schutzgründe nicht statistisch. Frauenverbände kritisierten schon früher, dass viele Ärztinnen und Ärzte kaum Erfahrung mit der Diagnose haben.
Hilfe für Betroffene und Gefährdete: Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym unter 116 016 erreichbar und berät auch zu weiblicher Genitalverstümmelung.
Stand der Recherche: 10. Oktober 2026.
