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„Unmöglich" hört sich nach einer Wette an.

Irgendwann, sehr früh in der Geschichte der menschlichen Fehlentscheidungen, stand ein Mann vor einem Berg.

Vermutlich trug er Fell, roch nach Rauch, hatte gerade erst gelernt, dass Feuer warm ist und Zähne in der Dunkelheit meist einem anderen gehören. Vor ihm ragte eine gewaltige Wand aus Fels, Eis, Schnee und kosmischer Gleichgültigkeit auf.

Jeder vernünftige Organismus hätte diese geologische Drohung betrachtet, genickt, Suppe gegessen und wäre mit Würde in der Ebene geblieben. Dieser Mensch jedoch sah nach oben, kniff die Augen zusammen und dachte: „Da muss ich rauf.“ Damit begann vermutlich das Bergsteigen.

Neben ihm stand vermutlich ein zweiter Mensch, nennen wir ihn den Chronisten, weil irgendwer später den Unsinn ja verklären musste. Der Chronist sah den Berg, sah den Mann, sah wieder den Berg und sagte: „Das ist unmöglich.“ Ein Satz, der in jeder halbwegs funktionierenden Kultur als Ende der Diskussion gelten sollte.

Der Mann sah den Chronisten an und sprach vermutlich den ersten dokumentierten Satz alpiner Selbstüberschätzung: „Hört sich nach einer Wette an.“ Und in diesem Moment seufzte irgendwo ein noch namenloser Gott.

Der Berg selbst bekommt davon wenig mit. Er stand damals da. Er steht heute da. Das tun Berge gern. Sie sind darin sehr erfahren. Sie stehen seit Millionen Jahren herum, falten sich aus Erdplatten, sammeln Schnee, lassen gelegentlich Lawinen fallen und führen ansonsten ein Leben von beneidenswertem Desinteresse.

Der Mensch dagegen hatte gerade beschlossen, diese unbewegliche Masse aus Stein sei ein Gegner. Ein Feind. Eine Prüfung. Eine Charakterfrage. Der Berg, der keinerlei Beziehung zum menschlichen Innenleben unterhält, wird seither in eine persönliche Fehde hineingezogen, wie ein alter Baum, dem jemand erklärt, er habe heute provozierend geschwiegen.

Der erste Aufstieg begann vermutlich mit energischem Mut und endete nach wenigen Metern mit schwerem Atmen, rutschenden Füßen und einem sehr neuen Verständnis von Schwerkraft. Der Mann griff nach Felsvorsprüngen, trat in bröckelnde Kanten, verlor fast sein Fell, seine Würde und vermutlich auch den kleinen Lederbeutel mit den getrockneten Beeren. Unten stand der Chronist und machte sich Notizen: „Der Kandidat bewegt sich freiwillig in Richtung Tod. Motivation unklar. Möglicherweise innere Leere.“

An dieser Stelle hätte die Geschichte enden können. Ein Mensch klettert ein Stück hoch, fällt fast herunter, erkennt die Botschaft der Materie und kehrt mit neuer Demut zurück. Aber Demut ist bei Menschen ein kurzlebiges Pflänzchen, das gern unter dem Stiefel des Ehrgeizes endet. Also kletterte er weiter. Hinter ihm standen andere und sahen zu. Einer sagte: „Da oben gibt es bestimmt nichts.“ Ein anderer antwortete: „Genau deshalb muss man nachsehen.“ So entsteht Forschung, zumindest in ihrer törichtsten Form: Man erklärt das Offensichtliche zur offenen Frage und riskiert anschließend mehrere Körperteile für die Antwort.

Der Vergleich mit dem verlassenen Haus drängt sich auf, weil der Mensch offenbar jede Warnung als Einladung mit schlechter Beleuchtung begreift. In einem Film sieht man ein altes Gebäude, schief, schwarz, morsches Holz, mit zerbrochenen Fenstern, Kratzspuren an der Tür, Blutspuren an der Tapete, eine Schaukel, die sich ohne Wind bewegt und einem Schild, auf dem steht: „Hier verschwanden dreizehn Familien, ein Pfarrer und ein besonders skeptischer Immobilienmakler.“, und irgendwo flüstert ein Kinderchor rückwärts lateinische Steuerbescheide. Jeder Mensch mit Restbindung an die Realität würde sagen: „Interessantes Gebäude. Ich bleibe im Auto und fahre rückwärts bis Portugal.“ Aber dieser eine sagt: „Ich schau mal kurz nach.“

Genau dieser Held stand vermutlich auch vor dem ersten Berg. Das ist derselbe innere Mechanismus. Dieselbe Stirn. Derselbe Blick. Dieselbe innere Taschenlampe mit leerer Batterie. Außenwelt: „Hier ist Gefahr.“ Mensch: „Das klingt nach Charakterentwicklung.“

Mit der Zeit wurde die Sache größer, weil der Mensch seine Absurditäten gern professionalisiert. Aus einem Einzelnen mit Fell wurde eine Expedition. Aus einer Expedition wurde eine Route. Aus einer Route wurde ein Traum. Aus einem Traum wurde ein Angebot mit Preisstaffel und später eine Doku mit dramatischer Musik. Der Satz „da muss ich rauf“ bekommt Sponsorenlogo, Funktionskleidung und einen Mann mit ernster Stimme, der im Trailer sagt: „Er wollte wissen, wo seine Grenzen liegen.“

Grenzen liegen übrigens oft dort, wo ein Schild „Todeszone“ steht. Aber Schilder sind für den Menschen offenbar nur dekorative Vorschläge der Realität. Eine vernünftige Spezies würde sagen: „Interessante Landschaft, wir betrachten sie aus respektvoller Entfernung.“ Der Mensch sagt: „Perfekt. Da oben machen wir den Gipfelpunkt.“

Man könnte genauso gut ein Nashorn am Schlafplatz wecken, ihm mit einer Feder die Hoden kitzeln und das Ganze „Savannenlauf mit Charakterbildung“ nennen. Der Unterschied: Beim Nashorn fehlt die Romantik. Das Tier erledigt die Kritik unmittelbar, körperlich und ohne Begleitkommentar.

Der Berg dagegen bleibt still. Diese Stille verführt. Der Mensch kann in sie alles hineinlegen: Mut, Sinn, Erlösung, Männlichkeit, Selbstüberwindung, spirituelle Reinigung, inneren Aufbruch, den ganzen feuchten Keller der eigenen Sehnsüchte. Der Berg widerspricht nicht.

Am Ende steht dann der moderne Mensch mit Hightech-Kleidung, Satellitendaten, Wetterfenstern, Sauerstoffflaschen und einer sehr alten Fehlfunktion im Kopf vor einem Achttausender und wiederholt denselben Gedanken seines felltragenden Vorgängers: „Da muss ich rauf.“ Rundherum gibt es genug Hinweise. Leichen am Weg. Berichte über Erfrierungen. Geschichten über Staus in der Todeszone. Sherpas, die sagen, dass niemand auf das Zeitfenster achtet. Listen mit Toten. Trotzdem steigt er los.

Und falls er es schafft, kommt er zurück und erzählt, er habe den Berg besiegt. Dann klatschen Menschen. Zeitungen schreiben. Dokus entstehen. Andere schauen zu und denken: „Das will ich auch.“

Der Berg erfährt davon weiterhin nichts. Er steht nur da, kalt, alt, schwer und frei von jedem Bedürfnis nach Anerkennung. Unter ihm kriechen Menschen über seine Flanken, hängen an Seilen, frieren, stauen sich, sterben, werden gerettet, filmen, weinen, triumphieren und erklären einander, was das alles bedeutet.

Der Berg steht im Hintergrund und schweigt so überlegen, dass es fast unhöflich ist.

Manche Texte kann man schreiben. Andere muss man lange genug mit sich herumschleppen, bis sie anfangen, zurückzustarren.