← Zurück zu Druckbrot

Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Persönlicher Rückblick auf die Coronazeit

[caption id="attachment_4405" align="aligncenter" width="624"] KI-Symbolbild[/caption]

 

Einige Wochen, bevor das erste Mal der Begriff "Corona" in der Öffentlichkeit zu hören war, wurde ich krank. Es fühlte sich erst an wie eine Grippe, wurde aber sehr schnell immer schlimmer. Ich bekam kaum Luft, hatte fürchterliche Kopfschmerzen, mehrmals Augenzittern und die Welt war nicht mehr bunt, sondern nur noch rot oder blau. Das Fieber stieg, innerhalb von Stunden immer weiter und ich schlief nur, während ich im Schlaf das Gefühl hatte, jemand würde auf meiner Brust sitzen und mir die Luft zum Atmen nehmen. Noch wusste kein Arzt, was ich hatte, ich bekam Medikamente gegen das Fieber und das war es.

Nach etwas über einer Woche ging es mir besser und nach und nach erholte ich mich. Ich hatte die Zeit über kaum etwas gegessen, denn, zum einen war niemand da, der einkaufen ging, zum anderen hatte ich auch keinen Hunger.

Zurückbehalten habe ich COPD.

Nachdem ich wieder halbwegs gesund war, nicht arbeiten gehen musste, weil es eine Ausgangssperre gab, genoss ich die Zeit. Ich ging viel, im nahegelegenen Park, spazieren, las viel, beschäftigte mich mit meiner Forschung und hatte Zeit für mich.

Wenn ich draußen war, roch die Luft sauber. Kein Abgasgestank von Autos. Das, was ich häufig zu sehen bekam, war die Feuerwehr, ein Spezialfahrzeug der Seuchenbehörde und viele Fahrzeuge von Bestattungsunternehmen. Nach und nach erfuhr ich, dass sechs Menschen, die ich mehr oder weniger gut kannte, an Corona gestorben waren und bei einem Menschen, den ich sehr gut kannte, erfuhr ich es erst, als Corona kaum noch ein Thema war.

Am Anfang versuchten die Menschen zusammenzuhalten. Es gab unterschiedliche Tipps, wie man aus irgendwelchen Kleidungsstücken sich Masken anfertigte, später gab es dann Masken vom Arbeitgeber.

Vor dem Fenster hörte man eines Abends Musik, die anders klang, als die von Nachbarn. Ich öffnete die Balkontür und im Hof saß jemand, mit einem elektronischen Klavier und spielte für die Menschen. Nach und nach kamen auch die Nachbarn auf die Balkone, hörten zu, klatschten und sangen. Ein Chor aus vielen falschen und vielen schönen Tönen, aber das spielte keine Rolle, denn es gab da ein "WIR" und ein Mensch, der dies, für eine Stunde ermöglichte.

Nach und nach musste man dann erleben, wie ein Teil der Menschen durchdrehte. Sie hatten wohl nie gelernt, sich mit sich selbst zu beschäftigen und ertrugen daher nicht das Gefühl, eingesperrt zu sein, obwohl es ein eingesperrt sein nie gab. Man hatte immer die Möglichkeit, spazieren zu gehen oder einzukaufen. Einkaufen wurde allerdings ein Problem. Menschen gingen nicht einkaufen, sie hamsterten. Toilettenpapier, als wenn es bald keins mehr gäbe, Lebensmittel, Milch, waren meist ausverkauft und mussten dann letztendlich rationiert werden. Menschen stritten sich vor den fast leeren Regalen, weil andere Menschen sich rücksichtslos und unvernünftig verhielten. Für unterschiedliche Wissenschaftler war das Sozialverhalten bzw. das fehlende Sozialverhalten sicher wie eine Feldforschung.

Es gab Demonstrationen, wo ein Teil der Menschen sehr offen zeigten, dass sie keinerlei Sozialverhalten hatten, ihnen andere Menschen vollkommen egal waren, sie so taten, als würde man, unter einer dünnen Maske ersticken, oder Corona gleich gänzlich leugneten. Schnell tauchten auch Menschen, in der Öffentlichkeit auf, die sich als Anführer fühlten, irgendwelche Verschwörungstheorien entwickelten und nicht wenige zogen daraus auch Kapital, in dem sie leichtgläubigen Menschen das Geld aus der Tasche zogen. Es taten sich Abgründe des menschlichen Ichs auf.

Relativ schnell gab es Impfstoffe. Das war nur möglich, weil die Impfstoffe Komponenten enthielten, die bereits erforscht und zugelassen waren.

Vor den Impfstellen waren die Schlangen unendlich lang. Ich stand über 4 Stunden in einer Reihe mit vielen anderen Menschen, wurde durch die Bundeswehr geimpft und hatte, außer Schmerzen im Arm, die nach zwei Tagen wieder weg waren, keinerlei Nebenwirkungen. Bei den Folgeimpfungen ging es dann schneller, zumal man im Einkaufszentrum eine Test- und Impfstelle eingerichtet hatte, ich also nicht mehr so weit laufen musste.

Mit der Impfung konnte ich dann auch wieder arbeiten gehen. Einige Kollegen steckten sich häufiger mit Corona an - die Impfung schützte nicht vor der Ansteckung, sondern nur vor den Folgen - und man musste dann wieder ein paar Tage zu Hause bleiben, aber das störte mich nicht.

Was mich wirklich störte, war die Rücksichtslosigkeit der Menschen. So war z.B. der Bus voll und in den öffentlichen Verkehrsmitteln war Maskenzwang. Eine Frau weigerte sich, ihre Maske aufzusetzen und hielt dabei lautstark Vorträge, um auch möglichst die Viren großflächig zu verteilen. Angesprochen sagte sie, das sie im Krankenhaus Lichtenberg arbeite und schon wisse, was richtig ist.

Kontrolleure der BVG kontrollierten die Fahrscheine, aber setzten nicht die Maskenpflicht durch.

Irgendwann war ich nur noch froh, wenn ich zu Hause war und alleine, meinen Interessen nachgehen konnte und die Wohlstandsverwahrlosung nicht sehen und ertragen musste.

Ich selbst wurde nicht noch einmal krank.

Wenn ich an die Zeit zurückdenke, gerade an die Anfangszeit, ohne Fahrzeugverkehr, guter Luft, Ruhe, ohne Hektik des sonstigen Alltagslebens, wüsche ich mir die Zeit zurück nur weiß ich auch, dass unendlich viele Menschen, alleine starben und beigesetzt worden. Sie hatten niemanden, der an ihrer Seite war, als sie im Sterben lagen und sie hatten kaum jemanden, der sie auf dem letzten Weg begleiten konnte.

Ich weiß auch um die Spätfolgen von Corona und nicht nur mein COPD, sondern Folgen, die viel schlimmer sind. Einer meiner Kollegen, ein junger, sportlicher Mann, mit Zukunftsplänen und mitten im Studium, bekam Corona. Er starb nicht, aber sein Gehirn und sein Nervensystem, sowie einige Organe, blieben geschädigt. Sein Studium konnte er nicht wieder aufnehmen, musste sich mehrerer Operationen unterziehen und auch normal arbeiten wird nie wieder möglich sein.

Ich hoffe, da wir nie wieder so eine Epidemie erleben müssen, es hat zu vielen Menschen die Gesundheit und das Leben gekostet. Die Epidemie hat auch gezeigt, dass viel zu viele Menschen nichts mit sich, mit ihren Angehörigen und nichts mit ihren Kindern anfangen können. Und, es hat sich auch gezeigt, das es zu viele Menschen gibt, die selbst aus der Not anderer Menschen noch ihre Vorteile ziehen wollen.

Ich denke, ich habe Corona anders empfunden, als viele andere Menschen, was sicher auch daran lag, das ich sehr gut alleine sein kann und ausreichend Interessen habe, womit ich mich beschäftigen kann. Ich empfand die Entschleunigung, im Alltag, als positiv.

 

Andreas Josuweit hat auf diesen Beitrag reagiert.
Andreas Josuweit
Das Thema Pandemie beschäftigt mich auch nachhaltig. Ja und es ist immer wieder auch Teil von Diskussionen. So auch erst wieder vor wenigen Tagen in einer Gruppe und auch da wurde die Schuld versucht auf Menschen im Osten als unbelehrbar abzuwälzen. Das Studien gezeigt hätten, dass schwere Krankheitsverläufe zu einem IQ-Verlust führten. Ja und was er eben so in seinem Umfeld so wahr genommen hat.
Meine Antwort war:
Da sieht man ganz deutlich, wie tief die Traumata und die Dynamiken dieser Pandemiezeit immer noch in unserer Gesellschaft nachschwingen.

Die psychischen Probleme, die Sie in Ihrem Umfeld beobachten, haben jedoch viel vielschichtigere Ursachen. Das Misstrauen, wenn der Staat so massiv in die Grundrechte eingreift, ist dabei nur ein einziger Baustein. Wir müssen den Blick auf die realen Lebensrealitäten der Menschen in dieser Zeit richten:

In Deutschland gibt es über 43 Millionen Haushalte, und jeder einzelne ist völlig anders.
Ich gehörte damals mit meinem Haus und Garten ebenfalls zu den Privilegierten, die ins Grüne flüchten konnten – aber das ist eben nicht der Maßstab für die gesamte Bevölkerung.

Wer damals in einer kleinen 50-Quadratmeter-Wohnung saß als Beispiel, vielleicht im Homeoffice, eingepfercht mit Partner und Kind, oder wer komplett alleinstehend und isoliert war, bei dem kamen mit den Wochen die Wände immer näher und die Decke kam gefühlt immer weiter runter.

Man hat das an ganz alltäglichen Dingen gesehen: Wie viele Menschen haben in dieser Zeit plötzlich angefangen, panisch neue Möbel zu kaufen, weil sie es psychisch einfach nicht mehr ertragen haben, jeden Tag stundenlang auf dieselbe Schrankwand zu starren?

Wie viele Menschen meinten plötzlich, nach 22 Uhr joggen gehen zu müssen, nur um der Ausgangssperre legal zu entfliehen, weil Bewegung an der frischen Luft erlaubt war?

Diese schiere Enge, die Isolation, der Verlust von sozialen Kontakten und die ständige Angst haben bei uns allen tiefe Spuren hinterlassen – beim einen mehr, beim anderen weniger. Das betrifft Geimpfte wie Ungeimpfte gleichermaßen.

Es war eine kollektive Belastungsprobe für die menschliche Psyche, deren Spuren wir noch jahrelang aufarbeiten müssen. Es greift zu kurz, das rein biologisch auf das Virus oder auf den Impfstatus zu reduzieren. Es war die Lebenssituation, die, die Menschen krank gemacht hat.
Die Enge der Wohnungen ist natürlich nur ein einzelnes Beispiel von unzähligen, völlig unterschiedlichen Lebenssituationen. Da spielten so viele Faktoren und auch rein politische Entscheidungen mit hinein, die man gar nicht alle aufzählen kann.

Es war damals ein enormer Druck und viel Zwang im Spiel. Einiges davon war in der akuten Krise sicher notwendig, aber vieles war schlicht unlogisch und hat die Menschen zutiefst frustriert.

Ich habe es damals selbst – obwohl ich geimpft war – überhaupt nicht verstanden, warum Geimpfte plötzlich wieder viel mehr durften als Ungeimpfte. Auch da war ich privilegiert und kam viel früher in den Genuss einer Impfung als viele Andere, da ich mit Menschen gearbeitet haben, mit körperlichen und oder geistigen Behinderungen.

Medizinisch war ja schnell klar, dass die Impfung vor allem einen schweren eigenen Krankheitsverlauf verhindert, man sich aber trotzdem anstecken und das Virus weitergeben konnte. Aus genau diesem Grund habe ich diese neu gewonnenen Privilegien aus Solidarität damals auch bewusst gar nicht genutzt.

Andere haben das verständlicherweise umso mehr getan, was zu völlig absurden Situationen führte: Die Menschen sind teilweise von Bundesland zu Bundesland gepilgert, weil irgendwo die Fallzahlen niedriger waren und mehr erlaubt war. Kaum war man da, stiegen dort die Zahlen, die Maßnahmen wurden verschärft und man tingelte weiter zum nächsten Ort.

Dieser ständige, unvorhersehbare Flickenteppich aus Verboten, Ausnahmen und politischem Hin und Her hat das Vertrauen massiv erschüttert. Es hat bei jedem von uns psychische Narben hinterlassen. Das zeigt einfach, dass wir diese Zeit nicht in Schwarz-Weiß-Schablonen pressen dürfen – die Wunden sitzen tief, und zwar auf allen Seiten.

Neben der räumlichen Enge kamen ja oft noch massive berufliche und wirtschaftliche Existenzängste dazu, die die Psyche der Menschen regelrecht zermürbt haben. Ich konnte die ganze Zeit weiter arbeiten, nur ein mal habe ich mich dann auch angesteckt, als mein Sohn es quasi aus der Schule mit nach Hause gebracht hat. Mein Sohn hat heute noch Atemprobleme und nimmt immer wieder Asthmaspray das hilft dann.

Denken wir an die berufsbezogenen Impfpflichten, bei denen Menschen plötzlich vor der Wahl standen: Impfung oder Arbeitsverbot und Jobverlust. Oder die Gastronomie, die ständig neue, teils absurde Auflagen umsetzen musste, um wenigstens noch einen Bruchteil der Gäste bewirten zu dürfen – da ging es schlicht ums nackte wirtschaftliche Überleben.

Auch den Künstlern wurde von heute auf morgen komplett der Boden unter den Füßen weggezogen. Ihnen wurde das genommen, was sie im Innersten antreibt: vor Menschen aufzutreten, die Bühne, der direkte Support. Dass sich in dieser Isolation einige dann auch geistig völlig verabschiedet haben – wie man es damals bei Nena und ihren skurrilen „Kuschelkonzerten“ gesehen hat –, war fast schon die logische Folge dieses extremen Drucks.

Die Bandbreite der Betroffenheit war einfach riesig. Bei mir persönlich sah das übrigens ganz anders aus: Ich bin hobbymäßig leidenschaftlicher Gamer, sowohl am PC als auch an der Konsole. Wenn man einem echten Gamer sagt, er darf jetzt mal zwei Wochen das Haus nicht verlassen und soll bitte drinnen bleiben... nun, das war für mich ehrlicherweise ein absolutes Träumchen! 😉

Das zeigt einfach, wie unterschiedlich wir diese Zeit erlebt haben. Während die einen um ihre nackte Existenz oder ihre geistige Gesundheit gekämpft haben, konnten andere der Situation sogar etwas Positives abgewinnen. Genau deshalb verbieten sich hier pauschale Urteile über „die Geimpften“ oder „die Ungeimpften“. Wir müssen jeden Einzelnen in seiner damaligen Realität sehen.

Es zeigt im Nachhinein einfach, wie wichtig Weitsicht ist: Jeder Mensch braucht eine Beschäftigung, der er auch zu Hause frönen kann – das muss nicht zwingend Gaming sein, aber mir hat es definitiv geholfen.

Man braucht etwas, das einen ablenkt und das im Großen wie im Kleinen funktioniert. Das virtuelle Eintauchen in andere Welten ist da eben nur eine Option. Da ich absolut nicht backen kann, hatte ich zum Glück auch nie das Bedürfnis, der Welt mein selbstgebackenes Corona-Brot im Status zu präsentieren. Damals lief ja gefühlt das große „Backen und Kacken“:

Dieses panische Hamstern von Mehl, Nudeln und Toilettenpapier hatte schon fast skurrile Züge. Am Ende haben sich die Leute wochenlang nur von Nudeln ernährt, davon Verstopfung bekommen und konnten drei Tage lang nicht auf den Pott – da war das ganze gehamsterte Klopapier dann auch eine ziemlich verschwendete Investition! 😉

Wenn ich zurückdenke, triggert das alles diese Erinnerungen. Es zeigt uns ungeschminkt: Die Pandemie hat in vielen Menschen leider nicht gerade das Beste zutage gefördert. Es wurden Urängste, tiefes Misstrauen und eine enorme soziale Kälte freigelegt.

Und genau diese emotionalen Wunden, diesen tiefen Frust und die Spaltung von damals greift die AfD eben bis heute dankbar auf. Sie nutzt den damals entstandenen Nährboden aus Misstrauen gegenüber dem System perfekt für ihre eigenen Zwecke. Wenn wir das Problem an der Wurzel lösen wollen, müssen wir diese gesellschaftlichen Risse endlich heilen, statt sie weiter zu bewirtschaften.

Meine Meinung und Gedanken dazu und ich denke damit liege ich nicht so falsch. Ja und das ist nur ein Teilbereich. So kann man durch die ganze Bandbreite gehen über schüren, nähren und mehren von Ängsten. Ja und ich hoffe, dass so eine Pandemie nicht wieder kommt.
Druckbrot hat auf diesen Beitrag reagiert.
Druckbrot