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Ode an Dunkeldeutschland

O Sachsen-Anhalt, du altes Land zwischen Elbe, Harz und Erinnerung

Du hast Luther hervorgebracht, das Bauhaus beherbergt, Händel geboren und die Himmelsscheibe aus der Erde geholt. Jahrhunderte Kultur, Kunst, Denken und Erkenntnis liegen in deinem Boden, und trotzdem standest du heute vor einer Wahlurne und dachtest: Komm, wir versuchen es noch einmal mit der Finsternis.
43,3 Prozent.

Man muss diese Zahl gar nicht kommentieren. Man kann sie einfach in den Raum stellen und warten, bis sie anfängt zu riechen.

O Sachsen-Anhalt, du warst schon einmal früh dran. Anhalt, 1932. Während anderswo noch überlegt wurde, wie weit man diesem neuen politischen Abgrund eigentlich entgegenkommen dürfe, hattest du die Sache bereits beschleunigt. Fast ein Jahrhundert später wirkt es, als habe irgendwo jemand eine alte Akte gefunden, den Staub heruntergepustet und gesagt: Da war doch noch was.

Deutschland hat seitdem sehr viel erinnert. Wir haben Gedenkstätten gebaut, Kränze niedergelegt, Reden gehalten, Jahrestage begangen und ganze Generationen mit dem Satz „Nie wieder“ großgezogen. Offenbar hätte jemand dazusagen müssen, dass „Nie wieder“ keine unverbindliche Empfehlung ist.

O Dunkeldeutschland, du musst dich heute auch nicht darüber beklagen, missverstanden zu werden. Deine Wähler wurden gefragt. Sie haben geantwortet. Sie fühlen sich unsicher. Sie fühlen sich ungerecht behandelt. Sie wollen weniger Ausländer. Sie glauben, ausgerechnet jene Partei sei näher an ihren Sorgen, die seit Jahren dafür sorgt, dass aus jeder Sorge eine Bedrohung, aus jeder Veränderung ein Untergang und aus jedem Fremden ein Verdachtsmoment wird.

Erst erzählt man Menschen jeden Tag, ihr Haus brenne.

Dann gewinnt man die Wahl, weil man als Einziger den Rauch riecht.

Das ist politisch durchaus elegant, wenn man keinerlei Ansprüche an Anstand stellt.

Und natürlich werden morgen wieder Menschen erklären, man müsse diese Wähler „ernst nehmen“. Das tun wir seit Jahren. Wir nehmen ihre Ängste ernst, ihre Wut ernst, ihre Enttäuschung ernst, ihre Ressentiments ernst, ihre Protestwahl ernst, ihre Frustration ernst. So ernst, dass inzwischen kaum noch jemand danach fragt, ob vielleicht auch die Demokratie einmal ernst genommen werden möchte.

43,3 Prozent.

Fast jeder Zweite.

Da hilft irgendwann auch kein verständnisvolles Nicken mehr. Da ist kein geheimnisvolles Signal zu entschlüsseln. Niemand muss noch drei Politikwissenschaftler in ein Studio setzen, damit sie mit gefalteten Händen erklären, dies sei ein „komplexes Wahlergebnis“.

Die Botschaft steht bereits auf dem Stimmzettel.

O Sachsen-Anhalt, du Land der Himmelsscheibe.

Vor 3600 Jahren blickten Menschen bei dir nach oben, beobachteten Sonne, Mond und Sterne und versuchten, den Kosmos zu verstehen.

Heute blickt halb Deutschland auf dich und versucht dasselbe.

Nur erheblich ratloser.

Willkommen in Dunkeldeutschland.

Das Licht war da.

Ihr habt gewählt.

Manche Texte kann man schreiben. Andere muss man lange genug mit sich herumschleppen, bis sie anfangen, zurückzustarren.