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Empörung nach Maß: Warum der deutsche Zeigefinger nur in eine Richtung zeigt

Es gibt ein Wort, das in diesem Land fast schon einen offiziellen Feiertag verdient hätte: der Shitstorm. Kaum ein Volk empört sich so zuverlässig, so lautstark und so selektiv wie das deutsche. Empörung ist hier keine Ausnahme, sie ist ein Betriebssystem. Nur läuft dieses Betriebssystem mit einem interessanten Bug: Es erkennt fast jeden Fehler – außer den eigenen. Man ist Weltmeister im Diagnostizieren fremder Schwächen und komplett beratungsresistent, sobald der Finger in die eigene Richtung zeigen müsste. Das ist keine Charakterschwäche am Rande, das ist die Konstruktionsformel eines ganzen Volkes: Selbstreflexion für alle anderen, bitte, für einen selbst reicht Selbstmitleid.

Der Kanzler im Wald, der Kanzler am Pool

Nehmen wir Friedrich Merz. Kein Politiker, für den ich sonderlich viel übrighabe, so viel vorweg. Aber gerade deshalb lohnt der Blick auf die Kritik, die ihm dieser Tage entgegenschlägt: Während in mehreren Bundesländern die Wälder brennen, Dürre und Hitzetote die Nachrichten füllen, meldet sich der Kanzler kaum zu Wort. Linken-Chefin Ines Schwerdtner findet es einen Skandal, dass sich der Kanzler bei Hitze, Dürre und Waldbränden nicht zu Wort meldet, Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge unterstellt ihm, er hoffe, dass ihm niemand die Zuständigkeit für die Klimakrise zuschreibt, solange er im Urlaub sei. Das Kanzleramt selbst mag das Wort Urlaub gar nicht erst in den Mund nehmen und schweigt lieber ganz dazu, wo sich der Kanzler eigentlich aufhält.

Und jetzt die ehrliche Gegenfrage: Was genau hätte ein Kanzler an einer Brandstelle verloren, außer den Einsatzkräften, die tatsächlich löschen können, die Zufahrt zu blockieren? Sein erster öffentlicher Termin nach der Pause ist, wenig überraschend, ein Besuch bei genau diesen Helferinnen und Helfern in der Eifel, um sich zu bedanken. Nicht um zu löschen. Symbolpolitik, könnte man sagen – aber genau das wird ja eingefordert: Anwesenheit als Ersatz für Handlung. Ist er da, gilt das als Show. Ist er nicht da, gilt das als Ignoranz. Man kann es niemandem recht machen, weil es nie um das Machen ging, sondern ums Zeigen.
Das wäre alles halb so wild, wenn diese moralische Empfindlichkeit konsequent wäre. Ist sie aber nicht.

Die Empörung, die ausbleibt

Wenn es darum geht, ein Verbotsverfahren gegen die AfD tatsächlich voranzutreiben – eine Partei, die in Teilen gesichert rechtsextrem ist und deren Funktionäre offen mit dem Bruch demokratischer Spielregeln liebäugeln –, dann wird es plötzlich sehr, sehr leise. Dann ist es „kompliziert", „rechtlich heikel", „nicht der richtige Zeitpunkt". Dieselben Talkshow-Reflexe, die einen Kanzler für seine Urlaubsplanung zerlegen, verstummen, sobald es um die Frage geht, ob man einer Partei, die die Axt an die Verfassung legt, auch verfassungsrechtlich begegnet. Empörung ist offenbar ein knappes Gut, das man sich für die bequemen Themen aufhebt.

Der Balkon in Mallorca, der Teller im Hotel

Diese selektive Empfindlichkeit endet nicht an der Landesgrenze. Wer schon einmal um sechs Uhr morgens am spanischen Pool stand und beobachtet hat, wie deutsche Handtücher auf Liegen geworfen werden, die um diese Zeit garantiert noch niemand braucht, kennt das Muster im Kleinen: die eigene Bequemlichkeit wird zur Vorschrift erklärt, die der anderen zur Unverschämtheit. Dieselbe Klientel, die zu Hause über Respektlosigkeit klagt, lädt sich am All-inclusive-Büfett den Teller doppelt so voll wie nötig – und lässt die Hälfte stehen, weil es ja „im Preis inbegriffen" ist. Verschwendung als Anspruchshaltung.

Wer soll Ihre Eltern pflegen?

Am unangenehmsten wird es dort, wo aus Bequemlichkeit Politik wird. Der Chor der „Zu viele Ausländer"-Rufer wird in schöner Regelmäßigkeit lauter, wenn es um Migration im Allgemeinen geht – und leiser, sobald es konkret wird. Syrische Ärztinnen und Ärzte, die seit Jahren in deutschen Kliniken arbeiten, sich Sprache und Approbation hart erkämpft haben, sollen nach dem Sturz Assads pauschal „zurück", weil es ja jetzt angeblich sicher sei. Dieselben Stimmen, die über Fachkräftemangel klagen, über Wartezeiten beim Facharzt, über Pflegenotstand – sie verlangen die Abschiebung genau jener Menschen, die diesen Mangel lindern. Wer soll die eigenen Eltern pflegen, wenn sie pflegebedürftig werden, wenn ausgerechnet jene, die diese Arbeit tatsächlich machen, per Dekret des eigenen Ressentiments verschwinden sollen?

Verpennt, und dann die Hand aufhalten

Dasselbe Muster, nur im Kostüm der Wirtschaft: jahrzehntelang an der eigenen Zukunftsfähigkeit vorbeiproduzieren, um dann, wenn die Rechnung fällig wird, nicht etwa Selbstkritik zu üben, sondern den Staat anzurufen. Die deutsche Automobilindustrie hat die Entwicklung hin zu Elektroantrieb und Software-definierten Fahrzeugen über Jahre kleingeredet, belächelt, verzögert – man hatte ja den Verbrenner, man hatte ja die Marke, man hatte ja immer noch Zeit. Kaum zieht China vorbei und die eigenen Absätze knicken ein, ist plötzlich nicht das eigene Missmanagement das Problem, sondern die „Politik", die angeblich zu wenig Rückenwind gegeben hat. Dann werden Kaufprämien gefordert, Ausnahmeregeln, Übergangsfristen, am liebsten alles gleichzeitig. Wer jahrelang den Wandel für Panikmache der Grünen hielt, entdeckt in der Krise erstaunlich schnell sein Herz für Subventionen.

In der Landwirtschaft läuft die Choreografie fast identisch: Jede Regulierung, die auf Wasser-, Boden- oder Tierschutz zielt, wird reflexhaft als Existenzbedrohung inszeniert, während man an anderer Stelle gern auf staatliche Dieselrabatte, Agrarsubventionen und Ausnahmegenehmigungen zurückgreift, die andere Branchen nie bekämen. Markt spielen, wenn's läuft. Staat rufen, wenn's klemmt. Diese Rosinenpickerei zwischen „lasst uns in Ruhe" und „jetzt aber helft uns" ist keine Ausnahme einzelner schwarzer Schafe, sie ist mittlerweile Verbandsstrategie.

83 Millionen Bundestrainer, 83 Millionen Virologen

Es gibt ein besonders deutsches Phänomen, das mit Wirtschaft und Politik nur am Rande zu tun hat, aber dieselbe Selbstüberschätzung offenbart: den Volkssport der Besserwisserei. Beim Fußball ist es harmlos und fast liebevoll gemeint – 83 Millionen Bundestrainer, die genau wissen, wie man hätte wechseln müssen. Weniger harmlos war es, als während der Pandemie praktisch über Nacht aus 83 Millionen Laien 83 Millionen Hobby-Virologen wurden, die Inzidenzwerte, Aerosolphysik und Zulassungsstudien mit derselben Selbstsicherheit kommentierten, mit der sie sonst über Abseitsentscheidungen streiten. Fachleute, die tatsächlich jahrelang zu Virologie oder Epidemiologie geforscht hatten, mussten sich von Stammtisch und Kommentarspalte erklären lassen, dass sie ihren eigenen Job nicht verstehen. Diese Zuversicht, in praktisch jedem Fachgebiet mitreden zu können, ohne sich vorher auch nur eine Stunde damit beschäftigt zu haben, ist keine Kompetenz. Es ist die feste Überzeugung, gar keine zu brauchen.

Die Erziehung, die andere übernehmen sollen

Am deutlichsten zeigt sich die Diskrepanz zwischen Erwartung an andere und Anspruch an sich selbst vielleicht dort, wo es am meisten wehtun sollte: bei der eigenen Verantwortung. Kita und Schule sollen erziehen, Werte vermitteln, Medienkompetenz beibringen, gesunde Ernährung lehren, im Zweifel auch noch die sozialen Kompetenzen nachliefern, die zu Hause nicht vermittelt wurden – und wehe, es geht etwas schief, dann hat „das System versagt". Die eigene Erziehungsarbeit wird outgesourct und gleichzeitig, sobald es unbequem wird, jede Einmischung von außen empört zurückgewiesen. Man will die Institution, die einem die Arbeit abnimmt, aber nicht die Institution, die einem sagt, was man selbst besser machen könnte. Verantwortung ist in diesem Weltbild grundsätzlich woanders: beim Staat, bei der Schule, beim Nachbarn, bei „denen da oben". Nur nie bei einem selbst.

Wir sind dann mal weg – sobald jemand anders vorlegt

Nirgendwo zeigt sich die Kombination aus Jammern und Bewegungslosigkeit so rein wie beim Thema soziale Netzwerke. Facebook, ein Konzern, dessen Geschäftsmodell buchstäblich auf der Maximierung von Empörung beruht, weil Wut nun mal mehr Verweildauer erzeugt als Gelassenheit – genau da tobt sich das deutsche Jammertal am liebsten aus. Gefühlt alle 83 Millionen Nutzer verkünden regelmäßig, sie seien „sofort weg, sobald es eine Alternative gibt". Bietet sich dann tatsächlich eine an, etwa ein europäisches Netzwerkprojekt, das noch am Anfang steht, wird nicht etwa mitgeholfen, es großzuziehen – es wird zerredet, bevor es überhaupt laufen kann. Dann fehlt plötzlich diese Funktion, jene Reichweite, der und der Kontakt sei ja noch nicht dort. Man verlangt von der Alternative den fertigen Zustand des Monopolisten, den dieser über zwanzig Jahre und mit einem Vermögen an Kapital aufgebaut hat – und benutzt das eigene Verlangen als Ausrede, um bei genau dem Produkt zu bleiben, über das man sich gerade noch beschwert hat. Wehklagen ohne Wechsel, das ist die eigentliche Nationaldisziplin.

Vergangenheitsbewältigung auf Bewährung

Am unversöhnlichsten wird dieser Reflex, wenn es um die eigene Geschichte geht. Wer auf Parallelen zwischen dem Aufstieg des Nationalsozialismus und aktuellen rechtsextremen Entwicklungen hinweist, wird nicht selten mit dem Satz abgespeist, man solle das doch jetzt „mal ruhen lassen", man sei ja „nicht mehr dafür verantwortlich". Stimmt. Für 1933 ist niemand verantwortlich, der heute lebt. Verantwortlich ist man aber sehr wohl dafür, ob man dieselben Mechanismen – Verharmlosung, Wegsehen, das Verschieben von Grenzen des Sagbaren – im eigenen Jetzt wiederholt, obwohl man es besser wissen könnte. Bezeichnend ist, wen die Empörung in diesen Debatten eigentlich trifft: nicht diejenigen, die relativieren, verharmlosen oder Geschichte umschreiben, sondern diejenigen, die darauf hinweisen. Der Mahner wird zum Störenfried erklärt, der Geschichtsvergessene zum Opfer übertriebener Political Correctness. Das ist keine Erinnerungskultur. Das ist ihre Umkehrung.

Der Werkstattpreis und der Sündenbock

Und noch ein Beispiel aus dem ganz handfesten Alltag: Werkstattstundensätze und Ersatzteilpreise sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen, von Automobilherstellern und Werkstattketten vorgegeben. Parallel dazu häuften sich nach der Pandemie – als viele plötzlich wieder aus dem Homeoffice zurück auf die Straße mussten, mit eingerosteter Routine – die Unfälle. Mehr Schäden, höhere Reparaturkosten pro Schaden: In der Konsequenz mussten die Versicherer ihre Beiträge anheben, um diese Kosten überhaupt noch decken zu können. Und wer wird dafür an den Pranger gestellt? Nicht die Hersteller, die an der Preisschraube gedreht haben. Nicht die eigene Fahrpraxis, die offenbar über Monate gelitten hat. Sondern die Versicherung, die angeblich „nur noch abzocken will". Die eigentlichen Kostentreiber bleiben unbehelligt, während der Überbringer der Rechnung den Zorn abbekommt. Verantwortung wird dahin verschoben, wo sie am wenigsten wehtut – und das ist so gut wie nie bei einem selbst.

Der Maßstab, der fehlt

All das sind keine unzusammenhängenden Einzelfälle, sondern ein durchgängiges Muster: Empörung wird nicht nach der Schwere der Sache bemessen, sondern danach, wie bequem sie sich äußern lässt, und Verantwortung wird nicht nach der eigenen Beteiligung verteilt, sondern danach, wer sie am leichtesten abgeben kann. Ein Kanzler im Urlaub kostet nichts, ihn zu kritisieren – man bleibt auf der sicheren Seite des Applauses. Ein AfD-Verbotsverfahren zu fordern kostet politisches Kapital, vielleicht sogar Wählerstimmen. Eine Handtuch-Reservierung am Pool kostet niemanden etwas außer den anderen Gästen. Eine syrische Ärztin abzuschieben kostet – vordergründig – nur sie selbst, nicht den, der es fordert. Über verpasste Transformationen in der eigenen Branche zu schweigen und stattdessen den Staat um Subventionen anzubetteln kostet kein Gesicht, solange man es als „Standortpolitik" verkauft. Die eigene Erziehungsarbeit an Kita und Schule zu delegieren, um sich anschließend über deren angebliches Versagen zu empören, kostet gar nichts – außer der Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Über ein Netzwerk zu jammern und trotzdem dortzubleiben, kostet keinen einzigen Klick Anstrengung. Und den Zorn über gestiegene Werkstattpreise an der Versicherung statt am Hersteller abzuladen, kostet niemanden ein einziges unbequemes Gespräch mit der eigenen Verantwortung.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn die Empörungsenergie, die sich so verlässlich an Symbolen entzündet, einmal konsequent dorthin wanderte, wo es wirklich wehtut: zu den eigenen Ansprüchen, dem eigenen Verhalten, der eigenen politischen Feigheit. Bis dahin bleibt es dabei: Der deutsche Zeigefinger ist ein Wunder der Biomechanik. Er zeigt in praktisch jede Richtung – nur nicht nach innen.

Der Markt, den die AfD bedient

Und genau hier schließt sich der Kreis, denn dieses Muster ist keine harmlose Marotte am Rande der Gesellschaft – es ist der Markt, auf dem die AfD ihr Geschäft macht. Ihr Erfolg speist sich nicht in erster Linie aus einem geschlossenen ideologischen Weltbild, das die Mehrheit ihrer Wähler teilen würde. Er speist sich aus genau diesem Reflex, den dieser Text von Anfang bis Ende beschreibt: Schuld ist immer woanders. Nicht die eigene Lebensplanung, die Ausländer. Nicht die eigene Erziehungsarbeit, das „System". Nicht die eigene Wirtschaft, „die da oben" oder „die Grünen" oder „Brüssel". Die AfD hat aus diesem Land keine neue Krankheit gemacht, sie hat lediglich die vorhandene Diagnose zur Partei geronnen. Sie verspricht genau das, wonach sich ein gutes Drittel der lautstark Empörten offenbar sehnt: dass endlich jemand ausspricht, was man selbst schon immer dachte – nämlich, dass man selbst niemals das Problem ist, sondern immer nur die anderen. Migranten, Eliten, Medien, Wissenschaft, Europa, Gender, wer auch immer gerade zur Hand ist.

Das macht die Sache am Ende auch politisch gefährlich, nicht nur menschlich unangenehm. Eine Gesellschaft, die es sich systematisch abgewöhnt hat, die eigene Verantwortung zu sehen, ist der ideale Nährboden für jede Bewegung, die genau das verspricht: Erlösung durch Externalisierung. Wer nie bei sich selbst anfängt, braucht irgendwann jemanden, der ihm erzählt, wo „die Schuldigen" sitzen – und diese Erzählung liefert die extreme Rechte frei Haus, verpackt in einfache Sätze, die keine Selbstprüfung verlangen. Insofern ist der eingangs beschriebene Empörungsreflex, so banal er im Einzelfall wirkt – Handtücher am Pool, ein Kanzler im Urlaub, eine zu teure Werkstattrechnung –, kein Nebenschauplatz der politischen Radikalisierung dieses Landes. Er ist ihr Trainingslager.

Wer also ernsthaft etwas gegen den Zulauf der AfD unternehmen will, kommt an einer unbequemen Erkenntnis nicht vorbei: Das beginnt nicht erst bei der nächsten Wahlkampfrede, sondern bei der Frage, wie oft man selbst diese Woche schon gesagt hat: „Ich kann da ja eh nichts machen, das sind die anderen."
Man kann das alles beiseitewischen als Meckerei über Meckerei, als eine weitere Empörungsspalte in einer ohnehin übersättigten Debattenkultur. Man kann sich aber auch ehrlich machen: Jedes einzelne der genannten Beispiele hat exakt denselben Kern. Es ist immer bequemer, ein Problem woanders zu verorten als bei sich selbst. Der Kanzler ist schuld, die Ausländer sind schuld, die Versicherung ist schuld, die Politik ist schuld, das System ist schuld, die anderen sind schuld. Nur derjenige, der gerade spricht, ist grundsätzlich unschuldig, weil er ja der Aufmerksame ist, der Wachsame, der, der es „schon immer gesagt hat".

Diese Übung im Nach-außen-Zeigen ist keine harmlose Marotte, sie ist eine stille Bankrotterklärung. Wer permanent erwartet, dass andere sich ändern, ihre Fehler eingestehen, ihr Verhalten anpassen – während man selbst keine Sekunde erwägt, ob der eigene Anspruch, das eigene Verhalten, die eigene Bequemlichkeit vielleicht Teil des Problems sein könnten, hat sich aus der Verantwortung für die eigene Gesellschaft de facto verabschiedet. Man kann sich nicht freikaufen von der Zumutung, ein erwachsener, selbstkritischer Mensch zu sein, indem man immer lauter über andere schimpft. Eigenverantwortung ist keine Option unter mehreren, sie ist die einzige Grundlage, auf der Empörung überhaupt legitim wird. Wer sie einfordert, ohne sie selbst zu praktizieren, betreibt keine Kritik, sondern Selbstbetrug mit Publikum.

Deshalb, ganz konkret und ganz unbequem: Bevor der nächste Kommentar über den Kanzler, die Nachbarin, den Konzern oder „die da oben" abgesetzt wird, lohnt sich eine einzige Frage – und zwar zuerst. Was habe ich selbst in dieser Sache eigentlich schon getan, verändert, riskiert? Wer diese Frage ehrlich beantwortet, wird in den allermeisten Fällen merken: Die Antwort lautet nichts. Und genau da, nicht bei Merz, nicht bei Facebook, nicht bei der Versicherung, fängt die eigentliche Arbeit an.


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