Zitat von Viktor Dorn am 31. August 2026, 19:40 UhrVon steigenden Ausgaben, drohenden Finanzierungslücken und der Frage, wo sich noch etwas einsparen lässt.
Ich lese wieder von den Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung. Von steigenden Ausgaben, drohenden Finanzierungslücken und der Frage, wo sich noch etwas einsparen lässt. Beiträge, Leistungen, Eigenbeteiligungen: Die Begriffe liegen schon bereit. Man kann sie offenbar jedes Jahr aus derselben Schublade holen. Ich gehe den Gedanken zunächst mit. Wenn das Geld für die Ausgaben nicht reicht, muss man sich die Ausgaben ansehen. Das klingt vernünftig. Allerdings möchte ich dann auch wissen, was ich mir da eigentlich ansehe. Was kostet die Versorgung? Was wird dafür bezahlt? Und ist das wirklich dieselbe Frage?
Zunächst denke ich an das, wofür eine Krankenversicherung da ist. Menschen werden krank und brauchen Hilfe. Dafür werden Beiträge eingezahlt, aus denen ihre Behandlung finanziert wird. Wer gerade gesund ist, trägt die Versorgung der anderen mit. Irgendwann liegt er selbst auf dem Untersuchungstisch. Die eigene Unverwundbarkeit endet erfahrungsgemäß ohne Kündigungsfrist. Dass dieses System Geld braucht, leuchtet mir ein. Ärztinnen, Pfleger, Therapeutinnen und medizinische Fachangestellte müssen ordentlich bezahlt werden. Gebäude müssen instandgehalten, Geräte angeschafft, Medikamente entwickelt und hergestellt werden. An diesen Stellen erkenne ich, wofür ich bezahle.
Auch die Höhe der Ausgaben lässt sich nachlesen. Für 2025 meldete das Bundesgesundheitsministerium vorläufig rund 352 Milliarden Euro. Die Ausgaben waren erneut deutlich gestiegen; höhere Zusatzbeiträge hatten den Kassen geholfen, ihre zuvor geschrumpften Reserven teilweise wieder aufzufüllen. Allein für Arzneimittel wurden nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes rund 58 Milliarden Euro ausgegeben. Ich bleibe bei dieser Zahl hängen. Denn für die Krankenversicherung ist sie eine Ausgabe. Bei den Empfängern steht dasselbe Geld auf der Einnahmenseite. Um zu verstehen, weshalb die Versorgung so teuer ist, muss ich dem Geld offenbar über die Buchhaltung der Krankenkasse hinaus folgen. (BMG: Finanzentwicklung 2025, GKV-Spitzenverband: Keine Entwarnung bei GKV-Finanzen)
Bei den Pharmaunternehmen finde ich eine andere finanzielle Wirklichkeit. Novartis beispielsweise wies für 2025 weltweit knapp 14 Milliarden US-Dollar Nettogewinn bei rund 54,5 Milliarden Dollar Umsatz aus. Ein einzelner internationaler Konzern, eine eigene Bilanz. Ich lese diese Zahlen und frage mich, was der Satz vom unbezahlbaren Gesundheitssystem eigentlich umfasst. Erschöpfte Finanzierung auf der einen Seite, Milliardenüberschüsse auf der anderen: Beides gehört zur wirtschaftlichen Wirklichkeit der Medizin. Das Geld reicht also an verschiedenen Stellen für sehr unterschiedliche Dinge. (Novartis: Jahresergebnis 2025)
Forschung kostet Geld, denke ich. Produktion ebenfalls. Dafür braucht es Menschen, Labore, Zeit und die Möglichkeit, auch erfolglose Entwicklungen zu finanzieren. Ich nehme all das in meine Rechnung auf. Nur ist damit die nächste Frage noch offen: Wie viel bezahlen wir für diese Arbeit, und wie viel für die Ertragsansprüche der Eigentümer? Dass ein Medikament medizinisch notwendig ist, macht jeden verlangten Preis noch lange nicht medizinisch notwendig. Der Körper braucht einen Wirkstoff. Welche Gewinnspanne mit seiner Bereitstellung verbunden wird, entscheidet sich außerhalb des Körpers.
Ich schaue weiter. Medikamente sind schließlich nur ein Teil der Versorgung. Es gibt private Krankenhauskonzerne, aufgekaufte Praxen und medizinische Versorgungszentren in Investorenhand. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages beschrieben 2025, wie Finanzinvestoren in diesen Bereichen tätig sind und Private-Equity-Gesellschaften etablierte Unternehmen erwerben, um sie später wieder zu verkaufen. Schon 2023 warnte die Bundesärztekammer davor, dass Renditeinteressen medizinische Entscheidungen beeinflussen können. Ich muss mir die Verbindung zwischen Behandlung und Kapitalanlage also gar nicht ausdenken. Sie wird von den Organisationen beschrieben, die sich beruflich mit diesem System beschäftigen. (Wissenschaftliche Dienste: Investorenbetriebene MVZ, Bundesärztekammer: Einfluss von Finanzinvestoren begrenzen)
Warum kauft ein Finanzinvestor eine Arztkette? Er erwartet, dass sich sein eingesetztes Kapital vermehrt. Dafür kann der laufende Betrieb Erträge liefern, dafür kann die Kette wachsen und später teurer verkauft werden. Die medizinische Versorgung wird zum Geschäftsmodell. Für mich als Patienten bleibt der Anlass derselbe: Ich habe Beschwerden und brauche jemanden, der sie behandelt. In der Eigentümerrechnung erhält dieser Vorgang eine zusätzliche Bedeutung. Meine Behandlung soll zugleich zum wirtschaftlichen Erfolg einer Beteiligung beitragen. Das Wartezimmer steht gewissermaßen auch im Portfolio.
Ich halte an dieser Stelle kurz inne. Die Menschen, die mich behandeln, müssen von ihrer Arbeit leben können. Auch eine selbstständige Ärztin muss ihre Praxis finanzieren und ein Einkommen erzielen. Das gehört zur Versorgung. Bei einem externen Kapitalgeber kommt ein anderer Anspruch hinzu: Sein Eigentum soll einen Ertrag abwerfen. Er untersucht mich nicht, übernimmt keine Nachtschicht und erklärt mir keinen Befund. Er hat Kapital bereitgestellt oder Eigentumsrechte erworben. Dafür erwartet er eine Gegenleistung, die aus dem Geschäft mit der Versorgung erwirtschaftet werden muss. Diese Gegenleistung steht zusätzlich in der Rechnung, die am Ende jemand bezahlt.
Um meine Gedanken zu ordnen, stelle ich mir zwei Versorgungsmodelle nebeneinander vor. Links ohne Investoren, rechts mit Investoren. Wenn ich davon ausgehe, was nicht der Realität entspricht, und beide Modelle vergleiche, bleibt rechts eine zusätzliche Position auf einer Seite stehen: Wertschöpfung.
Woher wird diese Position bezahlt? Sie muss aus einem Überschuss stammen, der im anderen Modell für die Versorgung verfügbar bliebe. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn zwischen meiner Krankenkasse und dem endgültigen Empfänger mehrere Gesellschaften liegen. Geld, das an Eigentümer ausgeschüttet wurde, steht dieser Einrichtung anschließend für ihre Behandlungsausgaben nicht mehr zur Verfügung. Es hat seinen Zweck gewechselt. Ich kann denselben Euro für Pflegepersonal ausgeben oder ausschütten. Für die Gleichzeitigkeit fehlt selbst der modernen Betriebswirtschaft bisher das geeignete Naturgesetz.
Ich merke, dass sich meine Ausgangsfrage verschiebt. Anfangs frage ich, wo das Gesundheitssystem zu viel ausgibt. Jetzt möchte ich wissen, welche Ansprüche wir überhaupt zu seinen Ausgaben erklärt haben. Behandlung, Ausbildung, Forschung, Vorsorge, gute Arbeitsbedingungen: Für all das sehe ich einen Zweck innerhalb der Gesundheitsversorgung. Die Vermögensmehrung externer Eigentümer verfolgt einen eigenen Zweck. Trotzdem begegnen mir beide zusammen in einer Rechnung, deren Gesamthöhe anschließend als Belastung durch unsere medizinische Versorgung diskutiert wird. Damit verschwinden Entscheidungen über die Verteilung des Geldes hinter einer scheinbar rein medizinischen Kostenfrage.
Wie viel dabei insgesamt abfließt, möchte ich deshalb genau wissen. Wie viel aus dem solidarisch finanzierten Geschäft bleibt nach sämtlichen Weiterleitungen und Ausschüttungen für die Versorgung übrig? Welche Gewinne verbleiben in Einrichtungen, welche verlassen sie? Wie unterscheiden sich die Ergebnisse bei gleicher Leistung? Ich will eine Rechnung, die bis zu den tatsächlichen Empfängern reicht. Solange diese Rechnung fehlt, ist die Forderung nach weiteren Einsparungen bei Versicherten für mich bemerkenswert unvollständig. Bei den Menschen, die auf Behandlung angewiesen sind, wird um einzelne Euro gerungen. Die Eigentumsverhältnisse hinter ihren Behandlungen verdienen mindestens dieselbe Aufmerksamkeit.
Aber ich finde keine belastbaren Daten. Ich vermute, weil jeder der Beteiligten dieser Wertschöpfungskette völlig transparent sein wollen. Ja, das muss es sein.
Und schließlich frage ich mich, wie selbstverständlich das alles geworden ist. Medizinische Versorgungszentren wurden 2004 als neue Organisationsform gesetzlich eingeführt. Über die Trägerschaft zugelassener Krankenhäuser erhielten auch Investoren einen Zugang zu diesem Teil der ambulanten Versorgung. Wer Einrichtungen besitzen darf, wie sie finanziert werden und was mit ihren Überschüssen geschehen darf, wurde durch rechtliche und politische Entscheidungen gestaltet. Die heutige Ordnung hat eine Entstehungsgeschichte. Sie ist damit auch politisch veränderbar. Für die Rendite eines Fonds existiert kein medizinischer Befund, der uns diese Organisation vorschreibt. (BMG: Rechtsgutachten zu MVZ, Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten: Investorengetragene MVZ)
Ich bin wieder bei der Debatte über Einsparungen angekommen. Jetzt höre ich sie anders:
Die GKV-Ausgaben steigen, Beiträge reichen nicht, irgendwo muss gespart werden. Die politische Debatte richtet sich anschließend auf Versicherte, Leistungen, Eigenbeteiligungen oder Beitragssätze. Die Frage, warum ein solidarisch finanzierter Versorgungsmarkt überhaupt Kapitalrenditen finanzieren soll, steht erheblich seltener im Mittelpunkt.Ich zahle in ein solidarisches System ein, damit Menschen behandelt werden können, wenn sie Hilfe brauchen. An diesem Zweck will ich seine Ausgaben messen. Je länger ich darüber nachdenke, desto eigentümlicher erscheint mir die politische Verwunderung über das fehlende Geld. Wir haben gesetzlich erlaubt, dass aus dem Gesundheitssystem Gewinne abgeschöpft werden. Anschließend wundern wir uns, dass dem Gesundheitssystem Geld fehlt.
Ich lese wieder von den Kosten der gesetzlichen Krankenversicherung. Von steigenden Ausgaben, drohenden Finanzierungslücken und der Frage, wo sich noch etwas einsparen lässt. Beiträge, Leistungen, Eigenbeteiligungen: Die Begriffe liegen schon bereit. Man kann sie offenbar jedes Jahr aus derselben Schublade holen. Ich gehe den Gedanken zunächst mit. Wenn das Geld für die Ausgaben nicht reicht, muss man sich die Ausgaben ansehen. Das klingt vernünftig. Allerdings möchte ich dann auch wissen, was ich mir da eigentlich ansehe. Was kostet die Versorgung? Was wird dafür bezahlt? Und ist das wirklich dieselbe Frage?
Zunächst denke ich an das, wofür eine Krankenversicherung da ist. Menschen werden krank und brauchen Hilfe. Dafür werden Beiträge eingezahlt, aus denen ihre Behandlung finanziert wird. Wer gerade gesund ist, trägt die Versorgung der anderen mit. Irgendwann liegt er selbst auf dem Untersuchungstisch. Die eigene Unverwundbarkeit endet erfahrungsgemäß ohne Kündigungsfrist. Dass dieses System Geld braucht, leuchtet mir ein. Ärztinnen, Pfleger, Therapeutinnen und medizinische Fachangestellte müssen ordentlich bezahlt werden. Gebäude müssen instandgehalten, Geräte angeschafft, Medikamente entwickelt und hergestellt werden. An diesen Stellen erkenne ich, wofür ich bezahle.
Auch die Höhe der Ausgaben lässt sich nachlesen. Für 2025 meldete das Bundesgesundheitsministerium vorläufig rund 352 Milliarden Euro. Die Ausgaben waren erneut deutlich gestiegen; höhere Zusatzbeiträge hatten den Kassen geholfen, ihre zuvor geschrumpften Reserven teilweise wieder aufzufüllen. Allein für Arzneimittel wurden nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes rund 58 Milliarden Euro ausgegeben. Ich bleibe bei dieser Zahl hängen. Denn für die Krankenversicherung ist sie eine Ausgabe. Bei den Empfängern steht dasselbe Geld auf der Einnahmenseite. Um zu verstehen, weshalb die Versorgung so teuer ist, muss ich dem Geld offenbar über die Buchhaltung der Krankenkasse hinaus folgen. (BMG: Finanzentwicklung 2025, GKV-Spitzenverband: Keine Entwarnung bei GKV-Finanzen)
Bei den Pharmaunternehmen finde ich eine andere finanzielle Wirklichkeit. Novartis beispielsweise wies für 2025 weltweit knapp 14 Milliarden US-Dollar Nettogewinn bei rund 54,5 Milliarden Dollar Umsatz aus. Ein einzelner internationaler Konzern, eine eigene Bilanz. Ich lese diese Zahlen und frage mich, was der Satz vom unbezahlbaren Gesundheitssystem eigentlich umfasst. Erschöpfte Finanzierung auf der einen Seite, Milliardenüberschüsse auf der anderen: Beides gehört zur wirtschaftlichen Wirklichkeit der Medizin. Das Geld reicht also an verschiedenen Stellen für sehr unterschiedliche Dinge. (Novartis: Jahresergebnis 2025)
Forschung kostet Geld, denke ich. Produktion ebenfalls. Dafür braucht es Menschen, Labore, Zeit und die Möglichkeit, auch erfolglose Entwicklungen zu finanzieren. Ich nehme all das in meine Rechnung auf. Nur ist damit die nächste Frage noch offen: Wie viel bezahlen wir für diese Arbeit, und wie viel für die Ertragsansprüche der Eigentümer? Dass ein Medikament medizinisch notwendig ist, macht jeden verlangten Preis noch lange nicht medizinisch notwendig. Der Körper braucht einen Wirkstoff. Welche Gewinnspanne mit seiner Bereitstellung verbunden wird, entscheidet sich außerhalb des Körpers.
Ich schaue weiter. Medikamente sind schließlich nur ein Teil der Versorgung. Es gibt private Krankenhauskonzerne, aufgekaufte Praxen und medizinische Versorgungszentren in Investorenhand. Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages beschrieben 2025, wie Finanzinvestoren in diesen Bereichen tätig sind und Private-Equity-Gesellschaften etablierte Unternehmen erwerben, um sie später wieder zu verkaufen. Schon 2023 warnte die Bundesärztekammer davor, dass Renditeinteressen medizinische Entscheidungen beeinflussen können. Ich muss mir die Verbindung zwischen Behandlung und Kapitalanlage also gar nicht ausdenken. Sie wird von den Organisationen beschrieben, die sich beruflich mit diesem System beschäftigen. (Wissenschaftliche Dienste: Investorenbetriebene MVZ, Bundesärztekammer: Einfluss von Finanzinvestoren begrenzen)
Warum kauft ein Finanzinvestor eine Arztkette? Er erwartet, dass sich sein eingesetztes Kapital vermehrt. Dafür kann der laufende Betrieb Erträge liefern, dafür kann die Kette wachsen und später teurer verkauft werden. Die medizinische Versorgung wird zum Geschäftsmodell. Für mich als Patienten bleibt der Anlass derselbe: Ich habe Beschwerden und brauche jemanden, der sie behandelt. In der Eigentümerrechnung erhält dieser Vorgang eine zusätzliche Bedeutung. Meine Behandlung soll zugleich zum wirtschaftlichen Erfolg einer Beteiligung beitragen. Das Wartezimmer steht gewissermaßen auch im Portfolio.
Ich halte an dieser Stelle kurz inne. Die Menschen, die mich behandeln, müssen von ihrer Arbeit leben können. Auch eine selbstständige Ärztin muss ihre Praxis finanzieren und ein Einkommen erzielen. Das gehört zur Versorgung. Bei einem externen Kapitalgeber kommt ein anderer Anspruch hinzu: Sein Eigentum soll einen Ertrag abwerfen. Er untersucht mich nicht, übernimmt keine Nachtschicht und erklärt mir keinen Befund. Er hat Kapital bereitgestellt oder Eigentumsrechte erworben. Dafür erwartet er eine Gegenleistung, die aus dem Geschäft mit der Versorgung erwirtschaftet werden muss. Diese Gegenleistung steht zusätzlich in der Rechnung, die am Ende jemand bezahlt.
Um meine Gedanken zu ordnen, stelle ich mir zwei Versorgungsmodelle nebeneinander vor. Links ohne Investoren, rechts mit Investoren. Wenn ich davon ausgehe, was nicht der Realität entspricht, und beide Modelle vergleiche, bleibt rechts eine zusätzliche Position auf einer Seite stehen: Wertschöpfung.
Woher wird diese Position bezahlt? Sie muss aus einem Überschuss stammen, der im anderen Modell für die Versorgung verfügbar bliebe. Daran ändert sich auch dann nichts, wenn zwischen meiner Krankenkasse und dem endgültigen Empfänger mehrere Gesellschaften liegen. Geld, das an Eigentümer ausgeschüttet wurde, steht dieser Einrichtung anschließend für ihre Behandlungsausgaben nicht mehr zur Verfügung. Es hat seinen Zweck gewechselt. Ich kann denselben Euro für Pflegepersonal ausgeben oder ausschütten. Für die Gleichzeitigkeit fehlt selbst der modernen Betriebswirtschaft bisher das geeignete Naturgesetz.
Ich merke, dass sich meine Ausgangsfrage verschiebt. Anfangs frage ich, wo das Gesundheitssystem zu viel ausgibt. Jetzt möchte ich wissen, welche Ansprüche wir überhaupt zu seinen Ausgaben erklärt haben. Behandlung, Ausbildung, Forschung, Vorsorge, gute Arbeitsbedingungen: Für all das sehe ich einen Zweck innerhalb der Gesundheitsversorgung. Die Vermögensmehrung externer Eigentümer verfolgt einen eigenen Zweck. Trotzdem begegnen mir beide zusammen in einer Rechnung, deren Gesamthöhe anschließend als Belastung durch unsere medizinische Versorgung diskutiert wird. Damit verschwinden Entscheidungen über die Verteilung des Geldes hinter einer scheinbar rein medizinischen Kostenfrage.
Wie viel dabei insgesamt abfließt, möchte ich deshalb genau wissen. Wie viel aus dem solidarisch finanzierten Geschäft bleibt nach sämtlichen Weiterleitungen und Ausschüttungen für die Versorgung übrig? Welche Gewinne verbleiben in Einrichtungen, welche verlassen sie? Wie unterscheiden sich die Ergebnisse bei gleicher Leistung? Ich will eine Rechnung, die bis zu den tatsächlichen Empfängern reicht. Solange diese Rechnung fehlt, ist die Forderung nach weiteren Einsparungen bei Versicherten für mich bemerkenswert unvollständig. Bei den Menschen, die auf Behandlung angewiesen sind, wird um einzelne Euro gerungen. Die Eigentumsverhältnisse hinter ihren Behandlungen verdienen mindestens dieselbe Aufmerksamkeit.
Aber ich finde keine belastbaren Daten. Ich vermute, weil jeder der Beteiligten dieser Wertschöpfungskette völlig transparent sein wollen. Ja, das muss es sein.
Und schließlich frage ich mich, wie selbstverständlich das alles geworden ist. Medizinische Versorgungszentren wurden 2004 als neue Organisationsform gesetzlich eingeführt. Über die Trägerschaft zugelassener Krankenhäuser erhielten auch Investoren einen Zugang zu diesem Teil der ambulanten Versorgung. Wer Einrichtungen besitzen darf, wie sie finanziert werden und was mit ihren Überschüssen geschehen darf, wurde durch rechtliche und politische Entscheidungen gestaltet. Die heutige Ordnung hat eine Entstehungsgeschichte. Sie ist damit auch politisch veränderbar. Für die Rendite eines Fonds existiert kein medizinischer Befund, der uns diese Organisation vorschreibt. (BMG: Rechtsgutachten zu MVZ, Berufsverband Deutscher Internistinnen und Internisten: Investorengetragene MVZ)
Ich bin wieder bei der Debatte über Einsparungen angekommen. Jetzt höre ich sie anders:
Die GKV-Ausgaben steigen, Beiträge reichen nicht, irgendwo muss gespart werden. Die politische Debatte richtet sich anschließend auf Versicherte, Leistungen, Eigenbeteiligungen oder Beitragssätze. Die Frage, warum ein solidarisch finanzierter Versorgungsmarkt überhaupt Kapitalrenditen finanzieren soll, steht erheblich seltener im Mittelpunkt.
Ich zahle in ein solidarisches System ein, damit Menschen behandelt werden können, wenn sie Hilfe brauchen. An diesem Zweck will ich seine Ausgaben messen. Je länger ich darüber nachdenke, desto eigentümlicher erscheint mir die politische Verwunderung über das fehlende Geld. Wir haben gesetzlich erlaubt, dass aus dem Gesundheitssystem Gewinne abgeschöpft werden. Anschließend wundern wir uns, dass dem Gesundheitssystem Geld fehlt.
