Zitat von Druckbrot am 5. August 2026, 17:07 UhrWie private Eliteschulen ihre eigene Klasse ausbilden, vernetzen und an die Macht führen
Es gibt diese privaten Einrichtungen, in denen die Verachtung für den Pöbel gelehrt wird.
Natürlich trägt kein Seminar diesen Namen. Im Vorlesungsverzeichnis stehen „Leadership“, „Strategic Management“, „Finance“, „Corporate Governance“ und „Entrepreneurship“. Die Verachtung erscheint dort auch selten als offene Feindseligkeit. Sie wird als Perspektive vermittelt.
Menschen werden zu Personalaufwand. Wohnungen werden zu Anlageprodukten. Krankenhäuser werden zu Geschäftsmodellen. Löhne erscheinen als Kosten. Kündigungen heißen Restrukturierung. Die Schließung eines Schwimmbads wird zur Haushaltskonsolidierung. Wer unter einer Entscheidung leidet, verschwindet aus der Präsentation. Übrig bleiben Kennzahlen, Zielvorgaben und eine Folie mit dem Titel „Optimierungspotenzial“.
Nach dem Studium wechseln die Absolventen in Unternehmen, Beratungen, Banken, Kanzleien, Verbände, Ministerien und politische Organisationen. Dort schreiben sie Regeln für Menschen, deren Leben sie hauptsächlich aus Statistiken, Marktanalysen und Personalberichten kennen.
Regeln, nach denen sie selbst nie leben mussten.
DER PREIS DES ZUGANGS
Der private Hochschulsektor ist groß und umfasst sehr unterschiedliche Einrichtungen. Für diesen Text interessiert sein politisch aufschlussreichster Teil: hochpreisige Business Schools und Managementhochschulen, die sich ausdrücklich als Ausbildungsstätten künftiger Führungskräfte verstehen.
Dort kostet ein Bachelor inzwischen so viel wie ein gut ausgestatteter Neuwagen. Die WHU verlangt derzeit 9.100 Euro pro Semester. Bei sechs Semestern sind das 54.600 Euro. Die EBS berechnet für ihren Bachelor in Business Studies insgesamt 54.480 Euro. An der Constructor University werden für einen Bachelor 10.000 Euro pro Semester fällig, also 60.000 Euro für die regulären sechs Semester. Unterkunft, Lebenshaltungskosten und die erwartete internationale Beweglichkeit kommen jeweils noch hinzu.
Danach lässt sich die finanzielle Leiter beliebig verlängern. Der Vollzeit-MBA der WHU kostet 49.500 Euro. Der Executive MBA der ESMT Berlin liegt bei 64.800 Euro. Das gemeinsame Executive-MBA-Programm von Kellogg und WHU verlangt 105.000 Euro. Die Hochschule weist dabei freundlich darauf hin, dass keine Umsatzsteuer anfällt. Selbst die sechsstellige Klassenfahrkarte besitzt also einen kleinen steuerlichen Trostpreis.
Für dieses Geld erhält man Lehrveranstaltungen, kleine Gruppen und akademische Abschlüsse. Der eigentliche Wert liegt jedoch woanders.
Man erhält Kontakte zu Unternehmen, Zugang zu Personalverantwortlichen, organisierte Karriereberatung, Alumni-Netzwerke, Praktika, Empfehlungen und ein soziales Umfeld, dessen Mitglieder einander später wiederbegegnen. Einer sitzt dann in einer Bank, einer in einer Unternehmensberatung, eine in einem Ministerium, ein anderer gründet einen Fonds. Man kennt sich, vertraut sich und erkennt einander als Angehörige derselben sozialen Verkehrsklasse.
Gekauft wird kein Wissen, das an einer staatlichen Universität geheim gehalten würde. Gekauft wird ein Milieu.
DIE LEGENDE VON DER OFFENEN TÜR
Die Hochschulen verweisen auf Stipendien, Gebührenerlasse, Bildungsfonds, Kredite und einkommensabhängige Rückzahlungen. Auf dem Papier entsteht dadurch ein erstaunlich demokratisches Bild: Jeder könne teilnehmen, Talent entscheide, Geld spiele am Ende kaum eine Rolle.
Das ist die übliche Verwechslung von formaler Möglichkeit und gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Ein Kind aus einer wohlhabenden Familie erlebt 55.000 Euro als Investition. Die Eltern zahlen, übernehmen Risiken, finanzieren Auslandssemester und helfen bei Schwierigkeiten. Ein Kind aus einem Bürgergeldhaushalt kann dieselbe Summe als persönliche Wette auf seine gesamte berufliche Zukunft behandeln. Für die eine Familie ist das Studium eine Rechnung. Für die andere wäre es eine existenzielle Verschuldungsentscheidung.Selbst ein vollständiger Gebührenerlass beseitigt die soziale Sortierung der vorherigen achtzehn Jahre nicht. Wer wird auf ein Gymnasium geschickt? Wer erhält Nachhilfe? Wer kennt die Namen dieser Hochschulen? Wer wurde auf Auswahlgespräche vorbereitet? Wer spricht bereits die Sprache, die dort als souverän und führungsstark gilt? Wer kann unbezahlte Praktika, Auslandsaufenthalte und Umzüge finanzieren? Wer hat Eltern, die erklären können, wie Netzwerke, Bewerbungen und akademische Karrieren funktionieren?
Der Bildungsbericht 2026 zeigt die Dimension dieser Vorsortierung: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 78 ein Studium. Bei Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund sind es 25. Die soziale Auswahl beginnt also lange vor der ersten Studiengebühr.
Finanzierungsangebote machen aus einer Klasseninstitution keine offene Hochschule. Sie liefern ihr einige Gegenbeispiele, die anschließend auf Broschüren lächeln dürfen.
Der Arbeiterfamilie wird gezeigt, dass ein einzelnes Kind den Aufstieg geschafft hat. Die vermögende Familie erhält währenddessen für das dritte Kind den Zugangscode.
MAN KAUFT SICH GEGENSEITIG
Das Netzwerk gilt gern als erfreulicher Nebeneffekt des Studiums. Tatsächlich bildet es einen wesentlichen Teil des Produkts.
Eine staatliche Universität kann Wissen vermitteln, Prüfungen abnehmen und Abschlüsse vergeben. Sie kann kaum garantieren, dass die Person am Nachbartisch später über Investitionen, Stellenbesetzungen oder politische Beratungsaufträge entscheidet. Genau diese soziale Verdichtung macht Elitehochschulen wertvoll.
Die Studierenden treffen dort über Jahre hinweg fast ausschließlich Menschen, die ähnliche Ziele verfolgen und eine ähnliche Vorstellung von Erfolg teilen. Sie lernen, einander als künftige Geschäftspartner, Arbeitgeber, Kapitalgeber oder Vermittler wahrzunehmen. Unternehmen treten bereits auf dem Campus auf. Alumni öffnen Türen. Karrierezentren organisieren die Verbindung zwischen Studium und Machtapparat.
Später wird dieser Kreislauf als Leistungsgesellschaft beschrieben.
Der Absolvent erhält eine Führungsposition, weil er hervorragend vernetzt ist. Sein Netzwerk gilt als persönlicher Verdienst. Die Tatsache, dass der Eintritt in dieses Netzwerk zuvor den Gegenwert eines Jahreseinkommens gekostet hat, verschwindet aus der Erfolgsgeschichte.
Am Ende glauben alle Beteiligten, sie seien aufgrund individueller Exzellenz dort angekommen. Das System liebt diese Erzählung. Ererbter Zugang klingt erheblich vornehmer, sobald man ihn „Leadership Potential“ nennt.
WIE VERACHTUNG UNTERRICHTET WIRD
Niemand muss Studierenden ausdrücklich beibringen, Menschen mit geringem Einkommen zu verachten. Es genügt, ihnen über Jahre hinweg die Welt aus der Perspektive derjenigen zu erklären, die über Kapital, Unternehmen und Institutionen verfügen.
Dann werden die Probleme der Besitzenden zu Problemen der gesamten Gesellschaft.
Hohe Löhne gefährden plötzlich Arbeitsplätze. Unternehmenssteuern gefährden den Standort. Mieterschutz gefährdet Investitionen. Sozialleistungen gefährden die Leistungsbereitschaft. Vermögenssteuern gefährden Innovation. Jede Belastung der Wohlhabenden bedroht angeblich das Gemeinwesen. Jede Belastung der übrigen Bevölkerung gilt als notwendige Reform.
Diese Denkweise entsteht selten durch eine geheime Absprache. Eine Verschwörung wäre viel zu anstrengend. Es reicht, dass dieselben Menschen dieselben Modelle lernen, dieselben Veranstaltungen besuchen, dieselben Kontakte knüpfen und dieselben Interessen als ökonomische Vernunft kennenlernen.
Wer ausschließlich aus der Vorstandsetage auf die Welt blickt, hält irgendwann den Blick von oben für Objektivität.
Der Beschäftigte erscheint als Kostenstelle. Der Mieter als Renditehindernis. Der Arbeitslose als Fehlanreiz. Der Rentner als demografische Belastung. Der Kranke als Ausgabenrisiko.
Das ist Verachtung in Tabellenform.
DAS AUSGEBILDETE ARSCHLOCH
Das ausgebildete Arschloch muss privat kein unangenehmer Mensch sein. Es kann höflich auftreten, Biolebensmittel kaufen, Diversitätsberichte unterschreiben und auf Podien von gesellschaftlicher Verantwortung sprechen.
Seine Funktion bleibt dieselbe.
Es entscheidet über Befristungen mit einem unbefristeten Vertrag. Es empfiehlt ein höheres Rentenalter mit privater Altersvorsorge. Es fordert mehr berufliche Mobilität aus einer Eigentumswohnung. Es kürzt Sozialleistungen bei einem sechsstelligen Einkommen. Es erklärt längere Arbeitswege für zumutbar und fährt anschließend mit dem Dienstwagen nach Hause.
Die Distanz zu den Folgen der eigenen Entscheidungen gilt dabei als besondere Qualifikation. Wer betroffen ist, gilt als emotional oder interessengeleitet. Wer die Konsequenzen niemals selbst erleben wird, darf sich sachlich nennen.
So wird soziale Ahnungslosigkeit zum Kompetenzmerkmal.
UND NEBENBEI BEZAHLEN WIR DAS AUCH NOCH
Die Studiengebühren fließen privat. Der gesellschaftliche Wert der Einrichtung entsteht jedoch mit erheblicher öffentlicher Hilfe.
Gemeinnützige private Hochschulen können öffentliche Forschungsförderung erhalten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft lässt ausdrücklich auch private Hochschulen zu, sofern sie gemeinnützig sind und wissenschaftliche Anforderungen erfüllen. Die DFG verfügt derzeit über rund 3,9 Milliarden Euro, davon stammen 68,8 Prozent vom Bund und 30,2 Prozent von den Ländern. Die Einrichtungen verkaufen auf ihren Webseiten vor allem Karriere, Führung, Kontakte und beruflichen Aufstieg. Sobald Forschungsförderung verteilt wird, erscheinen sie wieder als Teil der öffentlich getragenen Wissenschaftslandschaft.
Hinzu kommen steuerliche Vorteile. Gemeinnützige Körperschaften können im ideellen Bereich und bei ihren Zweckbetrieben von Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer befreit sein. Wirtschaftliche Geschäftsbetriebe können steuerpflichtig bleiben, doch der Status der Gemeinnützigkeit verschafft einem privaten Bildungsträger erhebliche Privilegien. Eine Hochschule kann also mehr als 50.000 Euro für einen Abschluss verlangen und zugleich steuerrechtlich dem Gemeinwohl dienen. Das Gemeinwohl trägt offenbar inzwischen Namensschild und Businesshemd.
Dazu kommt die staatliche Anerkennung. Erst sie erlaubt privaten Hochschulen, Hochschulprüfungen abzunehmen, akademische Grade zu verleihen und Zeugnisse auszustellen. Die dort erworbenen Abschlüsse verleihen dieselben rechtlichen Berechtigungen wie Abschlüsse staatlicher Hochschulen. Der Staat liefert damit die gesellschaftliche Gültigkeit des Produkts.
Die Akkreditierung prüft, ob anerkannte wissenschaftliche Maßstäbe eingehalten werden. Sie schafft jedoch keinen identischen Prüfungsbetrieb. Auswahlverfahren, Lehrorganisation, Prüfungsordnungen, Betreuung und institutionelle Abhängigkeiten bleiben verschieden. Die private Einrichtung ist Ausbildungsanbieter, Prüfer, Titelverleiher und Empfänger der Studiengebühren in einem Haus. Am Ende versieht der Staat den Abschluss mit derselben Legitimation, die auch eine öffentliche Universität verleiht.
Das ist der elegante Teil des Modells: Der Staat garantiert den Wert des Abschlusses, fördert mögliche Forschung und gewährt bei Gemeinnützigkeit steuerliche Vorteile. Der soziale Ertrag aus Netzwerken, Karrieren und Machtzugängen bleibt bei den Absolventen und ihren späteren Arbeitgebern.
Die Allgemeinheit liefert die Infrastruktur der Anerkennung.
Die Elite behält die Rendite.
DIE REGELN KOMMEN ZURÜCK
Nach dem Abschluss verteilen sich diese Menschen auf jene Institutionen, die unser Leben organisieren. Sie beraten Regierungen, entwerfen Gesetze, führen Konzerne, schreiben Gutachten, verwalten Vermögen, entwickeln Personalstrategien und erklären in Talkshows, welche Belastungen der Bevölkerung leider alternativlos seien.
Ihre Entscheidungen wirken auf Menschen, denen sie kaum begegnen.
Sie bestimmen, wie lange andere arbeiten sollen. Wie viel Miete als zumutbar gilt. Welche Sozialleistung angeblich falsche Anreize setzt. Welche öffentliche Einrichtung geschlossen werden muss. Wie viele Beschäftigte ein Unternehmen „freisetzen“ kann. Welche medizinische Versorgung sich noch rechnet.
Sie selbst besitzen Rücklagen, Kontakte, Zusatzversicherungen, Wohneigentum und berufliche Ausweichmöglichkeiten. Die Regeln treffen sie höchstens als theoretisches Konzept.
Wir leben in den Folgen.
Sie präsentieren die PowerPoint dazu.
DIE VERACHTUNG HAT EINEN CAMPUS
Es gibt diese privaten Einrichtungen, in denen die Verachtung für den Pöbel gelehrt wird.
Sie wird als wirtschaftliche Rationalität vermittelt. Als Führungsstärke. Als strategische Distanz. Als Fähigkeit, Entscheidungen ohne störenden Blick auf die Betroffenen zu treffen.
Dort entstehen Menschen, die ihre privilegierte Perspektive für Sachverstand halten, ihre Netzwerke für Leistung und ihre Interessen für das Gemeinwohl.
Danach schreiben sie Regeln für uns, nach denen sie selbst nie leben mussten.
Und während sie uns erklären, dass der Staat sparen müsse, finanziert derselbe Staat ihre Forschung, privilegiert gemeinnützige Träger steuerlich und verleiht ihren Abschlüssen die öffentliche Gültigkeit.
Sie bekommen den Campus, das Netzwerk und den Zugang zur Macht.
Wir bekommen ihre Regeln.
Und nebenbei bezahlen wir die Quittung.
Es gibt diese privaten Einrichtungen, in denen die Verachtung für den Pöbel gelehrt wird.
Natürlich trägt kein Seminar diesen Namen. Im Vorlesungsverzeichnis stehen „Leadership“, „Strategic Management“, „Finance“, „Corporate Governance“ und „Entrepreneurship“. Die Verachtung erscheint dort auch selten als offene Feindseligkeit. Sie wird als Perspektive vermittelt.
Menschen werden zu Personalaufwand. Wohnungen werden zu Anlageprodukten. Krankenhäuser werden zu Geschäftsmodellen. Löhne erscheinen als Kosten. Kündigungen heißen Restrukturierung. Die Schließung eines Schwimmbads wird zur Haushaltskonsolidierung. Wer unter einer Entscheidung leidet, verschwindet aus der Präsentation. Übrig bleiben Kennzahlen, Zielvorgaben und eine Folie mit dem Titel „Optimierungspotenzial“.
Nach dem Studium wechseln die Absolventen in Unternehmen, Beratungen, Banken, Kanzleien, Verbände, Ministerien und politische Organisationen. Dort schreiben sie Regeln für Menschen, deren Leben sie hauptsächlich aus Statistiken, Marktanalysen und Personalberichten kennen.
Regeln, nach denen sie selbst nie leben mussten.
Der private Hochschulsektor ist groß und umfasst sehr unterschiedliche Einrichtungen. Für diesen Text interessiert sein politisch aufschlussreichster Teil: hochpreisige Business Schools und Managementhochschulen, die sich ausdrücklich als Ausbildungsstätten künftiger Führungskräfte verstehen.
Dort kostet ein Bachelor inzwischen so viel wie ein gut ausgestatteter Neuwagen. Die WHU verlangt derzeit 9.100 Euro pro Semester. Bei sechs Semestern sind das 54.600 Euro. Die EBS berechnet für ihren Bachelor in Business Studies insgesamt 54.480 Euro. An der Constructor University werden für einen Bachelor 10.000 Euro pro Semester fällig, also 60.000 Euro für die regulären sechs Semester. Unterkunft, Lebenshaltungskosten und die erwartete internationale Beweglichkeit kommen jeweils noch hinzu.
Danach lässt sich die finanzielle Leiter beliebig verlängern. Der Vollzeit-MBA der WHU kostet 49.500 Euro. Der Executive MBA der ESMT Berlin liegt bei 64.800 Euro. Das gemeinsame Executive-MBA-Programm von Kellogg und WHU verlangt 105.000 Euro. Die Hochschule weist dabei freundlich darauf hin, dass keine Umsatzsteuer anfällt. Selbst die sechsstellige Klassenfahrkarte besitzt also einen kleinen steuerlichen Trostpreis.
Für dieses Geld erhält man Lehrveranstaltungen, kleine Gruppen und akademische Abschlüsse. Der eigentliche Wert liegt jedoch woanders.
Man erhält Kontakte zu Unternehmen, Zugang zu Personalverantwortlichen, organisierte Karriereberatung, Alumni-Netzwerke, Praktika, Empfehlungen und ein soziales Umfeld, dessen Mitglieder einander später wiederbegegnen. Einer sitzt dann in einer Bank, einer in einer Unternehmensberatung, eine in einem Ministerium, ein anderer gründet einen Fonds. Man kennt sich, vertraut sich und erkennt einander als Angehörige derselben sozialen Verkehrsklasse.
Gekauft wird kein Wissen, das an einer staatlichen Universität geheim gehalten würde. Gekauft wird ein Milieu.
Die Hochschulen verweisen auf Stipendien, Gebührenerlasse, Bildungsfonds, Kredite und einkommensabhängige Rückzahlungen. Auf dem Papier entsteht dadurch ein erstaunlich demokratisches Bild: Jeder könne teilnehmen, Talent entscheide, Geld spiele am Ende kaum eine Rolle.
Das ist die übliche Verwechslung von formaler Möglichkeit und gesellschaftlicher Wirklichkeit.
Ein Kind aus einer wohlhabenden Familie erlebt 55.000 Euro als Investition. Die Eltern zahlen, übernehmen Risiken, finanzieren Auslandssemester und helfen bei Schwierigkeiten. Ein Kind aus einem Bürgergeldhaushalt kann dieselbe Summe als persönliche Wette auf seine gesamte berufliche Zukunft behandeln. Für die eine Familie ist das Studium eine Rechnung. Für die andere wäre es eine existenzielle Verschuldungsentscheidung.
Selbst ein vollständiger Gebührenerlass beseitigt die soziale Sortierung der vorherigen achtzehn Jahre nicht. Wer wird auf ein Gymnasium geschickt? Wer erhält Nachhilfe? Wer kennt die Namen dieser Hochschulen? Wer wurde auf Auswahlgespräche vorbereitet? Wer spricht bereits die Sprache, die dort als souverän und führungsstark gilt? Wer kann unbezahlte Praktika, Auslandsaufenthalte und Umzüge finanzieren? Wer hat Eltern, die erklären können, wie Netzwerke, Bewerbungen und akademische Karrieren funktionieren?
Der Bildungsbericht 2026 zeigt die Dimension dieser Vorsortierung: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien beginnen 78 ein Studium. Bei Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund sind es 25. Die soziale Auswahl beginnt also lange vor der ersten Studiengebühr.
Finanzierungsangebote machen aus einer Klasseninstitution keine offene Hochschule. Sie liefern ihr einige Gegenbeispiele, die anschließend auf Broschüren lächeln dürfen.
Der Arbeiterfamilie wird gezeigt, dass ein einzelnes Kind den Aufstieg geschafft hat. Die vermögende Familie erhält währenddessen für das dritte Kind den Zugangscode.
Das Netzwerk gilt gern als erfreulicher Nebeneffekt des Studiums. Tatsächlich bildet es einen wesentlichen Teil des Produkts.
Eine staatliche Universität kann Wissen vermitteln, Prüfungen abnehmen und Abschlüsse vergeben. Sie kann kaum garantieren, dass die Person am Nachbartisch später über Investitionen, Stellenbesetzungen oder politische Beratungsaufträge entscheidet. Genau diese soziale Verdichtung macht Elitehochschulen wertvoll.
Die Studierenden treffen dort über Jahre hinweg fast ausschließlich Menschen, die ähnliche Ziele verfolgen und eine ähnliche Vorstellung von Erfolg teilen. Sie lernen, einander als künftige Geschäftspartner, Arbeitgeber, Kapitalgeber oder Vermittler wahrzunehmen. Unternehmen treten bereits auf dem Campus auf. Alumni öffnen Türen. Karrierezentren organisieren die Verbindung zwischen Studium und Machtapparat.
Später wird dieser Kreislauf als Leistungsgesellschaft beschrieben.
Der Absolvent erhält eine Führungsposition, weil er hervorragend vernetzt ist. Sein Netzwerk gilt als persönlicher Verdienst. Die Tatsache, dass der Eintritt in dieses Netzwerk zuvor den Gegenwert eines Jahreseinkommens gekostet hat, verschwindet aus der Erfolgsgeschichte.
Am Ende glauben alle Beteiligten, sie seien aufgrund individueller Exzellenz dort angekommen. Das System liebt diese Erzählung. Ererbter Zugang klingt erheblich vornehmer, sobald man ihn „Leadership Potential“ nennt.
Niemand muss Studierenden ausdrücklich beibringen, Menschen mit geringem Einkommen zu verachten. Es genügt, ihnen über Jahre hinweg die Welt aus der Perspektive derjenigen zu erklären, die über Kapital, Unternehmen und Institutionen verfügen.
Dann werden die Probleme der Besitzenden zu Problemen der gesamten Gesellschaft.
Hohe Löhne gefährden plötzlich Arbeitsplätze. Unternehmenssteuern gefährden den Standort. Mieterschutz gefährdet Investitionen. Sozialleistungen gefährden die Leistungsbereitschaft. Vermögenssteuern gefährden Innovation. Jede Belastung der Wohlhabenden bedroht angeblich das Gemeinwesen. Jede Belastung der übrigen Bevölkerung gilt als notwendige Reform.
Diese Denkweise entsteht selten durch eine geheime Absprache. Eine Verschwörung wäre viel zu anstrengend. Es reicht, dass dieselben Menschen dieselben Modelle lernen, dieselben Veranstaltungen besuchen, dieselben Kontakte knüpfen und dieselben Interessen als ökonomische Vernunft kennenlernen.
Wer ausschließlich aus der Vorstandsetage auf die Welt blickt, hält irgendwann den Blick von oben für Objektivität.
Der Beschäftigte erscheint als Kostenstelle. Der Mieter als Renditehindernis. Der Arbeitslose als Fehlanreiz. Der Rentner als demografische Belastung. Der Kranke als Ausgabenrisiko.
Das ist Verachtung in Tabellenform.

Das ausgebildete Arschloch muss privat kein unangenehmer Mensch sein. Es kann höflich auftreten, Biolebensmittel kaufen, Diversitätsberichte unterschreiben und auf Podien von gesellschaftlicher Verantwortung sprechen.
Seine Funktion bleibt dieselbe.
Es entscheidet über Befristungen mit einem unbefristeten Vertrag. Es empfiehlt ein höheres Rentenalter mit privater Altersvorsorge. Es fordert mehr berufliche Mobilität aus einer Eigentumswohnung. Es kürzt Sozialleistungen bei einem sechsstelligen Einkommen. Es erklärt längere Arbeitswege für zumutbar und fährt anschließend mit dem Dienstwagen nach Hause.
Die Distanz zu den Folgen der eigenen Entscheidungen gilt dabei als besondere Qualifikation. Wer betroffen ist, gilt als emotional oder interessengeleitet. Wer die Konsequenzen niemals selbst erleben wird, darf sich sachlich nennen.
So wird soziale Ahnungslosigkeit zum Kompetenzmerkmal.
Die Studiengebühren fließen privat. Der gesellschaftliche Wert der Einrichtung entsteht jedoch mit erheblicher öffentlicher Hilfe.
Gemeinnützige private Hochschulen können öffentliche Forschungsförderung erhalten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft lässt ausdrücklich auch private Hochschulen zu, sofern sie gemeinnützig sind und wissenschaftliche Anforderungen erfüllen. Die DFG verfügt derzeit über rund 3,9 Milliarden Euro, davon stammen 68,8 Prozent vom Bund und 30,2 Prozent von den Ländern. Die Einrichtungen verkaufen auf ihren Webseiten vor allem Karriere, Führung, Kontakte und beruflichen Aufstieg. Sobald Forschungsförderung verteilt wird, erscheinen sie wieder als Teil der öffentlich getragenen Wissenschaftslandschaft.
Hinzu kommen steuerliche Vorteile. Gemeinnützige Körperschaften können im ideellen Bereich und bei ihren Zweckbetrieben von Körperschaftsteuer und Gewerbesteuer befreit sein. Wirtschaftliche Geschäftsbetriebe können steuerpflichtig bleiben, doch der Status der Gemeinnützigkeit verschafft einem privaten Bildungsträger erhebliche Privilegien. Eine Hochschule kann also mehr als 50.000 Euro für einen Abschluss verlangen und zugleich steuerrechtlich dem Gemeinwohl dienen. Das Gemeinwohl trägt offenbar inzwischen Namensschild und Businesshemd.
Dazu kommt die staatliche Anerkennung. Erst sie erlaubt privaten Hochschulen, Hochschulprüfungen abzunehmen, akademische Grade zu verleihen und Zeugnisse auszustellen. Die dort erworbenen Abschlüsse verleihen dieselben rechtlichen Berechtigungen wie Abschlüsse staatlicher Hochschulen. Der Staat liefert damit die gesellschaftliche Gültigkeit des Produkts.
Die Akkreditierung prüft, ob anerkannte wissenschaftliche Maßstäbe eingehalten werden. Sie schafft jedoch keinen identischen Prüfungsbetrieb. Auswahlverfahren, Lehrorganisation, Prüfungsordnungen, Betreuung und institutionelle Abhängigkeiten bleiben verschieden. Die private Einrichtung ist Ausbildungsanbieter, Prüfer, Titelverleiher und Empfänger der Studiengebühren in einem Haus. Am Ende versieht der Staat den Abschluss mit derselben Legitimation, die auch eine öffentliche Universität verleiht.
Das ist der elegante Teil des Modells: Der Staat garantiert den Wert des Abschlusses, fördert mögliche Forschung und gewährt bei Gemeinnützigkeit steuerliche Vorteile. Der soziale Ertrag aus Netzwerken, Karrieren und Machtzugängen bleibt bei den Absolventen und ihren späteren Arbeitgebern.
Die Allgemeinheit liefert die Infrastruktur der Anerkennung.
Die Elite behält die Rendite.
Nach dem Abschluss verteilen sich diese Menschen auf jene Institutionen, die unser Leben organisieren. Sie beraten Regierungen, entwerfen Gesetze, führen Konzerne, schreiben Gutachten, verwalten Vermögen, entwickeln Personalstrategien und erklären in Talkshows, welche Belastungen der Bevölkerung leider alternativlos seien.
Ihre Entscheidungen wirken auf Menschen, denen sie kaum begegnen.
Sie bestimmen, wie lange andere arbeiten sollen. Wie viel Miete als zumutbar gilt. Welche Sozialleistung angeblich falsche Anreize setzt. Welche öffentliche Einrichtung geschlossen werden muss. Wie viele Beschäftigte ein Unternehmen „freisetzen“ kann. Welche medizinische Versorgung sich noch rechnet.
Sie selbst besitzen Rücklagen, Kontakte, Zusatzversicherungen, Wohneigentum und berufliche Ausweichmöglichkeiten. Die Regeln treffen sie höchstens als theoretisches Konzept.
Wir leben in den Folgen.
Sie präsentieren die PowerPoint dazu.
Es gibt diese privaten Einrichtungen, in denen die Verachtung für den Pöbel gelehrt wird.
Sie wird als wirtschaftliche Rationalität vermittelt. Als Führungsstärke. Als strategische Distanz. Als Fähigkeit, Entscheidungen ohne störenden Blick auf die Betroffenen zu treffen.
Dort entstehen Menschen, die ihre privilegierte Perspektive für Sachverstand halten, ihre Netzwerke für Leistung und ihre Interessen für das Gemeinwohl.
Danach schreiben sie Regeln für uns, nach denen sie selbst nie leben mussten.
Und während sie uns erklären, dass der Staat sparen müsse, finanziert derselbe Staat ihre Forschung, privilegiert gemeinnützige Träger steuerlich und verleiht ihren Abschlüssen die öffentliche Gültigkeit.
Sie bekommen den Campus, das Netzwerk und den Zugang zur Macht.
Wir bekommen ihre Regeln.
Und nebenbei bezahlen wir die Quittung.
