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Die Nichtwähler

Die AfD muss nicht mehr Wähler gewinnen. Es reicht, wenn die anderen zu Hause bleiben.

Am 6. September wird in Sachsen-Anhalt gewählt. Die AfD liegt wenige Wochen vorher in den Umfragen zwischen 41 und 43 Prozent. Und wie immer richtet sich der Blick sofort auf ihre Wähler. Warum wählen sie AfD? Wie bekommt man sie zurück? Welche Sorgen muss man ernster nehmen, welche Sprache verändern, welche Politik anbieten?

Seit Jahren beschäftigen wir uns mit der faszinierenden Frage, wie man Menschen umstimmt, die inzwischen ziemlich genau wissen, was sie wählen und warum sie es wählen. Sicher wird es auch dort Wechselwähler geben. Vielleicht drei Prozent, vielleicht fünf, vielleicht weniger. Nur liegt daneben eine Gruppe, die erheblich größer ist und deren Verhalten ein Wahlergebnis ebenfalls massiv verändern kann. Eine Gruppe, über die meistens erst am Wahlabend gesprochen wird, wenn irgendein Moderator auf eine Grafik zeigt und bedauernd feststellt, dass die Wahlbeteiligung wieder einmal niedrig war: die Nichtwähler.

Bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt waren 1.788.930 Menschen wahlberechtigt. 1.079.045 nahmen teil. Die Wahlbeteiligung lag bei 60,3 Prozent. Fast 710.000 Menschen gingen überhaupt nicht wählen. 39,7 Prozent aller Wahlberechtigten. Das ist keine kleine politische Randerscheinung. Vier von zehn Wahlberechtigten verschwanden aus der Entscheidung darüber, wie ihr Land regiert wird.

Nichtwähler sind dabei keine einheitliche Masse. Die Wahlforschung kennt seit Jahrzehnten sehr unterschiedliche Gründe für Wahlenthaltung. Für diesen Artikel lassen sie sich grob in vier Gruppen teilen. Diese Gruppen überschneiden sich natürlich. Einer kann gleichzeitig enttäuscht, desinteressiert und am Wahltag verhindert sein. Trotzdem hilft die Einteilung, weil hinter denselben zwei Worten, „nicht gewählt“, völlig unterschiedliche Geschichten stehen.

DIE VERHINDERTEN

Wenn Demokratie Hilfe braucht

Da sind zuerst Menschen, die tatsächlich Schwierigkeiten haben, überhaupt an einer Wahl teilzunehmen. Schwer kranke Menschen, Menschen mit Behinderungen, isoliert lebende Menschen, Menschen, die Unterstützung benötigen, um ihre Wahlunterlagen zu verstehen, zu beantragen oder auszufüllen. Für viele davon gibt es längst Möglichkeiten. Auch in Sachsen-Anhalt kann per Brief gewählt werden, und wer wegen einer Behinderung bei der Stimmabgabe Hilfe benötigt, darf eine andere Person hinzuziehen.

Wenn ein Mensch wählen möchte und es ohne Hilfe nicht schafft, sollte unsere erste Frage nicht lauten, warum er nicht gewählt hat. Die Frage lautet, warum ihm niemand geholfen hat. Wo waren Angehörige, Betreuung, soziale Dienste, Einrichtungen, Behindertenbeauftragte, Pflege, Behörden und all die gesellschaftlichen Strukturen, die wir aufgebaut haben, damit Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können?

Eine Demokratie kann nicht alle paar Jahre erklären, jede Stimme sei wichtig, und anschließend bei den Menschen mit dem größten Unterstützungsbedarf darauf warten, dass sie sich schon irgendwie selbst organisieren. Wer körperlich nicht ins Wahllokal kommt, bekommt Briefwahl. Wer Hilfe braucht, muss diese Hilfe erreichen können. Wer so isoliert lebt, dass selbst das scheitert, hat ein größeres Problem als fehlendes staatsbürgerliches Pflichtgefühl. Dann hat die Gesellschaft jemanden verloren. Hier muss politische Teilhabe beginnen: Menschen überhaupt wieder erreichen.

DIE RESIGNIERTEN

„Es ändert sich doch sowieso nichts“

Dann gibt es die Resignierten. „Es ändert sich doch sowieso nichts.“ Dieser Satz klingt nach Rückzug, nach Wirkungslosigkeit, nach einer Entscheidung gegen das ganze Theater. Tatsächlich besitzt er Wirkung. Nur bestimmt derjenige, der ihn sagt, anschließend nicht mehr, wohin diese Wirkung geht.

Wer also sagt, „Es ändert sich doch sowieso nichts“, dem würde ich inzwischen eine andere Frage stellen. Stell dir die schlimmste politische Dystopie vor, die du dir vorstellen kannst. Eine Regierung, unter der du auf keinen Fall leben willst. Gesetze, die du unerträglich findest. Eine Gesellschaft, vor der dir graut. Menschen an der Macht, denen du möglichst wenig Macht geben möchtest. Fertig? Dann wähl dagegen. Du musst keine Partei lieben. Du musst kein Wahlprogramm unter das Kopfkissen legen und keinen Spitzenkandidaten für die Wiedergeburt politischer Vernunft halten. Vielleicht ist deine Wahl nur das kleinere Übel. Willkommen in der Erwachsenenwelt. Wir treffen dort ständig Entscheidungen zwischen unvollkommenen Möglichkeiten. Wer eine bestimmte Zukunft unbedingt verhindern möchte, besitzt mit seiner Stimme wenigstens ein Werkzeug dafür.

DIE GLEICHGÜLTIGEN

Politik interessiert sich trotzdem für dich

Die dritte Gruppe sind die Gleichgültigen und Bequemen. „Mir doch egal.“ Keine Lust. Keine Zeit. Politik interessiert mich nicht. Sonntag ist schöner ohne Wahllokal. Auch diese Haltung hat ihre ganz eigene Komik, denn Politik interessiert sich hartnäckig für Menschen, die sich nicht für Politik interessieren.

Man darf selbstverständlich sagen, dass einem das alles egal ist. Nur endet die Gleichgültigkeit häufig erstaunlich abrupt, sobald die beschlossene Politik im eigenen Leben auftaucht. Dann ist plötzlich die Kita betroffen, die Schule des Kindes, die Busverbindung, das Krankenhaus, die Grundsteuer, der Arbeitsplatz, die Straße vor dem Haus oder irgendein Recht, von dem man bis gestern nicht wusste, dass Parlamente darüber entscheiden.

Wer freiwillig auf seine Stimme verzichtet, überlässt diese Entscheidungen den Menschen, denen sie offensichtlich nicht egal sind.

DIE PROTESTNICHTWÄHLER

Ein Protest, den niemand sehen kann

Bleiben die Protestnichtwähler. Die sagen: „Ich gehe bewusst nicht wählen. Das ist mein Protest.“ Nein. Das ist vor allem eine sehr private Form des Protests. Niemand sieht sie. Niemand kann sie zählen. Niemand weiß am Wahlabend, ob jemand aus Protest zu Hause blieb, die Wahl vergessen hat, kein Interesse hatte, erkrankt war oder beschlossen hatte, dass der Rasen dringend Aufmerksamkeit benötigt. In der Statistik steht lediglich: nicht teilgenommen. Die große politische Botschaft wurde damit ungefähr so wirkungsvoll zugestellt wie ein Protestbrief, den man geschrieben, sorgfältig gefaltet und anschließend in der eigenen Schreibtischschublade abgelegt hat. Der Absender fühlt sich möglicherweise ausgesprochen konsequent. Beim Empfänger herrscht bemerkenswerte Ruhe.

Wer unbedingt keine der angebotenen Parteien wählen möchte und seinen Protest sichtbar machen will, kann wenigstens zur Wahl gehen und seinen Stimmzettel bewusst ungültig abgeben. Für die Sitzverteilung hilft das ebenfalls keiner demokratischen Partei, denn maßgeblich sind die gültigen Stimmen. Als Protest wäre es wenigstens messbar. Stellen wir uns eine Wahl mit 18 Prozent ungültigen Stimmen vor. Achtzehn Prozent der Menschen gehen zum Wahllokal, weisen sich aus, nehmen den Stimmzettel und verweigern bewusst jeder Partei ihre Stimme. Das wäre am Wahlabend eine politische Nachricht. Darüber würden Parteien, Medien und Politikwissenschaft diskutieren. Achtzehn Prozent zusätzliche Nichtwähler ergeben dagegen nur eine niedrigere Wahlbeteiligung und anschließend das traditionelle Rätselraten darüber, weshalb die Leute wohl nicht gekommen sind. Protest braucht einen Adressaten. Unsichtbarkeit ist dafür eine eher experimentelle Kommunikationsstrategie.

VIELLEICHT SCHAUEN WIR AUF DIE FALSCHEN

Warum kümmern wir uns so wenig darum, diese Menschen wieder in die Wahl zu holen? Bei der Landtagswahl 2021 fehlten 39,7 Prozent der Wahlberechtigten. Gleichzeitig beschäftigen sich Politik und Medien seit Jahren intensiv mit der Frage, wie AfD-Wähler zurückgewonnen werden könnten. Vielleicht gelingt das bei einem kleinen Teil. Ich würde darauf keine demokratische Überlebensstrategie aufbauen. Wer heute fest davon überzeugt ist, AfD zu wählen, dürfte durch den nächsten Appell an Vernunft, Zusammenhalt oder bessere Politik nur begrenzt erschüttert werden. Bei den Nichtwählern wissen wir dagegen schon deshalb, dass viele mobilisierbar sind, weil Wahlbeteiligung keine Naturkonstante ist. Sie schwankt erheblich zwischen verschiedenen Wahlen.

DIE AFD MUSS DAFÜR KEINE EINZIGE STIMME VERLIEREN

Wer nicht wählt, macht seine politische Existenz am Wahlabend nicht neutral. Er entfernt seine Stimme aus dem Verhältnis der abgegebenen Stimmen. Alle, die wählen gehen, erhalten dadurch relativ mehr Gewicht. Der Resignierte oder Gleichgültige glaubt, sein Kreuz würde nichts verändern bzw. es ist ihm egal, und verändert durch sein fehlendes Kreuz trotzdem das Ergebnis. Schweigen bleibt Kommunikation. Abwesenheit bleibt Verhalten. Auch ein leerer Platz am Wahltag hat mathematische Konsequenzen.

Betrachten wir das einmal mathematisch: Nehmen wir zur Illustration die Wahlbeteiligung von 2021 mit 60,3 Prozent und setzen die AfD dort bei 43 Prozent an. Die AfD gewinnt von diesem Moment an keinen einzigen Menschen mehr. Ihre Zahl an Wählern bleibt exakt gleich. Steigt die Wahlbeteiligung durch zusätzliche Stimmen für andere Parteien auf 65 Prozent, sinkt ihr Anteil rechnerisch auf rund 39,9 Prozent. Bei 70 Prozent Wahlbeteiligung wären es etwa 37 Prozent, bei 75 Prozent rund 34,6 Prozent und bei 80 Prozent noch etwa 32,4 Prozent. Das ist keine Prognose, es ist eine Rechenübung. Sie zeigt allerdings einen politischen Mechanismus, über den wir erstaunlich selten reden: Eine Partei kann deutlich schwächer werden, ohne einen einzigen ihrer Wähler zu verlieren.

Die Nichtwähler sind dabei keineswegs automatisch das Gegenlager der AfD. Auch die AfD kann sie mobilisieren, und bei der Bundestagswahl 2025 hat sie genau das erfolgreich getan. Wer Nichtwähler einfach nur irgendwie zur Wahl bringt, hat deshalb noch nichts gewonnen. Entscheidend ist, jene Menschen zu erreichen, die keine rechtsextreme Politik wollen, aber aus Resignation, Gleichgültigkeit oder fehlender gesellschaftlicher Anbindung trotzdem zu Hause bleiben. Sie sind unsere eigentliche Reserve. Und wenn wir sie nicht erreichen, wird es jemand anderes tun.

Der Kampf um die Nichtwähler läuft bereits. Die AfD hat nur früher verstanden, dass sie dort Wähler finden kann.

Die Nichtwähler sind dabei keineswegs automatisch das Gegenlager der AfD. Auch die AfD kann sie mobilisieren, und bei der Bundestagswahl 2025 hat sie genau das erfolgreich getan. Wer Nichtwähler einfach nur irgendwie zur Wahl bringt, hat deshalb noch nichts gewonnen. Entscheidend ist, jene Menschen zu erreichen, die keine rechtsextreme Politik wollen, aber aus Resignation, Gleichgültigkeit oder fehlender gesellschaftlicher Anbindung trotzdem zu Hause bleiben. Sie sind unsere eigentliche Reserve. Und wenn wir sie nicht erreichen, wird es jemand anderes tun.

Der Kampf um die Nichtwähler läuft bereits. Die AfD hat nur früher verstanden, dass sie dort Wähler finden kann.

UNSERE BESTEN CHANCEN

Wir müssen den überzeugten AfD-Wähler nicht erst in langen Gesprächen von einer völlig anderen politischen Welt überzeugen. Wir sollten uns viel stärker um die Menschen kümmern, die gar nicht wählen. Die Kranken und Isolierten erreichen. Den Resignierten zeigen, dass ihre Abwesenheit sehr wohl etwas verändert. Den Gleichgültigen erklären, dass auch sie am Montag nach der Wahl in derselben Gesellschaft aufwachen. Den Protestierenden zeigen, dass ein Protest wenigstens sichtbar werden sollte. Politische Bildung, soziale Arbeit, direkte Ansprache, Briefwahlhilfe, barrierefreie Informationen, Gespräche im Alltag und eine Politik, die Menschen überhaupt wieder vermittelt, dass ihre Beteiligung erwünscht ist. Das klingt weniger spektakulär als die große Rückeroberung verlorener Wählerschichten. Vermutlich ist es gerade deshalb erfolgversprechender.

Die AfD muss für 43 Prozent nicht zwingend immer mehr Menschen überzeugen. Sie kann auch davon profitieren, dass genügend andere Menschen ihre Stimme zu Hause lassen. Deshalb könnte unsere wirksamste Antwort ebenfalls ganz ohne die Bekehrung überzeugter AfD-Wähler funktionieren. Wir müssen dafür sorgen, dass mehr von denen wählen, die diese politische Zukunft nicht wollen.

Manchmal muss man dem Gegner keine Stimmen wegnehmen.

Man muss nur aufhören, ihm die eigenen fehlen zu lassen.