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Das Gehirn war mal eine gute Idee

47 Jahre Musikgeschichte. Eine Flasche Ketchup. Ein neurologischer Totalschaden.

Meine Tochter möchte Pommes.

Das ist zunächst kein außergewöhnlicher Vorgang. Kinder möchten Pommes. Erwachsene möchten ihre Ruhe. Beides sind legitime Bedürfnisse, wobei nur eines davon regelmäßig erfüllt wird.

Ich frage, ob sie Ketchup dazu möchte.

Ein Fehler.

Irgendwo in meinem Kopf geht eine Tür auf, hinter der seit 24 Jahren drei Spanierinnen auf ihren Auftritt warten. Sie haben offenbar weder gealtert noch ihre Instrumente abgegeben. Ohne Vorwarnung beginnen sie zu singen.

Aserejé, ja, dejé
Dejebe tu dejebere seibiunouva
Majavi an de bugui an de buididipi.

Ich stehe in der Küche und starre auf eine Flasche Ketchup.

Mein Gehirn, dieses ungefähr anderthalb Kilogramm schwere Wunderwerk der Evolution, hat beschlossen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Ich habe es weder darum gebeten noch ihm irgendeinen Anlass gegeben, der über die Erwähnung einer handelsüblichen Tomatensoße hinausgeht.

Es ist beeindruckend, wie wenig Mitspracherecht man im eigenen Kopf besitzt.

Ich versuche, an etwas anderes zu denken. An meine Arbeit. An Rechnungen. An die Frage, ob die Menschheit ihre Existenz eigentlich rechtfertigen kann. Normalerweise findet mein Gehirn gerade die letzte Frage ausgesprochen unterhaltsam.

Heute nicht.

Aserejé, ja, dejé. Dejebe tu dejebere? Fragt mein Gehirn.

Ich beginne nachzuforschen. Wenn mich mein Gehirn schon gegen meinen Willen mit Musik beschallt, möchte ich wenigstens wissen, was die Damen da seit einer Viertelstunde von mir verlangen.

Die Antwort ist ernüchternd.

Drei Spanierinnen, 2002, ein Refrain, der klingt, als hätte jemand eine Fremdsprache rückwärts durch einen Mixer gejagt. Sie verlangen überhaupt nichts. Sie singen nicht einmal vernünftige Wörter. Der Refrain von „Aserejé“ ist eine lautmalerisch verhunzte Version des Anfangs von „Rapper’s Delight“ von der Sugarhill Gang aus dem Jahr 1979.

Die Geschichte im Lied: Ein Typ namens Diego kommt in eine Disco. Sein Lieblingslied läuft, er versucht begeistert, den englischen Rap mitzurappen. Dummerweise kann er kein Englisch. „Aserejé“ ist also gewissermaßen Englisch, das durch einen spanischen Gehörgang gefallen und mit einem Schädel-Hirn-Trauma wieder herausgekommen ist.

Er singt also irgendwelche Silben. Die Welt singt mit.

Millionen Menschen lernen einen Text auswendig, der überhaupt keiner ist. Sie üben die Aussprache von Wörtern, die nicht existieren, und freuen sich, wenn sie dabei keinen Fehler machen.

Man muss die Menschheit gelegentlich dafür bewundern, mit welcher Konsequenz sie jede kulturelle Errungenschaft irgendwann in etwas verwandelt, zu dem betrunkene Menschen auf Dorffesten synchron die Arme bewegen können.

Das muss man erst einmal schaffen.

Ich selbst habe 2002 vermutlich auch mitgesungen. Ich erinnere mich nicht daran. Mein Gehirn hingegen erinnert sich offenbar an jede einzelne Silbe.

Es vergisst, weshalb ich in den Keller gehe. Es vergisst Namen, Termine und gelegentlich den Gedanken, den ich vor drei Sekunden noch für ausgesprochen brillant halte. Aber einen spanischen Nonsens-Refrain aus dem Jahr 2002 bewahrt es auf wie ein Staatsgeheimnis.

24 Jahre lang.

Ohne Datenverlust.

Ohne Qualitätsminderung.

Ohne die geringste Rücksicht auf seinen Besitzer.

Ich frage mich, wie viel Speicherplatz für diesen Unsinn reserviert ist. Vielleicht ist genau dort die Telefonnummer verschwunden, die ich gestern dringend gebraucht habe. Vielleicht musste eine wichtige Kindheitserinnerung weichen, damit Diego auch im Jahr 2026 noch seinen Auftritt bekommt.

Die Vorstellung ist unangenehm plausibel.

Ein Gehirn ist ein hoch entwickelter Supercomputer. Auf meinem läuft ausschließlich ein Bildschirmschoner.

Mit spanischer Hintergrundmusik.

Die menschliche Assoziationskette. Millionen Jahre Evolution, damit ein Vater bei der Frage nach einer Tomatensoße drei Spanierinnen im Kopf tanzen hat.

Ich versuche erneut, das Lied loszuwerden. Vergeblich.

Majavi an de bugui an de buididipi. Aserejé, ja, dejé! Sagt die kleine Stimme grinsend in meinem Kopf.

Die drei Damen haben sich häuslich eingerichtet. Vermutlich gibt es inzwischen einen Tourmanager, eine Cateringfirma und einen mehrjährigen Mietvertrag.

Irgendwo zwischen meinen Gedanken steht Diego an seinem DJ-Pult und weigert sich, Feierabend zu machen.

Ich kann ihnen nicht einmal böse sein. Sie machen schließlich nur ihren Job.

Das eigentliche Problem sitzt zwischen meinen Ohren und hält sich für unverzichtbar.

Dabei zeigt dieser Vorfall recht eindrucksvoll, wie wenig Kontrolle ich über das Organ besitze, das angeblich meine Persönlichkeit ausmacht. Ich kann Entscheidungen treffen, Argumente abwägen, komplexe Zusammenhänge erkennen. Aber ich kann nicht verhindern, dass mein eigener Kopf gegen meinen ausdrücklichen Willen ein Lied abspielt, das aus falsch verstandenem Englisch besteht.

Der freie Wille ist offenbar ein wunderbares Konzept, solange niemand Ketchup erwähnt.

Meine Tochter isst inzwischen ihre Pommes.

Für sie ist die Angelegenheit erledigt. Sie hat Hunger, bekommt Essen und widmet sich anschließend wichtigeren Dingen. Ein beneidenswert effizientes System.

Ich dagegen stehe noch immer in der Küche und höre drei Spanierinnen, die einen amerikanischen Rapper imitieren, der vor 47 Jahren einen Song veröffentlicht hat.

47 Jahre Musikgeschichte. Für eine Portion Pommes.

Die Menschheit ist ein faszinierender Betriebsunfall

Und mein Gehirn hat jetzt eine spanische Dauerkarte.

Ich habe meine Tochter inzwischen gefragt, ob sie Mayonnaise möchte. Sicher ist sicher. Ich weiß nicht, was passiert, wenn mein Gehirn auch noch anfängt, französische Chansons auszugraben.

Manche Texte kann man schreiben. Andere muss man lange genug mit sich herumschleppen, bis sie anfangen, zurückzustarren.