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Brauchen wir noch PRIDE?

Jedes Jahr im Sommer starten weltweit die Pride-Veranstaltungen. Pride hat mittlerweile den Begriff CSD fast vollständig verdrängt. CSD, der Christopher Street Day, erinnert an den Aufstand queerer Menschen gegen Polizeigewalt und Diskriminierung in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 im Stonewall Inn in der Christopher Street in New York.

Zu dieser Zeit war Homosexualität in vielen Teilen der USA illegal. Im Bundesstaat New York waren gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen ebenfalls strafbar. Die Polizei führte regelmäßig Razzien in Einrichtungen durch, die von queeren Menschen besucht wurden. Besonders betroffen waren Dragqueens, trans* Menschen, People of Color und andere mehrfach marginalisierte Gruppen.

Doch in dieser Nacht wehrten sich die Menschen massiv gegen diese willkürlichen Polizeikontrollen, und es kam zu tagelangen Auseinandersetzungen zwischen queeren Menschen und der Polizei. Stonewall war ein Wendepunkt der queeren Emanzipationsbewegung. Der erste Pride-Marsch fand allerdings erst ein Jahr später, 1970, statt.

Die erste Demonstration homosexueller Menschen in Deutschland fand am 29. April 1972 in Münster statt (allerdings noch nicht unter dem Namen CSD). Rund 200 Menschen gingen damals auf die Straße, um gegen ihre gesellschaftliche Ächtung und Diskriminierung zu protestieren.

1979 folgten dann in mehreren deutschen Städten die ersten Veranstaltungen in Erinnerung an Stonewall. In Bremen, Köln und Berlin wurde am 30. Juni demonstriert und gefeiert. Die Veranstaltungen trugen allerdings noch unterschiedliche Namen. In Berlin etablierte sich der Name Christopher Street Day.

Zu diesem Zeitpunkt ging es vor allem um Sichtbarkeit und Selbstbewusstsein. Das bedeutete allerdings nicht, dass es keine politischen Forderungen gab. Ganz im Gegenteil: Die Abschaffung des § 175 StGB war eine der zentralen Forderungen der damaligen Schwulenbewegung. Der zehnte Jahrestag von Stonewall bot die Gelegenheit, diese Forderungen wieder stärker in die Öffentlichkeit zu tragen.

Aus dem CSD entwickelte sich ein emanzipatorisches Selbstbewusstsein, und man forderte die queere Community auf, stolz (also Pride) auf ihre sexuelle und geschlechtliche Identität zu sein. Wie häufig bei Anglizismen (keine Kritik!) etablierte sich der Begriff Pride im Laufe der Zeit gegenüber CSD. Er ist griffiger, weniger sperrig.

Besonders in den 90er- und 00er-Jahren rückten politische Forderungen weiter in den Vordergrund. Sichtbarkeit wurde nachträglich durch prominente Persönlichkeiten geschaffen. Hape Kerkeling, Hella von Sinnen, Dirk Bach, Alfred Biolek … Beliebte Menschen hatten ihr Coming-out (oder wurden geoutet – auch hierzu kommt noch ein Artikel). Einige freiwillig, andere unfreiwillig. Die Akzeptanz in der Bevölkerung stieg.

Die Schatten der brutalen 80er-Jahre mit der AIDS-Krise und den Rechtsextremen, die das „Schwuleklatschen“ zu ihrem Hobby gemacht hatten, verblassten langsam. Und die Politik wurde auf unsere Forderungen aufmerksam.

Am 11. Juni 1994 wurde der § 175 StGB im wiedervereinigten Deutschland vollständig abgeschafft. Seit 1872 hatte er in Deutschland sexuelle Handlungen zwischen Personen männlichen Geschlechts unter Strafe gestellt. In der Bundesrepublik war er allerdings bereits 1969 und 1973 reformiert worden. Einvernehmliche sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern waren seit 1969 nicht mehr strafbar. Bis 1994 bestanden jedoch weiterhin unterschiedliche Schutzaltersgrenzen.

Von der eingetragenen Lebenspartnerschaft über die Ehe für alle bis hin zum Selbstbestimmungsgesetz haben wir mittlerweile auch eine gesetzliche Grundlage, die es Menschen erleichtert, ihren rechtlichen Geschlechtseintrag dem tatsächlichen Geschlecht anzupassen und nicht dem bei der Geburt zugewiesenen.

Rechtlich haben wir in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern enorme Fortschritte erzielt. Viele frühere gesetzliche Diskriminierungen wurden beseitigt. Von einer vollständigen rechtlichen Gleichstellung queerer Menschen kann allerdings noch immer keine Rede sein.

Gesellschaftlich leben wir immer noch mit Ablehnung, Diskriminierung und Gewalterfahrungen. Die Zahlen der registrierten Straftaten gegen queere Menschen steigen seit Jahren – auch in Deutschland. Und wir? Wir feiern. Wir feiern die erreichten Rechte und schauen dabei zu oder weg, wie sich die Gesellschaft, gerade in Europa, dem wachsenden Rechtsruck beugt und sich langsam verändert.

Wir feiern unsere Sichtbarkeit in bunten Kostümen. Wir feiern … Was eigentlich? Wir feiern, dass wir feiern dürfen. Aber ist das genug? Sind wir als Community so egoistisch geworden, dass wir nur noch uns selbst sehen und übersehen, wie die Gesellschaft gerade einen stetigen, langsamen Wandel vollzieht?

Ich war vor ein paar Tagen in einem Café, und am Nebentisch saß ein relativ junges schwules Paar. Einer der beiden war feminin, hatte lange Fingernägel, war geschminkt und trug Kleidung, die gemeinhin als Frauenkleidung deklariert wird. Sie hielten Händchen, sie küssten sich – völlig unbehelligt. Und mir stellte sich die Frage, ob die beiden wissen, wie privilegiert sie sind.

Wissen sie, dass Menschen wie ich dafür gekämpft haben, dass sie unbehelligt ihre Zuneigung zeigen dürfen? Nicht falsch verstehen: Es geht nicht um Dankbarkeit. Es geht um Geschichte. Es geht um das, wofür die CSDs in Deutschland ursprünglich standen: Sichtbarkeit. Sichtbarkeit für diejenigen, die für diese Rechte gekämpft haben.

Ich bin froh zu sehen, dass queere Menschen friedlich feiern können. Aber wieso sind wir dabei so blind für unsere eigene Geschichte geworden? Und noch viel schlimmer: so blind für die Welt?

Jedes Jahr gibt es eine Schweigeminute für die an HIV/AIDS verstorbenen Menschen. Gute Sache. Ich hatte einmal mit Veranstaltern gesprochen und vorgeschlagen, dass wir vielleicht auch eine Schweigeminute für alle ermordeten Mitglieder unserer Community abhalten sollten. Für schwule Männer, die im Iran gehängt werden, für trans* Menschen in Brasilien, die aufgrund gesellschaftlicher Ausgrenzung häufig in prekäre Lebenssituationen und teilweise in die Sexarbeit gedrängt werden und dort besonders gefährdet sind – ohne Lobby.

Diese Menschen sind Teil unserer Community. Wir feiern uns und vergessen sie. Wieso haben wir immer noch so viele Vorbehalte gegenüber bisexuellen Menschen? Gerade und besonders in der schwulen Community werden bisexuelle Männer als irgendwie nicht „vollständige Männer“ angesehen. Sollten wir es nicht besser wissen? Wo bleibt die Sichtbarkeit für diese Gruppen?

Die Frage, die sich mir stellt, ist weniger die, ob wir noch Pride brauchen. Ja, brauchen wir. Die Frage ist, wie wir Pride zukünftig gestalten wollen.

Wie feiern wir queere Menschen, die migrantisch sind, die Schwarz sind, die jüdisch sind, die muslimisch sind? Wo bleibt ihre Sichtbarkeit? Diese Identitäten bleiben häufig verborgen, werden übersehen oder in den Hintergrund gedrängt. Dabei sind auch sie Teil unserer Community. Sollten wir ihnen nicht ebenfalls Raum geben? Sollten wir nicht auch für ihre Sichtbarkeit kämpfen?

Wollen wir uns weiterhin selbst feiern? Unbedingt.

Müssen wir anfangen, auch an die vergessenen Mitglieder unserer Community zu denken und nun für sie zu kämpfen? Ja.

Mo hat auf diesen Beitrag reagiert.
Mo