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Wer warst du nochmal?

Vorhin ist mir ein altes Adressbüchlein in die Hände gefallen. Orange, ziemlich abgenutzt. Neugierig blättere ich es durch, bei manchen Namen halte ich inne und überlege. Einige sagen mir nichts mehr. Bei anderen bin ich erstaunt, dass ich eine Telefonnummer hatte. Soweit ich mich entsinnen kann, habe ich nie dort angerufen. Vermutlich aufgeschrieben für irgendeinen Notfall, der nie eingetreten ist.

Bei einigen Nummern nicke ich, stimmt, daran kann ich mich erinnern. Die konnte ich mal auswendig, wie diese hier, die Nummer meines Ex-Mannes, die war so schön eingängig. Die  damalige Freundin meines Ältesten, die Adresse, unter der sie damals zusammengelebt haben. Eine „Petra“ – welche von den vielen Petras, die ich kenne, könnte das sein? Die Vorwahl ist Cottbus, also meine ehemalige Schwägerin. Wir haben noch Kontakt, aber sehr lose.

Mein Onkel, meine Eltern und meine Schwester, meine Freundin Franzi - alle längst tot.  Bei manchen Namen werde ich wehmütig, bei anderen meldet sich das schlechte Gewissen. Irgendwann ist der Kontakt abgebrochen, und ich habe viele Jahre nicht mehr an diese Leute gedacht.

Eine Schulsozialarbeiterin. Die ehemalige Arbeitsstelle meines Jüngsten, ein Kindergarten. Micha und Jürgen, das waren Kollegen meines Mannes. Huch – und in den Typen war ich mal verliebt… Lange her.

 

Es sind nur noch wenige, zu denen ich heute noch Kontakt habe. So viele Menschen, die mir mal so wichtig waren, dass ich ihre Telefonnummern und teilweise auch die Adressen notiert habe. Menschen aus einem anderen Leben. Fast 60 Kontaktdaten, davon sind etwa 80 Prozent obsolet. Auch ich stehe vielleicht in dem einen oder anderen Notizbüchlein, vielleicht überlegt der Besitzer ebenfalls bei meinem Namen, wohin er oder sie mich „stecken soll“. So, wie in meinem Leben so mancher nur eine begrenzte Rolle gespielt hat, spiele ich im Leben anderer ebenfalls keine Rolle mehr.

 

Wir kommen und gehen, finden und verlieren Freunde, Nachbarn, Kollegen oder auch Partner. Manche Bande halten viele Jahre, und zerreißen kann sie nur der Tod. Manchmal verschieben sich aber auch unsere Prioritäten, wir wechseln die Arbeitsstelle, den Partner, neue Menschen treten in unser Leben, andere verschwinden, leise und unbemerkt oder mit lautem Knall. Oft gilt: "aus den Augen, aus dem Sinn". Eigentlich ist es heutzutage so einfach, in Kontakt zu bleiben, fast alle haben Handys und mindestens einen oder sogar mehrere Messenger installiert. Man könnte so einfach in Verbindung bleiben.  Doch irgendwie ist es komisch: Früher habe ich viel leichter mal das Telefon in die Hand genommen und jemanden angerufen. Heute? Och nö, ich könnte ja stören. Ich schreib lieber ne Nachricht. Zum Telefonieren macht man regelrecht Dates aus, nur selten erhalte ich „einfach so“ einen Anruf.

Viel zu viele Kontakte brechen ab, weil man sich aus irgendeinem Grund scheut, sich nach längerer Zeit mal wieder zu melden. Ich würde ja, aber ich trau mich nicht. Was, wenn der- oder diejenige sauer ist? Meist ist es nicht so, aber irgendwie schiebt man es vor sich her. Morgen, nächste Woche oder gleich nächsten Monat, da hat er oder sie Geburtstag, da hat man gleich ein „Bewerbchen“, wie meine Mutter es genannt hätte. Man gratuliert, das Geburtstagskind bedankt sich, das war’s mal wieder. Bis zum nächsten Jahr.

Es kann allerdings auch passieren, dass man den Mut fasst, und feststellen muss, dass man sich nicht mehr allzu viel zu sagen hat. Im Lauf der Zeit werden die Berührungspunkte immer weniger, jeder lebt sein eigenes Leben, in dem der jeweils andere keinen Platz mehr hat. Darauf wieder aufzubauen, kostet Zeit und Kraft. Freundschaften, Beziehungen sind Arbeit. Kontakt pflegen, auf dem Laufenden bleiben. Und manchmal lohnt es sich, den Mut aufzubringen, um sie wieder aufleben zu lassen.

Ruf doch mal an!