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Über dich, nicht mit dir: Warum wir lieber lästern als reden

Eine Band hat dem Thema mal einen Ohrwurm gewidmet: Knatsch, Tratsch und das Gerede hinter dem Rücken. Die Frage dahinter ist unbequemer, als der Song klingt. Warum reden wir über Menschen, statt mit ihnen zu reden? Und warum fühlt sich das auch noch so gut an?

Fast jeder kennt das. Man sitzt irgendwo, und plötzlich fällt ein Satz, der mit „Hast du schon gehört …“ beginnt. Man weiß genau, dass man das eigentlich nicht hören will. Und dann hört man trotzdem sehr aufmerksam zu.

Wir tun gern so, als sei Tratsch ein Charakterfehler der anderen. Die Psychologie sieht das nüchterner und, ich warne gleich vor, auch etwas unbequemer für uns alle. Tratsch gehört zu den ältesten sozialen Fähigkeiten des Menschen. Er hat Gruppen zusammengehalten, Regeln durchgesetzt und Wissen verbreitet. Er kann aber auch Menschen kaputtmachen. Beides stimmt gleichzeitig.

Der Mensch, das Klatschwesen

Der britische Anthropologe Robin Dunbar hat dazu eine These aufgestellt, die ich ziemlich einleuchtend finde. Affen pflegen ihre Beziehungen, indem sie sich gegenseitig das Fell kraulen. Das schafft Vertrauen, kostet aber Zeit. Bei kleinen Gruppen geht das noch, bei großen wird es unmöglich. Man kann nicht dreißig Leute täglich lausen.

Unsere Vorfahren brauchten also etwas Effizienteres, und das war die Sprache. Mit Worten kann man mehrere Leute gleichzeitig „kraulen“ und nebenbei erfahren, wer mit wem gut kann, wem man trauen kann und wer besser Abstand halten sollte. Dazu passt: Etwa zwei Drittel unserer Alltagsgespräche drehen sich um soziale Themen, also um Beziehungen und das Verhalten anderer. Wir sind offenbar darauf gebaut, uns für andere zu interessieren.

Das ist die gute Nachricht. Die schlechte kommt gleich.

Wozu Tratsch gut ist

Fairerweise muss man zugeben, dass er einiges leistet.

Er lehrt uns etwas, ohne dass wir selbst auf die Nase fallen müssen. Der Psychologe Roy Baumeister und seine Kollegen beschreiben Klatsch als eine Form kulturellen Lernens. Wenn ich höre, dass ein Handwerker nie Termine einhält oder dass jemand wegen einer bestimmten Aktion den Job verloren hat, spare ich mir eigene schlechte Erfahrungen. Nebenbei erfahren wir, was in unserer Gemeinschaft als anständig gilt. Das steht nirgends geschrieben, es wird erzählt.

Er warnt und schützt. Der Psychologe Matthew Feinberg hat gezeigt, dass es „prosozialen Klatsch“ gibt. In seinen Versuchen reagierten Menschen körperlich mit Stress, wenn sie jemanden unfair handeln sahen, ihr Puls stieg. Durften sie andere warnen, beruhigte er sich wieder. Der Impuls zu erzählen kommt also manchmal aus Fürsorge. Wer sich dauerhaft egoistisch verhält, bekommt einen Ruf, und dieser Ruf schützt die anderen.

Er verbindet. Wer mir etwas Vertrauliches über Dritte erzählt, sagt damit zwischen den Zeilen: „Du gehörst zu meinem inneren Kreis.“ Gemeinsam zu lästern schafft ein Wir. Der Preis ist, dass jemand anderes draußen steht.

Er hilft uns, uns einzuordnen. Leon Festinger hat schon in den 1950ern beschrieben, dass wir ohne Vergleich mit anderen kaum wissen, wo wir stehen. Wenn wir über das Verhalten anderer sprechen, prüfen wir nebenbei die eigenen Maßstäbe. War ich zu streng? Bin ich zu empfindlich?

Er ist ein Ventil. Wer sich geärgert hat, wird den Druck beim Erzählen oft los. Das kann helfen, den Ärger zu sortieren, bevor man etwas Dummes tut. Problematisch wird es erst, wenn das Erzählen das Einzige bleibt, was jemals passiert.

Und warum sagen wir es nicht einfach?

Jetzt wird es ungemütlich. Wenn Tratsch so nützlich sein kann, bleibt die Frage, warum wir bei dem Menschen, um den es geht, so erstaunlich still werden. Dafür gibt es Gründe, und kaum einer macht uns besonders gut aussehen.

Wir sind feige. Ein direktes Gespräch ist riskant. Die andere Person könnte widersprechen, sich verteidigen oder beleidigt sein. Hinter dem Rücken kostet es nichts, denn da gibt es keine Gegenrede. Das ist keine Offenheit, sondern Bequemlichkeit mit Publikum.

Wir holen uns Beifall statt Wahrheit. Bevor wir jemanden konfrontieren, wollen wir wissen, ob andere es genauso sehen. Das ist noch vernünftig. Aber es kippt schnell in eine Abstimmung gegen die Person, bei der jeder eine Meinung hat und niemand nachgefragt hat, was eigentlich los war.

Wir bauen Dreiecke. Die Familientherapie, vor allem das Modell von Murray Bowen, nennt das „Triangulierung“. Wenn die Spannung zwischen zwei Menschen zu groß wird, holt sich einer eine dritte Person ins Boot. Zu zweit ist es unangenehm, zu dritt wird es leichter. Gelöst ist damit nichts. Das Problem wandert nur woandershin, und die beiden, die es betrifft, reden weiterhin nicht miteinander.

Wir wollen Status. Wer andere abwertet, wertet sich dabei manchmal selbst auf. Die Forschung zur „relationalen Aggression“ zeigt, dass Gerüchte und Ausgrenzung eine Angriffsform sind, die weniger riskant ist als offener Streit. Man kann jemanden verletzen und dabei die Hände sauber halten. Sehr elegant. Sehr feige.

Es macht einfach Spaß. Geschichten über Menschen sind für unser Gehirn attraktiver als jedes abstrakte Thema. Der Reiz einer guten Anekdote über „die da“ ist real. Und wir merken oft nicht, wie wir von Interesse zu Herabsetzung gerutscht sind.

Der Stammtisch ist auch nur ein Kaffeekränzchen mit Bierkrug

Wer jetzt denkt, das betreffe vor allem andere, den muss ich enttäuschen. Der Stammtisch ist die vielleicht reinste Form dieses Mechanismus. Man sitzt zusammen, weiß schon, wer heute dran ist, und niemand muss etwas belegen. Die Abwesenden sind faul, korrupt, unverschämt oder schuld an allem, was gerade nicht läuft. Die Anwesenden nicken. Wer widerspricht, riskiert den Platz am Tisch.

Das Heimtückische daran ist, dass es sich wie Meinungsbildung anfühlt. Dabei ist es meist nur Zugehörigkeitspflege mit Parolen als Eintrittskarte. Man muss gar nicht überzeugt sein, man muss nur mitmachen. Und je öfter ein Satz am Tisch fällt, desto mehr hält man ihn für wahr, einfach weil er vertraut klingt. Das ist keine Argumentation, das ist Gewöhnung. Wer eine Stammtischparole für eine Erkenntnis hält, verwechselt Lautstärke mit Beleg.

Die Kommentarspalte hat das Ganze dann nur skaliert. Früher musste man zum Wirtshaus laufen, um sich bestätigen zu lassen. Heute reicht ein Daumen, ein Handy und fünf Minuten Wut. Der Stammtisch hatte wenigstens noch den Vorteil, dass man sich beim Lästern ins Gesicht sehen musste. In der Kommentarspalte reden Leute über Menschen, die sie nie getroffen haben, in einem Ton, den sie ihnen nie ins Gesicht sagen würden, und das mit der Gewissheit, dass die Betroffenen es ohnehin lesen werden. Hinter dem Rücken ist hier gar kein Rücken mehr, es ist ein Marktplatz. Die Hemmschwelle sinkt, weil das Gegenüber nur noch ein Profilbild ist, und die Gruppe, die zustimmt, ist nur einen Klick entfernt.

Falls Sie sich gerade ertappt fühlen: Das war Absicht. Wer noch nie mit einem „Typisch!“ unter einen Beitrag geschrieben hat, ohne den Artikel gelesen zu haben, werfe den ersten Stein. Er liegt vermutlich im Glashaus.

Wo Tratsch kippt

Die Forschung ist sich einig, dass Klatsch weder pauschal gut noch pauschal schlecht ist. Es kommt darauf an, wie und mit welcher Absicht gesprochen wird. Einige Fragen helfen:

  • Ist es nachprüfbar oder ein Gerücht? Ein überprüfbarer Hinweis ist etwas anderes als eine Vermutung, die mit jeder Weitergabe sicherer klingt.
  • Wozu erzähle ich das? Will ich mein Vorgehen klären oder jemanden kleinmachen?
  • Wer hat etwas davon? Schützt die Information jemanden, oder gibt es nur Gelächter auf Kosten eines Abwesenden?
  • Führt ein Weg zurück zur betroffenen Person? Wenn es ein echtes Problem gibt und niemand je mit dem Menschen spricht, ist aus Tratsch ein Dauerzustand geworden.

Die Folgen schlechter Praxis sind gut belegt. In Teams, in denen viel hinter dem Rücken geredet wird, sinkt das Vertrauen. Wer weiß, dass über Abwesende hergezogen wird, ahnt, dass es ihm selbst nicht anders geht. Und für Betroffene ist es zermürbend, sich gegen etwas zu wehren, das sie nicht greifen können.

Ein Test, der wehtun darf

Die einfachste Faustregel lautet: Würde ich das sagen, wenn die Person im Raum stünde? Wenn ja, ist es meist Austausch oder Warnung. Wenn nein, lohnt sich die unangenehme Frage, was ich eigentlich damit erreichen will.

Oft steckt hinter dem Tratsch ein unausgesprochenes Anliegen. „Das hat mich gekränkt.“ „Ich wünsche mir mehr Respekt.“ „Ich fühle mich übergangen.“ Dieses Anliegen verschwindet nicht, nur weil niemand es ausspricht. Es kommt in anderer Verkleidung zurück, als Ärger, als Rückzug oder als Lästerei.

Der Wechsel vom Reden über zum Reden mit ist selten leicht, aber er ist der Moment, in dem sich etwas verändern kann:

  1. Beschreiben, was ich beobachtet habe, statt die Person zu bewerten.
  2. Sagen, was es bei mir ausgelöst hat.
  3. Offen lassen, dass ich etwas falsch verstanden haben könnte.

Das fühlt sich ungewohnt an, vor allem für jemanden, der seit Jahren lieber am Tisch lästert. Aber es ist ehrlicher, es kostet weniger Kraft als das ständige Verwalten von Heimlichkeiten, und es gibt dem anderen die Chance, etwas zu ändern.

Fazit

Tratsch ist zutiefst menschlich. Er kommt aus denselben Quellen wie Mitgefühl, Neugier und das Bedürfnis dazuzugehören. Genau deshalb sollten wir uns nichts vormachen: Meistens ist es keine Sorge um die Gemeinschaft, was uns zum Reden bringt, sondern der kleine Kick, auf der richtigen Seite zu sitzen. Und die Seite der Mehrheit am Tisch ist nicht automatisch die Seite der Wahrheit.

Das nächste Mal, wenn ein „Hast du schon gehört …“ in der Luft hängt oder der Finger über dem Kommentarfeld schwebt, lohnt sich ein kurzer Moment. Nicht um moralisch zu werden, sondern um zu fragen: Wem nützt das gerade? Und wen müsste ich eigentlich fragen, statt über ihn zu reden?


Weiterlesen: Robin Dunbar, Grooming, Gossip and the Evolution of Language (1996) · Roy Baumeister, Liqing Zhang und Kathleen Vohs, „Gossip as Cultural Learning“, Review of General Psychology (2004) · Matthew Feinberg u. a. zum prosozialen Klatsch, Journal of Personality and Social Psychology (2012) und Psychological Science (2014) · Leon Festinger, „A Theory of Social Comparison Processes“ (1954) · Murray Bowen, Familiensystemtheorie (Triangulierung)


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