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Hört auf zu reagieren. Fangt an zu handeln.

Warum wir weniger über Faschisten sprechen und mehr gegen sie tun müssen

Wir haben uns daran gewöhnt, auf Faschisten zu reagieren. Sie sagen etwas, wir empören uns. Sie provozieren, wir teilen die Provokation. Sie setzen ein Thema, wir diskutieren es. Sie liefern den Satz, das Gesicht und den Zeitpunkt. Wir liefern Reichweite, Einordnung und den Rest des Tages. Anschließend nennen wir das Gegenwehr. Ein Antifaschismus, der erst aktiv wird, wenn Höcke den Mund öffnet, hängt an Höckes Lippen. Wer nur reagiert, überlässt dem Gegner den Takt. Und wer den Takt bestimmt, führt längst das verdammte Orchester.

Natürlich müssen wir rechte Strukturen beobachten, ihre Handlungen offenlegen und ihre Pläne ernst nehmen. Menschen müssen wissen, wo Demokratie, Menschenrechte und körperliche Unversehrtheit angegriffen werden. Dafür braucht es Aufmerksamkeit. Zwanzig Prozent reichen. Die übrigen achtzig Prozent gehören unserer eigenen politischen Agenda. Vier Beiträge über Lösungen, Ziele und konkrete Arbeit für jeden notwendigen Beitrag über die AfD. Vier eigene Themen für jeden Faschisten. Der Gegner darf die Grenze markieren. Er darf uns nicht auch noch das Programm schreiben.

Wir müssen wieder darüber sprechen, wie Menschen leben sollen. Über bezahlbare Wohnungen, Löhne, von denen man leben kann, sichere Arbeitsplätze, gute Schulen, kostenlose Mahlzeiten für Kinder, funktionierende Krankenhäuser und Pflege ohne Fließband. Über Busse, die auch auf dem Land fahren, Behörden, die erreichbar sind, Schutz vor Hitze, Überschwemmungen und Armut. Über eine Besteuerung, bei der Milliardenvermögen nicht als schützenswerte Naturereignisse behandelt werden. Über eine Gesellschaft, in der Herkunft, Behinderung, Geschlecht oder sexuelle Identität kein tägliches Risiko darstellen.

Probleme zu benennen genügt ebenfalls nicht. Nach jedem Problem muss die Frage folgen: Was tun wir jetzt? Kommunaler Wohnungsbau. Tarifbindung bei öffentlichen Aufträgen. Kostenlose Schulmahlzeiten. Mehr Personal in Pflege und Bildung. Hitzeaktionspläne in Städten. Beratungsstellen und Schutzräume. Eine Vermögenssteuer. Barrierefreie Infrastruktur. Jedes Thema braucht eine Forderung, einen Adressaten und einen nächsten Schritt. Dauernde Zustandsbeschreibungen machen aus Politik eine Führung durch das Museum des eigenen Versagens.

Auch die notwendige Berichterstattung über Rechte muss sich verändern. Wir brauchen weniger Porträts ihrer Funktionäre, weniger vollständig wiederholte Zitate und weniger Grafiken mit ihren Gesichtern. Benennt die Handlung. Erklärt die Folgen. Zeigt die Betroffenen. Fragt Wissenschaftler, Beratungsstellen, Gewerkschaften und Initiativen, was jetzt geschehen muss. Macht Menschen sichtbar, die etwas aufbauen, schützen oder verhindern. Der Faschist braucht kein weiteres professionell ausgeleuchtetes Bewerbungsfoto. Sein Handeln ist die Nachricht. Unsere Antwort ist die Geschichte.

Dann müssen wir die Timeline verlassen. Geht zu Sitzungen des Stadtrats. Stellt Bürgerfragen. Besucht Ausschüsse. Organisiert Informationsstände, Gesprächsabende und Nachbarschaftstreffen. Begleitet Menschen zu Behörden, Beratungsstellen oder Gerichten. Unterstützt Betroffene rechter Gewalt. Helft in Flüchtlingsinitiativen, queeren Zentren, Gewerkschaften, Sozialverbänden und lokalen Bündnissen. Stellt Räume, Technik, Gestaltung, Texte, Geld oder Zeit zur Verfügung. Menschlichkeit ist kein Profilrahmen. Sie beginnt dort, wo jemand tatsächlich auftaucht.

Schreibt euren Abgeordneten. Keine allgemeine Abhandlung über den Zustand der Welt, die im Büro zwischen Grußkarten und automatischen Antworten verwest. Eine konkrete Forderung. Eine konkrete Frage. Eine Frist für die Antwort. Veröffentlicht, was zurückkommt. Veröffentlicht auch, wenn nichts zurückkommt. Fragt vor Abstimmungen nach Positionen und zeigt danach, wie abgestimmt wurde. Politiker reagieren auf öffentlichen Druck, organisierte Interessen und die Aussicht, bei der nächsten Wahl unangenehm erinnert zu werden. Also erinnert sie unangenehm.

Politisches Engagement braucht außerdem Organisation. Tretet einer Partei, einer Gewerkschaft, einem Verein oder einer Initiative bei. Gründet etwas, wenn vor Ort nichts existiert. Übernehmt Aufgaben, die langweilig sind und trotzdem erledigt werden müssen. Räume buchen, Anträge schreiben, Protokolle führen, Anmeldungen verschicken, Spenden sammeln, Menschen anrufen. Demokratie besteht zu einem erschreckend großen Teil aus unbequemer Verwaltung. Faschisten wissen das längst. Während wir Memes teilen, besetzen sie Ortsverbände, Elternvertretungen, Vereine und kommunale Gremien.

Setzt Zeichen der Menschlichkeit, die man außerhalb der eigenen Blase sehen kann. Ein öffentliches Essen, bei dem Menschen zusammenkommen. Eine Begleitung für jemanden, der bedroht wird. Eine Sammlung für einen zerstörten Treffpunkt. Ein Bündnis, das bei einer Abschiebung, einer rassistischen Kampagne oder einem Angriff nicht erst drei Wochen später eine wohlformulierte Bestürzung veröffentlicht. Solidarität muss eine Adresse, eine Uhrzeit und Menschen haben, die erscheinen. Alles andere ist eine Gesinnung mit Öffnungszeiten nach Bequemlichkeit.

Und hört auf, politischen Erfolg in Likes zu messen. Tausend wütende Reaktionen ändern keinen Mietvertrag, keinen Haushaltsbeschluss und kein Gesetz. Zählt Teilnehmer, verschickte Briefe, gestellte Anträge, gewonnene Helfer, veröffentlichte Abstimmungen, verhinderte Kürzungen und geschaffene Angebote. Zählt die Menschen, die nach einer Aktion weniger allein sind. Ein Beitrag kann der Anfang sein. Wenn er das Ende bleibt, war er Content. Mehr nicht.

Die Faschisten dürfen zwanzig Prozent unserer Aufmerksamkeit bekommen. Genug, um sie zu beobachten, ihre Angriffe offenzulegen und ihnen entgegenzutreten. Unsere Vorstellung von einer menschlichen Gesellschaft braucht die übrigen achtzig. Sie braucht Bilder, Sprache, Forderungen, Organisation und Menschen auf der Straße. Wir müssen den Faschisten das Kostbarste nehmen, das wir ihnen täglich schenken: unsere Tagesordnung.

Hört auf, auf ihren nächsten Satz zu warten. Hört auf, ihre Gesichter zu eurem Redaktionsplan zu machen. Hört auf, eure Empörung mit Widerstand zu verwechseln. Sie wollen, dass wir ihnen folgen, selbst wenn wir ihnen nur folgen, um sie anzuschreien.

Hört auf zu reagieren. Fangt an zu handeln.